Archiv der Kategorie: Daniela Löffner

Nach Sonnenuntergang

Maxim Gorki: Sommergäste, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Daniela Löffner)

Von Sascha Krieger

Am Anfang geht die Sonne unter. Das heißt, eigentlich geht sie auf. Ein einzelner Scheinwerfer erstrahlt in gleißend warmem Gelb und entschwindet auf Nimmerwiedersehen durch die Bühnendecke. Was bleibt, ist Zwielicht. In ihm eine erstarrte Gesellschaft, gefangen im rostigen Kasten ihrer Existenz (Bühne: Claudia Rohner), untergegangen schon, bevor wir ihnen begegnen. Maxim Gorkis Sommergäste erblickte das fahle Licht seiner Welt im Jahr 1904. Im Jahr darauf scheiterte die erste russische Revolution – der Anfang vom Ende einer totgelaufenen Welt, die zwölf Jahre später endgültig zusammenbrach. Die Endzeitstimmung ist überall zu spüren in Gorkis Stück und Daniela Löffner, die zuletzt mit ihrem Turgenjew-Abend Väter und Söhne brillierte, macht sie zum Kern ihrer Inszenierung. Die Figuren können nicht raus aus dem Kasten, bleiben da, selbst wenn sie gerade nicht in der Szene sind. Warten, ob sie gerade handeln oder nicht, tun nichts anderes, „überflüssige Menschen“ par excellence. Man kennt das noch von den Arbeiten Jürgen Goschs, dessen Regieassistentin Löffner war: Auch bei ihm verharrten die Darsteller oft die ganze Zeit auf der Bühne, auch bei ihm waren sie eingepfercht in meist noch viel engeren Bühnenkästen, gebaut von Johannes Schütz, den Rohner hier deutlich zitiert.

Bild: Arno Declair

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Neue Stimmen

Das Theatertreffen 2016 feiert die Vielfalt

Von Sascha Krieger

Es ist eines der beliebtesten Rituale im deutschsprachigen Theaterbetrieb: Kaum sind die Nominierungen für das Theatertreffen bekanntgegeben, lässt sich genüsslich schimpfen und kritisieren. Natürlich ist auch 2016 keine Ausnahme: Favorisierte Inszenierungen und hochgehandelte Namen fehlen, die freie Szene ebenso und auch die „neuen Länder“ glänzen allein durch Abwesenheit. Das Stadt- und Staatstheater feiert fröhliche Urständ und sitzt so fest im Sattel wie lange nicht mehr. Und die wenigen Häuser, die konsequent die Realität einer multimedialen und zunehmend virtuellen Wirklichkeit aufnehmen und sich an ihr reiben, wie etwa das Theater Dortmund, wurden erneut ignoriert. Die Auswahl der zehn Inszenierungen lässt sich aus unterschiedlichsten Blickwinkeln kritisieren und zumeist mit einigem Recht.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

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Wem das Leben die Hand reicht

Brian Friel nach dem Roman von Iwan Turgenjew: Väter und Söhne, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Daniela Löffner)

Von Sascha Krieger

Am Ende, nach ziemlich exakt vier Sunden, reibt sich der hartgesottene Rezensent, der alles schon gesehen zu haben glaubt, verwundert die Augen. Vielleicht auch, um zu kaschieren, dass es dort ein wenig feucht geworden ist, vor allem aber, weil es nicht ganz einfach ist zu verstehen, was diese 240 Minuten mit dem Zuschauer angestellt haben. Daniela Löffner inszeniert die Bearbeitung eines Romans des bedeutenden russischen Romanciers Iwan Turgenjew durch den kürzlich verstorbenen großen irischen Dramatiker Brian Friel und sie bringt einen Abend auf die Holzbretter, welche die Bühne der Kammerspiele bedecken, wie es ihn eigentlich gar nicht mehr gibt. Gut dreieinhalb Stunden lang, die Pause abgezogen, wird einfach nur gespielt, es wird gestritten und gesehnt und geliebt und gerungen, viel getrunken und gegessen auch, gesungen sowieso, wir befinden uns schließlich in einem russischen Stoff. Ein paar Stühle, Esstische verschiedener Größe, ein Plattenspieler, Zubehör wie Raclette und Waffeleisen, später ein paar lange Metallstangen mit daran befestigten Ballons – mehr ist da nicht (Bühne: Regina Lorenz-Schweer). Das Licht bleibt durchgängig konstant, eine helle, etwas kalte Bühnensonne, Regieeinfälle Fehlanzeige, Video ebenso. Die Kostüme (Katja Strohschneider) heutig und zugleich ein wenig zeitlos, die Musikauswahl reicht von Mozart bis zum Fünfzigerjahre-Hit „Sea of Love“.

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

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„Mag sein“

Wolfram Lotz: Die lächerliche Finsternis, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Daniela Löffner)

Von Sascha Krieger

Zwei Bundeswehrsoldaten fahren in einem Patrouillenboot den Hindukusch hinauf. Moment: den Hindukusch? Ja, in Wolfram Lotz‘ landauf landab gespieltem Stück Die lächerliche Finsternis ist der Hindukusch ein Fluss, der mitten hinein führt in den afghanischen Regenwald (!). Dort suchen die beiden, Hauptfeldwebel Pellner und Unteroffizier Dorsch, Oberstleutnant Deutinger, die, entsandt in Anti-Terror-Mission, durchgedreht und zur Massenmörderin mutiert ist. Das erinnert nicht nur an Joseph Conrads Herz der Finsternis (mit dessen Inszenierung durch Andreas Kriegenburg übrigens die Ära Ulrich Khuon am Deutschen Theater begann) und Francis Ford Coppolas Apocalypse Now – es bezieht sich bewusst auf beide, längt selbst mythenbildende Werke. Doch bei Lotz ist das „Herz der Finsternis“ kein dunkler, angsteinflößender Ort, sondern eine surreale, groteske Landschaft, Abbild des Wahnsinns einer Welt, die noch immer Glaubt, Gewalt mit Gewalt begegnen zu müssen, die an die Eindeutigkeit der Wirklichkeit glaubt. Beides stellt Lotz in Frage: Er entlarvt auf erstaunlich fantasievolle, sich den Mittel des Märchens bedienende Weise den Teufelskreis, den gewalterzeugende Gewalt seit jeher bildet, und er misstraut einer Wirklichkeit, die längst nur noch in multipler medialer Spiegelung vermittelt existiert.

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

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Duracell-Hasen im Kernfamilienplenum

Rebekka Kricheldorf: Alltag & Ekstase. Ein Sittenbild, Deutsches Theater/Kammerspiele (Regie: Daniela Löffner)

Von Sascha Krieger

„Lass uns reden“. Wenn sich das Grundmantra zwischenmenschlicher Beziehungen jeder Art in unserer Gesellschaft in einem Satz zusammenfassen lässt, dann ist es wohl dieser. Reden gilt uns als Allheilmittel, funktionierende Beziehungen als solche, in denen man über alles reden können muss, alles auszudiskutieren in der Lage sein sollte. Dieses Prinzip nimmt Rebekka Kricheldorf als einen der Ausgangspunkte für ihr „Sittenbild“, das als Auftragswerk des Deutschen Theaters jetzt dort Premiere hatte, und zeigt uns eine Familie, die diesem Credo rückhaltlos folgt. Und so wird ausgiebig geredet: Minutenlang ist das „duracellhasige Fick-Tempo“ des einzigen, „fast erwachsenen“ – das heißt hier als vierzigjährigen – Sohnes Thema einer langen gesamtfamiliären Debatte, ein früher Höhepunkt des an durchaus treffenden Spitzen auf die Auswüchse des Zeitgeistes nicht armen Abends. Genüsslich schlagen sich Judith Hoffmann, Harald Baumgartner und Franziska Machens mit heiligem Ernst durch dieses existenzielle Thema, während das Gesprächsthema (der jungenhaft wirkende Jannek Petri als Idealbesetzung der Schlüsselfigur Janne) hilflos daneben steht. Schließlich ist auch er ein solcher Allesbeleuchter und sorgt sich später im Bierzelt um Herkunft und Bio-Charakter von Bier und Wurst.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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