Archiv der Kategorie: Berliner Philharmoniker

Weltumfassend

Andris Nelsons dirigiert Mahlers Zweite Symphonie bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Gut, beginnen wir mit Gustav Mahlers berühmtester und, ja, viel zu oft zitierter Aussage: „Aber Symphonie heißt mir eben: mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen.“ Über die Zweite, dieses 90-minütige Monumentalwerk mit zwei (!) Vokalsätzen, zu sprechen, ohne dieses Diktum im Ohr zu haben, scheint unmöglich. Und für Andris Nelsons gilt das auch auch, wenn es darum geht, es zu dirigieren. Kaum ein anderes Werk gibt sich so weltumfassend, so kosmisch, so alle Fragen menschlicher Existenz stellend wie die c-Moll-Symphonie, die man auch „Auferstehung“ nennt, inspiriert von den von Mahler ergänzten Klopstock-Versen am Ende des mehr als halbstündigen Finalsatzes. Zu Gott geht es da, zu einer Vision von Urgrund, von Quelle, von Fundament, von Sinngebung – nach einem langen, hartem, schmerzvollen Kampf mit den Untiefen von Schmerz, Sehnsucht, Tod, Vergänglichkeit.

Andris Nelsons dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Musik, die Leben rettet

Gustavo Dudamel dirigiert Bernsteins erste und Schostakowitschs fünfte Symphonie bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Manchmal fällt es dem dauerskeptischen Konzertgänger und stirnrunzelnden Kritiker leicht zu vergessen, was ihn einst in den Konzertsaal zog. Da doziert er (mal mehr, meist weniger) schlau über Klangbilder und Interpretationsansätze, bemäntelt sein seltenes schwelgen in pseudo-objektiver Überlegenheitslyrik und freut sich darüber, wenn er das Konzept eines Dirigenten (es sind ja doch fast immer noch Männer) zu durchdringen oder – besser noch – seine Ideenlosigkeit zu entlarven glaubt. Und dann sitzt er bequem mit wissender Miene in dem Zuschauerstuhl und weiß nicht, wie ihm geschieht. weil das, was er hört, ihn mit einer Unmittelbarkeit anfasst, von der er sich nur vage erinnern konnte, dass die Erwartung einer solchen ihn einst in Säle wie diesen geführt hat. Dabei deutet sich diese Art der Erfahrung vor der Pause bestenfalls an. Leonard Bernsteins Jeremiah  betitelte erste Symphonie steht auf dem Programm, ein Werk, das sich – wie Bernsteins gesamte Symphonik – mit dem menschlichen Ringen um den Glauben befasst.

Dudamel-Gustavo_(c)_Adam Latham

Gustavo Dudamel (Bild: Adam Latham)

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Ansteckungsgefahr

Gustavo Dudamel dirigiert Mahlers fünfte Symphonie bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Leonard Bernstein wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Anlass genug, sein zwischen den musikalischen Welten wanderndes, gerade in Deutschland mit seiner U- und E-Obsession lange schwer verdautes Oeuvre wieder auf die Konzertpodien und Bühnen dieser Welt zu bringen – von denen es fairerweise nie verschwunden war. Und weil Bernstein nicht nur ein wichtiger Komponist, sondern auch ein vielleicht noch bedeutenderer Dirigent war, zweifellos einer der einflussreichsten des vergangenen Jahrhunderts, ergibt das Programm, das sich Gustavo Dudamel für die erste von zwei Konzertserien mit den Berliner Philharmonikern – mit denen er auch sogleich auf Tour gehen wird – ausgesucht hat, jede Art von Sinn. Bernsteins dem 100. (!) Jubiläum des Boston Symphony Orchestra gewidmetes Divertimento paart er mit Gustav Mahlers fünfter Symphonie. Bernstein war es, der Zeit seines Lebens Partei für Mahler ergriff, ohne ihn hätte es dessen Wiederentdeckung vermutlich nie gegeben, ohne ihn wäre die Musik des kosmischten aller Komponisten heute nicht Kernrepertoire in allen Konzertsälen unserer Welt. Bernstein gilt bis heute als führender Mahler-Interpret – dass der Venezolaner das auch gern täte, ist auch an diesem Abend zu spüren.

Gustavo Dudamel dirigiert Mahlers fünfte Symphonie (Bild: Stephan Rabold)

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Just like Johnny Cash

Paavo Järvi dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Werken von Brahms und Lutosławski

Von Sascha Krieger

Es gibt Dirigenten, bei denen es schwer ist, unter all der Show die Substanz zu entdecken. Es gibt die Sachlichen, Trockenen, die ernsthaften Partiturarbeiter, bei denen unter lauter Tiefenschürfen die Freude an der Musik zu verschwinden droht. Es gibt solche, die mit großer Gestik auf den maximalen Effekt zielen und jene, die tief schürfen, analysieren, die Partitur zum Forschungsobjekt machen und den Konzertsaal zum Labor. Und dann gibt es Paavo Järvi. Der Este ist einer, der zum Punkt kommt, nicht lange fackelt, für den Effekt und Analyse einander bedingen, ein Wirkungsdirigent, der in der Partitur gräbt, und für den es nur eines nicht gibt: alles, was keine musikalische Funktion erfüllt. Ein „no-bullshit conductor“, könnte man im für solche nicht beleidigende Direktheit besser geeigneten Englisch sagen. Und nein, „Bullshit“ gibt es an diesem Abend mit den Berliner Philharmonikern nicht zu hören. Keine zwei Stunden, das mittlerweile fast obligatorische Limit, dauert er. Dann ist alles gesagt. „When my song’s done, it’s done“, hat Johnny Cash einmal gesagt. Paavo Järvi, der Johnny Cash unter den Dirigenten? Ja, vielleicht auch das.

Paavo Järvi (Bild: Julia Bayer)

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Das Versprechen des Kirill Petrenko

Saisoneröffnung der Berliner Philharmoniker mit ihrem zukünftigen Chefdirigenten Kirill Petrenko und Werken von Strauss und Beethoven

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist es eine eigentümliche Phase, die jetzt bei den Berliner Philharmonikern beginnt. Eine Zwischenzeit, ein Jahr ohne Chefdirigenten. Das gab es bei dem selbstverwalteten Orchester zuleltzt nach dem plötzlichen Tod Herbert von Karajans im Jahr 1989. Doch vieles ist anders jetzt. Der Nachfolger Sir Simon Rattles, der 18 Jahre lang das Orchester in die Stadt und die Welt trug und mit unverbrüchlicher Neugier die Musiker herausforderte, das Publikum begeisterte und zuweilen auch spaltete, steht längst fest. Kirill Petrenko wird in einem Jahr übernehmen, eine Zeit, die er sich ausbedungen hatte, um seine Verpflichtungen mit dem geliebten Bayerischen Staatsorchester zu erfüllen. Ein Dirigent, der nichts halberherzig tut, soll er sein. Auch daran ist nach seinem Saisoneröffnungskonzert kein Zweifel. Auch weil er klar anzeigt, dass die Ära Petrenko jetzt beginnt: Er eröffnet die Spielzeit, er nimmt das Orchester gleich auf seine erste Tournee, er nimmt die Verantwortung an. Und am Ende dieses Abends ist wohl jeden im Saal klar: Die Wahl Petrenkos, so schwierig sie einst gewesen sein mag, war die richtige Wahl. Eine neue Zeit beginnt jetzt und im September 2019. Und die Chance, dass es eine großartige sein wird, stehen äußerst gut.

Kirill Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker beim Saisoneröffnungskonzert 2018 (Bild: Monika Rittershaus)

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Der Kreis schließt sich

Sir Simon Rattle dirigiert sein letztes Konzertprogramm als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker in der Philharmonie

Von Sascha Krieger

Am Ende stellt er sich noch einmal. Das Orchester hat die Bühne verlassen, einige stehen noch an den Ausgängen herum, um ihren „Chef“ nicht ganz allein zu lassen. Das Publikum ist auf den Füßen, ein letztes Mal. Der weißhaarige Lockenkopf greift zum Mikrofon, bedankt sich bei „meinem Berliner Publikum“ und geht. Das letzte Konzertprogramm als Chefdirigent in dem Haus, das 16 Jahre lang „seines“ war, ist dirigiert. Jetzt folgt noch das Waldbühnenkonzert samt öffentlicher Generalprobe am Vortag, dann ist es vorbei, der Marathon zum Abschluss samt letzter Tournee – fast schien es, als wollte er nicht loslassen – geschafft. Andere sollen Bilanz ziehen, was von der Ära Rattle – immerhin die viertlängste der Orchestergeschichte – bleiben wird. Der geschätzte Kollege Frederik Hanssen etwa hat das in einem lesenswerten Essay, abgedruckt in den letzten zwei Programmheften, getan. Rattle selbst lässt noch einmal die Musik sprechen.

Sir Simon Rattle (Bild: Stephan Rabold)

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Musik der Gegenwart – Gegenwart der Musik

Sir Simon Rattle, Krystian Zimerman und die Berliner Philharmoniker mit einem Reigen zeitgenössischer Musik

Von Sascha Krieger

Wenn im Programmheft eines „normalen“ Symphoniekonzerts neben dem üblichen Text zur Musik des Abends ein Essay zu Bilanz einer Chefdirigenten-Dienstzeit abgedruckt ist, dann weiß der geneigte Konzertbesucher: das ende ist nah. Die Ära Sir Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern befindet sich nicht mehr nur auf der Zielgeraden, der finale Zielsprint hat längst begonnen. Allerorten wird Bilanz gezogen und so gibt es nach dem letzten Konzert von Rattles vorletztem Programm noch eine besondere seiner „Late Nights“, ein Dankeschön vieler Mitstreiter*innen. Und auch seine Programme zum Abschied haben Bilanzcharakter: Zuletzt verschränkte er Kernrepertoire (Bruckner, Brahms) mit Musik des 20. Jahrhunderts und Uraufführungen – Miniaturversionen seines Schwerpunkts als Chefdirigent. Und für alle, für die sein Fokus auf zeitgenössischer Musik vielleicht immer noch nicht klar genug war, widmet er ihr jetzt noch einen eigenen Abend, der sich klar auf die noch nicht überall kanonisierte Phase ab der Hälfte des letzten Jahrhunderts konzentrierte – das älteste Werk stammt von 1949. Und noch etwas Rattle-Typisches betont der Abend: Der längst zum Ritter geschlagene hatte nie Scheu vor der „Massenkultur“, dem Populären.

Die Berliner Philharmoniker und sir Simon Rattle in der Philharmonie (Bild: Stephan Rabold)

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Mit feiner Klinge und Holzhammer

Die Berliner Philharmoniker und ihr scheidender Chefdirigent Sir Simon Rattle gehen mit Brahms, Lutosławski und Widmann auf die Schlussgeraden

Von Sascha Krieger

Vier Wochen noch. Das heißt: vier Konzertprogramme in der Philharmonie, eine letzte Tournee, dazu der Spielzeitabschluss in Waldbühne, in diesem Jahr mit öffentlicher Generalprobe – dann ist Schluss.  Dann sind sie vorbei, die 16 Jahre Sir Simon Rattles als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, die immer viertlängste Amtszeit der Orchestergeschichte (hinter Karajan, Nikisch und Furtwängler). Zum Abschied sage man, so behauptet es der wiener, leise Servus. Das war Rattles Sache nie. Und so klotzt er noch einmal und macht auch programmatisch klar, wofür seine Ära stand. Exemplarisch daher auch die Zusammenstellung des Programms: ein werk des Kernrepertoires, Johannes Brahm, die erste Symphonie), Musik des 20. Jahrhunderts (Witold Lutosławskis Dritte) und Uraufführungen (ein neues Werk Jörk Widmanns). 16 Jahre Rattle in zwei Stunden.

Sir Simon Rattle (Bild: Stephan Rabold)

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Wenn Musik entsteht

Der designierte Chefdirigent Kirill Petrenko und Yuja Wang zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Alles auf Abschied bei den Berliner Philharmonikern: In zwei Monaten endet die 18-jährige Amtszeit von Chefdirigent Sir Simon Rattle, der im Mai und Juni noch einen fulminanten Konzert Schlussspurt hinlegen wird. Aber weil jedem Ende bekanntlich ein Anfang innewohnt, schaut vorher kurz die Zukunft vorbei: Kirill Petrenko, der Sir Simon 2019 nach einer Übergangsspielzeit ohne Chefdirigenten beerben wird, gibt sein einiges Gastspiel 2017/2018 mit einem Programm, dass wie all seine raren Auftritte seit der Wahl vor drei Jahren nach programmatischen Hinweisen abgeklopft wird. Und tatsächlich bietet er auch jetzt ein paar Schlussfolgerungen an: Zum einen weist die Mischung aus je einem deutschen, französischen und russischen Komponisten daraufhin, dass der Schwerpunkt seiner Amtszeit nicht weit außerhalb der das Kernrepertoire des Orchestern ausmachenden Musiktraditionen liegen dürfte. Allerdings zeigt er auch, dass er bereit ist, innerhalb dieser jenseits der großen und kanonisierten Werke nach Schätzen zu suchen. Mit Paul Dukas‘ „Poème dansé“ La Péri und Franz Schmidts vierter Symphonie bildeten zwei Werke das Rückgrat des Abends, die man auf Konzertprogrammen eher selten findet. Ersteres war 1961 zuletzt bei den Philharmonikern zu hören, letzteres 1960.

Kirill Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Musik, die lebt

Mariss Jansons und Daniil Trifonov mit Werken von Schumann und Bruckner zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Mariss Jansons mag einer der meisten gefeierten Dirigenten der Gegenwart sein, einer, der das Rampenlicht, die Aufmerksamkeit sucht, ist der Lette nicht. Dabei hätte er gerade allen Grund dazu: Nicht nur gilt er als der besten seiner Zunft, hat von ihm geleitete Klangkörper – allen voran das Royal Concertgebouw Orchestra und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks – in ungeahnte neue Höhen geführt, der bescheidene Maestro wurde vor wenigen Tagen 75 Jahre alt und gerade mit der Ehrenmitgliedschaft der Berliner Philharmoniker. Doch Jansons ist keiner, der sich im Mittelpunkt stehend gefällt. Dorthin gehören für ihn andere. An diesem Abend zum Beispiel Daniil Trifonov. Der 26-Jährige gilt bereits als der große neue Tastenstar. Nicht zu unrecht: Der Russe ist ein begnadeter Virtuose und einer der leidenschaftlichsten Pianisten unserer Zeit. Technische Perfektion paart er mit Mut zu emotionalem, ausdrucksstarken Speil, und es gelingt ihm auch bei den schwersten Werken, beide Aspekte kongenial miteinander zu verknüpfen.

Bild: Bayerischer Rundfunk

Mariss Jansons (Bild: Bayerischer Rundfunk)

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