Archiv der Kategorie: Berliner Festspiele

Leere Rituale

Philip Glass und Robert Wilson: Einstein on the Beach, Theater Basel / Wiener Festwochen / Berliner Festspiele (Regie: Susanne Kennedy / Konzept: Susanne Kennedy, Markus Selg)

Von Sascha Krieger

Es gibt Theaterabende – oder sollte es -ereignisse heißen? – die ergeben auf dem Papier nicht nur Sinn, sondern stellen gar die Frage, wie es nicht zu einer solchen Verbindung kommen sollte. Einstein on the Beach, das Zeit und Raum relativierende, jegliche Gewissheiten theatraler Erzählung in die Schwerelosigkeit des rauschhaften Stillstands auflösende Jahrhundertwerk der Jahrhundertkünstler Philip Glass und Robert Wilson in den Händen des das Theater auf seinen rituellen Kern reduzierenden, die Grenze zwischen darstellender und bildender Kunst verflüssigenden Künstler*innen-Duos Susanne Kennedy und Markus Selg ist eine solche Konstellation. Fügt man dann noch einen musikalischen Leiter wie André de Ridder hinzu, scheint die Frage, was da noch schief gehen sollte, wie sich da kein Augen, Ohren und Sinne öffnender künstlerischer Sog, der die Zuschauenden am Ende verändert, ja transformiert zurücklässt, entwickeln könnte, geradezu obsolet. Die Antwort nach dreieinhalb unendlich langen Stunden lautet jedoch leider: Alles. (Fast) alles kann schiefgehen und tut es auch.

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Bild: Eike Walkenhorst

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Das Taxi kommt nicht

Theatertreffen 2022 – Toshiki Okada: Doughnuts, Thalia Theater, Hamburg (Regie: Toshiki Okada)

Von Sascha Krieger

Nein, das Taxi wird nicht kommen. In Toshiki Okadas Doughnuts hat es den abwesenden Heilsbringer Godot ersetzt, wie anstelle von Tramps nun fünf Business-Typen warten auf das nie Eintreffende. Hier verdorrt nicht einmal mehr ein Baum, hier ist die Außenwelt im kalten komfort einer Hotellobby im 21. oder 22. Stock kaum mehr denkbar. Ein Ort im Nirgendwo, nicht auf dem Boden der Tatsachen, das Außen verschwindend wie als Referenz an eine andere Beckettsche Endzeitvision, Fin de partie. Ein Nebel, so hören wir, immer dichter werdend und letztlich alles verschluckend, hat die Illusion der Realität aufgesogen. Doch wo der Blick nach draußen zumindest versucht werden könnte, starren die Spielenden auf Dominic Hubers Bühne auf einen weißen Vorhang, bleibt der Blick hier drinnen, im Wartebereich, wagt sich selbst er nicht weg von hier, ganz zu schweigen die Wartenden.

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Bild: Fabian Hammerl

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„mein schön deutsch sprach“

Theatertreffen 2022 – Nach Ernst Jandl: humanistää! eine abschaffung der sparten, Volkstheater Wien (Regie: Claudia Bauer)

Von Sascha Krieger

Bevor das erste Wort gesprochen wird, ist, wenn nicht alles, so doch vieles bereits gesagt. In einem kleinen kalten wartezimmerartigen Raum inmitten einer grauen Wand ergeht sich ein Paar in einem Abendessen-Crescendo. Angetrieben von langsam anschwellender, rhythmusdurchpulster minimalistischer Musikbegleitung aus dem kleinen Orchestergraben steigert sich das Ballett des Brotschmierens und Anstoßens in immer groteskere Überzeichnungen, in zunehmend bizarrere ekstatische Bewegungsorgien bis zur totalen Eskalation und vollständigen Erschöpfung. Gespielt von wechselnden Darsteller*innen zeichnet die mehrminütige Sequenz die körpersprachliche Miniatur einer Beziehung am Abgrund, die as dem Ruder läuft, bis jede Fiktion eines alltäglichen Miteinanders vollständig ad absurdum geführt ist.  Ein atemlos absurdes Körpertheater, das kein Auge trocken und keine Eskalationsstufe ungesagt lässt.

Bild: Nikolaus Ostermann/Volkstheater

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„Everything I touch turns into shit“

Theatertreffen 2022 – Yael Ronen, Shlomi Shaban, Riah Knight und Itai Reicher: Slippery Slope. Almost a Musical, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Woher kommt es, dieses Unbehagen, das den Rezensenten während dieser 100 Minuten befällt und auch danach nur noch stärker zu werden scheint? Das ihn ungläubig auf die jubelnden Zuschauenden beim Schlussapplaus blicken lässt und mit wachsendem Erstaunen auf die fast durchgängig ebenso positiven Rezensionen? Hat die lange theaterfreie Coronazeit doch ihre Spuren hinterlassen oder ist da wirklich etwas faul an diesem Abend, der ja, so die Theatertreffen-Jury, zu den bemerkenswertesten der letzten zwölf Monate gehören soll? In der Nachtkritik.de-Rezension nannte Georg Kasch das Stück ein „Debatten-Musical“. Um Debatten, brisante gesellschaftliche, geht es in der Tat, aber auf eine Art, dass der Abend eher zum Debatten-Verhinderungs-Musical mutiert. Oder schlimmer noch: zum theatran Gegenstück des perfidesten aller Diskursblockierungsoutinen: der falschen Äquivalenz.

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Bild: Esra Rotthoff

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Die Liebe erzählen

Theatertreffen 2022 – Frei nach Dante Alighieri, Meat Loaf und Britney Spears: Das neue Leben. where do we go from here, Schauspielhaus Bochum (Regie: Christopher Rüping)

Von Sascha Krieger

Eine gute Nachricht. So heißt das Lied von Danger Dan, mit de der Abend endet. Nach und nach bewegen sich die fünf Spielenden an die Rampe, stimmen ein oder lächelskeptisch hoffnungsvoll ins Publikum. Alles wir enden, erzählt das Lied, doch die gute Nachricht sei: „Heute nicht. Es bleibt noch Zeit für dich und mich.“ Für die Liebe. Oder ihren Versuch, Oder den Traum von ihr. „Ich will nicht, dass es echt wird“, sagt Damian Rebgetz einmal, „Ich will, dass es vollkommen bleibt.“ Man muss nicht, wie dieser Rezensent, eine längere Corona-bedingte Theaterpause eingelegt haben, um die Zeit, aus der wir vielleicht gerade herauszufinden versuchen, stets mitzudenken in diesen gut zwei Stunden. Theater als Neuanfang, als neues Leben, als Wiederfunden und doch nicht recht greifen Können der Liebe. Zu Menschen, zum Leben, zu Welt, zu sich selbst.

Das neue Leben. Where do we go from here

Bild: Joerg Brueggemann / Ostkreuz

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Musik für diese Welt

Musikfest Berlin 2021 – Sir Eliot Gardiner, English Baroque Soloists und Monteverdi Choir mit Kantaten von Bach und Händel

Von Sascha Krieger

Nein, keine Zugabe. Ganz am Schluss, da steht das Publikum im alles andere als vollen großen Saal der Philharmonie bereits, wird es noch einmal ganz still. John Eliot Gardner hebt die taktstocklose Hand und erneut ertönt das ergreifend schlichte, andersweltlich und doch ganz hiesig schwebende „De torrente in via bibet“, der vorletzte Satz von Georg Friedrich Händels Kantate Dixit Dominus, geschrieben vom gerade einmal 21-Jährigen während seiner Italienreise. Ein mediativer Hoffnungsgesang, schlicht, still, von fragiler Kraft. Orchester und sitzender Chor geben dem Gesang eine unsichere Hand, fast brüchig, trocken die Streicher. Ein Gebet, ein wiederholtes, am Abgrund. Es ist das perfekte Ende eines großen Abends – das muss kaum dazugesagt werden bei einem Auftritt des Briten mit den von ihm gegründeten Ensembles, die seit jeher den Olymp der historisch informierten Aufführungspraxis bilden. Der manche bis heute eine gewisse akademisch museale Kälte vorwerfen. Eine Behauptung, die jede*r zurückweisen wird, die*der jemals das große Glück hatte, einer solchen Aufführung beiwohnen zu dürfen.

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Sir John Eliot Gardiner (Bild: Sim Canetty-Clarke)

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„An Independent Creature“

Theatertreffen 2021 – SCORES THAT SHAPED OUR FRIENDSHIP. Ein Projekt von und mit Lucy Wilke und Paweł Duduś mit Musik von Kim Twiddle, schwere reiter, München – Aufzeichnung (Regie: Lucy Wilke und Paweł Duduś)

Von Sascha Krieger

Der Körper ist das Privateste, das wir haben – aber er ist und war stets auch politisch. Gesellschaftliche Normierungen wie Repressionen hatten immer auch und gerade den menschlichen Körper zum Ziel. Er ist Objekt von Unterdrückung, Mittel gesellschaftlichwer Gestaltung und Subjekt von Emanzipation. Befreiungsbewegungen haben fast immer auch mit seiner Sichtbarmachung zu tun. Voller Zuschreibungen ist der menschliche Körper, die stets auch gesellschaftliche Machtinstrumente sind. Darum und ihn aus diesen zu befreien, geht es in dieser kurzen intensiven Arbeit von Lucy Wilke und Paweł Duduś. Sie ist mit spinaler Muskelatrophie geboren, ihr Körper von der Gellschaft meist als „behindert“ gelesen. Er ist Tänzer, Körperarbeiter, queer und sich als solches auch markierend. Zwei, die aus der Norm fallen oder sich dieser verweigern.

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Bild: Martina Marini-Misterioso

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Die Macht des Namens

Theatertreffen 2021 – Marie Schleef: NAME HER. Eine Suche nach den Frauen+, Ballhaus Ost, Berlin / Münchner Kammerspiele / Kosmos Theater, Wien – Aufzeichnung (Regie: Marie Schleef)

Von Sascha Krieger

Ein Schlüsselmoment dieses Abends findet sich bereits im ersten Viertel: Da befasst sich Anne Tismer gerade mit der Barock-Komponistin Francesca Caccini. Soeben hat sie die Besonderheiten ihrer Musik skizziert, da lädt sie zur Hörprobe: „Das wollen wir uns mal eben anhören.“ Andächtig lauscht sie – der Stille. Denn die Werke Caccinis sind verschollen, die Italienerin eine Leerstelle der Musikgeschichte. Damit ist sie exemplarisch für das, worum es in diesen knapp sechs Stunden geht: die Frau als Leerstelle der Geschichte, der Geschichtsschreibung, Begriffe, die ironischerweise grammatisch weiblich sind – in der Praxis dagegen männlich. Männer schreiben und forschen über Männer, der männliche Blick bestimmt die kollektive Weltsicht, der Frau kommt dabei kaum mehr als eine Nebenrolle zu. Diesen weiblichen Blick einzubringen hat sich die Theatermacherin Marie Schleef auf die Fahnen geschrieben – und das tut sie nirgends so konsequent wie an diesem Abend.

Bild: Hendrik Lietmann

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Im Puzzle fehlen Teile

Theatertreffen 2021 – Rainald Goetz: Reich des Todes, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg – Livestream (Regie: Karin Beier)

Von Sascha Krieger

Ein Abend wie Karin Beiers Uraufführung von Rainald Goetz‘ erstem Theaterstück seit mehr als 20 Jahren ist eine ziemlich brutale Erinnerung daran, dass das diesjährige digitale Format des Theatertreffens nur ein Provisorium ist und sein kann. So stark das Onlinetheater zugelegt und so gut sich manche ursprünglich analoge Inszenierung in den digitalen Raum transportieren lässt: Es gibt Formen theatraler Ästhetik, welche die Kopräsenz von Ausführenden und Publikum brauchen, denen räumliche Distanz und Zweidimensionalität nicht gut tun und die zu anstrengenden Ausdauerproben werden, wo sie sich im realen Theaterraum wohl um Längen besser aushalten ließen. Beiers Inszenierung ist ein Beispiel par excellence: im gar nicht nur negativen Sinne kraftmeierisch, multilevel, überfordernd, eine Wiederauferstellung des zuletzt weniger dominanten Verausgabungs- und Brülltheaters, das hier auf wortlastige Sprachflut trifft – eine Verbindung, die sich nur im Verabredungsraum einer verschworenen Theatersaal-Zwangsgemeinschaft wirklich gut ertragen lässt. Und so kann diese Rezension diesem Abend nicht genüge tun, bleibt er ein Fremdkörper in diesem hoffentlich letzten rein digitalen Theatertreffen-Jahr.

Bild: Arno Declair

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„Ich bin das nicht“

Theatertreffen 2021 – Nach Euripides: Medea*, Schauspielhaus Zürich – Livestream (Regie: Leonie Böhm)

Von Sascha Krieger

Die Rächerin und Kindermörderin, die Migrantin und die Verstoßene, die Heimatlose und das Opfer des Patriarchats: Die Liste der Etikette, die der von Euripides verewigten Medea aufgeklebt wurden, ließe sich schier endlos fortsetzen. Die Geschichte der „Barbarin“, die dem Geliebten in ein fernes Land folgt, nur um dort für die Königstochter verlassen zu werden, und aus Rache ihre Kinder ermordet, ist eine jener mythischen, vielfach neuinterpretierten Frauenfiguren, in denen jede neue Zeit Anknüpfungspunkte zu finden scheint. In letzter Zeit kam so manche feministische Lesart hinzu, die sich jedoch meist mit dem Kulminationspunkt der Handlung, dem Kindermord,  schwertat, die sich denn doch nur schwer als emanzipatorische Handlung deuten lässt. Leonie Böhm löst das Problem in ihrer Zürcher Überschreibung damit, dass sie die schreckliche Tat nurmehr als Möglichkeit gelten lässt, als Zitat, als Zuschreibung der Rolle, die diese Figur zu spielen hat. Und genau um die geht es Böhm und ihrer Darstellerin Maja Beckmann: um das Herantasten an, das Umkreisen dieser nahen und fremden Frau. So wie im Theatertreffen-Livestream die einzelne Handkamera Beckmann umkreist, zurückweicht, wieder näher kommt, nie still steht, gilt das auch für de Auseinandersetzung mit der Rolle im doppelten Sinn – dem Part der Medea, wie der ihr als Stereotyp zugewiesenen Verhaltensmuster.

Bild: Gina Folly

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