Archiv der Kategorie: Berliner Festspiele

Wenn Vaginas singen

Immersion – Vegard Vinge / Ida Müller: Nationaltheater Reinickendorf, Berliner Festspiele (Regie: Vegard Vinge, Ida Müller)

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist das ja der Endpunkt. Folgerichtig ist die neueste Arbeit der exntrem-Theatermacher Vegard Vinge und Ina Müller allemal. Mit ihrem zum Theatertreffen eingeladenen John Gabriel Borkman hatten sie sich, für alle sichtbar, auch für die vielen, denen ihre Namen zuvor kaum ein Begriff waren (der Autor dieser Zeilen zählt sich mit einigermaßen schlechtem Gewissen dazu), als Protagonisten eines Totaltheaters etabliert, das viel mehr noch als jenes ihres langjährigen Förderers Frank Castorf Grenzen sprengt, Tabus nicht nur nicht anerkennt, sondern mit einem radikalen Genusswillen niederreißt, der mal begeistert, mal verstört und nicht selten beides gleichzeitig tut, das alles und jeden in sich einsaugt, das kein Außen kennt, weil es nichts gibt, was nicht dazugehört. Und das zugleich mit ähnlich extremer Kompromisslosigkeit stets die eigene Theatralität betont: mit den grotesken, meist kindlich inspirierten Masken, der radikalen Künstlichkeit der Bewegungen (wer Vinge/Müllers arbeiten kennt, weiß, woher die Ästhetik und Körperlichkeit etwa eines Ersan Mondtag, einst Assistent beim Borkman kommt), die plakative Trennung von Sprechen und Agieren, die pure Materialität von Sprache, die ewigen Wiederholungen und mechanischen Fragmentierungen, die jegliche Repräsentation konterkarieren, der einzigartige Comic-Stil der Bühnenbilder Ida Müllers, die jede vermeintliche Realität durch den Fleischwolf ihres Zeichenstiftes dreht.

Bild: © Nationaltheater Reinickendorf

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Was bleibt

Immersion – Rimini Protokoll (Stefan Kegi / Dominic Huber): Nachlass – Piéces sans personnes, Théâtre de Vidy, Lausanne / Staatsschauspiel Dresden / Berliner Festspiele

Von Sascha Krieger

„Who wants to live forever?“, sangen Queen vor gut 30 Jahren im ersten Highlander-Film. Eine Frage, die sich umkehren ließe: Wer will das nicht? Zu den Folgen des menschlichen Wissens um die eigene Sterblichkeit gehört seit je der Versuch, diese zumindest ein wenig auszutricksen, etwas, wie es heißt, zu hinterlassen, sei dies materieller, geistiger oder sonst irgendwie nachhaltiger Natur. Wie gehen wir dem sicheren Tod entgegen, was lassen wir zurück, wem und warum? Rimini Protokoll, genauer gesagt der Schweizer Stefan Kaegi, unterstützt von Dominic Huber, haben sich diesen Fragen gewidmet. Nachlass ist ein Rimini-typischer Erlebnisraum geworden, mit unterschiedlichen Stationen, welche die Besucher*innen durchlaufen und in denen sie sich mit dem vielleicht Einzigen auseinandersetzen sollen, das tatsächlich alle mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Erde verbindet: dem Tod. Acht Räume gilt es zu erkunden, Erinnerungs-, Vermächtnisräume, geprägt von jenen Menschen, deren Geschichten wir dort hören. Da sind: ein Basejumper, ein Familienvater, der an einer Erbkrankheit leidet, eine alte Frau, die per Sterbehilfe aus dem leben scheiden will, eine ehemalige EU-Botschafterin, die mit einer Stiftung afrikanische Kultur fördert, ein schwäbisches Bankiersehepaar, eine Hobbyfotografin, ein seit 50 Jahren in der Schweiz lebender Türke, ein pensionierter Neurochirurg.

Bild: Samuel Rubio

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Puzzlespieler

Theatertreffen der Jugend 2017 – TWAILAIT, EchtEinstein – Theater AG der Albert-Einstein-Schule Groß-Bieberau

Von Sascha Krieger

Beginnen wir mal mit einem Schrei nach Mitleid: Als Theaterrezensent hat man es ja nicht immer leicht. Nicht nur muss man beim Schlussapplaus darauf achten, möchlicst neutral und objektiv zu erscheinen, man sollte sich auch während der Aufführung zurückhalten mit emotionalen Bekundungen jeglicher Art. Das ist schwer genug, doch gibt es dann immer wieder Abende, die den Kritiker an die Grenze seiner Belastbarkeit bringen. Das sind jene, in denen die schizophrene Ebene des Rezensentenwesens zum Tragen kommt, sich der Zuschauer und der Kritiker in besagtem Rezensentenwesen (dieses entschuldigt sich schon einmal für das grauenvolle Wortspiel) in herzlicher Feindseligkeit gegenüberstehen, ein Konflikt, der sich mitunter nur lösen lässt, in dem die eine Seite der anderen den Mund verbietet. TWAILAIT, eine Schultheaterproduktion aus dem hessischen Groß-Bieberau, ist so ein Fall, in dem kritischer Blick und Zuschauerreaktion nicht zusammenpassen. Und in dem – zumindest im Fall des hier Schreibenden – der innere Zuschauer dem nörgelnden Kritiker irgendwann sagt: Gib Ruhe! Und letzter, zähneknirschend einknickt. Aus diesem Grunde ist dies hier vielleicht auch keine Rezension und selbiges womöglich auch nicht wichtig. Und so folgt jetzt ein Satz, den dieser Rezensent so wohl noch nie in einer Besprechung geschrieben hat: Ich hatte Spaß!

Bild: Olaf Mönch

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Die Mechanik des Hasses

Theatertreffen der Jugend 2017 – Nach Rainer Werner Fassbinder: Katzelmacher, Balljugend-Club am Jungen Schauspiel Hannover *

Von Sascha Krieger

Dass es des „Fremden“ gar nicht bedarf, um es/ihn/sie zu hassen, ist keine ganz neue Erkenntnis. Dass etwa der so genannte „Fremdenhass“ nicht zuletzt dort blüht, wo es kaum Migrant*innen oder Menschen mit dem, was man als „Migrationshintergrund“ vereinfacht, gibt, ist ein Phänomen, dass in Deutschland bereits seit den frühen 1990er-Jahren diskutiert wird – oder eben auch nicht. Rainer Werner Fassbinders Katzelmacher, 1968 uraufgeführt, ein Jahr später sein Durchbruch als Filmemacher, ist eine der frühesten künstlerischen Auseinandersetzungen mit der hässlichen Fratze eines Landes, das lange von sich behauptete, selbige hinter sich gelassen zu haben. Darin treffen gelangweilte Jugendliche in einer ungenannten Provinzstadt, an der Engstirnigkeit ihrer Welt verzwergt, auf einen dieser „Fremden“, einen, der ihnen als fleischgewordene Alternative Angst macht, ihnen die eigentliche Unzulänglichkeit vor Augen hält und zugleich als Auszuschließender der augenwischenden Selbstvergewisserung dient.

Bild: Silke Janssen

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Hitlergruß und Zeigefinger

Theatertreffen der Jugend 2017 – Nach Peter Weiß, „Die Ermittlung“: Das bin ich nicht, Theater-AG der 12. Klasse der Waldorfschule Freiburg-Rieselfeld

Von Sascha Krieger

Die stärkste Szene des Abends findet sich an seinem Anfang, noch während das Publikum seine Plätze sucht. Drei kleine Kinder und ein größeres Mädchen tollen über die Bühne, schaukeln ausgelassen oder spielen Verstecken, klein leichtes Unterfangen auf der fast leeren Bühne. Im Hintergrund spielt ein weiteres Mädchen sanft auf der Gitarre. Eine Idylle, vor allem aber ein echtes, unmittelbares Stück Leben, spontan, lustvoll, unbeschwert, alltäglich. Welch ein Kontrast zu dem, was folgen wird in diesen für eine Schultheateraufführung nahezu epischen fast zwei Stunden. Denn Das bin ich nicht basiert auf einem der wegweisendsten deutschsprachigen Theatertexte des vergangenen Jahrhunderts, Die Ermittlung von Peter Weiss. Damit setzte der Schriftsteller nicht nur das Dokumentartheater  auf the theatrale Landkarte, sondern zwang dem Theater eine politische Relevanz auf, die es zuvor vor allem versucht war zu vermeiden. Basierend auf dem ersten Auschwitz-Prozess von  1963 bis 1965 führt das Stück Zeugenberichte und Täterausflüchte zusammen, wuchtet die Shoah auf die Theaterbühne, stellt, erzwingt die Frage nach Schuld und Verantwortung. Starker Tobak für eine Schul-Theater-AG.

Bild: Elena Stenzel

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In die Fresse

Theatertreffen der Jugend 2017 – Nach Mutlu Ergün-Hamaz: Sesperado – Revolution of Color,  akademie der autodidakten am Ballhaus Naunynstraße, Berlin

Von Sascha Krieger

Wenn die akademie der autodidakten am Ballhaus Naunynstraße beim Theatertreffen der Jugend zu Gast sind, geht es offenbar nicht ohne Reibung. 2016 entspann sich ein handfester Skandal aus der Präsentation einer Aachener Schülergruppe bei der Festivaleröffnung, durch die sich die anwesenenden Vertreter des postmigrantischen Berliner Ensemblen rassistisch angegriffen fühlten – nicht zu unrecht. Wer darauf hoffte, dass die Anwesenheit der aktiv auf den grassierenden Alltagsrassismus in Deutschland hinweisenden Gruppe ein Jahr später ohne Zwischenfälle bleiben würde, sah sich am Ende des Schlussapplauses ihres Auftritts getäusch. Da erhob sich eine junge Zuschauer und behauptete, Tränen in den Augen, sich lange nicht mehr als Weiße so beleidigt gefühlt zu haben. Die Fassungslosigkeit ist den Gesichtern nicht nur der Spieler*innen, sondern auch großen Teilen des Publikums (von ein paar irregeleiteten Klatschern abgesehen) sprach Bände. Und – ebenso wie der meist begeisterte Applaus – von Hoffnung, dass der um sich zu greifen scheinende Reflex, jedes Einklagen von Minderheitenrechten als Angriff auf die vermeintliche Mehrheit missverstehen zu wollen, nicht unwidersprochen bleiben wird.

Bild: Ute Langkafel / Maifoto

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Im Land der roten Nasen

Theatertreffen der Jugend 2017 – Blick nach vorn, Theatergruppe Wunderbar, Stadttheater Minden*

Von Sascha Krieger

Barfüßige Jugendliche, ganz in schwarz, die meisten von ihnen Geflüchtete. An der Seite ein Musiker, der mit Instrumenten und Beatbox-Anleihen einen Klang- und Rhythmusteppich auslegt, über dem sich Gruppenchoreografien entfalten. Man steht einander gegenüber,. formiert sich zu wechselnden Gruppen, umarmt sich, stiebt auseinander, sucht seinen Platz. Aus dem Off Kurzvorstellungen: wie man heißt, woher man kommt. Dann ein kollektives Klatschen, eine Staubwolke, die bleibt, wenn die Spieler*innen die Bühne bereits verlassen haben. Würde man eine Mustervorlage für Theaterproduktionen mit Jugendliche im Jahr zwei nach der so genannten „Flüchtlingskrise“ erstellen, so sähe sich aus. Das scheinen auch die zehn meist aus Afghanistan kommenden Spieler*innen gedacht haben. Denn als das Licht wieder angeht, ist alles anders. Rote Clownsnasen tragen sie, weit aufgerissen sind Augen und Münder. Statt biografischen Fluchterlebnistheater mit kräftiger Betroffenheitsdosis, statt Stückentwicklungs-Einmaleins gibt es jetzt ein bisschen Varierté, einen Schuss Schelmenstück, etwas Kindertheater und viel Pantomime.

Bild: Paul Offermann

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Hundewelpen im Paradies

Theatertreffen 2017 – Olga Bach: Die Vernichtung, Konzert Theater Bern (Regie: Ersan Mondtag)

Von Sascha Krieger

Das Paradies ist verloren, schon bevor wir den ersten Blick darauf werfen konnten. Dunkel bleibt die Bühne, nur zaghaft kämpft sich fahles Licht durch den Neben, während Johannes Brahms‘ Ein deutsches Requiem ertönt. „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“. So erschütternd klar hat wohl kaum einer die Erkenntnis der menschlichen Vergänglichkeit jemals in Töne gesetzt. Bei Ersan Mondtag werden diese nun zum Soundtrack des Zuendegehens. Noch bewegt sich die Schaukel in Erinnerung an gerade noch präsentes – oder imaginiertes? – Leben, doch ansonsten bleibt es leer, das Paradies, mit seinem schilfumrandeten Teich, den antiken Statuen – darunter eine Büste des Regisseurs, der gern mit seiner Eitelkeit kokettiert – den Bäumen und Blumen und der schwingenden Schaukel ist leer. Und künstlich. Der aufgemalte Himmel entpuppt sich als abstrakte Farbflächen, alles ist ein wenig zu perfekt, zu bunt, zu schön zu lebendig. Nein, Leben ist hier keines, auch nicht nachdem wie in einem Schöpfungsakt ein kuppelartiges Eingangstor vier nackte Menschenwesen in den Garten spuckt. Nackt? Ja und nein. Denn die Haut, die baumelnden Genitalien sind hauchdünne Anzüge, grell bemalt wie die Gesichter. Expressionistische Zerrbilder unschuldiger Menschenwesen.

Bild: Birgit Hupfeld

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Träumend in die Nacht

Theatertreffen 2017 – Thom Luz: Traurige Zauberer, Staatstheater Mainz (Regie: Thom Luz)

Von Sascha Krieger

Sie ist längst Erinnerung, die letzte Performance, der letzte Trick, die letzte Illusion. Gähnend leer ist der Zuschauerraum, seltsam klein wirkt er aus der Distanz, die hier, wie so oft bei Thom Luz, auch eine zeitliche ist. Ein Mitarbeiter, Mitarbeiter langweilen sich am Regiepult, einer besteigt die Leitern, auf denen Tonbandgeräte befestigt sind. Publikumsgeräusche, blechern, verzerrt tönen aus ihnen, Beifall, Ausrufe des Erstaunens. Zeugnisse einer Welt der Fantasie, die längst vergangen ist. Eine Frau führt unsichtbare Besuchergruppen durch ein imaginiertes Theater, beschreibt unsichtbare Plakate. Später werden die berühmtesten Tricks großer Zauberkünstler genannt, nur mit ihren Namen, sie sich vorzustellen, obliegt dem Publikum. Es ist ein Abend der Imagination, der den Schweizer Regisseur zum zweiten Mal zum Theatertreffen geführt hat. Der Zuschauer ist Zaungast, auf der Hinterbühne sitzend ist er eingeladen, sich die große Illusionsmaschine vorzustellen, die einst die Welt in Atem gehalten hat. Die Bühne, auf der einst der Welt größte Magier standen – sie ist natürlich die des Theaters, jenem Ort der Erschaffung und Aufhebung von Illusion, der Erweiterung der Vorstellungskraft, der Einladung, die Möglichkeit, andere Welten, andere Varianten dieser Welt zu denken.

Bild: Andreas Etter

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Hexensabbat in Hochglanz

Theatertreffen 2017 – Simon Stone nach Anton Tschechow: Drei Schwestern, Theater Basel (Regie: Simon Stone)

Von Sascha Krieger

Nein, nach Moskau will hier niemand. Mascha zieht es nach New York, Irina erst nach Berlin, später nach Nepal oder einfach nur weg, Andrej nach San Francisco. Nur Olga will nirgendwo hin, sondern einfach nur glücklich sein – natürlich in einer lesbischen Beziehung. Wenn Simon Stone Tschechow „inszeniert“, ist vor allem eines drin: Simon Stone. Er hat die Drei Schwestern in das, was er für das Heute hält, geholt und den Text vollständig überschrieben. Den Geschwistern hat er immerhin den Namen gelassen, ansonsten könnte die Szenerie nicht weiter weg sein von der kleinen russischen Garnisonssiedlung um die vorletzte Jahrhundertwende. Das beginnt schon damit, dass den Geschwistern gar kein Heim mehr zu nehmen ist. Das Haus, um das es (auch geht), ist ein Feriendomizil, das Werk eines Berühmten Architekten, Paradebeispiel „für seine frühen Hüttenarbeiten“, wie es an einer Stelle heißt. Die Bewohner sind Gäste, Vorbeikommende. Familie, Heim, Beziehung: Bindung ist out bei dieser Hipster-Generation, die Stone hier in die Schweizer Berge verfrachtet hat. So glatt und kalt wir Lizzie Clachans zweieinhalbstöckiges modernistisches Bühnen-Haus ist auch die Lebenswirklichkeit, derer, die hier ein- und – viel wichtiger – ausgehen.

Bild: Sandra Then

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