Archiv der Kategorie: Burgtheater Wien

In der Marillen-Hölle

Autorentheatertage 2017 – Yade Yasemin Önder: Kartonage, Burgtheater, Wien / Deutsches Theater, Berlin (Regie: Franz-Xaver Mayr)

Von Sascha Krieger

Es wird ja immer wieder gern über die Wirkmächtigkeit von Theater, von Kunst im Allgemeinen, debattiert, meist mit einem erwartbaren Ergebnis: Der gesellschaftliche Effekt von Theater ist eingeschränkt bis gar nicht vorhanden, seine soziale Funktion längst abhanden gekommen, man predigt ohnehin nur noch zu den Bekehrten und schließt sich ein im wohligen Kokon des Bildungsbürgertums. Das ist alles nicht falsch und auch Kartonage, uraufgeführt im Rahmen der Autorentheatertage 2017, wird die Welt nicht verändern. Vielleicht aber das Verhalten derer, die das Stück sehen durften: Unter ihnen wird der Konsum von Aprikosen-, Verzeihung, Marillenmarmelade voraussichtlich eher abnehmen. Und sollten sich Daten-Kenner unter den Zuschauer*innen befinden, ist es zumindest nicht undenkbar, dass sie noch einmal genauer in die Exegese der Divina Commedia gehen, um zu erforschen, ob sie nicht einen Höllenkreis übersehen haben, der ganz und gar aus dem süßig-klebrigen Brotaufstrich besteht. Denn in Yade Yasemin Önders Theaterdebüt  ist das Grauen, ist der Abgrund, ist das Jüngste Gericht eindeutig zu verorten: in einem dampfenden Topf gefüllt mit dem in seiner Färbung verdächtig an die Hautfarbe eines aktuellen amerikanischen Spitzenpolitikers erinnernden Brei.

Gastgeber der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Jammern im Dreck

Autorentheatertage 2017 – Nino Haratischwili, Elfriede Jelinek, Terézia Mora, Sofi Oksanen: Ein europäisches Abendmahl, Burgtheater, Wien (Regie: Barbara Frey)

Von Sascha Krieger

Das Haus Europa ist unfertig. Leere Fensterhöhlen geben den Blick frei auf eine unverputzte Mauer, die Decke ist Gerüst geblieben. Erdhaufen bedecken den Fußboden, hineingeweht in einen Raum (Bühne: Martin Zehetgruber), der nie fertig wurde und jetzt Ruine sein mag. Schauplatz einer multiperspektivischen Bestandsaufnahme unserer Zeit und ihrer Werte. Solche Abende, Texte unterschiedlicher Auto*innen versammelnd, sind gerade en vogue – Jette Steckel hat sich kürzlich erst am Deutschen Theater den 10 Geboten gewidmet. Barbara Freys Kollektivabend ist kleiner dimensioniert und beim Berliner Gastspiel – schön mit der Bühne korrespondierend – unvollständig, unvollendet. Denn einer der fünf Texte fehlt: Jenny Erpenbeck hat für „Frau im Bikini“, in Wien die letzte Episode, die Aufführungsrechte für Berlin verweigert. Ganz unpassend erscheint das nicht, schließlich geht es um das Unvollendete, Europa als Projekt und Traum, das längst seinen Glanz verloren hat, zusammengeschnurrt irgendwo zwischen Bürokratie und Populismus, eine Idee, die sich dagegen zu wehren versucht, als gescheitert zu gelten. Vielleicht auch, weil sie von Männern ersonnen und umgesetzt wurde. Hier hingegen dominiert der weibliche Blick: Autorinnen, Darstellerinnen und eine Regisseurin sezieren diesen Kontinent, der sich als Wiege der Zivilation sieht, der lange als Friedensprojekt galt, als Realität gewordene Utopie. Ein weiblicher Gegenentwurf könnte und will es wohl sein, dieses „Abendmahl“, Abgesang und Aufbruch in einem.

Gastgeber der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Egomanen im Schnee

Theatertreffen 2016 – Simon Stone nach Henrik Ibsen: John Gabriel Borkman, Burgtheater im Akademietheater, Wien / Wiener Festwochen / Theater Basel (Regie: Simon Stone)

Von Sascha Krieger

Es ist kalt im Hause Borkman. Die Heimstatt des einstigen Bankdirektors ist begraben unter eine dichten Schneeschicht, zu der sich unaufhörlich neue Flocken gesellen und aus der sich die hier abgelegten Gestalten nach und nach schälen (Bühne: Katrin Brack). Die alten Geschichten, der tiefe Fall des einst Mächtigen, dessen betrügerische Machenschaften auch seine Familie zerstört haben, sind, man verzeihe die naheliegende Phrase, Schnee von gestern. Und doch nicht vergangen. Denn wenn das Vergessen schon bei Henrik Ibsen so schlechte Arbeit leistete, wie sieht das dann erst heute aus? Das Internet, so heißt es, vergisst nie, wie uns Gattin Gunhild zu Beginn berichtet. Sich selbst zu googlen? Ein Albtraum! Also müssen sie immer wieder auferstehen, die Zombies, die sich eingegraben haben in Selbstmitleid und Selbstbetrug.

Bild: Reinhard Maximilian Werner

Bild: Reinhard Maximilian Werner

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Die Leere der Landstraße

Peter Handke: Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße, Burgtheater, Wien / Berliner Ensemble (Regie: Claus Peymann)

Von Sascha Krieger

Handke inszeniert Peymann. Das war mal eine Erfolgsformel. Über viele Jahre hinweg war Claus Peymann so etwas wie Peter Handkes Urafführungs-Stammregisseur. Wenn sich beide jetzt noch einmal zusammentun, schwingt natürlich ein Stück Nostalgie mit. Nicht zuletzt am Wiener Burgtheater, wo Peymanns hcohumstrittene Intendanz im Lichte seiner Nachfolger nicht wenigen wie die gute alte Zeit erscheint, eine Zeit, in der die Burg den Theaterdiskurs im deutschsprachigen Raum mitbestimmte, eine Relevanz, die das Haus längst eingebüßt hat. Weil aber auch ein Peymann gern auf Nummer sicher geht, ist die Inszenierung von Handkes neuestem Text eine Koproduktion mit dem Berliner Ensemble. Hier, da darf sich der Intendant sicher sein, liegt man ihm nach wie vor zu Füßen, eine Erwartung, die der Schlussapplaus der Berliner Premiere durchaus erfüllt. Leicht macht es sich Peymann allerdings nicht und das hat vor allem mit der Vorlage zu tun. Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße ist so lang, wie sein Titel erraten lässt, was selbst Textverfechter Peymann zu großzügigen Kürzungen veranlasst. Es ist ausuferndes Stück, das in unzählige Richtungen schießt und sich jedweder knapper thematischer Kategorisierung entzieht.

Bild: Monika Rittershaus

Ich und seine Unbekannte, dahinter die „Unschuldigen“ (Bild: Monika Rittershaus)

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Neue Stimmen

Das Theatertreffen 2016 feiert die Vielfalt

Von Sascha Krieger

Es ist eines der beliebtesten Rituale im deutschsprachigen Theaterbetrieb: Kaum sind die Nominierungen für das Theatertreffen bekanntgegeben, lässt sich genüsslich schimpfen und kritisieren. Natürlich ist auch 2016 keine Ausnahme: Favorisierte Inszenierungen und hochgehandelte Namen fehlen, die freie Szene ebenso und auch die „neuen Länder“ glänzen allein durch Abwesenheit. Das Stadt- und Staatstheater feiert fröhliche Urständ und sitzt so fest im Sattel wie lange nicht mehr. Und die wenigen Häuser, die konsequent die Realität einer multimedialen und zunehmend virtuellen Wirklichkeit aufnehmen und sich an ihr reiben, wie etwa das Theater Dortmund, wurden erneut ignoriert. Die Auswahl der zehn Inszenierungen lässt sich aus unterschiedlichsten Blickwinkeln kritisieren und zumeist mit einigem Recht.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

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Blick in den Spiegel

Autorentheatertage 2015 – Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen, Burgtheater Wien (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

Welch ein Unterschied: Hatte Nicolas Stemann in seiner Hamburger Uraufführungsinszenierung Elefriede Jelineks Text Die Schutzbefohlenen, eine Auseinandersetzung mit der Behandlung von Flüchtlingen nicht nur in ihrem Heimatland,  aufgefächert, ins Weite, auch schon mal ins Leere laufen, ausufern lassen, ihn hinterfragt, sich von ihm distanziert, ihn ironisiert, um ihn gleich darauf wieder ernst zu nehmen, wählt Michael Thalheimer für seine österreichische Erstaufführung den entgegengesetzten Weg. Bei ihm ist alles Verdichtung, Einengung, Zudrehten auf ein Kraftzentrum, das leicht zum Schwarzen Loch werden kann. Das geht auf Kosten des Themen- und Assoziationsreichtums. Die Multiperspektivik, die der Text bietet, das Pendeln zwischen der (imaginierten) Innensicht der Flüchtlinge und der Außensicht der „Mehrheitsgesellschaft“, der natürlich auch die Autorin angehört, interessieren Thalheimer wenig. Bei ihm sprechen nur die Flüchtlinge, jene, die wir nur allzu gern zu Opfern machen, lässt sich mit diesen doch viel leichter umgehen, als wenn wir sie wahrnähmen als Menschen. Schwarz in der sich nach hinten verengende Raum mit seinen riesigen Wänden, den Olaf Altmann gebaut hat. Einziges Tor in ein nie genauer definiertes Außen, einzige Lichteinfallquelle ist ein Kreuz an der Rückwand, durch das sie taumeln, ins Wasser stürzen, sich langsam wieder emporrappeln. Es wird lange dauern, bis sie sich erlauben, aufrecht zu stehen.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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Im Hobbykeller der Ordnung

Autorentheatertage 2015 – Ferdinand Schmalz: am beispiel der butter, Burgtheater Wien (Regie: Alexander Wiegold)

Von Sascha Krieger

Reinheit, Ordnung, Normalität: Wer in der Welt herumreist und nach Vorstellungen über Deutschland – und Österreich, so man es denn kennt – fragt, wird mit einiger Wahrscheinlichkeit diese oder ähnliche Begriffe hören. Und meist wird ein gehöriges Maß an Bewunderung mitschwingen. Doch auch hier feiern diese Werte fröhliche Urständ, nicht selten positiv besetzt und wenig bis gar nicht reflektiert. Dass diese Konzepte im Mittelpunkt einer Ideologie standen, die das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte verursachte, dass der Nationalsozialismus mit Reinheit und Ordnung argumentierte, um alles auszurotten, was er als nicht „normal“ klassifizierte, wird schnell vergessen. Längst gelten Ordnung und Sauberkeit wieder als „deutsche Werte“, auf die man zu Recht stolz sein könne. Das gilt um so mehr für Österreich, wo man sich so gern dadurch vom großen Nachbarn abgrenzt, in dem man noch deutscher ist als dieser. Wer sich die dortige Diskussion über „Ausländer“ und Geflüchtete anschaut – grundsätzlich gilt dies natürlich auch für Deutschland, siehe Pegida und Co. – wird schnell erschrecken, wie oft Hygiene-metaphern darin eine Rolle spielen.

Die  Autorentheatertage 2015 finden noch bis 27. Juni am Deutschen Theater Berlin statt (Foto: Sascha Krieger)

Die Autorentheatertage 2015 finden noch bis 27. Juni am Deutschen Theater Berlin statt (Foto: Sascha Krieger)

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Warten auf den Unfall

Autorentheatertage 2015 – Ferdinand Schmalz: Dosenfleisch, Burgtheater, Wien / Deutsches Theater, Berlin (Regie: Carina Riedl)

Von Sascha Krieger

Es gehörte ja in den vergangenen Jahren im deutschsprachigen Theater schon zum guten Ton, den Autor totzusagen oder sein baldiges Ableben zu prognostizieren. wird uraufgeführt wie nie, buhlen eine ganze Reihe von Autorenwettbewerben und -festivals um die neuen und alten „Stars“ der Szene. Zu denen gehören seit Jahren auch die Autorentheatertage, die Ulrich Khuon einst in Hannover gründete und dann nach Hamburg, später nach Berlin mitnahm und die doch zumeist in der zweiten Reihe herumdümpelten. Das lag auch daran, dass sie vor allem Bestandsaufnahme sein wollten und damit immer im Schatten der Mülheimer Theatertage standen, die kurz zuvor über die Bühne gingen. Die Förderung neuer Arbeiten und Autoren ging da in der Gastspielflut gern unter, äußerte sie sich doch nur in Werkstattinszenierungen gegen Ende des Festivals und einer langen Spielzeit. Jetzt will das Festival heraus aus der zweiten Reihe. Nicht nur ist das Gastspielprogramm so hochkarätig wie selten (und das obwohl der Anteil von Uraufführungen beim diesjährigen Theatertreffen besonders hoch war und damit schon einige Produktionen fehlen), man hat mit der dramatischen Auseinandersetzung mit den NSU-Morden auch einen Themenschwerpunkt. Das Wichtigste jedoch: Mit der Ausgabe 2015 erfinden sich die Autorentheatertage neu als Uraufführungsfestival: Gleich vier neue Texte erblicken das Licht der Welt – als Inszenierungen des gastgebenden Deutschen Theaters oder in Koproduktion mit anderen Häusern.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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Die Welt im Häcksler

Theatertreffen 2015 – Wolfram Lotz: Die lächerliche Finsternis, Burgtheater/Akademietheater, Wien (Regie: Dušan David Pařízek)

Von Sascha Krieger

Irgendwann fallen sie, die Bretter, die hier die Welt, wenn nicht be-, doch zumindest andeuten. Krachend fällt die quadratische Rückwand zu Boden, die als einzige so etwas wie Repräsentation auf der ansonsten eher einem Requisitenlager ähnelnden Bühne behauptet hatte. Zwanzig Minuten lang schieben die vier Darstellerinnen ein Brett nach dem anderen in den Häcksler und singen dazu „The Lion Sleeps Tonight“ in Endlosschleife. Zwischendurch wird mal ein Text des Autors vorgetragen, in dem er sich zur Unmöglichkeit des Schreibens äußert und sich wundert, dass in seinem Stück keine Frauen vorkommen – was in der Uraufführungsinszenierung irnisch dadurch gebrochen wird, dass alle Rollen von Frauen gespielt werden. Es sind diese zwanzig Minuten, in denen sonst nichts passiert, die so genannte Pause („wenn Sie möchten“, wie es im Programme heißt, ein Angebot, das am zweiten Abend des Theatertreffen-Gastspiels erstaunlich viele annehmen), die Herzstück und Gravitationszentrum von Dušan David Pařízeks Inszenierung bildet. Denn im Zentrum des Abends steht weniger die Suche nach der Finsternis in der Welt, in uns, wie sie die Geschichte unter Anlegung an Conrads Herz der Finsternis und Coppolas Apocalypse Now beschreibt, sondern das Theater und seine Möglichkeit – oder besser Unmöglichkeit – sich an der Wirklichkeit abzuarbeiten, ihr etwas entgegenzusetzen, das Unmögliche denkbar zu machen.

Foto: Reinhard Maximilian Werner

Foto: Reinhard Maximilian Werner

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Leben im flackernden Licht

Theatertreffen 2015 – Ewald Palmetshofer: die unverheiratete, Burgtheater/Akademietheater, Wien (Regie: Robert Borgmann)

Von Sascha Krieger

Nein, leicht macht es Robert Bormanns Uraufführungsinszenierung von Ewald Palmetshofers Stück die unverheiratete dem Zuschauer nicht. Das hat zum einen mit dem Text selbst zu tun: ein artifizielles Sprachkunstwerk, eine langes mäanderndes Prosagedicht, das die Distanz zum Erzählten, dessen Infragestellung stets mit transportiert. denn es geht um Wahrheit, Erinnerung, Schuld und deren Vererbung. Große Themen, die allesamt essentiell mit der Möglichkeit oder eben Unmöglichkeit verbunden sind, Narrative zu entwickeln, die überzeugend, konsistent, stringent sind, die Sinn, gar Lehren vermitteln. Drei Frauen stehen im Mittelpunkt: Großmutter, Tochter, Enkelin. Erstere hat in den letzten Tagen des 2. Weltkriegs – Wien war bereits gefallen, Hitler noch am Leben – ein Telefonat mitgehört, in dem ein junger Soldat vage übers Desertieren nachdachte. Sie meldete ihn, er wurde hingerichtet, sie wanderte ins Gefängnis. Die Erzählung vom Prozess bildet eine Säule des Stücks, die durch einen Unfall der mittlerweile Hochbetagten verursachte Familienzusammenführung im Krankenhaus die andere. Bei Palmetshofer werden Gegenwart und Vergangenheit zu einem großen Strom, der keine Grenzen kennt. Die einstige Schuld und das Schweigen darüber vererben sich: im Hass der Tochter auf die Mutter, der auch Schutzmechanismus ist, in der Alten nicht enden könnenden Selbstrechtfertigungsschleife, in der Liebessuche und Beziehungsverweigerung der Jungen. Die dann die Großmutter konfrontiert, vielleicht der einzige Weg, den Zwängen zu entkommen. Ob das gelingt, bleibt fraglich.

Foto: Georg Soulek

Foto: Georg Soulek

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