Archiv der Kategorie: Berliner Philharmoniker

Zutiefst menschlich

Marek Janowski dirigiert ein Bruckner-Programm bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Eigentlich passen sie ja gar nicht zusammen: der immer griesgrämig dreinschauende, radikal rationale Sachlichkeitsfanatiker und Partituranalytiker Marek Janowski und der Wagner-Verehrer, kosmische Bögen Spanner und Personifizierung der Hochromantik Anton Bruckner. Und irgendwie tun sie es denn doch: hier der alle Schnörkel rückstandslos wegätzende Disziplin- und Genauigkeitspädenat, dort der streng gläubige Katholik, der Großmeister heiligen musikalischen wie geistigen Ernstes, sich selbst wie seinem Werk gegenüber so streng wie menschlich überhaupt möglich. Janowskis Bruckner-Abende sind fast immer etwas besonderes. Das war schon beim RSB so, das er, konsequent wie er ist, nach Ende seiner Zeit  als Chefdirigent nicht mehr dirigiert, und das gilt nun auch für seine neue Berliner Gastwohnung, die ortsansässigen Philharmoniker höchstselbst. Und weil ihm Bruckner so wichtig ist, bestreitet er diesmal ein Programm ganz mit Werken des Linzer Meisters. Dass er dabei Sakrales mit Weltlichem verschränkt, ist dem Weltenwanderer Bruckner mehr als angemessen.

Marek Janowski dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Im Labor

Mariss Jansons und Jewgenij Kissin zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Mariss Jansons am Pult der Berliner Philharmoniker: Einmal im Jahr, meist nahe seines Anfangs, hat das Berliner Publikum Ehre und Freude, den Letten, der schon lange mindestens zu den besten seiner Zunft zählt, zu erleben. Und es sit fast so etwas wie ein Familientraffen: Bald 48 Jahre ist es her, dass Jansons erstmals hier gastierte, seit letztem Jahr ist der schüchtern lächelnde Herr Ehrenmitglied des Orchesters. Auch sein Solist ist ein alter Bekannter: Mit 17 spielte Jewgenij Kissin erstmals mit den Philharmonikern – Karajan selbst hatte das „Wunderkind“ eingeladen. Auch das ist jetzt mehr als 30 Jahre her. Auch wenn die Besuche rarer geworden sind – zuletzt war Kissin Silvester 2011 zu Gast – eine solche Konstellation ist wie ein Treffen alter Freunde. Bei dem man auch schon mal von etablierten Regeln abweichen kann. So stellt Jansons das längste, bekannteste (und jüngste) Werk an den Anfang und beendet das Programm mit dem kürzesten, einer Ouvertüre zudem. Mariss Jansons‘ Humor ist so fein wie seine Subversivität – kaum merklich, doch umso wirkungsvoller.

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Mariss Jansons dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Kein Kehraus

Das Silvesterkonzert 2018 der Berliner Philharmoniker mit Daniel Barenboim als Dirigent und Solist

Von Sascha Krieger

Die Berliner Philharmoniker befinde sich in einem Übergangsjahr. Der alte Chefdirigent (Sir Simon Rattle) ist weg, der neue (Kirill Petrenko) noch nicht da. Das wird nirgends deutlicher als beim traditionellen Silvesterkonzert, das naturgemäß Chefsache ist. Gut, dass man Daniel Barenboim hat. Der Dirigent und Pianist ist dem Orchester seit 1964 eng verbunden und dies auch geblieben, obwohl er zweimal bei der Chefdirigentenwahl leer ausging. Das ist nicht selbstverständlich (man denke an Lorin Maazel). Schon einmal dirigierte Barenboim zum Jahreswechsel, das war 2001, in Claudio Abbados letzter Spielzeit in der Philharmonie. Dass trotz ausgebliebener offizieller Weihen dieses Orchester längst auch seines ist, zeigt sich an diesem Silvesterabend, vor den Augen und Ohren einiger versammelter Prominenz – vom Oscar-Gewinner (Christoph Waltz) bis zur Kanzlerin.

Daniel Barenboim dirigiert das Silvesterkonzert 2018 der Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Die Welt ein Lied

Iván Fischer und Christian Gerhaher zu Gast bei den Berliner Philharmonikern mit Werken von Dvořák, Wolf und Schubert

Von Sascha Krieger

Der Berliner Kulturrezipient nimmt ja so manches als selbstverständlich ist: Die Breite und Qualität des täglichen Kunst- und Kulturangebotes gibt es so nur an ganz wenigen anderen Orten der Welt. Und doch braucht es eine besonders ungewöhnliche Konstellation, damit sich auch der Dauertheater- und -konzertgänger daran erinnert, wie gut er es hat. Denn an aufeinander folgenden Abenden sowohl die Berliner als auch die Wiener Philharmoniker erleben zu dürfen, ist selbst in der deutschen Hauptstadt nicht Alltag. Und wenn es dann auch noch zwei atemberaubende Konzertprogramme sind (hier geht’s zur Besprechung von Franz Welser-Mösts Gastspiel mit den Wiener Philharmonikern), dann könnte sich schon die Frage stellen, womit der für seine Grummeligkeit bekannte und berüchtigte Berliner dies verdient hätte. Doch dann entscheidet sich zumindest dieser, sein Glück einfach anzunehmen und zunächst in der berückenden Schönheit der Legenden Nr. 6 und 10 von Antonín Dvořák zu schwelgen. Als lyrischere Gegenstücke zu seinen berühmten Slawischen Tänzen konzipiert, entfalten sie unter dem Dirigat des Dvořák-Experten Iván Fischer eine so berauschende Strahlkraft, dass der Rezensent für einen kurzen Moment nie wieder etwas anderes hören zu wollen glaubt.

Christian Gerhaher und Iván Fischer mit den Berliner Philharmonikern (Bild: Monika Rittershaus)

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Weltumfassend

Andris Nelsons dirigiert Mahlers Zweite Symphonie bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Gut, beginnen wir mit Gustav Mahlers berühmtester und, ja, viel zu oft zitierter Aussage: „Aber Symphonie heißt mir eben: mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen.“ Über die Zweite, dieses 90-minütige Monumentalwerk mit zwei (!) Vokalsätzen, zu sprechen, ohne dieses Diktum im Ohr zu haben, scheint unmöglich. Und für Andris Nelsons gilt das auch auch, wenn es darum geht, es zu dirigieren. Kaum ein anderes Werk gibt sich so weltumfassend, so kosmisch, so alle Fragen menschlicher Existenz stellend wie die c-Moll-Symphonie, die man auch „Auferstehung“ nennt, inspiriert von den von Mahler ergänzten Klopstock-Versen am Ende des mehr als halbstündigen Finalsatzes. Zu Gott geht es da, zu einer Vision von Urgrund, von Quelle, von Fundament, von Sinngebung – nach einem langen, hartem, schmerzvollen Kampf mit den Untiefen von Schmerz, Sehnsucht, Tod, Vergänglichkeit.

Andris Nelsons dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Musik, die Leben rettet

Gustavo Dudamel dirigiert Bernsteins erste und Schostakowitschs fünfte Symphonie bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Manchmal fällt es dem dauerskeptischen Konzertgänger und stirnrunzelnden Kritiker leicht zu vergessen, was ihn einst in den Konzertsaal zog. Da doziert er (mal mehr, meist weniger) schlau über Klangbilder und Interpretationsansätze, bemäntelt sein seltenes schwelgen in pseudo-objektiver Überlegenheitslyrik und freut sich darüber, wenn er das Konzept eines Dirigenten (es sind ja doch fast immer noch Männer) zu durchdringen oder – besser noch – seine Ideenlosigkeit zu entlarven glaubt. Und dann sitzt er bequem mit wissender Miene in dem Zuschauerstuhl und weiß nicht, wie ihm geschieht. weil das, was er hört, ihn mit einer Unmittelbarkeit anfasst, von der er sich nur vage erinnern konnte, dass die Erwartung einer solchen ihn einst in Säle wie diesen geführt hat. Dabei deutet sich diese Art der Erfahrung vor der Pause bestenfalls an. Leonard Bernsteins Jeremiah  betitelte erste Symphonie steht auf dem Programm, ein Werk, das sich – wie Bernsteins gesamte Symphonik – mit dem menschlichen Ringen um den Glauben befasst.

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Gustavo Dudamel (Bild: Adam Latham)

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Ansteckungsgefahr

Gustavo Dudamel dirigiert Mahlers fünfte Symphonie bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Leonard Bernstein wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Anlass genug, sein zwischen den musikalischen Welten wanderndes, gerade in Deutschland mit seiner U- und E-Obsession lange schwer verdautes Oeuvre wieder auf die Konzertpodien und Bühnen dieser Welt zu bringen – von denen es fairerweise nie verschwunden war. Und weil Bernstein nicht nur ein wichtiger Komponist, sondern auch ein vielleicht noch bedeutenderer Dirigent war, zweifellos einer der einflussreichsten des vergangenen Jahrhunderts, ergibt das Programm, das sich Gustavo Dudamel für die erste von zwei Konzertserien mit den Berliner Philharmonikern – mit denen er auch sogleich auf Tour gehen wird – ausgesucht hat, jede Art von Sinn. Bernsteins dem 100. (!) Jubiläum des Boston Symphony Orchestra gewidmetes Divertimento paart er mit Gustav Mahlers fünfter Symphonie. Bernstein war es, der Zeit seines Lebens Partei für Mahler ergriff, ohne ihn hätte es dessen Wiederentdeckung vermutlich nie gegeben, ohne ihn wäre die Musik des kosmischten aller Komponisten heute nicht Kernrepertoire in allen Konzertsälen unserer Welt. Bernstein gilt bis heute als führender Mahler-Interpret – dass der Venezolaner das auch gern täte, ist auch an diesem Abend zu spüren.

Gustavo Dudamel dirigiert Mahlers fünfte Symphonie (Bild: Stephan Rabold)

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Just like Johnny Cash

Paavo Järvi dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Werken von Brahms und Lutosławski

Von Sascha Krieger

Es gibt Dirigenten, bei denen es schwer ist, unter all der Show die Substanz zu entdecken. Es gibt die Sachlichen, Trockenen, die ernsthaften Partiturarbeiter, bei denen unter lauter Tiefenschürfen die Freude an der Musik zu verschwinden droht. Es gibt solche, die mit großer Gestik auf den maximalen Effekt zielen und jene, die tief schürfen, analysieren, die Partitur zum Forschungsobjekt machen und den Konzertsaal zum Labor. Und dann gibt es Paavo Järvi. Der Este ist einer, der zum Punkt kommt, nicht lange fackelt, für den Effekt und Analyse einander bedingen, ein Wirkungsdirigent, der in der Partitur gräbt, und für den es nur eines nicht gibt: alles, was keine musikalische Funktion erfüllt. Ein „no-bullshit conductor“, könnte man im für solche nicht beleidigende Direktheit besser geeigneten Englisch sagen. Und nein, „Bullshit“ gibt es an diesem Abend mit den Berliner Philharmonikern nicht zu hören. Keine zwei Stunden, das mittlerweile fast obligatorische Limit, dauert er. Dann ist alles gesagt. „When my song’s done, it’s done“, hat Johnny Cash einmal gesagt. Paavo Järvi, der Johnny Cash unter den Dirigenten? Ja, vielleicht auch das.

Paavo Järvi (Bild: Julia Bayer)

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Das Versprechen des Kirill Petrenko

Saisoneröffnung der Berliner Philharmoniker mit ihrem zukünftigen Chefdirigenten Kirill Petrenko und Werken von Strauss und Beethoven

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist es eine eigentümliche Phase, die jetzt bei den Berliner Philharmonikern beginnt. Eine Zwischenzeit, ein Jahr ohne Chefdirigenten. Das gab es bei dem selbstverwalteten Orchester zuleltzt nach dem plötzlichen Tod Herbert von Karajans im Jahr 1989. Doch vieles ist anders jetzt. Der Nachfolger Sir Simon Rattles, der 18 Jahre lang das Orchester in die Stadt und die Welt trug und mit unverbrüchlicher Neugier die Musiker herausforderte, das Publikum begeisterte und zuweilen auch spaltete, steht längst fest. Kirill Petrenko wird in einem Jahr übernehmen, eine Zeit, die er sich ausbedungen hatte, um seine Verpflichtungen mit dem geliebten Bayerischen Staatsorchester zu erfüllen. Ein Dirigent, der nichts halberherzig tut, soll er sein. Auch daran ist nach seinem Saisoneröffnungskonzert kein Zweifel. Auch weil er klar anzeigt, dass die Ära Petrenko jetzt beginnt: Er eröffnet die Spielzeit, er nimmt das Orchester gleich auf seine erste Tournee, er nimmt die Verantwortung an. Und am Ende dieses Abends ist wohl jeden im Saal klar: Die Wahl Petrenkos, so schwierig sie einst gewesen sein mag, war die richtige Wahl. Eine neue Zeit beginnt jetzt und im September 2019. Und die Chance, dass es eine großartige sein wird, stehen äußerst gut.

Kirill Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker beim Saisoneröffnungskonzert 2018 (Bild: Monika Rittershaus)

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Der Kreis schließt sich

Sir Simon Rattle dirigiert sein letztes Konzertprogramm als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker in der Philharmonie

Von Sascha Krieger

Am Ende stellt er sich noch einmal. Das Orchester hat die Bühne verlassen, einige stehen noch an den Ausgängen herum, um ihren „Chef“ nicht ganz allein zu lassen. Das Publikum ist auf den Füßen, ein letztes Mal. Der weißhaarige Lockenkopf greift zum Mikrofon, bedankt sich bei „meinem Berliner Publikum“ und geht. Das letzte Konzertprogramm als Chefdirigent in dem Haus, das 16 Jahre lang „seines“ war, ist dirigiert. Jetzt folgt noch das Waldbühnenkonzert samt öffentlicher Generalprobe am Vortag, dann ist es vorbei, der Marathon zum Abschluss samt letzter Tournee – fast schien es, als wollte er nicht loslassen – geschafft. Andere sollen Bilanz ziehen, was von der Ära Rattle – immerhin die viertlängste der Orchestergeschichte – bleiben wird. Der geschätzte Kollege Frederik Hanssen etwa hat das in einem lesenswerten Essay, abgedruckt in den letzten zwei Programmheften, getan. Rattle selbst lässt noch einmal die Musik sprechen.

Sir Simon Rattle (Bild: Stephan Rabold)

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