Archiv der Kategorie: Claudia Bauer

Leihbonbons an Salatsoße

Theatertreffen 2019 – PeterLicht nach Molière: Tartuffe oder das Schwein der Weisen, Theater Basel (Regie: Claudia Bauer)

Von Sascha Krieger

Wenn am Ende das eine oder andere Buh durch den riesigen Zuschauerraum des Hauses der Berliner Festspiele hallt, weiß die Theatertreffen-Jury meist, dass sie etwas richtig gemacht hat. Eine Festival-Ausgabe ohne leidenschaftlich gespaltene Publika wäre eine triste Veranstaltung. Die Parade der „bemerkenswertesten“ Inszenierungen eines Theaterjahr ist auch deshalb so bedeutend geblieben, weil sie immer wieder Kontroversen, Streit, Debatten ausgelöst hat, weil sich über nichts so trefflich diskutieren lässt wie darüber, ob die gerade erlebten zwei, drei, vier, zehn Stunden das Großartigste war, was man je sehen durfte – oder der letzte Sargnagel für das deutschsprachige Theater. Nach diesen Kriterien ist Claudia Bauer und PeterLichts Molière-Überschreibung ein würdiger Theatertreffen-Kandidat. Die Gefahr, Zuschauer*innen kalt oder indifferent zu lassen, besteht kaum. Im Guten wie im Schlechten.

Bild: Priska Ketterer

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Erinnerung als Geistertanz

Nach Peter Richter: 89/90, Schauspiel Leipzig (Regie: Claudia Bauer) – eingeladen zum Theatertreffen 2017

Von Sascha Krieger

„Hätte man damals schon sagen können, wer dort eines Tages wem einen Baseballschläger über den Kopf hauen würde?“ Oder wer Karriere machen würde und wer an seiner Drogensucht krepieren? Ein verkramtes Hinterzimmer ist in Claudia Bauers Adaption von Peter Richters Wenderoman 89/90 Schauplatz dieser Fragen. Inmitten von alten Fotos und Erinnerungsstücke wühlen sich zwei heutige Mittvierziger hinein in diese Zeit, in der alles zusammenbrach und neu entstand, in der für einen kurzen historischen Moment alles möglich schien – auch und gerade das Unmöglich. Die üblichen DDR-Utensilien, sie liegen verstreut herum, ein paar Karo-Zigaretten, eine Flasche Altenburger Korn. Aber um sie geht es hier nicht, sie spielen keine Rolle. FDJ-Hemden sucht man vergeblich, kein Trabi rattert. Nein, die Bebilderung mit dem Altbekannten, dem klischeehaft Erwarteten, die Bedienung des (n)ostalgischen Wiedererkennungseffekts, sie findet hier nicht statt. Die realistische Darstellung der DDR-Vergangenheit – oder zumindest unserer (verklärten?) kollektive Erinnerung daran – ist oft genug versucht worden, Claudia Bauer interessiert sie nicht. Nein, ihr geht es um den Erinnerungsprozess selbst und um die Annäherung an eine Zeit – erinnert, real, irgendetwas dazwischen? – die denen, die nicht dabei waren, zuweilen so fremd wie ein Science-Fiction film erscheint.

Bild: Rolf Arnold

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Mit offenen Augen

Das Theatertreffen 2017 gibt seine Auswahl bekannt

Von Sascha Krieger

Natürlich lässt sich auch über den neuesten Theatertreffen-Jahrgang trefflich herziehen. Einfach macht es die Jury dem Nörgler jedoch nicht. Die Zahl der übergangenen Inszenierungen, die es unbedingt ins Festspielhaus hätten schaffen müssen, ist überschaubar. Eigentlich fehlt nur Christoph Marthalers Volksbühnen-Abschied wirklich, auch wenn Sebastian Hartmanns Berlin Alexanderplatz oder Thomas Ostermeiers Professor Bernhardi vermutlich keine Proteststürme ausgelöst hätten. Das Spektrum ästhetischer Ansätze ist groß, vier Debütanten sind dabei, zwei Häuser, die erstmals eingeladen sind, die angebliche „Provinz“ ist ebenso dabei wie die „neuen Länder“ und die freie Szene. sogar zwei fremdsprachige internationale Produktionen haben es geschafft, so manche Stückentwicklung ebenso. Einen geografischen weißen Fleck gibt es: Aus Österreich ist diesmal keine Inszenierung eingeladen. Eigentlich schön, dass die Jury offenbar wenig Proporzdenken an den Tag legte. Einzige Leerstelle: Weibliche Regisseurinnen, in den letzten Jahren das Rückgrat des Theatertreffens, fehlen diesmal fast ganz. Ein Makel, sicher, aber einer, den so manches an der Auswahl aufwiegt.

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

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Wenn das Nichts singt

Autorentheatertage 2014 – Wolfram Höll: Und dann, Schauspiel Leipzig (Regie: Claudia Bauer)

Von Sascha Krieger

Selten kam ein dramatischer Erstling mit so vielen Vorschusslorbeeren daher wie Und dann des geborenen Leipzigers Wolfram Höll. Schon vor seiner Uraufführung hatte der Text Preise bei zwei der wichtigsten Autorenfestivals des deutschsprachigen Theaters abgeräumt – den Hörspielpreis des Stückemarkts beim Theatertreffen und den erstmals vergebenen nachwuchspreis beim Heidelberger Stückemarkt, beide 2012.Da fehlte nur noch der Mülheimer Dramatiker Preis, den Höll vor wenigen Tagen gewann. Die Erwartungshaltung ist beim ersten Berliner Gastspiel der Leipziger Uraufführungsinszenierung entsprechend groß – und gerechtfertigt. Denn was Höll, 1986 geboren, per Schreibmaschine aufs Papier gebracht hat ist, schlicht atemberaubend. Eine ostdeutsche Nachwendegeschichte, eine Familie, die mit den großen geschichtlichen Umwälzungen ebenso klarkommen muss wie mit einer noch größeren privaten Abwesenheit: dem Verlust der Mutter. So weit, so unspektakulär. Doch die Geschichte tritt schnell in den Hintergrund, die Sprache selbst ist hier Protagonist und Gegenstand der Auseinandersetzung. Sie ist Schauplatz und Akteur, sie ist Labyrinth und Ausweg zugleich.

Spielort des Gastspiels von Und dann: die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Spielort des Gastspiels von Und dann: die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

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