Archiv der Kategorie: Clemens Sienknecht

Radio Ga-Ga

Clemens Sienknecht und Barbara Bürk: Ballroom Schmitz. Ein Radioclub für Weltempfänger, Berliner Ensemble (Regie: Clemens Sienknecht, Barbara Bürk)

Von Sascha Krieger

Barbara Bürk und Clemens Sienknecht mögen das Radio. In der Vergangenheit überzeugten sie etwa in Hamburg mit als Radio-Shoow aufbereiteten Klassikerbearbeitungen wie Anna Karenina oder Effi Briest, 2016 zum Theatertreffen eingeladen. Am Berliner Ensemble wirft das Duo solchen Vorlagen-Ballast jetzt ganz ab. Hier geht es nicht auf neue, andere Blicke auf vermeintlich Bekanntes, hier geht es ums Medium selbst. Radio pur. Das gute alte, versteht sich, das, welches noch Relevanz hatte, Lebensmittelpunkt war, Fenster zur Welt, musikalische Fundgrube, Lebensbegleiter, bester Freund. Wir befinden uns im „Ballroom Schmitz“, einer fiktiven legendären Radioshow aus der Pionierzeit des Rundfunks. Zwei Stunden Geschichten, Live-Musik, Werbung, Nachrichten und Kochrezepte. Eine akustische Hand, die den Zuhörer ein bisschen durch Leben führt, bis er bereit ist, allein weiterzugehen, ein fester Boden, ein Stück Gewissheit, Geborgenheit in einer kalten Welt. So stellen wir Nachgeborenen uns das Radio vor und ein bisschen davon lässt sich zumindest für die über 40-Jährigen erinnern, etwa denen im Ostteil der einst geteilten deutschen Hauptstadt, für die das „Westradio“ Tor zu einer verschlossenen Welt war oder zum Beispiel Hans Rosenthals sonntägliche RIAS-Sendung ein Moment der Verbindung zu dem unendlich weit entfernten Universum nur ein paar hundert Meter weiter.

Bild: Matthias Horn

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Eine weite Spielwiese

Theatertreffen 2016 – Clemens Sienknecht und Barbara Bürk nach Theodor Fontane: Effi Briest – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg (Regie: Clemens Sienknecht und Barbara Bürk)

Von Sascha Krieger

Angenehm ist sie ja, diese warme, tiefe Stimme, die uns an die Hand nimmt und uns führt, hinein nach Großen-Cremmen, den Sitz der Familie von Briest, ins hinterpommersche Kessin, wo die Tochter des Hauses mit ihrem älteren Gatten lebt, und nach Berlin, zweites und letztes Heim des Paares, bevor es zur Katastrophe kommt, die am Ende zwei Menschen das Leben kosten wird. Man kennt die Geschichte der viel zu jung verheirateten Effi, der eine schon lange vergangene Liebe zum Verhängnis wird, vor allem aber natürlich die verknöcherten Moralkonventionen der wilhelminischen Zeit. Theodor Fontanes Effi Briest hat Schüler*innen-Generationen jahrzehntelang gequält und die Frage abverlangt: Was hat das alles mit uns zu tun. Bei den langjährigen Marthaler-Mitstreitern Barbara Bürk und Clemens Sienknecht ist die Antwort ebenso eindeutig wie unbefriedigend: erst einmal nicht viel. Und so muss die so angenehm klingende Stimme – es ist die Gert Westphals auf einer alten Aufnahme des Romans – einiges erleiden. Immer wieder wird die Nadel des Plattenspielers über die LP gejagt, Westphal von einem Satz in einen weit entfernten gezerrt, die Geschichte zu Soundbites reduziert, kurze Schnipsel, Remix-Material.

Bild: Matthias Horn

Bild: Matthias Horn

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Neue Stimmen

Das Theatertreffen 2016 feiert die Vielfalt

Von Sascha Krieger

Es ist eines der beliebtesten Rituale im deutschsprachigen Theaterbetrieb: Kaum sind die Nominierungen für das Theatertreffen bekanntgegeben, lässt sich genüsslich schimpfen und kritisieren. Natürlich ist auch 2016 keine Ausnahme: Favorisierte Inszenierungen und hochgehandelte Namen fehlen, die freie Szene ebenso und auch die „neuen Länder“ glänzen allein durch Abwesenheit. Das Stadt- und Staatstheater feiert fröhliche Urständ und sitzt so fest im Sattel wie lange nicht mehr. Und die wenigen Häuser, die konsequent die Realität einer multimedialen und zunehmend virtuellen Wirklichkeit aufnehmen und sich an ihr reiben, wie etwa das Theater Dortmund, wurden erneut ignoriert. Die Auswahl der zehn Inszenierungen lässt sich aus unterschiedlichsten Blickwinkeln kritisieren und zumeist mit einigem Recht.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

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