Archiv der Kategorie: Christian Weise

Der Rollator des Sisyphos

Daniil Charms: Elizaveta Bam. Ein Projekt des Exil Ensemble, Maxim Gorki Theater (Studio Я), Berlin (Regie: Christian Weise)

Von Sascha Krieger

Die Welt, in der sich Daniil Charms wiederfand, war, um einen anderen passablen Dramatiker zu zitieren, „aus den Fugen“. „Ich bin kein politisch denkender Mensch, sondern die Frage, die mir nahesteht, ist: die Literatur.“ Das sagte er 1931, unmittelbar nach seiner ersten Verhaftung. Doch gerade dieses Eintreten für die Freiheit und Unabhängigkeit der Kunst, insbesondere der Literatur, war in der Sowjetunion des sich etablierenden Stalismismus eine zutiefst politische Haltung und Handlung. Gerade die gewollte Emanzipation vom Politischen betrachtete die Macht als ultimativen Akt des Widerstands. Wo das Denken staatlich vorgegeben ist, stellt die Insistenz auf dessen Ungebundenheit einen Akt existenzieller Subversion dar. Es ist eine schiefe, gekippte Welt, eine, welche die Fassade des „Normalen“, Vernünftigen noch aufrechterhält, deren Maßstäbe und Normen sich jedoch längst verschoben haben. Julia Oschatz` Bühne ist denn auch ein Sinnbild solch verzerrter Normalität: ein heimeliges Intérieur, detailreich, realistisch, stinknormal. In Ihm wird Tee gekocht und Suppe, telefoniert, gelebt. Und doch ist es nur Illusion, Kulissenmalerei, zweidimensionale Pseudorealität Potemkinscher Prägung. Und mehr noch: Schief steht sie in der Welt, diese russische Wohnküche, die Wirklichkeit ist längst gekippt, auch wenn und gerade weil das niemand wahrnehmen will.

 

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Bild: Esra Rotthoff

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Am Ende war der Mops

Nach Friedrich Schiller: Kabale und Liebe, Ballhaus Ost, Berlin (Regie: Christian Weise)

Von Sascha Krieger

Natürlich ist uns das ziemlich fremd, was Friedrich Schiller, ja der mit der „Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet“, da auftischt. Boy meets Girls, so weit ist es klar. Aber dann? Boy entstammt dem nun ja, nicht übermäßig hohen Adel, Girl dagegen ist eine „Bürgerliche“. OK, klar, kennen wir. Prinz Harry und Meghan Markle und so, kein Problem, oder? Bei Schiller schon. Da entspinnt sie hierum eine Intrige mit erzwungenen Briefen, Rechtsbeugung und am Ende zwei Toten. Romeo und Julia, nur eben mit viel Bürokratie. Schön deutsch halt. Aber eben doch arg aus der Zeit gefallen. Der Adel ist längst entmachtet, wer einander lieben und letztlich auch heiraten will darf das spätestens seit vergangenem Jahr auch, das Problem, das Schiller anprangerte, ist also gelöst. Oder nicht? Denn dass die Klassenunterschiede von eins sich heute in sozialen Differenzen zu wiederholen scheinen, Bildungschancen vom Einkommen und Bildungsstand der Eltern abhängen und die Tendenz, innerhalb der eigenen sozialen Gruppierung zu bleiben – und eben auch in dieser zu lieben, zu heiraten, Familien zu gründen – nimmt nicht unbedingt ab.

Bild: Ruthe Zuntz

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Der Tanz auf dem Cheeseburger

Mischa Spoliansky, Marcellus Schiffer: Alles Schwindel, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Christian Weise)

Von Sascha Krieger

Als Alles Schwindel 1931 Premiere feierte, waren die „Goldenen Zwanziger“ bereits Geschichte, hatten Weltwirtshaftskrise und Inflation die kurze Blütezeit einer diversen, wagemutigen, alles erlaubenden, freuen Kunst und Unterhaltung bereits aufs Abstellgleis gestellt, lag der erste ernsthafte Versuch einer Demokratie in Deutschland bereits in den letzten Zügen. Texter Marcellus Schiffrin würde ein Jahr später bereits Selbstmord begehen. Komponist Mischa Spoliansky aufgrund seiner jüdischen Herkunft emigrieren. Der Tanz, den sie in dieser Burleske vollführen lassen, findet auf einem Vulkan statt, in dem es bereits sehr heiß geworden ist. Folgerichtig spielt das Stück in einer Welt, in der nurmehr alles Schein ist: Man fälscht Identitäten, haut sich lächelnd übers Ohr, gibt vor, Geld zu haben, auch wenn man längst pleite ist – eine Welt des puren Spiels, in der alles nur noch Illusion ist, egal wie echt es scheint. Da ist es kein Zufall, dass Regisseur Christian Weise und seine Bühnenbildnerin Julia Oschatz die Fotografie als zentrale Metapher gewählt haben. In der Bühnenmitte prangt ein Kreis, der sich als Kameralinse heraus stellt, umrahmt von schwarzen, weiß gerandeten Platte, die eine geöffnete Blende andeuten. Der Schnappschuss als inszenierte Vortäuschung von Authentizität ist Ausgangs- und Mittelpunkt von Weises Wiederbelebung dieses lang vergessenen Stücks.

Bild: Esra Rotthoff

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Wenn Othello stolpert

Soeren Voima nach William Shakespeare: Othello, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Christian Weise)

Von Sascha Krieger

Er ist ja schon so etwas wie ein Markenzeichen des Maxim Gorki Theaters geworden: der große monologische Rundumschlag, gern in Form einer Wutrede geführt, in dem es ums Grundsätzliche geht, sich eine Figur/ihr Darsteller/das Ensemble Luft macht und natürlich für die versammelte Gemeinde, Verzeihung, das Publikum spricht. Diesmal kommt er kurz vor der Pause, wenn sich Taner Şahintürk, der den Othello gibt, über das Thema Rassismus auslässt, über die Zuschreibungen, welche sich die Mehrheitsgesellschaft gegenüber den als Minderheiten definierten anmaßt und die gern auch vordergründig wohlwollend daherkommen, nach dem Muster: Schwarze sind toll im Sport. Schwarze können gut tanzen. Stereotype, Vorurteile, die sich auch und gerade im liberalen Milieu finden und die doch kaum weniger schmerzen als die offen rassistischen Herabwürdigungen, die letztlich die gleiche Quelle haben, nämlich die Annahme, wer anders aussieht, müsse auch anders sein. Şahintürk legt das luzide und wohltuend unaufgeregt dar, wirklich Neues erzählt er nicht. Am spannendsten ist da noch die Diskrepanz zwischen der behaupteten oberflächlichen Andersartigkeit und der Tatsache, dass der Darsteller auf den ersten Blick vom weißen Mehrheitsdeutschen kaum unterscheidbar ist. Die Differenz erhöht die Willkür und Künstlichkeit der Identitätszuschreibungen nochmals.

Bild: Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

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