Archiv der Kategorie: CAMPO

Mit offenen Augen

Das Theatertreffen 2017 gibt seine Auswahl bekannt

Von Sascha Krieger

Natürlich lässt sich auch über den neuesten Theatertreffen-Jahrgang trefflich herziehen. Einfach macht es die Jury dem Nörgler jedoch nicht. Die Zahl der übergangenen Inszenierungen, die es unbedingt ins Festspielhaus hätten schaffen müssen, ist überschaubar. Eigentlich fehlt nur Christoph Marthalers Volksbühnen-Abschied wirklich, auch wenn Sebastian Hartmanns Berlin Alexanderplatz oder Thomas Ostermeiers Professor Bernhardi vermutlich keine Proteststürme ausgelöst hätten. Das Spektrum ästhetischer Ansätze ist groß, vier Debütanten sind dabei, zwei Häuser, die erstmals eingeladen sind, die angebliche „Provinz“ ist ebenso dabei wie die „neuen Länder“ und die freie Szene. sogar zwei fremdsprachige internationale Produktionen haben es geschafft, so manche Stückentwicklung ebenso. Einen geografischen weißen Fleck gibt es: Aus Österreich ist diesmal keine Inszenierung eingeladen. Eigentlich schön, dass die Jury offenbar wenig Proporzdenken an den Tag legte. Einzige Leerstelle: Weibliche Regisseurinnen, in den letzten Jahren das Rückgrat des Theatertreffens, fehlen diesmal fast ganz. Ein Makel, sicher, aber einer, den so manches an der Auswahl aufwiegt.

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

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Was Theater kann – und was es darf

Milo Rau: Five Easy Pieces, IIPM – International Institute of Political Murder / CAMPO Gent / Sophiensaele, Berlin (Regie: Milo Rau) – eingeladen zum Theatertreffen 2017

Von Sascha Krieger

Natürlich dürfe man das nicht machen – da waren sich belgische Medien und die deutsche Bild-Zeitung schnell einig, als Näheres zu Milo Raus erstem Projekt mit Kindern bekannt wurde. Eine Theaterarbeit zu Marc Dutroux, dem berüchtigten belgischen Kindermörder, der sechs Mädchen entführte, gefangen hielt, missbrauchte und vier von ihnen ermordete, bestritten von sieben Mädchen und Jungen zwischen acht und 13 Jahren. Milo Rau, gefeierter Star des Dokumentartheaters, geht dahin, wo es weh tut: Er hat Abende über Bürgerkrieg gemacht, über Genozid, die dunkle Rolle der westlichen in der so genannten dritten Welt, über die Menschenrechte in Russland oder über den norwegischen Terroristen Anders Breivik. Dass seine erste Arbeit mit Kindern, kein harmloses Stück über das Erwachsenwerden sein würde, werden die Verantwortlichen von CAMPO Gent, spezialisiert auf Theaterprojekte mit Kindern, gewusst haben, als sie Rau zur Zusammenarbeit einluden. Aber ausgerechnet Dutroux? Wie kann man Kindern ein solches Thema zumuten? Darf Theater das?

Bild: Phile Deprez

Bild: Phile Deprez

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„Echte lebende Kinder!“

Gob Squad, Berlin & Campo, Gent: Before Your Very Eyes,  CAMPO, Gent / Hebbel am Ufer, Berlin

Von Sascha Krieger

Der 18. Geburtstag ist ja bekanntlich ein durchaus symbolträchtiges, zuweilen auch einschneidendes Ereignis: Mit einem Mal ist man dem Gesetz nach erwachsen, die Person fertig ausgeformt, ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft, mit allen Rechten, Pflichten und auch Konsequenzen. Die deutsch-englische Theatergruppe Gob Squad wird in diesem Jahr „volljährig“ – Grund genug, sich mal genauer mit dem Älter- und vor allem Erwachsenwerden zu befassen. Ein Einschnitt auch dies: „Before Your Very Eyes“ ist die erste Gob-Squad-Produktion, in der die Gruppenmitglieder nicht selbst auftreten. Statt dessen überlassen sie die Bühne „echten, lebenden Kindern!“, wie es gewollt marktschreierisch zu Beginn heißt. „7 Leben im Schnelldurchlauf“ sind in diesem Spiegelkasten ausgestellt. Ein Einbahnstraßenguckkasten, einseitig verspiegelt, den voyeuristischen Blick in dieses einmalige Versuchsfeld erlaubend. Möge der Zirkus beginnen!

Before Your Very Eyes

„7 Leben im Schnelldurchlauf“ (© Phile Deprez)

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