Archiv der Kategorie: Bertolt Brecht

Der Zeitvertreiber

Der Lebenslauf des Boxers Samson-Körner. Erzählt von ihm selber, aufgeschrieben von Bertolt Brecht, Berliner Ensemble (Kleines Haus) (Regie: Dennis Krauß)

Von Sascha Krieger

Leicht ist es nicht, sich in der Berliner Theaterszene abzuheben, sein eigenes Profil zu finden, seinen, wie man es heute nennt, Markenkern zu finden. Das Berliner Ensemble tut sich seit seinem Neustart unter Intendant Oliver Reese nicht ganz leicht damit. Autorentheater will es sein und verschmäht doch zumindest die deutschsprachige Gegenwartsdramatik zu großen Teilen. Die Zusammenarbeit mit Moritz Rinke etwa wurde beendet, bevor sie ein Ergebnis gezeitigt hatte – Rinke bringt sein neues Stück jetzt nebenan am Deutschen Theater heraus. Überhaupt das DT: Nicht nur Reese kommt von dort, auch sein Hausregisseur Michael Thalheimer war dort schon in gleicher Funktion, und das Autorentheater hat sich Hausherr Ulrich Khuon auch schon mit den Autorentheatrtagen reklamiert. Trotz so mancher starker Inszenierung: Eine eigene Handschrift ist bislang kaum erkennbar. Mit einer klitzekleinen Ausnahme: Das BE ist derzeit in Berlin der Ort für Einpersonenstüpcke. Drei hat Reese übernommen, zwei vom eigenen Frankfurter Haus, eines aus Wien, eines kam neu hinzu. Bettina Hoppe, Stefanie Reinsperger, Stefanie Eidt und Nico Holonics (er mit seiner Blechtrommel gar auf der großen Bühne) durften bereits ran – jetzt ist Oliver Kraushaar an der Reihe. Und wie es sich für das BE gehört,  mit Brecht. Zumindest irgendwie.

Bild: Matthias Horn

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Alles Theater?

Von/nach Bertolt Brecht: Trommeln in der Nacht, Münchner Kammerspiele (Regie: Christopher Rüping)

Von Sascha Krieger

Eigentlich ein schöne Geschichte: Als erstes Stück Bertolt Brechts erblickte Trommeln in der Nacht im Jahr 1922 das Bühnenlicht – an den Münchner Kammerspielen. Einige Wochen später war es erstmals in Berlin zu sehen – am Deutschen Theater. Christopher Rüpings Münchner Inszenierung schließt jetzt beide Kreise: Herausgebracht an den Kammerspielen erlebt sie ihr Theatertreffen-Gastspiel an dem Ort, an dem Brechts Theater zum ersten Mal in Berlin zu sehen war. Das ist keine Vorgeschichte, sondern bereits der Kern den Abends. Nils Kahnwald erzählt die Geschichte, ein gelangweilter Conférencier, in einen von der Decke hängendes Mikrofon sprechend. Ein Die-Vergangenheit-Herbei-Erzähler. Und während er so spricht und die Uraufführungsinszenierung beschreibt ersteht das Bühnenbild, von dem er gerade berichtete, bauen Bühnenarbeiter*innen eine angedeutete Wohnzimmeridylle auf, dahinter expressionistisch verzerrte Großstadt-Silhouetten aus Pappe, darüber der berühmte rote Mond. Das Theater als Zeitmaschine, die flüchtigste aller Kunstformen als Instrument der Erinnerung, der Bewahrung des längst Vergangenen.

Bild: Julian Baumann

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Zurück ins Schneckenhaus

Zur Auswahl des Theatertreffens 2018

Von Sascha Krieger

Was war das für ein Theatertreffen-Jahrgang 2017. Starke, richtungweisende Regiekonzepte, radikale Ästhetiken, Rahmen sprengende Erzählweisen, theatrale Grenzgänge und -erfahrungen. Eine Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters ohne Scheuklappen, die nach vorne wies und in die Welt hinaus. Internationale Arbeiten waren dabei, große wie kleine Häuser, reihenweise Neulinge, ein atemberaubendes Spektrum theatraler Ausdrucksformen. Die Latte lag hoch für die diesjährige Jury. Würde sie dort anknüpfen, wohin sie das Theatertreffen, das in der Vergangenheit viel zu oft Nabelschau der großen Bühnen und Namen war, Hort des Staats- und Stadttheaters, Besitzstandswahrer der Subventionskönige? Nicht selten ist es im Leben so, dass auf zwei Schritte nach vorn einer zurück folgt, doch so brutal, wie die diesjährige Jury das Theatertreffen-Vehikel an die Wand fuhr, stockt dem eigentlich geneigten Beobachter der Atem. Wo ist der Geist des Aufbruchs, die Neugier, die Experimentierfreude, welche die letztjährige Auswahl auszeichnete?

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Die Jury des Theatertreffens 2018 (Bild: Iko Freese / drama-berlin.de)

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Blutende Welt

Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, Berliner Ensemble (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

Neuanfang: Der erste Brecht am „neuen“ Berliner Ensemble und ein Neustart auch für Michael Thalheimer in Berlin. Er, der sich einst als Hausregisseur am benachbarten DT anschickte, die Theaterwelt aufzumischen. Nun ist er nach einigen Jahren im Schaubühnen-„Exil“ seinem alten Mitstreiter Oliver Reese ans BE gefolgt und erhält gleich die immense Aufgabe, sich als erster dem Hausheiligen Bertolt Brecht zu widmen. Er fängt dabei, so scheint es die Bühne anzudeuten, bei Null an. Denn diese ist leer (womöglich nicht ganz freiwillig, wie Esther Slevogt auf nachtkritik.de vermutet), frei geräumt von allem Ballast des Vorherigen, bereit für eine neue, unbelastete Annäherung an den ganz und gar politischen, dediziert antikapitalistischen Brecht. Ausgerechnet der kaukasische Kreidekreis die Sozialismus-Parable anhand einer Magd, die ein zurückgelassenes Herrscher-Baby rettet und aufzieht und am Ende selbiges zugesprochen bekommt. Dramaturg Bernd Stegemann schwadroniert darüber im Programmheft in schönster markistischer Ideologieseligkeit. Damit, so mag sich Thalheimer gesagt haben, wäre das offenkundig Politische dann auch erledigt, sodass er sich mit dem beschäftigt, was er für den Kern der Geschichte hält: den Platz von Liebe und Güte in einer kalten, feindseligen Welt, in der jeder nur den eigenen Vorteil sieht und von der es ziemlich egal ist, ob sie sich kapitalistisch oder sonstwie verkleidet.

Bild: Matthias Horn

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Der Störenfried als Exponat

Bertolt Brecht: Baal, Berliner Ensemble (Probebühne), Berlin (Regie: Sebastian Sommer)

Von Sascha Krieger

Einmal noch Brecht. Weil es ja sein muss an diesem Haus, das der Dramatiker aus Augsburg einst gründete, das ihm ein Denkmal vor dem Haupteinang gebaut hat, das bis heute mit seinem Konterfei wirbt. Bertolt Brecht ist der Schlüssel zum Selbstverständnis dieses Theaters, sein gemeinsamer Nenner, zuweilen auch sein Feigenblatt. Das war immer so, auch in den 18 Jahren Intendanz von Claus Peymann. Brecht hielt auch dieser Hausherr stets hoch, auch wenn er dessen Stücke meist anderen überließ. Manfred Karge zum Beispiel oder Philip Tiedemann. Auch die Regie-Großmeister Leander Haußmann und sogar Robert Wilson durften mal ran. Das galt auch für den Nachwuchs: Sebastian Sommer kommt der Position des Nachwuchsregisseurs an diesem nicht gerade dem Jugendwahn verfallenen Haus wohl a nächsten und ihm gebührt nun die Ehre, den Brecht-Rausschmeißer der Ära Peymann zu geben. Kein verstaubtes Leerstück soll es sein, Lieblingsstücke wie die Dreigroschenoper  oder die Mutter Courage waren schon vergriffen. Also darf der „Junge“ etwas vom jungen, durchaus wilden Brecht inszenieren. Den Baal, diese expressionistische Tour de Force, über die sich vor noch nicht allzu langer Zeit Frank Castorf – auch er ein Abschied nehmender, der womöglich bald an diesem Hause inszenieren wird? – mit den Brecht-Erben anlegte.

Bild: Barbara Braun

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Das Chaos und das Nichts

Nach Bertolt Brecht: Dickicht, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Sebastian Baumgarten)

Von Sascha Krieger

Das „Dickicht der Städte“: In Sebastian Baumgartens Inszenierung wirkt es kaum wie ein Ort, in dem man sich verlieren könnte, vor dem man Angst haben müsste. Robert Lippoks Bühne besteht aus ein paar Miniatur-Wohnblocks, wohlgeordnete Menschen-Silos, kein Dschungel, sondern die anonyme, gleichmachende Ordnung moderner Großstadt-Architektur. Hunderte Wohneinheiten, Lebensräume glitzern freundlich. Doch dann, aus der Dunkelheit, treten schwarzgekleidete Gestalten, urbane Überlebenskämpfer, die sich in Worten aus Bertolt-Brechts Städtebewohner-Handbuch zuflüsteren, die Spuren zu verwischen. Unsichtbarkeit ist das Überlebensgeheimnis. Und so bleiben sie über weitere Strecken unsichtbar, die acht Spielerinnen, die sich im Bühnenhintergrunsversammeln. Über ihnen beginnt eine Leinwand Brechts frühe, rätselhaft-expressionistische Kampfparabel – die gar keine Parabel sein mag – Im Dickicht der Städte zu erzählen. In greller Überzeichnung erinnern die Filmszenen mal an expressionistische Stummfilme, mal an Gangsterstreifen der Noir-Tradition, später kommt eine gehörige Prise Horrorgenre hinzu.

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Bild: Esra Rotthoff

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Leerstück mit Untoten

Bertolt Brecht: Untergang des Egoisten Johann Fatzer, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Tom Kühnel, Jürgen Kuttner)

Von Sascha Krieger

Natürlich ist der Fatzer unaufführbar. Das wusste schon sein Autor, weshalb Bertolt Brecht, den Plan, aus der 400-seitigen Materialsammlung ein Theaterstück zu machen, irgendwann aufgab. So bleiben unzählige Seiten Papier und nur einige wenige ausgearbeitete Szenen. Und natürlich wurde der Versuch, den Stoff theatertauglich zu machen, trotzdem immer wieder unternommen, am einflussreichsten sicher durch Heiner Müller, bei dem die Gleichzeitigkeit von Theater und seiner Verweigerung zu so etwas wie seinem Markenzeichen wurde. Und natürlich kennen auch Tom Kühnel und Jürgen Kuttner das Dilemma, wenn sie den Fatzer jetzt auf die DT-Bühne hieven. Das ist durchaus logisch, schließlich sieht sich das Duo als Text- und Stoffhinterfrager, nimmt die Reflexion über das, was sie da tun stets einen wichtigen Platz in ihren Arbeiten ein. Beim Fatzer ist die Dekonstruktion des Materials als Untersuchungsobjekt zum Grundprinzip, die Bühne der Kammerspiele zum Labor, in dem der Textkörper seziert und auf Lebenszeichen hin abgeklopft wird.

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Bild: Arno Declair

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Abends im Museum

Bertolt Brecht: Die Gewehre der Frau Carrar, Berliner Ensemble (Probebühne), Berlin (Regie: Manfred Karge)

Von Sascha Krieger

Man wirft den Brecht-Erben ja gern vor, ihr Ziel sei es, Autor und Werke zu konservieren und nur quasi museale Interpretationen zuzulassen. Solche, wie man sie zuweilen dem Berliner Ensemble nachsagt, dem Haus, das Brecht gründete und Helene Weigel nach seinem Tod weiterführte und das sich heute als theatrale Heimat des gebürtigen Augsburgers versteht.  Wenn Manfred Karge nun Brechts Drama über den spanischen Bürgerkrieg Die Gewehre der Frau Carrar – einst uraufgeführt mit der Weigel in der Titelrolle – auf der Probebühne inszeniert, scheint er die Kritik schon vorwegnehmen zu wollen. Karge (einst selbst von Wiegel engagiert) entführt das Publikum in ein Museum. Eine Reisegruppe steht vor Pablo Picassos Guernica und erzählt vom Bürgerkrieg und von Brechts Stück. Dann fällt der Vorhang und in der bühnenfüllenden Wand erscheint eine quaderförmige Öffnung als Spielfläche (Bühne: Manfred Karge). Wie ein Gemälde im Museum.

Foto: Thomas Eichhorn

Foto: Thomas Eichhorn

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Klamauk und Dosenbier

Bertolt Brecht: Der gute Mensch von Sezuan, Berliner Ensemble (Regie: Leander Haußmann)

Von Sascha Krieger

Vielleicht war Leander Haußmann vor zwei, drei Jahren mit Claus Peymann eine Hose kaufen und dann mit ihm essen, vielleicht waren es auch nur ein paar Gläser Wein in der BE-Kantine. Am Ende stand dann womöglich ein Deal: Peymann gibt Haußmann seine Bühne, um mit zwei Klassikerinszenierungen seiner auf Eis liegenden – und mit seinem Volksbühnen-Rosmersholm  alles andere als reanimierten – Theaterkarriere neues Leben einzuhauchen, danach muss er ein Stück des nicht immer so ganz guten Hausgeistes Brecht machen. Vielleicht legte der große Provokateur und Unruhestifter Peymann auch gleich das Stück fest. Das ist natürlich pure Spekulation, doch lädt der Abend eben zu solcherlei Sinnieren ein. Irgendetwas muss der mehr oder weniger geneigte Rezensent während der bald vier Stunden ja tun – das Geschehen auf der Bühne gibt die Antwort, warum Haußmann sich uns und ihm selbst dieses Stück antut, jedenfalls nicht. Natürlich lässt sich argumentieren, dass die Parabel von der guten Shen Te, die zwischen Moralheuchelei und brutaler Kapitalismus-Mechanik zerrieben wird und nur überleben kann, wenn sie ihrem guten Ich ein böses – also kapitalistisches – Alter Ego hinzufügt, in Zeiten linker Wahlsiege in Griechenland und anderswo und eines US-Präsidentschaftskandidaten, der Rekordmassen anzieht, gerade weil er sich offen als Sozialist bezeichnet, auf den Zeitgeist trifft. Und doch ist Brechts simples Gut-Böse-schema irgendwie aus der Zeit gefallen. Den Kapitalismus nach über sechszig Jahren sozialer Marktwirtschaft als nur böse zu interpretieren, greift denn wohl ein wenig kurz.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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Schweine und Windmühlen

Theatertreffen 2015 – Bertolt Brecht: Baal, Residenztheater München (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Draußen versteigert das TT-Blog die letzte Karte im Namen der Werktreue und zugunsten der Brecht-Erben – von denen in Person von Brecht-Enkelin Johanna Schall sogar eine anwesend ist –, eine Frau fordert per Schild den Erhalt der Volksbühne, die Intendanten der Hauptstadttheater sind da und die Presse sowieso: Nein, dieser Premierenabend, der auch der letzte Akt des diesjährigen Theatertreffens ist, ist kein gewöhnlicher. Frank Castorfs Münchner Baal-Inszenierung wird gezeigt und beschert dem Festival noch mehr Aufmerksamkeit als gewöhnlich, befand sich der Regisseur zuletzt doch im Brennpunkt der zwei wohl leidenschaftlichsten Debatten der deutschen Kulturpolitik zurzeit: Da ist zum einen die um seine Nachfolge an der Volksbühne, die längst zu einer Diskussion über die Zukunft des deutschsprachigen Stadt- und Staatstheaters geworden ist, und zum anderen jene um das Urheberrecht, entbrannt am Rechtsstreit um eben diese hier gezeigte Inszenierung, für die sich deshalb auch zum letzten Mal der Vorhang öffnet. Natürlich hat das Ensemble den einen oder anderen Hinweis eingestreut in die Inszenierung, werden etwa Fremdtexte auf die Bühne geschleppt, worauf hin Bibiana Beglau moniert: „Wegen so einem Scheiß sind wir jetzt verboten!“ Das wird mit reichlich Szenenapplaus goutiert, der nicht zu vergleichen ist mit dem Jubel, der Castorf beim Schlussapplaus empfängt. Am Ende dieses sich so politisch gebenden Theatertreffens ist auch das als Statement zu verstehen.

Foto: Thomas Aurin

Foto: Thomas Aurin

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