Archiv der Kategorie: Berliner Philharmoniker

Am Rand

Sir Simon Rattle, Jonathan Kelly und die Berliner Philharmoniker mit Werken von Richard Strauss und Ludwig van Beethoven

Von Sascha Krieger

Das Schöne an Jubiläumsjahren ist, dass man auch einmal Werke zu Gehör bekommt, um die Dirigent*innen wie Orchester meist einen Bogen machen. Ludwig van Beethovens Oratorium Christus am Ölberge ist eines dieser Werke, das nun im Beethoven-Jahr mal wieder auf Spielplänen auftaucht. Die Berliner Philharminiker haben es in ihrer Geschichte nur einmal gespielt, im Jahr 1970. Nun erbarmt sich Ex-Chefdirigent Sir Simon Rattle und führt das frühe Werk gemeinsam mit dem Rundfunkchor Berlin auf. Und siehe da: es langweilt nicht. Das liegt vor allem am Einsatz der Beteiligten: Rattle pumpt sein Ex-Orchester voll mit Energie. Jede dynamische Wendung, jeder Tempiwechsel, jede rhythmische Nuance ist klar ausgestellt, ohne effekthascherisch zu wirken, vielmehr arbeitet Rattle das Grundprinzip des auf dramatischen Kontrasten aufgebauten werkes klar heraus. Das gibt ihm Lebendigkeit und betont seine Anklänge an die Oper (theamatisch und motivisch bedient sich Beethoven ja auch vor allem bei Mozarts Musikdramatik).

Jonathan Kelly, Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker (Bild. Monika Rittershaus)

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Auflösung und Neuanfang

Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker spielen Mahlers sechste Symphonie

Von Sascha Krieger

Man kann Kirill Petrenko, seit dieser Spielzeit Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, wahrlich nicht vorwerfen, sich dem Erbe „seines“ Orchesters nicht zu stellen. Die Werke Gustav Mahlers gehören spätestens seit der Amtszeit Claudio Abbados zum Kern des Klangkörpers. Abbado, einer der größten Mahler-Dirigenten überhaupt, hat das Orchester auch zu einem der besten Interpreten des Spätromantikers geformt, und sein Nachfolger Sir Simon Rattle versuchte sein möglichstes, die Tradition fortsusetzen: Nicht nur bildete sein großer Mahler-Zyklus so etwas wie das Herzstück seiner Amtszeit, er gab einst seinen Einstand mit Mahlers Sechster und verabschiedete sich mit eben diesem Werk auch als „Chef“. Wenn Petrenko nun ausgerechnet dieses Werk in seiner Debüt-Saison auf den Spielplan hievt und damit seinen Mahler-Einstieg als Chefdirigent gibt, ist das sicher kein Zufall, sondern sagt: Ich führe die Tradition fort und scheue den Vergleich mit meinen Vorgängern nicht. Ein durchaus mutiger Schritt, der dem Selbstbewusstsein eines Dirigenten entspricht, der das vielleicht beste Orchester der Welt über Jahre oder gar Jahrzehnte hinaus leiten will.

Kirill Petrenko (Bild: Monika Rittershaus)

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Lebensexplosion

Herbert Blomstedt und Leif Ove Andsnes mit Werken von Mozart und Bruckner zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Ein Abend in Es-Dur – und in rot-weiß-rot. Und ein nordischer: 92 Jahre alt ist Herbert Blomstedt mittlerweile, ein Alter, dass man dem ewig lächelnden Schweden nicht ansieht, vor allem dann nicht, wenn er mit der Energie eines viel Jüngeren seiner Leidenschaft nachgeht: seinen Teil zu leisten, das Besondere zu erzeugen, Musik, die Lebt, den Raum füllt, nachklingt. An seiner Seite diesmal ein Norweger, Leif Ove Andsnes, ein Pianist, bei dem man, hört man ihn, nie versteht, warum er nicht zu den medial hochgelobten Superstars seiner Zunft gehört. Wohl weil er, wie Blomstedt, auch ein Meister des Understatements ist. Er schwitzt und schüttelt und tanzt sich nicht durch die Tastatur, ihm ohne Ton zuzuschauen, muss zum Langweiligsten gehören, das man sich antun jkann. Aber was er seinem Instrument entlockt, ist atemberaubend – nicht in virtuoser Überwältigung, aber in analytischer Schärfe und intellektueller wie emotionaler Wirkung. Das gilt auch für Wolfgang Amadeus Mozarts Es-Dur-Klavierkonzert, das eigentlich wegen seiner Bedeutungsverschiebung der Holzbläser als musikgeschichtlicher Meilenstein gilt.

Herbert Blomstedt und Leif Ove Andsnes zu Gast bei den Berliner Philharmonikern (Bild: Frederike van der Straeten)

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Gipfeltreffen ohne Gipfel

Kirill Petrenko, Daniel Barenboim und die Berliner Philharmoniker mit Werken von Suk und Beethoven

Von Sascha Krieger

Es ist so etwas wie ein Gipfel-, ja, auch ein Generationentreffen der Berliner Philharmoniker. Am Pult steht der neue Chefdirigent Kirill Petrenko, Solist ist Daniel Barenboim, mehrfach schon im Gespräch für die Position, treuester Freund des Orchesters und immer wieder – zuletzt etwa zum Jahreswechsel 2018/19, als die Philharmoniker keinen „Chef“ hatten – ein Partner für Übergangsphasen. Und im Publikum sitzt Sir Simon Rattle, Petrenkos Vorgänger, einziger lebender Ex-Chefdirigent des Orchesters, und lauscht dem, was sein Nachfolger aus dem Orchester herauszuholen vermag. Besser lässt sich dessen Traditionsverständnis nicht symbolisieren: Der Stab wird weitergereicht, die Geschichte um neue Facetten bereichert, aber sie bleibt immer Teil der Gegenwart, inspiriert sie, treibt sie an. Und neue Facetten fügt Petrenko ohne Zweifel hinzu. Er hat sich auf die Fahnen geschrieben, auch halb vergessene Komponisten aufs Programm zu setzen, vermeintliche Vertreter aus der „zweiten Reihe“, Solitäre in ihrer Zeit. Wie etwa Josef Suk, den Schüler und Schwiegersohn Antonín Dvořáks, desen einstündige Asrael-Symphonie er jetzt dirigiert, den ersten Teil eines Symphonie-Zyklus, den Suk, sehr ungewöhnlich in der Musikgeschichte, als Ganzes verstand. Und Petrenko tut das vor einem Bruder im Geiste: Es war Rattle, der das Werk hier zuletzt dirigierte, 1992, in der ersten Phase seiner Amtszeit.

Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Im falschen Film

Kirill Petrenko dirigiert sein erstes Silvesterkonzert bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Nein, Schubladen mag der neue Chefdirigent der Berliner Philharmoniker nicht. Klar, ist der in Russland Geborene auch im Repertoire der Heimat seiner Vorfahren firm, doch ein Spezialist fürs „russische Fach“ will Kirill Petrenko nicht sein. Und so ist es sicher auch ein Statement, wenn er für sein erstes Silvesterkonzert in Berlin einen weg wählt, der wie der genaue Gegenentwurf zum vielleicht Erwartbaren wirkt. es war der Brite Sir Simon Rattle, der zum Jahreswechsel mit Slawischen und Ungarischen Tänzen gen Osten Blickte – Petrenko schaut in die Gegenrichtung und landet am Broadway – bei Gershwin, Bernstein, Weill, Rodgers oder Sondheim. Ein „leichtes“ Programm ist das dabei keineswegs – Petrenko geht die schwungvolle Kost mit der gleichen Akribie und Ernsthaftigkeit an wie jedes andere Werk. Nur dass das diesen Stücken nicht recht gut tun will. Das zeigt sich schon in der Ouvertüre von George Gershwins Girl Crazy. Mit unnachgiebiger Transparenz und unerbittlicher rhythmischer Strenge entwickelt er eine Schärfe in Klang und Rhythmus, die weniger zum Mit-Swingen animiert als dass sie zuweilen zu schmerzen vermag. Die Holzbläser schmeicheln, das Blech schreit, angenehmes Entertainment klingt anders.

Diana Damrau, Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker beim Silvesterkonzert 2019 (Bild: Monika Rittershaus)

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Wenn Tod und Leben sich die Hand reichen

Mit Verdis Requiem gibt Teodor Currentzis sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Bei den Berliner Philharmonikern debütieren zu dürfen ist für jede*n Dirigent*in etwas ganz Besonderes. Neben den Wiener Philharmonikern zählt das Orchester zum Höchsten, was sich erreichen lässt, wer hier am Pult steht, ist in der Spitzenklasse angekommen. Da ist es egal, wie sehr man vielleicht schon ein „Star“ sein mag – ohne ein Dirigat in der Philharmonie oder im Wiener Musikverein fehlt etwas. Ein Star ist Teodor Currentzis zweifellos. Der gebürtige Grieche hat sich in der russischen Provinz einen Namen gemacht, er gibt als extrovertierter Revolutionär, der – in Interpretation, Aufführungspraxis, auftreten – gern Dinge anders machen will als andere. Und der sich der Verantwortung, die Berliner Philharmoniker dirigieren zu dürfen, bei seinem Debüt durchaus bewusst ist. Die Stiefel mit den roten Schnürsenkeln bleiben denn auch zugunsten des schwarzen Lackschuhs im Schrank, die Musiker*innen dürfen sitzen, äußerlich passt sich Currentzis seinem Orchester an, nicht umgekehrt. Das ist auch ein Zeichen. Dafür, dass er diesen Einstand ernst nimmt – nicht dafür, dass er sich nicht treu bliebe.

Teodor Currentzis dirigiert Verdis Requiem bei den Berliner Philharmonikern (Bild: Stephan Rabold)

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Keine Ruhe

Zubin Mehta dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Bruckners achter Symphonie

Von Sascha Krieger

Allein physisch ist dieser Abend ein Kraftakt: 85 Minuten ist Bruckners Achte lang, übertroffen in der Gattungsgeschichte nur durch ein paar von Gustav Mahlers Werken. 83 Jahre alt ist Zubin Mehta mittlerweile, benötigt einen Stuhl zur Unterstützung, und doch lässt ihn die Liebe zu diesem Werk nicht los. Auch als das Orchester es vor sieben Jahren zum letzten Mal spielte, dirigierte das Ehrenmitglied der Berliner Philharmoniker. Es ist ein Liebes-, ein Seelenwerk für den in Bombay geborenen und das spürt man auch an diesem Abend in fast jedem Moment. Mehta dirigiert ohne Partitur, doch von Routine oder abgeklärter Glättung keine Spur. Stattdessen stürzt er sich mit einer Neugier in diesen musikalischen Ozean, die sein Alter Lügen zu strafen scheint. Erdig klingt das, die Füße ganz auf dem Boden verhaftet, die durchaus ins Universelle strebende Musik des gläubigen Katholiken Bruckner tief im Irdischen wurzelnd. Überraschend der raue Klang, der sich über die fast eineinhalb Stunden hält und der die vielen Verschiebungen von Registern, Klangbild und Ausdruck zusammenhält.

Zubin Mehta und die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Auf dem Boden der Tatsachen

Kirill Petrenko eröffnet seine Amtszeit als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker mit Beethovens Neunter – und Alban Berg

Von Sascha Krieger

Nein, das ist kein „normales“ Saisoneröffnungskonzert. Die Spannung ist mit den sprichwörtlichen Händen zu greifen und der versammelten Presse wird schon vor Beginn Sekt gereicht, vielleicht, um sie milder zu stimmen. Endlich ist der da, der neue Chefdirigent, vier Jahre nach seiner Wahl, eine neue Ära beginnt bei den Berliner Philharmonikern. Und auch wenn Kirill Petrenko als einer der bescheidensten Vertreter*innen seiner Zunft gilt – zum Antritt wagt auch er zu klotzen, nicht zu kleckern. Nicht weniger als Beethovens Neunte darf es sein, das universellste aller universellen Werke, das beste wie das schlechteste der Menschheit umfassend, wie Petrenko vor ein paar Monaten bei seiner Vorstellungspressekonferenz sinngemäß sagte. Doch er wäre nicht er, wenn er gleich mit der Tür ins Haus fiele und so beginnt der Abend widersprüchlicher, sperriger, herausfordernder, nämlich mit Alban Bergs Symphonischen Stücken aus der Oper Lulu, kein Material für stehende Ovationen oder Jubelchöre.

Kirill Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker beim Saisoneröffnungskonzert 2019/20 (Bild: Stephan Rabold)

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Der Lärm der Gegenwart

Andris Nelsons und Daniil Trifonov mit Werken von Skrjabin und Schostakowitsch zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Das ist ja noch einmal ein veritables Gipfeltreffen zum Ende der Philharmoniker-Spielzeit. Das letzte Konzertprogramm in der Philharmonie vor dem Beginn der Ära Petrenko (das Waldbühnen-Konzert läuft ja ein wenig außer Konkurrenz) glänzt zumindest mit Star-Power. Mit Daniil Trifonov ist nicht nur der diesjährige „Artist in Residence“ zu Gast, sondern ein Pianist, den manche, zumindest was die technischen Fähigkeiten betrifft, längst mit den ganz Großen der Geschichte in einem Atemzug nennen. Und am Pult steht – knapp neun Jahre nach seinem Philharmoniker-Debüt – Andris Nelsons, einer der größten Namen der Szene, einer der zu den Favoriten auf die Nachfolge Sir Simon Rattles zählte und jetzt zwei anderen der wichtigsten Orchester der Welt vorsteht, jenen in Boston und Leipzig. Da ist ein großer Abend vorprogrammiert – und doch muss der Rezensent zur Pause eingestehen, dass ein solcher Star-Überschuss – das vielleicht weltbeste Orchester ist ja auch noch da – mitunter auch kontraproduktiv sein kann. Alexander Skrjabins selten gespieltes einziges Klavierkonzert – bei diesem Klangkörper zuletzt vor 109 Jahren zu hören – fällt dem zum Opfer, was in solchen Fällen zuweilen passiert: Weil jeder (die männliche Form ist Absicht) seine Fähigkeiten demonstrieren will, wird aus der gemeinsamen musikalischen Arbeit eine art Wettstreit, bei dem nur eines gewinnt: das Zuviel. Das mag daran liegen, dass beide Protagonisten sich noch im ersten Drittel, vielleicht gar im ersten Viertel, ihrer Karrieren befinden: Trifonov ist 28 und Nelsons gilt mit seinen 40 Jahren auch noch als „junger Dirigent“.

Andris Nelsons (Bild: Monika Rittershaus)

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Der Neugierige

Herbert Blomstedt und Yefim Bronfman zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Kurz vor Spielzeitende haben die Berliner Philharmoniker noch einmal einige gute alte Freunde zu Gasst, wobei das „alt“ durchaus wörtlich zu nehmen ist. Nachdem mit seinen 83 Jahren geradezu jugendlichen Zubin Mehta gastierte zuletzt der 90-jährige Bernard Haitink, gefolgt von Herbert Blomstedt, der im Juli seinen 92. Geburtstag feiern wird. Und doch wirkt der stets freundlich lächelnde Schwede wie der jüngste der drei, verzichten auf den unterstützenden Hocker, erklimmt die Stufen zum Podium mit erstaunlicher Leichtigkeit. Die auch sein Konzertprogramm auszeichnet. Altersweise sind seine Interpretationen durchaus, aber auch von einer erstaunlichen Frische, einer geradezu optimistischen Lebendigkeit. Und Neugier: Auch mit über 90 treibt es Blomstedt noch um, seinem Publikum Werke und Komponisten nahe zu bringen, die diesem bislang vollkommen unbekannt waren. Erst mit Mitte 80 hat er begonnen, die zweite Symphonie seines Landsmanns Wilhelm Stenhammar, ein Zeitgenosse und Freund von Jena Sibelius und Carl Nielsen, seinerzeit eher als Dirigent verehrt, zu dirigieren. Jetzt erlebt das mehr als 100 Jahre alte Werk seine später Erstaufführung bei den Berliner Philharmonikern.

Herbert Blomstedt (Bild: Peter Adamik)

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