Archiv der Kategorie: Bertolt Brecht

Blutende Welt

Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, Berliner Ensemble (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

Neuanfang: Der erste Brecht am „neuen“ Berliner Ensemble und ein Neustart auch für Michael Thalheimer in Berlin. Er, der sich einst als Hausregisseur am benachbarten DT anschickte, die Theaterwelt aufzumischen. Nun ist er nach einigen Jahren im Schaubühnen-„Exil“ seinem alten Mitstreiter Oliver Reese ans BE gefolgt und erhält gleich die immense Aufgabe, sich als erster dem Hausheiligen Bertolt Brecht zu widmen. Er fängt dabei, so scheint es die Bühne anzudeuten, bei Null an. Denn diese ist leer (womöglich nicht ganz freiwillig, wie Esther Slevogt auf nachtkritik.de vermutet), frei geräumt von allem Ballast des Vorherigen, bereit für eine neue, unbelastete Annäherung an den ganz und gar politischen, dediziert antikapitalistischen Brecht. Ausgerechnet der kaukasische Kreidekreis die Sozialismus-Parable anhand einer Magd, die ein zurückgelassenes Herrscher-Baby rettet und aufzieht und am Ende selbiges zugesprochen bekommt. Dramaturg Bernd Stegemann schwadroniert darüber im Programmheft in schönster markistischer Ideologieseligkeit. Damit, so mag sich Thalheimer gesagt haben, wäre das offenkundig Politische dann auch erledigt, sodass er sich mit dem beschäftigt, was er für den Kern der Geschichte hält: den Platz von Liebe und Güte in einer kalten, feindseligen Welt, in der jeder nur den eigenen Vorteil sieht und von der es ziemlich egal ist, ob sie sich kapitalistisch oder sonstwie verkleidet.

Bild: Matthias Horn

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Der Störenfried als Exponat

Bertolt Brecht: Baal, Berliner Ensemble (Probebühne), Berlin (Regie: Sebastian Sommer)

Von Sascha Krieger

Einmal noch Brecht. Weil es ja sein muss an diesem Haus, das der Dramatiker aus Augsburg einst gründete, das ihm ein Denkmal vor dem Haupteinang gebaut hat, das bis heute mit seinem Konterfei wirbt. Bertolt Brecht ist der Schlüssel zum Selbstverständnis dieses Theaters, sein gemeinsamer Nenner, zuweilen auch sein Feigenblatt. Das war immer so, auch in den 18 Jahren Intendanz von Claus Peymann. Brecht hielt auch dieser Hausherr stets hoch, auch wenn er dessen Stücke meist anderen überließ. Manfred Karge zum Beispiel oder Philip Tiedemann. Auch die Regie-Großmeister Leander Haußmann und sogar Robert Wilson durften mal ran. Das galt auch für den Nachwuchs: Sebastian Sommer kommt der Position des Nachwuchsregisseurs an diesem nicht gerade dem Jugendwahn verfallenen Haus wohl a nächsten und ihm gebührt nun die Ehre, den Brecht-Rausschmeißer der Ära Peymann zu geben. Kein verstaubtes Leerstück soll es sein, Lieblingsstücke wie die Dreigroschenoper  oder die Mutter Courage waren schon vergriffen. Also darf der „Junge“ etwas vom jungen, durchaus wilden Brecht inszenieren. Den Baal, diese expressionistische Tour de Force, über die sich vor noch nicht allzu langer Zeit Frank Castorf – auch er ein Abschied nehmender, der womöglich bald an diesem Hause inszenieren wird? – mit den Brecht-Erben anlegte.

Bild: Barbara Braun

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Das Chaos und das Nichts

Nach Bertolt Brecht: Dickicht, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Sebastian Baumgarten)

Von Sascha Krieger

Das „Dickicht der Städte“: In Sebastian Baumgartens Inszenierung wirkt es kaum wie ein Ort, in dem man sich verlieren könnte, vor dem man Angst haben müsste. Robert Lippoks Bühne besteht aus ein paar Miniatur-Wohnblocks, wohlgeordnete Menschen-Silos, kein Dschungel, sondern die anonyme, gleichmachende Ordnung moderner Großstadt-Architektur. Hunderte Wohneinheiten, Lebensräume glitzern freundlich. Doch dann, aus der Dunkelheit, treten schwarzgekleidete Gestalten, urbane Überlebenskämpfer, die sich in Worten aus Bertolt-Brechts Städtebewohner-Handbuch zuflüsteren, die Spuren zu verwischen. Unsichtbarkeit ist das Überlebensgeheimnis. Und so bleiben sie über weitere Strecken unsichtbar, die acht Spielerinnen, die sich im Bühnenhintergrunsversammeln. Über ihnen beginnt eine Leinwand Brechts frühe, rätselhaft-expressionistische Kampfparabel – die gar keine Parabel sein mag – Im Dickicht der Städte zu erzählen. In greller Überzeichnung erinnern die Filmszenen mal an expressionistische Stummfilme, mal an Gangsterstreifen der Noir-Tradition, später kommt eine gehörige Prise Horrorgenre hinzu.

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Bild: Esra Rotthoff

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Leerstück mit Untoten

Bertolt Brecht: Untergang des Egoisten Johann Fatzer, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Tom Kühnel, Jürgen Kuttner)

Von Sascha Krieger

Natürlich ist der Fatzer unaufführbar. Das wusste schon sein Autor, weshalb Bertolt Brecht, den Plan, aus der 400-seitigen Materialsammlung ein Theaterstück zu machen, irgendwann aufgab. So bleiben unzählige Seiten Papier und nur einige wenige ausgearbeitete Szenen. Und natürlich wurde der Versuch, den Stoff theatertauglich zu machen, trotzdem immer wieder unternommen, am einflussreichsten sicher durch Heiner Müller, bei dem die Gleichzeitigkeit von Theater und seiner Verweigerung zu so etwas wie seinem Markenzeichen wurde. Und natürlich kennen auch Tom Kühnel und Jürgen Kuttner das Dilemma, wenn sie den Fatzer jetzt auf die DT-Bühne hieven. Das ist durchaus logisch, schließlich sieht sich das Duo als Text- und Stoffhinterfrager, nimmt die Reflexion über das, was sie da tun stets einen wichtigen Platz in ihren Arbeiten ein. Beim Fatzer ist die Dekonstruktion des Materials als Untersuchungsobjekt zum Grundprinzip, die Bühne der Kammerspiele zum Labor, in dem der Textkörper seziert und auf Lebenszeichen hin abgeklopft wird.

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Bild: Arno Declair

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Abends im Museum

Bertolt Brecht: Die Gewehre der Frau Carrar, Berliner Ensemble (Probebühne), Berlin (Regie: Manfred Karge)

Von Sascha Krieger

Man wirft den Brecht-Erben ja gern vor, ihr Ziel sei es, Autor und Werke zu konservieren und nur quasi museale Interpretationen zuzulassen. Solche, wie man sie zuweilen dem Berliner Ensemble nachsagt, dem Haus, das Brecht gründete und Helene Weigel nach seinem Tod weiterführte und das sich heute als theatrale Heimat des gebürtigen Augsburgers versteht.  Wenn Manfred Karge nun Brechts Drama über den spanischen Bürgerkrieg Die Gewehre der Frau Carrar – einst uraufgeführt mit der Weigel in der Titelrolle – auf der Probebühne inszeniert, scheint er die Kritik schon vorwegnehmen zu wollen. Karge (einst selbst von Wiegel engagiert) entführt das Publikum in ein Museum. Eine Reisegruppe steht vor Pablo Picassos Guernica und erzählt vom Bürgerkrieg und von Brechts Stück. Dann fällt der Vorhang und in der bühnenfüllenden Wand erscheint eine quaderförmige Öffnung als Spielfläche (Bühne: Manfred Karge). Wie ein Gemälde im Museum.

Foto: Thomas Eichhorn

Foto: Thomas Eichhorn

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Klamauk und Dosenbier

Bertolt Brecht: Der gute Mensch von Sezuan, Berliner Ensemble (Regie: Leander Haußmann)

Von Sascha Krieger

Vielleicht war Leander Haußmann vor zwei, drei Jahren mit Claus Peymann eine Hose kaufen und dann mit ihm essen, vielleicht waren es auch nur ein paar Gläser Wein in der BE-Kantine. Am Ende stand dann womöglich ein Deal: Peymann gibt Haußmann seine Bühne, um mit zwei Klassikerinszenierungen seiner auf Eis liegenden – und mit seinem Volksbühnen-Rosmersholm  alles andere als reanimierten – Theaterkarriere neues Leben einzuhauchen, danach muss er ein Stück des nicht immer so ganz guten Hausgeistes Brecht machen. Vielleicht legte der große Provokateur und Unruhestifter Peymann auch gleich das Stück fest. Das ist natürlich pure Spekulation, doch lädt der Abend eben zu solcherlei Sinnieren ein. Irgendetwas muss der mehr oder weniger geneigte Rezensent während der bald vier Stunden ja tun – das Geschehen auf der Bühne gibt die Antwort, warum Haußmann sich uns und ihm selbst dieses Stück antut, jedenfalls nicht. Natürlich lässt sich argumentieren, dass die Parabel von der guten Shen Te, die zwischen Moralheuchelei und brutaler Kapitalismus-Mechanik zerrieben wird und nur überleben kann, wenn sie ihrem guten Ich ein böses – also kapitalistisches – Alter Ego hinzufügt, in Zeiten linker Wahlsiege in Griechenland und anderswo und eines US-Präsidentschaftskandidaten, der Rekordmassen anzieht, gerade weil er sich offen als Sozialist bezeichnet, auf den Zeitgeist trifft. Und doch ist Brechts simples Gut-Böse-schema irgendwie aus der Zeit gefallen. Den Kapitalismus nach über sechszig Jahren sozialer Marktwirtschaft als nur böse zu interpretieren, greift denn wohl ein wenig kurz.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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Schweine und Windmühlen

Theatertreffen 2015 – Bertolt Brecht: Baal, Residenztheater München (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Draußen versteigert das TT-Blog die letzte Karte im Namen der Werktreue und zugunsten der Brecht-Erben – von denen in Person von Brecht-Enkelin Johanna Schall sogar eine anwesend ist –, eine Frau fordert per Schild den Erhalt der Volksbühne, die Intendanten der Hauptstadttheater sind da und die Presse sowieso: Nein, dieser Premierenabend, der auch der letzte Akt des diesjährigen Theatertreffens ist, ist kein gewöhnlicher. Frank Castorfs Münchner Baal-Inszenierung wird gezeigt und beschert dem Festival noch mehr Aufmerksamkeit als gewöhnlich, befand sich der Regisseur zuletzt doch im Brennpunkt der zwei wohl leidenschaftlichsten Debatten der deutschen Kulturpolitik zurzeit: Da ist zum einen die um seine Nachfolge an der Volksbühne, die längst zu einer Diskussion über die Zukunft des deutschsprachigen Stadt- und Staatstheaters geworden ist, und zum anderen jene um das Urheberrecht, entbrannt am Rechtsstreit um eben diese hier gezeigte Inszenierung, für die sich deshalb auch zum letzten Mal der Vorhang öffnet. Natürlich hat das Ensemble den einen oder anderen Hinweis eingestreut in die Inszenierung, werden etwa Fremdtexte auf die Bühne geschleppt, worauf hin Bibiana Beglau moniert: „Wegen so einem Scheiß sind wir jetzt verboten!“ Das wird mit reichlich Szenenapplaus goutiert, der nicht zu vergleichen ist mit dem Jubel, der Castorf beim Schlussapplaus empfängt. Am Ende dieses sich so politisch gebenden Theatertreffens ist auch das als Statement zu verstehen.

Foto: Thomas Aurin

Foto: Thomas Aurin

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Auf halbem Wege stehen geblieben

Das Theatertreffen 2015 gibt sich politisch – und verschanzt sich in den Großstädten

Von Sascha Krieger Man sagt ja, der Deutsche sei nicht glücklich, wenn er nicht etwas zu meckern habe. Wenn dem so ist, sollte die Bekanntgabe der Einladungen für das Theatertreffen alle Jahre wieder wahre Glücksgefühle in der deutschsprachigen Theatergemeinde auslösen, kann sie sich doch so wunderbar aufregen über die fehlgeleiteten Entscheidungen der wie immer ahnungslosen Kritikerjury, den fehlenden Blick über den Tellerrand und natürlich all die vergessenen Inszenierungen. Mal ist die Auswahl zu konservativ, mal ignoriert sie die freie Szene, dann wieder begräbt sie das Stadttheater oder gefällt sich in hermetischem Avantgardismus und die wirklich großen Inszenierungen werden sowieso übersehen. Kein Zweifel: Auch der Jahrgang 2015 bietet genug Futter für Empörungsmechanismen dieser Art. So verstärkt er noch zwei Trends, die im Vorjahr an dieser Stelle vermerkt wurden: erstens die Rehabilitierung des viel gescholtenen Stadttheaters, das diesmal alle zehn Plätze belegt, zweitens die Dominanz der großen Ballungszentren und Prestigetheater: Abgesehen vom „Feigenblatt“ des Schauspiels Hannover und dem aktuellen Theatertreffen-Liebling Stuttgart gehen in diesem Jahr alle Einladungen nach Berlin, München, Hamburg und Wien. Der deutsche Osten ist ebenso wenig vertreten wie die gesamte Schweiz. Immerhin, so Jurorin Barbara Burghardt, habe man zwei Dresdner Inszenierungen diskutiert und noch weitere aus den „Neuen Ländern“ gesehen. Na, da darf man ja beruhigt sein.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

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Dirigent des Nichts

Bertolt Brecht: Baal, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

„Baal ist“, „Baal hat“, „Baal will“: Kaum ist das Saallicht erloschen, erfahren wir, wer dieser Baal, von dem Brecht in seinem Frühwerk erzählt sei. Der das erzählt ist ein schwitzender Clown mit weißer Schminke im Harlekinskostüm. Christoph Franken spielt, nein, im besten Sinne verkörpert ihn, der nun Baal sein soll. Die Videowand zeigt Publikumsbilder, Tabea Bettin bringt die Zuschauer Per Handykamera live auf den Schirm, während unten Baals Auftritt zunächst bejubelt und dann angewidert verurteilt wird. Hier, so ist schnell klar, wir nicht gefressen, gehurt und gemordet, hier wird Theater gespielt. Die Darsteller sind grell, zunehmend grotesk geschminkte Mimen in lustigen, meist in Schwarz, Weiß und Rot gehaltenen Kostümen von unterschiedlichem Abstraktionsgrad, die gestelzt agieren und gekünstelt sprechen. Baal beginnt auf einer Soiree und hat einen seiner Höhepunkte in einem Nachtcafé, heute würde wir es wohl Varieté oder Kabarett nennen. Bei Regisseur Stefan Pucher verlässt das stück nie diesen Raum, ist alles Spiel, Show, Komödie.

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

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Und es bewegt sich doch

Bertolt Brecht: Leben des Galilei, Maxim Gorki Theater Berlin / Staatsschauspiel Dresden (Regie: Armin Petras)

Von Sascha Krieger

Langsam stetig schwingt das riesige Pendel hin und her, von links nach rechts und wieder zurück. Unaufhörlich, unaufhaltsam. Und kommt doch irgendwann zum Stehen, bevor es erneut seine ebenso ruhe- wie endlose Bewegung aufnimmt. Eine an einem Seil schwingende Kugel dominiert das den ganz in weiß gehaltenen, hermetisch abgeschlossen erscheinenden Bühnenkubus des Künstlers Carsten Nicolai. Wie ein riesiges Metronom gibt es den Takt an, registriert den Pulsschlag menschlichen Strebens und kommt nur bei dessen Aufgabe zum Halt. Stoppen lässt es sich aber nicht. Bertolt Brecht feiert in Leben des Galilei das menschliche Streben nach Fortschritt, ohne die Risiken eben dieses Fortschritts zu leugnen, aber stets mit dem erhobenen Zeigefinger des Lehrstücks. Bei Armin Petras bleibt der Zeigefinger unten, stattdessen feiert er ein wildes Theaterfest zwischen optimistischer Überzeugung, dass der Mensch das Voranschreiten nicht verlernt hat und wahnwitziger Parodien auf die Deformation des Menschen durch Macht, Hybris, Eitelkeit – oder alles auf einmal.

Foto: Matthias Horn

Foto: Matthias Horn

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