Archiv der Kategorie: Burgtheater Wien

Wenn der Kopf explodiert

David Grossman: Kommt ein Pferd in die Bar, Deutsches Theater, Berlin / Salzburger Festspiele / Burgtheater Wien (Regie: Dušan David Pařízek)

Von Sascha Krieger

„So, jetzt bin ich e bissele müde“: Mit diesem Satz beendet Samiel Finzi seine fast solistische Tour de Force, die bei der Berliner Premiere immerhin 20 Minuten früher endet als noch in Salzburg. Auch das Publikum mag so fühlen, auch wenn es Abende gibt denen man eine mehr als zweistündige Dauer deutlich mehr anmerkt als diesem. Vor allem weil Finzi Dov Grinstein ist, der Alleinunterhalter und Comedian aus David Grossmans preisgekröntem Roman – und als Solo Act vermutlich um einiges besser und erfolgreicher als seine Figur. Grinstein ist ein scheiternder Stand-up-Artist, der in der vor allem als Standort zahlreicher Unternehmen bekannten israelischen Stadt Netanja gestrandet ist, und sich auf der Bühne durch sein Leben und seine Erinnerung fräst, die mit der kollektiven seines Landes und dessen Traumata eng verwoben ist. Dušan David Pařízeks Inszenierung setzt ganz auf die Abbildung dieser Bühnensituation: Sein Grinstein steht vor seinem Publikum, wie Finzi vor seinem – und dem seiner Figur steht – es direkt anspricht und damit immer „Doveles“ meint. So fallen seine Provokationen und Beleidigungen ins Leere – und auf ihn zurück. Ungebremst aufprallend auf den geborstenen Panzer des vermeintlichen Menschenhassers, seine Wunden sichtbar machend.

Bild: Arno Declair

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In Zitatengewittern

Theatertreffen 2019 – Simon Stone nach August Strindberg: Hotel Strindberg, Burgtheater Wien / Theater Basel (Regie: Simon Stone)

Von Sascha Krieger

Mit 35 Jahren ist Simon Stone längst einer der größten Stars der deutschsprachigen Theaterszene. Seine Klassikerüberschreibungen haben ihm bereits drei Theatertreffen-Einladungen eingebracht, sie werden bejubelt oder sorgen für Unverständnis, kalt lassen sie selten. Bis jetzt. Dabei darf sein Hotel Strindberg jetzt sogar das Theatertreffen eröffnen – im vergangenen Jahr wurde niemand geringerem als Frank Castorf zuteil. Und doch könnte es ausgerechnet dieser Abend sein, der Stones Status als einer, den man – egal wie man zu seinen Arbeiten steht – nicht ignorieren können, gefährdet. Dabei ist es ein besonders anspruchsvolles und umfangreiches Projekt, das der australisch-schweizerische Theatermacher, in Angriff genommen hat: den gesamten literarischen Kosmos samt leben des schwedischen Autors August Strindberg in einen mehr als vierstündigen Abend verpacken. Multiple Vorlagen für seine textlich vollständig neu verfassten Überschreibungen zu verwenden, ist für ihn nichts neues, ein ganzes Oeuvre entsprechend zu behandeln und des Autoren Lebensgeschichte einzubeziehen schon. Man könnte ihm zumindest für den Versuch Respekt sollen – wenn es diesen gegeben hätte.

Bild: Sandra Then

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Europa im Schlussverkauf

Autorentheatertage 2018 – Miroslava Svolikova: europa flieht nach europa, Burgtheater Wien / Deutsches Theater (Box) Berlin (Regie: Franz-Xaver Mayr)

Von Sascha Krieger

Die Geburt Europas aus dem Widerspruch: So hebt Franz-Xaver Mayrs Uraufführung des Stücks von Miroslava Svolikova an: Die Titelfigur, verkörpert von der großäugigen, von zur Eingeschnapptheit neigendem Pathos erfüllten Dorothee Hartinger, erscheint im Hof eines abstrakten und sich in alles zu verwandeln fähigen griechischen Tempels, komplett in Toga und erzählt ihre Geschichte. Ja, die von der Entführung durch den in einen Stier verwandelten Zeus. Aber mit einer Wendung: Nicht gewillt sich dem patriarchalen Recht des Stärkeren zu unterwerfen, tötet sie den Entführer und entwirft die Vision eines neuen Landes, eines neuen Kontinents, die zu erschaffen sie jetzt antritt. Mit glutvoller Stimme beschwört sie den Gegenentwurf einer harmonischen Gesellschaftsutopie, für die sie „instantan mit meiner Liebe sorgen“ will. Das Problem: Ihre Toga ist blutverschmiert, in den Händen hält sie ein blutiges Bündel, womöglich Reste des erschlagenen. Die Idee Europa ist geboren aus einem Akt der Gewalt, das Blut bleibt an ihr kleben.

Ort der Uraufführung im Rahmen der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Jedermann lebt

Autorentheatertage 2018 – Ferdinand Schmalz: jedermann (stirbt), Burgtheater, Wien (Regie: Stefan Bachmann)

Von Sascha Krieger

Breitbeining steht er da, fleischgewordene Selbstsicherheit, ein Lächeln im Gesicht das sagt: Mir gehört die Welt, meinem Fingerschnipsen folgt sie. Doch dann beginnt sie zu rotieren, die Rühre, in der er steht, seine Welt. Unsicherheit schleicht sich ein in seinen Blick, die Frage, wie umgehen mit dem auf einmal nicht mehr verlässlichen Boden. Er fällt stabilisiert sich mühsam auf allen Vieren, versucht sich langsam wieder aufzurichten, schafft das, badet kurz im Triumph. Doch immer schneller dreht sich das Rad, in dem er steckt, immer schneller muss er mitrennen, schafft es nicht, fällt wieder erschöpft. Es ist die Schlüsselszene dieses Abends und eine durch und durch paradoxe noch dazu. Ferdinand Schmalz, aktueller Bachmann-Preisträger, hat den Jedermann-Stoff überschrieben, ins Heute geholt,  seine Gewissheiten, die vor allem auf der Hoffmannsthalöschen Version, selbst eine Überschreibung, stammen, hinterfragt. Und Regisseur Stefan Bachmann gelingt es in seiner Uraufführung, die Essenz menschlicher Hybris und des (post)modernen Lebens als Versuch, auf den Füßen zu bleiben, ein Versuch, der immer und in jedem Fall scheitern muss, in ein Bild zu packen, dem nur das fehlt, was Schmalz‘ Theater in seinem Wesen ausmacht: die Sprache.

Gastgeber der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Welt voller Zeichen

Theatertreffen 2018 – Nach dem Roman von Thomas Melle: Die Welt im Rücken, Burgtheater, Wien (Regie: Jan Bosse)

Von Sascha Krieger

„Etwas stimmt hier nicht.“ Das ist noch nicht so recht festzumachen, wenn das Publikum seine Plätze einnimmt. Da vorn auf der zunächst komplett leeren Bühne (eingerichtet von Stéphane Laimé) baut jemand eine Tischtennisplatte auf, beginnt dann zu spielen, merkt, dass es allein nicht besonders gut funktioniert. Er holt einen Zuschauer dazu, dann einen anderen. Man spielt, ganz „normal“ zunächst. Doch irgendwie wirkt dieser Mann in der farblich indeterminierten, irgendwie gräulich verwaschenen Kleidung nicht ganz bei sich, wird immer hibbeliger, hektischer. Er beginnt aggressiver zu spielen, arbeitet schon mal mit zwei Bällen gleichzeitig, schlägt plötzlich mit einem Ei auf. Nein, etwas stimmt hier nicht. Ein starker Beginn, weil er zunächst in Sicherheit wiegt, so versteckt irritiert, dass sich zunächst der Zuschauer fragt, ob eventuell er, ob es seine Wahrnehmung ist, mit denen „etwas nicht stimmt“. Das Saallicht bleibt auch dann noch lange an, wenn sich die Türen schließen, wenn der Mann, es ist Großschauspieler Joachim Meyerhoff, zu erzählen beginnt. Das Publikum ist Zeuge, Angesprochener, Gesprächspartner, das gegenüber, das der zu Zerfallende, der da steht, braucht, um sich irgendeiner Art von Wirklichkeit, von Präsenz vergewissern zu können.

Bild: Reinhard Werner

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Zurück ins Schneckenhaus

Zur Auswahl des Theatertreffens 2018

Von Sascha Krieger

Was war das für ein Theatertreffen-Jahrgang 2017. Starke, richtungweisende Regiekonzepte, radikale Ästhetiken, Rahmen sprengende Erzählweisen, theatrale Grenzgänge und -erfahrungen. Eine Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters ohne Scheuklappen, die nach vorne wies und in die Welt hinaus. Internationale Arbeiten waren dabei, große wie kleine Häuser, reihenweise Neulinge, ein atemberaubendes Spektrum theatraler Ausdrucksformen. Die Latte lag hoch für die diesjährige Jury. Würde sie dort anknüpfen, wohin sie das Theatertreffen, das in der Vergangenheit viel zu oft Nabelschau der großen Bühnen und Namen war, Hort des Staats- und Stadttheaters, Besitzstandswahrer der Subventionskönige? Nicht selten ist es im Leben so, dass auf zwei Schritte nach vorn einer zurück folgt, doch so brutal, wie die diesjährige Jury das Theatertreffen-Vehikel an die Wand fuhr, stockt dem eigentlich geneigten Beobachter der Atem. Wo ist der Geist des Aufbruchs, die Neugier, die Experimentierfreude, welche die letztjährige Auswahl auszeichnete?

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Die Jury des Theatertreffens 2018 (Bild: Iko Freese / drama-berlin.de)

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In der Marillen-Hölle

Autorentheatertage 2017 – Yade Yasemin Önder: Kartonage, Burgtheater, Wien / Deutsches Theater, Berlin (Regie: Franz-Xaver Mayr)

Von Sascha Krieger

Es wird ja immer wieder gern über die Wirkmächtigkeit von Theater, von Kunst im Allgemeinen, debattiert, meist mit einem erwartbaren Ergebnis: Der gesellschaftliche Effekt von Theater ist eingeschränkt bis gar nicht vorhanden, seine soziale Funktion längst abhanden gekommen, man predigt ohnehin nur noch zu den Bekehrten und schließt sich ein im wohligen Kokon des Bildungsbürgertums. Das ist alles nicht falsch und auch Kartonage, uraufgeführt im Rahmen der Autorentheatertage 2017, wird die Welt nicht verändern. Vielleicht aber das Verhalten derer, die das Stück sehen durften: Unter ihnen wird der Konsum von Aprikosen-, Verzeihung, Marillenmarmelade voraussichtlich eher abnehmen. Und sollten sich Daten-Kenner unter den Zuschauer*innen befinden, ist es zumindest nicht undenkbar, dass sie noch einmal genauer in die Exegese der Divina Commedia gehen, um zu erforschen, ob sie nicht einen Höllenkreis übersehen haben, der ganz und gar aus dem süßig-klebrigen Brotaufstrich besteht. Denn in Yade Yasemin Önders Theaterdebüt  ist das Grauen, ist der Abgrund, ist das Jüngste Gericht eindeutig zu verorten: in einem dampfenden Topf gefüllt mit dem in seiner Färbung verdächtig an die Hautfarbe eines aktuellen amerikanischen Spitzenpolitikers erinnernden Brei.

Gastgeber der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Jammern im Dreck

Autorentheatertage 2017 – Nino Haratischwili, Elfriede Jelinek, Terézia Mora, Sofi Oksanen: Ein europäisches Abendmahl, Burgtheater, Wien (Regie: Barbara Frey)

Von Sascha Krieger

Das Haus Europa ist unfertig. Leere Fensterhöhlen geben den Blick frei auf eine unverputzte Mauer, die Decke ist Gerüst geblieben. Erdhaufen bedecken den Fußboden, hineingeweht in einen Raum (Bühne: Martin Zehetgruber), der nie fertig wurde und jetzt Ruine sein mag. Schauplatz einer multiperspektivischen Bestandsaufnahme unserer Zeit und ihrer Werte. Solche Abende, Texte unterschiedlicher Auto*innen versammelnd, sind gerade en vogue – Jette Steckel hat sich kürzlich erst am Deutschen Theater den 10 Geboten gewidmet. Barbara Freys Kollektivabend ist kleiner dimensioniert und beim Berliner Gastspiel – schön mit der Bühne korrespondierend – unvollständig, unvollendet. Denn einer der fünf Texte fehlt: Jenny Erpenbeck hat für „Frau im Bikini“, in Wien die letzte Episode, die Aufführungsrechte für Berlin verweigert. Ganz unpassend erscheint das nicht, schließlich geht es um das Unvollendete, Europa als Projekt und Traum, das längst seinen Glanz verloren hat, zusammengeschnurrt irgendwo zwischen Bürokratie und Populismus, eine Idee, die sich dagegen zu wehren versucht, als gescheitert zu gelten. Vielleicht auch, weil sie von Männern ersonnen und umgesetzt wurde. Hier hingegen dominiert der weibliche Blick: Autorinnen, Darstellerinnen und eine Regisseurin sezieren diesen Kontinent, der sich als Wiege der Zivilation sieht, der lange als Friedensprojekt galt, als Realität gewordene Utopie. Ein weiblicher Gegenentwurf könnte und will es wohl sein, dieses „Abendmahl“, Abgesang und Aufbruch in einem.

Gastgeber der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Egomanen im Schnee

Theatertreffen 2016 – Simon Stone nach Henrik Ibsen: John Gabriel Borkman, Burgtheater im Akademietheater, Wien / Wiener Festwochen / Theater Basel (Regie: Simon Stone)

Von Sascha Krieger

Es ist kalt im Hause Borkman. Die Heimstatt des einstigen Bankdirektors ist begraben unter eine dichten Schneeschicht, zu der sich unaufhörlich neue Flocken gesellen und aus der sich die hier abgelegten Gestalten nach und nach schälen (Bühne: Katrin Brack). Die alten Geschichten, der tiefe Fall des einst Mächtigen, dessen betrügerische Machenschaften auch seine Familie zerstört haben, sind, man verzeihe die naheliegende Phrase, Schnee von gestern. Und doch nicht vergangen. Denn wenn das Vergessen schon bei Henrik Ibsen so schlechte Arbeit leistete, wie sieht das dann erst heute aus? Das Internet, so heißt es, vergisst nie, wie uns Gattin Gunhild zu Beginn berichtet. Sich selbst zu googlen? Ein Albtraum! Also müssen sie immer wieder auferstehen, die Zombies, die sich eingegraben haben in Selbstmitleid und Selbstbetrug.

Bild: Reinhard Maximilian Werner

Bild: Reinhard Maximilian Werner

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Die Leere der Landstraße

Peter Handke: Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße, Burgtheater, Wien / Berliner Ensemble (Regie: Claus Peymann)

Von Sascha Krieger

Handke inszeniert Peymann. Das war mal eine Erfolgsformel. Über viele Jahre hinweg war Claus Peymann so etwas wie Peter Handkes Urafführungs-Stammregisseur. Wenn sich beide jetzt noch einmal zusammentun, schwingt natürlich ein Stück Nostalgie mit. Nicht zuletzt am Wiener Burgtheater, wo Peymanns hcohumstrittene Intendanz im Lichte seiner Nachfolger nicht wenigen wie die gute alte Zeit erscheint, eine Zeit, in der die Burg den Theaterdiskurs im deutschsprachigen Raum mitbestimmte, eine Relevanz, die das Haus längst eingebüßt hat. Weil aber auch ein Peymann gern auf Nummer sicher geht, ist die Inszenierung von Handkes neuestem Text eine Koproduktion mit dem Berliner Ensemble. Hier, da darf sich der Intendant sicher sein, liegt man ihm nach wie vor zu Füßen, eine Erwartung, die der Schlussapplaus der Berliner Premiere durchaus erfüllt. Leicht macht es sich Peymann allerdings nicht und das hat vor allem mit der Vorlage zu tun. Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße ist so lang, wie sein Titel erraten lässt, was selbst Textverfechter Peymann zu großzügigen Kürzungen veranlasst. Es ist ausuferndes Stück, das in unzählige Richtungen schießt und sich jedweder knapper thematischer Kategorisierung entzieht.

Bild: Monika Rittershaus

Ich und seine Unbekannte, dahinter die „Unschuldigen“ (Bild: Monika Rittershaus)

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