Archiv der Kategorie: Christian Schwochow

Wenn Beckett plappert

Samuel Beckett: Glückliche Tage, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Christian Schwochow)

Von Sascha Krieger

Wer Samuel Becketts Stücke zu Gruppen zusammenfassen will, hätte einige Argumente dafür, in Fin de Partie (Endspiel) und Happy Days (Glückliche Tage) ein Doppel zu erkennen. Das letzte in französisch und das erste in englisch verfasste Stück des Iren sind beides Endspiele, Miniaturen des Zu-Ende-Gehens, halb gefürchtet, halb ersehnt. Letzte Paare in einer verlassenen Welt, die es jenseits ihrer kleinen Existenz-Insel womöglich gar nicht mehr gibt. Ikonen der existenziellen Absurdität menschlichen Lebens, seiner grotesken Sinnbehauptung wider besseren Wissens. Wo in Waiting for Godot sich das Absurde noch im ewigen Weiter-so zeigt, gehen seine beiden Nachfolger sehenden Auges dem Ende entgegen, das längst schon da ist. Auf unterschiedliche Weise: Eines ist ein „Endspiel“, ein Dauerdiskurs über das Zu-Ende-Gehen, das Endenwollen, das Ersehen besagten Endes. „Glückliche Tage“ dagegen, das deutet schon der Titel an, ist in Teilen eine Gegenbewegung, ein Sich-Dagegen-Stemmen, ein letztes Behaupten des „alten Stils“ – in vollem Wissen, dass keine Hoffnung besteht. Das macht dieses Zwei-Personen-Stück, das eigentlich ein Monolog ist, ambivalenter und womöglich noch absurder, schmerzhafter.

Bild: Arno Declair

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Überleben im Zwischenraum

Lot Vekemans: Gift, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Christian Schwochow)

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist Gift im Regietheaterland Deutschland ja fast so etwas wie ein Sakrileg: ein Dialogstück, in dem zwei Menschen die ganze Zeit über miteinander (!) reden; in dem es um Gefühle, um Schmerz und Verletzungen, um wahres Leben geht. Dann stellt der Regisseur, Theaterdebütant Christian Schwochow, auch noch einen echten (!), funktionierenden Kaffeeautomaten auf die Bühne, kreiert mit Hilfe der dann doch ein wenig unterforderten Bühnenbildnerin Anne Ehrlich mit Hilfe von eisernem Vorhang, Wasserspender und sieben Wartesaalstühlen eine authentische (!) Warteraumatmosphäre her. Und als sei das alles noch nicht genug, lässt er seine Schauspieler Dagmar Manzel und Ulrich Matthes auch noch so glaubwürdig (!) wie möglich agieren – mit echten Tränen! So viel kaltschnäuziger Konservatismus fordert eigentlich die theatrale Höchststrafe in Form von naserümpfender Verachtung durch den fortschrittlichen Theaterkenner.  Doch dann passiert das seltsame: Dieser sich vor allem durch die Abwesenheit spürbarer Regiearbeit auszeichnender Abend, entwickelt einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Es ist ein stiller, vollkommen unpathetischer, uneitler und ungemein berührender Theaterabend, der ganz ohne aufzutrumpfen auch dieser Art von (Schauspieler)Theater ein Existenzrecht einfordert.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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