Archiv der Kategorie: Berliner Festspiele

Leihbonbons an Salatsoße

Theatertreffen 2019 – PeterLicht nach Molière: Tartuffe oder das Schwein der Weisen, Theater Basel (Regie: Claudia Bauer)

Von Sascha Krieger

Wenn am Ende das eine oder andere Buh durch den riesigen Zuschauerraum des Hauses der Berliner Festspiele hallt, weiß die Theatertreffen-Jury meist, dass sie etwas richtig gemacht hat. Eine Festival-Ausgabe ohne leidenschaftlich gespaltene Publika wäre eine triste Veranstaltung. Die Parade der „bemerkenswertesten“ Inszenierungen eines Theaterjahr ist auch deshalb so bedeutend geblieben, weil sie immer wieder Kontroversen, Streit, Debatten ausgelöst hat, weil sich über nichts so trefflich diskutieren lässt wie darüber, ob die gerade erlebten zwei, drei, vier, zehn Stunden das Großartigste war, was man je sehen durfte – oder der letzte Sargnagel für das deutschsprachige Theater. Nach diesen Kriterien ist Claudia Bauer und PeterLichts Molière-Überschreibung ein würdiger Theatertreffen-Kandidat. Die Gefahr, Zuschauer*innen kalt oder indifferent zu lassen, besteht kaum. Im Guten wie im Schlechten.

Bild: Priska Ketterer

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Menschheit im Nebel

Theatertreffen 2019 – Nach dem Roman von Fjodor Dostojewski: Erniedrigte und Beleidigte, Staatsschauspiel Dresden (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Zu Beginn schälen sie sich aus dem Nebel: Figurenbruchstücke, Satzfestzen, Haltungsfragmente, Geschichtensplitter. Sie tauchen auf aus der Unsichtbarkeit und wieder in sie herab. Eine Unsichtbarkeit, die selbst produziert ist: Die Flutung der Bühne mit dem Nebel ist der erste Akt dieses Abends. Um zu wirken, muss sich das theater erst einmal erschaffen. Wie es das tut – auch das macht Sebastian Hartmann zu seinem Thema. Da ist es kein Zufall, dass die ersten Worte nicht Fjodor Dostojewskis hier zu spielendem Roman Erniedrigte und Beleidigte, sondern Wolfgang Lotz’ Hamburger Poetikvorlesung, in der der Dramatiker seine Idee eines neuen Theaters entwarf, eines, das Realismus neu definieren sollte, als von der Wirklichkeit ausgehend und diese transformierend, als eines, das keine Zukunft kennt sondern nur Gegenwart, nur das Hier und Jetzt, im Schreiben wie im Spielen, und gerade dadurch in die Zukunft wirken könne, eines, bei dem der „Sound“ wichtiger sei als die Handlung. Bei einem Stück sei, so Lotz, „totale Aufgeregtheit wichtig“. Realismus erfordere Offenheit und diese sei „unaufhörliche Aktivität“. Ums „Überwinden“ gehe es, presst Yassin Trabelsi in Lotz‘ Worten in höchster Erregung von der Rampe. Immer wieder verschränkt Hartmann seine Inszenierung mit Lotz‘ Thesen, macht letztere zu ihrem Gradmesser und erstere zu deren Experimentierfeld.

Bild: Sebastian Hoppe

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Welt aus Nebel

Theatertreffen 2019 – Thom Luz: Girl from the Fog Machine Factory, Gessnerallee Zürich / Théâtre Vidy-Lausanne / Kaserne Basel / Internationales Sommerfestival Kampnagel Hamburg / Theater Chur / Südpol Luzern (Regie: Thom Luz)

Von Sascha Krieger

„Wir weisen darauf hin, dass bei der Vorstellung genebelt wird.“ Bei Kennern der Arbeiten von Thom Luz rufen die Hinweisschilder im Haus der Berliner Festspiele einiges Schmunzeln hervor. Weiß man doch, dass Nebelmaschinen und Trockeneis zu den liebsten Mitteln gehören, die der Schweizer Theatermacher einsetzt. Und doch ist an diesem Abend einiges anders: Die fragile temporäre Undurchsichtigkeit is nicht mehr nur theatrales Instrument und erzählerisches Mittel, sondern das Thema dieses weniger als eineinhalbstündigen Abends selbst. Bei Thom Luz hängen fast immer Nebelwände in der Welt, schaffen Übergänge in und aus flüchtigen Wirklichkeiten, zu Traumwelten, Erinnerungsräumen, Gespensterreichen. Die Realität ist kein Ort, dem zu trauen ist, die zerbrechlichste aller Erfahrungsdimensionen des Lebens, die engste auch, die einschnürendste. Nebel macht sichtbar, indem er verdeckst und die physische Welt dem Blick entzieht. Er eröffnet andere Räume, solche des Traums, des  Denkens, der Imagination, der Erinnerung, der Trauer, er dehnt die Zeit, hält sie an, wie er Räume, Welten, Realitäten verschwinden und aus dem Nichts, im Nichts und als Nichts neu entstehen lässt.

Bild: Sandra Then

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In Zitatengewittern

Theatertreffen 2019 – Simon Stone nach August Strindberg: Hotel Strindberg, Burgtheater Wien / Theater Basel (Regie: Simon Stone)

Von Sascha Krieger

Mit 35 Jahren ist Simon Stone längst einer der größten Stars der deutschsprachigen Theaterszene. Seine Klassikerüberschreibungen haben ihm bereits drei Theatertreffen-Einladungen eingebracht, sie werden bejubelt oder sorgen für Unverständnis, kalt lassen sie selten. Bis jetzt. Dabei darf sein Hotel Strindberg jetzt sogar das Theatertreffen eröffnen – im vergangenen Jahr wurde niemand geringerem als Frank Castorf zuteil. Und doch könnte es ausgerechnet dieser Abend sein, der Stones Status als einer, den man – egal wie man zu seinen Arbeiten steht – nicht ignorieren können, gefährdet. Dabei ist es ein besonders anspruchsvolles und umfangreiches Projekt, das der australisch-schweizerische Theatermacher, in Angriff genommen hat: den gesamten literarischen Kosmos samt leben des schwedischen Autors August Strindberg in einen mehr als vierstündigen Abend verpacken. Multiple Vorlagen für seine textlich vollständig neu verfassten Überschreibungen zu verwenden, ist für ihn nichts neues, ein ganzes Oeuvre entsprechend zu behandeln und des Autoren Lebensgeschichte einzubeziehen schon. Man könnte ihm zumindest für den Versuch Respekt sollen – wenn es diesen gegeben hätte.

Bild: Sandra Then

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„Die Technik ist die Natur des Menschen“

Immersion – Rimini Protokoll (Stefan Kaegi) & Thomas Melle: Unheimliches Tal/Uncanny Valley, Münchner Kammerspiele (Regie: Stefan Kaegi)

Von Sascha Krieger

Die Angst, dereinst von Maschinenwesen, Robotern, Androiden, was auch immer abgelöst zu werden, ist spätestens seit der industriellen Revolution eine der hartnäckigsten dystopischen Visionen der Menschheit – zumindest in dem Teil, der nicht tagtäglich mit Fragen des Überlebens zu kämpfen hat. Das Theater, der Ort, an dem mindestens seit Schiller die großen Menschheitsfragen erörtert werden sollen, ist ohnehin seit jeher mit Themen wie Authentizität und Künstlichkeit befasst, ist der Platz des Als-ob, der Illusion, des anderen etwas Vormachens. Dabei besteht sein USP, wie man in Beratersprech sagen würde, ja darin, die menschliche Präsenz, die Gleichzeitigkeit von Publikum und Spieler*innen im selben Raum, die Unmittelbarkeit und Flüchtigkeit gemeinsamer Gegenwart, die Anwesenheit des Menschen. Gewissheiten, die in den vergangenen Jahren – endlich – hinterfragt werden. Beginnend mit der Aufspaltung des gemeinsamen Raumes durch Castorfsche Live-Video-Eskapaden machen sich Theatermacher*innen wie Susanne Kennedy oder Kay Voges mit sehr unterschiedlichen Mitteln und aus verschiedenen Richtungen kommend, daran, den Grundkonsens, dass im Theater menschliche Spieler*innen und ebensolche Zuschauer*innen im gleichen Raum zusammenkommen, in Frage zu stellen und exponieren damit nicht weniger als das Kernparadoxon dieser Kunstform: die Gleichzeitigkeit von authentischer Präsens und illusorischem Als-ob (mit letzterem befasst sich bekanntlich die Postdramatik seit etlichen Jahren).

Bild: Gabriela Neeb

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Spieglein, Spieglein…

Ingmar Bergman: Persona, Deutsches Theater (Kammerspiele) / Malmö Stadsteater, Berlin (Regie: Anna Bergmann) – eingeladen zum Theatertreffen 2019

Von Sascha Krieger

Theater ist Spiel mit der Identität. Um zu funktionieren, muss letztere fluide, fragil, gebrochen werden, muss die Möglichkeit bestehen, Identitäten zu überblenden und die Unterscheidbarkeit von Lüge und Wahrheit, Ich und Rolle ins Wanken zu bringen. Das verbindet das Theater mit anderen Formen darstellender Kunst, etwa dem Film. Ingmar Bergmans 1965 erschienener Film Persona thematisiert dieses schwankende Fundament seiner Kunst und ist selbst eine ergebnisoffene Reflexion über sein Medium und dessen Beziehung zur Realität. In ihm begegnen sich die erfolgreiche Schauspielerin Elisabet Vogler, die nach einer Elektra-Vorstellung verstummt ist, und die Krankenschwester Alma, die sich um sie kümmert. Alma erzählt der Stummen ihr Leben, nutzt sie als Projektionsfläche, unwissend, dass es (auch) andersherum ist. Irgendwann verschmelzen die Identitäten, werden sie austauschbar, schmelzen ihre Grenzen.

Bild: Arno Declair

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Welt. Leben. Mensch.

Christopher Rüping: Dionysos Stadt, Münchner Kammerspiele (Regie: Christopher Rüping) – eingeladen zum Theatertreffen 2019

Von Sascha Krieger

Das antike Theater war eine anstrengende Sache: In seiner Athener Blütezeit war es eingebettet und große, mehrtägige Feierlichkeiten, etwa die Großen Dionysien, gewidmet dem Gott des Weines, des Rausches, des Feierns, der eher körperlichen Freuden, bei denen sie einen wesentlichen Programmpunkt bildeten. Allein das Tragödienprogramm war umfangreich (und wurde selbst noch von dem der komödien übertroffen): Drei Dichter bestritten je einen Tag – mit jeweils drei tragischen Stücken und einem abschließenden Satyrspiel. Gut, dass der Verdienstausfall der Zuschauer*innen ausgeglichen wurde. Hieran will Christopher Rüping nun anschließen: „10 Stunden Antike“ verspricht er (am Ende sind es „nur“ neuneinhalb), drei Teile mit tragischen Stoffen gibt es, am Ende noch einen leichteren, ein „Satyrspiel“ neuerer Prägung. Dionysos Stadt nennt er sein Projekt, Bezug nehmend auf den dionysischen Ursprung des Theaters und seiner Einbettung in Feiern des ekstatischsten aller olympischen Götter – aber auch auf die wesentliche Funktion des Theaters in der athenischen Stadtgesellschaft, eines kommentierenden, die großen Fragen des Menschseins anreißenden, aber auch eines selbst gemeinschaftsbildenden.

Bild: Julian Baumann

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Seht, ein Mensch!

Nach dem Roman von Ágota Kristóf: Das große Heft, Staatsschauspiel Dresden (Regie: Ulrich Rasche) – eingeladen zum Theatertreffen 2019

Von Sascha Krieger

Ulrich Rasche ist ein anstrengender Regisseur. Für seine Spieler*innen (wobei weibliche Darstellerinnen bei ihm meist fehlen) wie für sein Publikum. Er stellt sein Personal, das kennt man mittlerweile, auf sich ständig bewegende Konstruktionen, Laufbänder etwa oder Drehscheiben. Wollen sie nicht herunterfallen, müssen sie unaufhörlich in Bewegung bleiben. Der Zuschauer dagegen muss die Konzentration wahren, trotz zuweilen fast vier Stunden monotonem Einheitsrhythmus. Bei Rasche trifft Mensch auf Maschine, muss sich letzterer anpassen, quasi selbst zu einer werden, um überleben zu können. Dass dieser Regisseur einmal Ágota Kristófs abstrakte Anti-Kriegsparabel Das große Heft auf die Bühne bringen würde, war abzusehen, erzählt die Schweizerin ungarischer Herkunft doch von einem kindlichen Zwillingspaar, das sich nach behütetem Kindheitsbeginn in einer lebensfeindlichen Kriegssituation wiederfindet, sich dieser anpasst, in dem es sich gegen den Schmerz, den physischen wie den psychischen, abhärtet, zu töten lernt und um jeden Preis zu überleben. Kristóf, die das Französische stets als feindliche Sprache empfand, erzählt die Geschichte aus Sicht der namenlosen Brüder, als ihre Aufzeichnungen im titelgebenden großen Heft.

Bild: Sebastian Hoppe

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Musik in 3D

Chefdirigent Robin Ticciati dirigiert das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin mit Werken von Debussy, Auerbach und Bruckner

Von Sascha Krieger

Wenn Robin Ticciati eines gezeigt hat in seiner kurzen Amtszeit als Chefdirigent des DSO, dann, dass er in der Lage ist, wohldurchdachte und sinnige Konzertprogramme zusammenzustellen. Das ist auch beim zweiten Konzert seiner zweiten Spielzeit nicht anders. Es ist ein Blick zurück auf einen Wendepunkt der Musik, mit dem Augen der Gegenwart. Nur gut zehn Jahre sind sie auseinander, die Werke, die den Abend rahmen: Doch während Anton Bruckners siebte Symphonie ein Höhepunkt der Spätromantik ist, Kulminationspunkt der symphonischen Entwicklung seit Haydn und zugleich der Ort, an dem der Wagnerismus endgültig mit der symphonischen Traditionslinie zusammenfließt, gilt Claude Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune als ein Stück, das die Tore zur Moderne weit aufstieß. Dazwischen steht, praktisch als Standpunkt des Abends, ein sehr heutiges Werk: die deutsche Erstaufführung von Lera Auerbachs viertem Klavierkonzert, uraufgeführt im vorjahr vom New York Philharmonic Orchestra mit Widmungsträger Leonid Kavakos als Solisten, der das Werk auch hier in der Philharmonie interpretiert. Und der Blick aus dem Hier und Jetzt, aus der konkreten Realität der Gegenwart, ist in jedem Moment des Abends zu spüren. Keine Verklärung, keine Mystifizierung, kein ehrfurchtsvoller, distanzierter Blick. Ticciati wuchtet die Werke auf diese Bretter, stellt sie in diesen Raum und betrachtet sie mit den wachen Augen eines Künstlers, der die gut 100 Jahre Musikgeschichte, die seitdem vergangen sind, mit im Gepäck hat.

Robin Ticciati mit dem DSO (Bild: Kai Bienert)

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„Gleichzeitig hier und dort“

Kay Voges und sein Team stellen die gleichzeitig Berlin und Dortmund stattfindende Simultanaufführung Die Parallelwelt vor

Von Sascha Krieger

Neues, so weiß man, entsteht oft aus Alltäglichem, Bahnbrechendes aus Banalem. Das ist auch der Fall, wenn am 15. September Berliner Ensemble und Schauspiel Dortmund Theatergeschichte schreiben, indem sie gemeinsam eine Inszenierung an zwei unterschiedlichen Standorten zeigen, die in Echtzeit miteinander kommunizieren und spielen. Die Idee, so erzählt es Regisseur Kay Voges beim  ebenfalls verdoppelten Pressegespräch, bei dem sich Berliner und Dortmunder Presse zunächst zuwinken dürfen, entstand beim Gastspiel seiner bejubelten Inszenierung Die Borderline Prozession beim letztjährigen Theatertreffen. Da das Bühnenbild fest in der damaligen Dortmunder Ausweichspielstätte Megastore installiert war, musste es für das Gastspiel in den Berliner Rathenau-Hallen originalgetreu kopiert werden. Das Erlebnis, im gleichen Raum und doch an einem anderen Ort zu sein, war, so Voges, der Ausgangspunkt, darüber nachzudenken, ob die Art, wie wir Raum und Zeit und Individuum denken – einzigartig und eindeutig definiert – unserer Realitätserfahrung überhaupt noch entsprechen. „Der Raum hat sich verschoben“, erinnert er sich, „und auch die Zeit hat sich verschoben“.

Kay Voges (3. von rechts) und sein Team bei den Proben (Bild: Birgit Hupfeld)

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