Archiv der Kategorie: Burgtheater Wien

Vollgemüllte Leere

Eugène Ionesco: Die Stühle, Burgtheater (Akademietheater), Wien (Regie: Claus Peymann, Leander Haußmann)

Von Sascha Krieger

Von „ontologischer Leere“ ist in den im für die Hartmann-Bergmann-Ära typischen umfangreichen Programmheft abgedruckten Originaldokumenten Eugène Ionescos des öfteren die Rede, wenn er auf sein Stück Die Stühle zu sprechen kommt. Eine Leere an Sinn, Hoffnung, Perspektive, für die das Werk ein perfektes Bild findet: die zahllosen leeren Stühle, die das alte Paar auf die Bühne trägt und die von unsichtbaren Gästen bevölkert werden, die gekommen sind, einer Rede zu lauschen, in der eine Vision der Weltrettung ausgebreitet werden soll, die sich am Ende als unverständliches Kauderwelsch und sinnfreie auf Wände gekritzelte Buchstabenkombinationen erweisen. Das wurde oft so gelesen: Nach der Shoah sind große Weltentwürfe obsolet und Rettungsfantasien bestenfalls hochgefährlich, die Abwesenheit des Mensch(lich)en die Norm, die grundsätzliche Sinnhaftigkeit des Lebens als nicht gegeben erwiesen. Wo eins Sinn und Ziel und Hoffnung herrschten, ist jetzt: Leere. Eine „tragische Farce“ nannte Ionesco sein Stück, die Lächerlichkeit des abgebildeten Unterfangens weisend auf einen tragischen Grund, die Anerkennung der Bedeutungslosigkeit all unseren ach so wesentlichen Strebens. Wo Ionescos Zeitgenosse Samuel Beckett direkt in die Leere menschlicher Existenz eintauchte, suchte der gebürtige Rumäne die Absurdität menschlicher Alltagshandlungen und Routinen gesellschaftlichen Umgangs in einer Welt, in der diesen jegliche Bedeutung abhanden gekommen ist.

Bild: Georg Soulek / Burgtheater

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Der Puls der Gewalt

Euripides: Die Bakchen, Burgtheater, Wien (Regie: Ulrich Rasche)

Von Sascha Krieger

Ihr naht euch wieder, schreitende Gestalten. Zur Eröffnung der Intendanz Martin Kušejs wird am Burgtheater marschiert. Langsam, schier endlos, bis weit über den Untergang hinaus. Ulrich Rasche inszeniert erstmals in Wien und er hat ein stück mitgebracht, das weniger hoffnungspendend kaum sein könnte. In Euripides‘ Die Bakchen schlägt das – göttergelenkte wie menschengemachte – Schicksal ähnlich unerbittlich zu wie in anderen antiken Tragödien, was jedoch fehlt, ist so etwas wie eine erkennbare Moral oder auch nur eine Seite, der man nach menschlichem Ermessen Recht zusprechen könnte. Der Konflikt zwischen den titelgebenden Anhänger*innen des Dionysos, die von diesem zu blutiger Rache getrieben werden, und dem Rivalen und Opfer, Pentheus, deren Rationalität und Demokratieverteidigung ebenso zerstörerische, autokratische und gewalttätige Züge aufweist. Der dionysische Lebensrausch endet genauso im Vernichtungsdrang wie die Feier der Venunft. Ein perfekter Stoff eigentlich für Rasches Menschmaschinentheater, seine unaufhörlich marschierenden Chöre, den totalitären Sog der unaufhaltsamen Gewalt des Menschen gegen den Menschen, den seine Abende stets ausstrahlen.

Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

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Perfekt weggespielt

Sally Potter: The Party, Burgtheater, Wien (Regie: Anne Lenk)

Von Sascha Krieger

Wenn ein Stück The Party heißt und es darin um eine solche geht, dann weiß der erfahrene Theatergänger, dass diese nicht in Wohlgefallen, sondern einer ausgewachsenen, meist komischen Katastrophe enden wird. Das ist auch in Sally Potters Adaption ihres eigenen gleichnamigen Films der Fall. Darin feiert die britische Oppositionspolitikerin Janet mit ein paar engen Freund*innen ihre Ernennung zur Schattenministerin. Im Laufe des Abends kommen Geheimnisse ans Tageslicht, ihre Ehe zerbricht, die Halbwertzeit anderer Beziehungen scheint ebenfalls erreicht, Stück und Film enden mit der Möglichkeit eines bevorstehenden Mordes. Im gerade einmal 71 Minuten langen Film taucht Potter die Geschichte in kaltes, gediegenes Schwarz-Weiß, arbeitet mit schnellen Schnitten, einer düsteren Künstlichkeit, die dem Film etwas Karges, fast Gespenstisches gibt, die boulevardeske Handlung ins Existenzielle kippen lässt. Das ist auch den Spieler*innen zu verdanken, allen voran Timothy Spall, der Janets Ehemann Bill mit einer gebrochenen Todeskälte und Lebensmüdigkeit auflädt, die jedem Lachen eine äußerst bittere Note verleihen. Hier, so sagt der Film, geht es um Größeres als um eine elegante Mittelstandssatire.

Bild: Matthias Horn / Burgtheater

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Immer weiter, doch wohin?

Johann Wolfgang von Goethe: Faust, Burgtheater, Wien / Residenztheater, München (Regie: Martin Kušej)

Von Sascha Krieger

Goethes Faust galt lange Zeit als der nach Wissen Dürstende, der vom Weg abkommt, sein Impuls als Fortschrittsglaube, als Streben nach dem Vorankommen des Menschen und der Menschheit, nach dem Höher, Schneller, weiter, als das der moderne Mensch den Fortgang der Geschichte begreifen wollte. Mit Goethes Geschichte vom manisch seinen eigenen Trieben Folgenden, der seinen Wissensdrang schnell aufgibt und sich in einen hedonistischen Rausch wirft, der mordet, verführt und wegwirft nach belieben, hatte das nie viel zu tun, der Osterspaziergang bleibt auch bei ihm nur Episode. Im Zuge der (nicht nur) nationalsozialistischen Faust-Verehrung hat dieses Bild längst Risse bekommen, so ganz hat sich die Idee des „Faustischen“ aber noch nicht aus dem kollektiven Bewusstsein verabschiedet. In Martin Kušejs Inszenierung, die 2014 am Münchner Residenztheater Premiere feierte und nun nach Wien an Kušejs neue Wirkungsstätte gewechselt ist, ist von der Möglichkeit des Fortschritts von Beginn an nichts zu sehen oder zu spüren. Aleksandar Denićs Bühne ist Weltuntergang pur: Ein dunkles Gerüst mit Zivilisationsresten, unten ein Waschbecken mit Spiegel an schwarzer Wand, oben eine Art Gefägnishof mit Maschendrahtzaun, eine Gittertreppe hinaufführend, drüber ein Stahlkran, der das Ganze zu einer postapokalyptischen Industrieruine macht.

Bild: Matthias Horn / Burgtheater

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Wenn der Kopf explodiert

David Grossman: Kommt ein Pferd in die Bar, Deutsches Theater, Berlin / Salzburger Festspiele / Burgtheater Wien (Regie: Dušan David Pařízek)

Von Sascha Krieger

„So, jetzt bin ich e bissele müde“: Mit diesem Satz beendet Samiel Finzi seine fast solistische Tour de Force, die bei der Berliner Premiere immerhin 20 Minuten früher endet als noch in Salzburg. Auch das Publikum mag so fühlen, auch wenn es Abende gibt denen man eine mehr als zweistündige Dauer deutlich mehr anmerkt als diesem. Vor allem weil Finzi Dov Grinstein ist, der Alleinunterhalter und Comedian aus David Grossmans preisgekröntem Roman – und als Solo Act vermutlich um einiges besser und erfolgreicher als seine Figur. Grinstein ist ein scheiternder Stand-up-Artist, der in der vor allem als Standort zahlreicher Unternehmen bekannten israelischen Stadt Netanja gestrandet ist, und sich auf der Bühne durch sein Leben und seine Erinnerung fräst, die mit der kollektiven seines Landes und dessen Traumata eng verwoben ist. Dušan David Pařízeks Inszenierung setzt ganz auf die Abbildung dieser Bühnensituation: Sein Grinstein steht vor seinem Publikum, wie Finzi vor seinem – und dem seiner Figur steht – es direkt anspricht und damit immer „Doveles“ meint. So fallen seine Provokationen und Beleidigungen ins Leere – und auf ihn zurück. Ungebremst aufprallend auf den geborstenen Panzer des vermeintlichen Menschenhassers, seine Wunden sichtbar machend.

Bild: Arno Declair

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In Zitatengewittern

Theatertreffen 2019 – Simon Stone nach August Strindberg: Hotel Strindberg, Burgtheater Wien / Theater Basel (Regie: Simon Stone)

Von Sascha Krieger

Mit 35 Jahren ist Simon Stone längst einer der größten Stars der deutschsprachigen Theaterszene. Seine Klassikerüberschreibungen haben ihm bereits drei Theatertreffen-Einladungen eingebracht, sie werden bejubelt oder sorgen für Unverständnis, kalt lassen sie selten. Bis jetzt. Dabei darf sein Hotel Strindberg jetzt sogar das Theatertreffen eröffnen – im vergangenen Jahr wurde niemand geringerem als Frank Castorf zuteil. Und doch könnte es ausgerechnet dieser Abend sein, der Stones Status als einer, den man – egal wie man zu seinen Arbeiten steht – nicht ignorieren können, gefährdet. Dabei ist es ein besonders anspruchsvolles und umfangreiches Projekt, das der australisch-schweizerische Theatermacher, in Angriff genommen hat: den gesamten literarischen Kosmos samt leben des schwedischen Autors August Strindberg in einen mehr als vierstündigen Abend verpacken. Multiple Vorlagen für seine textlich vollständig neu verfassten Überschreibungen zu verwenden, ist für ihn nichts neues, ein ganzes Oeuvre entsprechend zu behandeln und des Autoren Lebensgeschichte einzubeziehen schon. Man könnte ihm zumindest für den Versuch Respekt sollen – wenn es diesen gegeben hätte.

Bild: Sandra Then

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Europa im Schlussverkauf

Autorentheatertage 2018 – Miroslava Svolikova: europa flieht nach europa, Burgtheater Wien / Deutsches Theater (Box) Berlin (Regie: Franz-Xaver Mayr)

Von Sascha Krieger

Die Geburt Europas aus dem Widerspruch: So hebt Franz-Xaver Mayrs Uraufführung des Stücks von Miroslava Svolikova an: Die Titelfigur, verkörpert von der großäugigen, von zur Eingeschnapptheit neigendem Pathos erfüllten Dorothee Hartinger, erscheint im Hof eines abstrakten und sich in alles zu verwandeln fähigen griechischen Tempels, komplett in Toga und erzählt ihre Geschichte. Ja, die von der Entführung durch den in einen Stier verwandelten Zeus. Aber mit einer Wendung: Nicht gewillt sich dem patriarchalen Recht des Stärkeren zu unterwerfen, tötet sie den Entführer und entwirft die Vision eines neuen Landes, eines neuen Kontinents, die zu erschaffen sie jetzt antritt. Mit glutvoller Stimme beschwört sie den Gegenentwurf einer harmonischen Gesellschaftsutopie, für die sie „instantan mit meiner Liebe sorgen“ will. Das Problem: Ihre Toga ist blutverschmiert, in den Händen hält sie ein blutiges Bündel, womöglich Reste des erschlagenen. Die Idee Europa ist geboren aus einem Akt der Gewalt, das Blut bleibt an ihr kleben.

Ort der Uraufführung im Rahmen der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Jedermann lebt

Autorentheatertage 2018 – Ferdinand Schmalz: jedermann (stirbt), Burgtheater, Wien (Regie: Stefan Bachmann)

Von Sascha Krieger

Breitbeining steht er da, fleischgewordene Selbstsicherheit, ein Lächeln im Gesicht das sagt: Mir gehört die Welt, meinem Fingerschnipsen folgt sie. Doch dann beginnt sie zu rotieren, die Rühre, in der er steht, seine Welt. Unsicherheit schleicht sich ein in seinen Blick, die Frage, wie umgehen mit dem auf einmal nicht mehr verlässlichen Boden. Er fällt stabilisiert sich mühsam auf allen Vieren, versucht sich langsam wieder aufzurichten, schafft das, badet kurz im Triumph. Doch immer schneller dreht sich das Rad, in dem er steckt, immer schneller muss er mitrennen, schafft es nicht, fällt wieder erschöpft. Es ist die Schlüsselszene dieses Abends und eine durch und durch paradoxe noch dazu. Ferdinand Schmalz, aktueller Bachmann-Preisträger, hat den Jedermann-Stoff überschrieben, ins Heute geholt,  seine Gewissheiten, die vor allem auf der Hoffmannsthalöschen Version, selbst eine Überschreibung, stammen, hinterfragt. Und Regisseur Stefan Bachmann gelingt es in seiner Uraufführung, die Essenz menschlicher Hybris und des (post)modernen Lebens als Versuch, auf den Füßen zu bleiben, ein Versuch, der immer und in jedem Fall scheitern muss, in ein Bild zu packen, dem nur das fehlt, was Schmalz‘ Theater in seinem Wesen ausmacht: die Sprache.

Gastgeber der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Welt voller Zeichen

Theatertreffen 2018 – Nach dem Roman von Thomas Melle: Die Welt im Rücken, Burgtheater, Wien (Regie: Jan Bosse)

Von Sascha Krieger

„Etwas stimmt hier nicht.“ Das ist noch nicht so recht festzumachen, wenn das Publikum seine Plätze einnimmt. Da vorn auf der zunächst komplett leeren Bühne (eingerichtet von Stéphane Laimé) baut jemand eine Tischtennisplatte auf, beginnt dann zu spielen, merkt, dass es allein nicht besonders gut funktioniert. Er holt einen Zuschauer dazu, dann einen anderen. Man spielt, ganz „normal“ zunächst. Doch irgendwie wirkt dieser Mann in der farblich indeterminierten, irgendwie gräulich verwaschenen Kleidung nicht ganz bei sich, wird immer hibbeliger, hektischer. Er beginnt aggressiver zu spielen, arbeitet schon mal mit zwei Bällen gleichzeitig, schlägt plötzlich mit einem Ei auf. Nein, etwas stimmt hier nicht. Ein starker Beginn, weil er zunächst in Sicherheit wiegt, so versteckt irritiert, dass sich zunächst der Zuschauer fragt, ob eventuell er, ob es seine Wahrnehmung ist, mit denen „etwas nicht stimmt“. Das Saallicht bleibt auch dann noch lange an, wenn sich die Türen schließen, wenn der Mann, es ist Großschauspieler Joachim Meyerhoff, zu erzählen beginnt. Das Publikum ist Zeuge, Angesprochener, Gesprächspartner, das gegenüber, das der zu Zerfallende, der da steht, braucht, um sich irgendeiner Art von Wirklichkeit, von Präsenz vergewissern zu können.

Bild: Reinhard Werner

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Zurück ins Schneckenhaus

Zur Auswahl des Theatertreffens 2018

Von Sascha Krieger

Was war das für ein Theatertreffen-Jahrgang 2017. Starke, richtungweisende Regiekonzepte, radikale Ästhetiken, Rahmen sprengende Erzählweisen, theatrale Grenzgänge und -erfahrungen. Eine Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters ohne Scheuklappen, die nach vorne wies und in die Welt hinaus. Internationale Arbeiten waren dabei, große wie kleine Häuser, reihenweise Neulinge, ein atemberaubendes Spektrum theatraler Ausdrucksformen. Die Latte lag hoch für die diesjährige Jury. Würde sie dort anknüpfen, wohin sie das Theatertreffen, das in der Vergangenheit viel zu oft Nabelschau der großen Bühnen und Namen war, Hort des Staats- und Stadttheaters, Besitzstandswahrer der Subventionskönige? Nicht selten ist es im Leben so, dass auf zwei Schritte nach vorn einer zurück folgt, doch so brutal, wie die diesjährige Jury das Theatertreffen-Vehikel an die Wand fuhr, stockt dem eigentlich geneigten Beobachter der Atem. Wo ist der Geist des Aufbruchs, die Neugier, die Experimentierfreude, welche die letztjährige Auswahl auszeichnete?

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Die Jury des Theatertreffens 2018 (Bild: Iko Freese / drama-berlin.de)

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