Archiv der Kategorie: Berliner Philharmoniker

Variationen der Ratlosigkeit

Die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko spielen Werke von Norman, Strauss, Schostakowitsch und Cage

Von Sascha Krieger

„Ohne Kunst und Kultur ist es still“: Dieser Satz wurde in den vergangenen Tagen vielfach zitiert, seit Bund und Länder ein erneutes flächendeckendes Verbot von Kulturveranstaltungen im November beschlossen haben. Am Ende des vorerst letzten Konzerts der Berliner Philharmoniker machen das Orchester und ihr Chefdirigent Kirill Petrenko diese Stille hörbar. Petrenko gibt den Einsatz vor, verharrt in dieser Pose und kein Ton ist zu hören. Nach einiger Zeit sinken die Arme, die Musiker*innen rücken sich auf den Stühlen zurecht und das Schauspiel wiederholt sich zwei weitere Mal. John Cages 4’33“ ist ein Experiment, das alle Erwartungen an Musik in Frage stellt. Hier, an diesem Abend, ist es ein Statement, ein Spürbarmachen dessen, was fehlen wird, wenn hier die Türen wieder schließen. Das pUblikum ist sich dessen bewusst. Nach dem zweiten Werk des Abends, Richard Strauss‘ Metamorphosen, schwillt der Applaus plötzlich an, wird zur Ovation. Oboist Albrecht Mayer spürt das und fordert die Kolleg*innen auf sich zu erheben. Hier wird kurz, ein, zwei Minuten nur, die Musik gefeiert, die tröstende, erhellende, lebensspendende Kraft der Kunst, stemmen sich Menschen ihrem Verstummen entgegen und versprechen: Die Stille wird nicht dauern. Weil sie es nicht darf.

Die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko spielen Schostakowitschs neunte Symphonie (Bild: Frederike van der Straeten)

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Romantisch fühlend

Musikfest Berlin 2020 – Die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko und Frank Peter Zimmermann spielen Werke von Berg und Dvořák

Von Sascha Krieger

Alban Bergs Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“, gewidmet der jung verstorbenen Manon Gropius, ist ein ungewöhnliches Werk: Es ist das erste Solokonzert, dem Arnold Schönbergs Zwölftontechnik zu Grunde liegt, aber es nutzt diese in einer Weise, dass immer wieder Reminiszenzen an tonale, ja romantische Musiktraditionen entstehen. Es denkt atonal, aber es fühlt romantisch. Das macht es zu einem der eingängigsten Werke seiner Art. Frank Peter Zimmermann ist ein überaus analytischer und zugleich äußerst empfindsamer Geiger, ein Meister der stillen Gefühle und der Zwischentöne. Dass es ihm das Berg-Konzert besonders angetan hat, ist daher sicher kein Zufall. Es ist Spannung in seinem Spiel, sein Klangfaden bei aller Sachlichkeit immer nahe am Zerreißen. Die zarte Schönheit des ersten Satzes, sie weiß bereits um die Katastrophe des zweiten, der Sehnsuchtsgesang fühlt den Abschied schon mit. Das Orchester agiert dialogisch, es bewegt sich mal im Hintergrund, mal auf Augenhöhe mit dem Solisten, im zweiten Satz nimmt es das Soloinstrument zuweilen auf, verschluckt es, bevor es wieder an die Oberfläche steigt. Das alles geschieht mit maximaler Transparenz, was es dem Solisten einfacher macht, zum Teil dieses klanglichen Gebildes zu werden.

Kirill Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Stephan Rabold)

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Suchende

Die Berliner Philharmonie unter Kirill Petrenko spielen Werke von Schönberg und Brahms

Von Sascha Krieger

So ein Saisoneröffnungskonzert ist immer auch ein Statement. Bei dem man sich lustvoll in Bedeutungsexegese verlieren kann. Ist die Ansetzung von Brahms und Schönberg ein Bekenntnis zum Kernrepertoire der Berliner Philharmoniker und zu einer Fokussierung auf die deutsch-österreichische Musikgeschichte? Ist die Abwesenheit Beethovens im Jubiläumsjahr ein Seitenhieb auf musikalische Heldenverehrung? Ist die Programmierung einer Brahmssymphonie ein Zeichen, dass auch in Zeiten von Abstandsregeln und kleineren Besetzungen die große Form ihren Platz im Konzertleben finden muss? Vielleicht, vielleicht nicht und womöglich ist das auch nicht wichtig. Für Chefdirigent Kirill Petrenko steht ohnehin immer die Musik selbst im Mittelpunkt – einer der Gründe, warum sich das Orchester so schnell in den 48-Jährigen verliebt hat. Ihn interessieren werke, in denen er etwas entdecken kann, Programme, die spannende, nicht gleich erwartbare Verbindungslinien zu lassen. Brahms und Schönberg, das ergibt Sinn. Welchen, das erweist sich im Spiel.

Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker beim Saisoneröffnungskonzert 2020 (Bild: Stephan Rabold)

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Romantischer Beethoven, klassischer Mendelssohn

Die Berliner Philharmonie unter Kirill Petrenko und Daniil Trifonov spielen Werke von Beethoven und Mendelssohn Bartholdy

Von Sascha Krieger

Klar, Beethoven. Seinen 200. Geburtstag wollte die Musikwelt in diesem Jahr begehen. Dann kam Corona. Doch weil Musik so manches mehr schon überstanden hat, fällt auch das Beethoven-Jahr nicht ins Wasser. Anders als geplant – mit Hauskonzerten, Streams, fast leeren Konzertsälen, kleineren Besetzungen – aber zu hären ist die Musik des Bonners allerorten. Natürlich auch bei den Philharmonikern, dessen musikalisches Epizentrum der Komponist lange war und womöglich immer noch ist. Auch wenn der neue Chefdirigent Kirill Petrenko seine Schwerpunkte bislang woanders setzte: Ohne Ludwig van, wie er in William Burroughs A Clockwork Orange heißt, geht es nicht. Also steht er auch im Mittelpunkt eines der ersten beiden Konzertprogramme der Spielzeit. Oder besser. an seinem Anfang. Das dritte Klavierkonzert soll es sein, mit Daniil Trifonov als Solisten, einem begnadeten Virtuosen, der bislang aber eher als Interpret romantischer Klavierliteratur auffiel.

Kirill Petrenko (Bild: Lucerne Festival/Priska Ketterer)

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Am Rand

Sir Simon Rattle, Jonathan Kelly und die Berliner Philharmoniker mit Werken von Richard Strauss und Ludwig van Beethoven

Von Sascha Krieger

Das Schöne an Jubiläumsjahren ist, dass man auch einmal Werke zu Gehör bekommt, um die Dirigent*innen wie Orchester meist einen Bogen machen. Ludwig van Beethovens Oratorium Christus am Ölberge ist eines dieser Werke, das nun im Beethoven-Jahr mal wieder auf Spielplänen auftaucht. Die Berliner Philharminiker haben es in ihrer Geschichte nur einmal gespielt, im Jahr 1970. Nun erbarmt sich Ex-Chefdirigent Sir Simon Rattle und führt das frühe Werk gemeinsam mit dem Rundfunkchor Berlin auf. Und siehe da: es langweilt nicht. Das liegt vor allem am Einsatz der Beteiligten: Rattle pumpt sein Ex-Orchester voll mit Energie. Jede dynamische Wendung, jeder Tempiwechsel, jede rhythmische Nuance ist klar ausgestellt, ohne effekthascherisch zu wirken, vielmehr arbeitet Rattle das Grundprinzip des auf dramatischen Kontrasten aufgebauten werkes klar heraus. Das gibt ihm Lebendigkeit und betont seine Anklänge an die Oper (theamatisch und motivisch bedient sich Beethoven ja auch vor allem bei Mozarts Musikdramatik).

Jonathan Kelly, Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker (Bild. Monika Rittershaus)

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Auflösung und Neuanfang

Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker spielen Mahlers sechste Symphonie

Von Sascha Krieger

Man kann Kirill Petrenko, seit dieser Spielzeit Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, wahrlich nicht vorwerfen, sich dem Erbe „seines“ Orchesters nicht zu stellen. Die Werke Gustav Mahlers gehören spätestens seit der Amtszeit Claudio Abbados zum Kern des Klangkörpers. Abbado, einer der größten Mahler-Dirigenten überhaupt, hat das Orchester auch zu einem der besten Interpreten des Spätromantikers geformt, und sein Nachfolger Sir Simon Rattle versuchte sein möglichstes, die Tradition fortsusetzen: Nicht nur bildete sein großer Mahler-Zyklus so etwas wie das Herzstück seiner Amtszeit, er gab einst seinen Einstand mit Mahlers Sechster und verabschiedete sich mit eben diesem Werk auch als „Chef“. Wenn Petrenko nun ausgerechnet dieses Werk in seiner Debüt-Saison auf den Spielplan hievt und damit seinen Mahler-Einstieg als Chefdirigent gibt, ist das sicher kein Zufall, sondern sagt: Ich führe die Tradition fort und scheue den Vergleich mit meinen Vorgängern nicht. Ein durchaus mutiger Schritt, der dem Selbstbewusstsein eines Dirigenten entspricht, der das vielleicht beste Orchester der Welt über Jahre oder gar Jahrzehnte hinaus leiten will.

Kirill Petrenko (Bild: Monika Rittershaus)

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Lebensexplosion

Herbert Blomstedt und Leif Ove Andsnes mit Werken von Mozart und Bruckner zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Ein Abend in Es-Dur – und in rot-weiß-rot. Und ein nordischer: 92 Jahre alt ist Herbert Blomstedt mittlerweile, ein Alter, dass man dem ewig lächelnden Schweden nicht ansieht, vor allem dann nicht, wenn er mit der Energie eines viel Jüngeren seiner Leidenschaft nachgeht: seinen Teil zu leisten, das Besondere zu erzeugen, Musik, die Lebt, den Raum füllt, nachklingt. An seiner Seite diesmal ein Norweger, Leif Ove Andsnes, ein Pianist, bei dem man, hört man ihn, nie versteht, warum er nicht zu den medial hochgelobten Superstars seiner Zunft gehört. Wohl weil er, wie Blomstedt, auch ein Meister des Understatements ist. Er schwitzt und schüttelt und tanzt sich nicht durch die Tastatur, ihm ohne Ton zuzuschauen, muss zum Langweiligsten gehören, das man sich antun jkann. Aber was er seinem Instrument entlockt, ist atemberaubend – nicht in virtuoser Überwältigung, aber in analytischer Schärfe und intellektueller wie emotionaler Wirkung. Das gilt auch für Wolfgang Amadeus Mozarts Es-Dur-Klavierkonzert, das eigentlich wegen seiner Bedeutungsverschiebung der Holzbläser als musikgeschichtlicher Meilenstein gilt.

Herbert Blomstedt und Leif Ove Andsnes zu Gast bei den Berliner Philharmonikern (Bild: Frederike van der Straeten)

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Gipfeltreffen ohne Gipfel

Kirill Petrenko, Daniel Barenboim und die Berliner Philharmoniker mit Werken von Suk und Beethoven

Von Sascha Krieger

Es ist so etwas wie ein Gipfel-, ja, auch ein Generationentreffen der Berliner Philharmoniker. Am Pult steht der neue Chefdirigent Kirill Petrenko, Solist ist Daniel Barenboim, mehrfach schon im Gespräch für die Position, treuester Freund des Orchesters und immer wieder – zuletzt etwa zum Jahreswechsel 2018/19, als die Philharmoniker keinen „Chef“ hatten – ein Partner für Übergangsphasen. Und im Publikum sitzt Sir Simon Rattle, Petrenkos Vorgänger, einziger lebender Ex-Chefdirigent des Orchesters, und lauscht dem, was sein Nachfolger aus dem Orchester herauszuholen vermag. Besser lässt sich dessen Traditionsverständnis nicht symbolisieren: Der Stab wird weitergereicht, die Geschichte um neue Facetten bereichert, aber sie bleibt immer Teil der Gegenwart, inspiriert sie, treibt sie an. Und neue Facetten fügt Petrenko ohne Zweifel hinzu. Er hat sich auf die Fahnen geschrieben, auch halb vergessene Komponisten aufs Programm zu setzen, vermeintliche Vertreter aus der „zweiten Reihe“, Solitäre in ihrer Zeit. Wie etwa Josef Suk, den Schüler und Schwiegersohn Antonín Dvořáks, desen einstündige Asrael-Symphonie er jetzt dirigiert, den ersten Teil eines Symphonie-Zyklus, den Suk, sehr ungewöhnlich in der Musikgeschichte, als Ganzes verstand. Und Petrenko tut das vor einem Bruder im Geiste: Es war Rattle, der das Werk hier zuletzt dirigierte, 1992, in der ersten Phase seiner Amtszeit.

Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Im falschen Film

Kirill Petrenko dirigiert sein erstes Silvesterkonzert bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Nein, Schubladen mag der neue Chefdirigent der Berliner Philharmoniker nicht. Klar, ist der in Russland Geborene auch im Repertoire der Heimat seiner Vorfahren firm, doch ein Spezialist fürs „russische Fach“ will Kirill Petrenko nicht sein. Und so ist es sicher auch ein Statement, wenn er für sein erstes Silvesterkonzert in Berlin einen weg wählt, der wie der genaue Gegenentwurf zum vielleicht Erwartbaren wirkt. es war der Brite Sir Simon Rattle, der zum Jahreswechsel mit Slawischen und Ungarischen Tänzen gen Osten Blickte – Petrenko schaut in die Gegenrichtung und landet am Broadway – bei Gershwin, Bernstein, Weill, Rodgers oder Sondheim. Ein „leichtes“ Programm ist das dabei keineswegs – Petrenko geht die schwungvolle Kost mit der gleichen Akribie und Ernsthaftigkeit an wie jedes andere Werk. Nur dass das diesen Stücken nicht recht gut tun will. Das zeigt sich schon in der Ouvertüre von George Gershwins Girl Crazy. Mit unnachgiebiger Transparenz und unerbittlicher rhythmischer Strenge entwickelt er eine Schärfe in Klang und Rhythmus, die weniger zum Mit-Swingen animiert als dass sie zuweilen zu schmerzen vermag. Die Holzbläser schmeicheln, das Blech schreit, angenehmes Entertainment klingt anders.

Diana Damrau, Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker beim Silvesterkonzert 2019 (Bild: Monika Rittershaus)

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Wenn Tod und Leben sich die Hand reichen

Mit Verdis Requiem gibt Teodor Currentzis sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Bei den Berliner Philharmonikern debütieren zu dürfen ist für jede*n Dirigent*in etwas ganz Besonderes. Neben den Wiener Philharmonikern zählt das Orchester zum Höchsten, was sich erreichen lässt, wer hier am Pult steht, ist in der Spitzenklasse angekommen. Da ist es egal, wie sehr man vielleicht schon ein „Star“ sein mag – ohne ein Dirigat in der Philharmonie oder im Wiener Musikverein fehlt etwas. Ein Star ist Teodor Currentzis zweifellos. Der gebürtige Grieche hat sich in der russischen Provinz einen Namen gemacht, er gibt als extrovertierter Revolutionär, der – in Interpretation, Aufführungspraxis, auftreten – gern Dinge anders machen will als andere. Und der sich der Verantwortung, die Berliner Philharmoniker dirigieren zu dürfen, bei seinem Debüt durchaus bewusst ist. Die Stiefel mit den roten Schnürsenkeln bleiben denn auch zugunsten des schwarzen Lackschuhs im Schrank, die Musiker*innen dürfen sitzen, äußerlich passt sich Currentzis seinem Orchester an, nicht umgekehrt. Das ist auch ein Zeichen. Dafür, dass er diesen Einstand ernst nimmt – nicht dafür, dass er sich nicht treu bliebe.

Teodor Currentzis dirigiert Verdis Requiem bei den Berliner Philharmonikern (Bild: Stephan Rabold)

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