Archiv der Kategorie: Berliner Festspiele

Musik in 3D

Chefdirigent Robin Ticciati dirigiert das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin mit Werken von Debussy, Auerbach und Bruckner

Von Sascha Krieger

Wenn Robin Ticciati eines gezeigt hat in seiner kurzen Amtszeit als Chefdirigent des DSO, dann, dass er in der Lage ist, wohldurchdachte und sinnige Konzertprogramme zusammenzustellen. Das ist auch beim zweiten Konzert seiner zweiten Spielzeit nicht anders. Es ist ein Blick zurück auf einen Wendepunkt der Musik, mit dem Augen der Gegenwart. Nur gut zehn Jahre sind sie auseinander, die Werke, die den Abend rahmen: Doch während Anton Bruckners siebte Symphonie ein Höhepunkt der Spätromantik ist, Kulminationspunkt der symphonischen Entwicklung seit Haydn und zugleich der Ort, an dem der Wagnerismus endgültig mit der symphonischen Traditionslinie zusammenfließt, gilt Claude Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune als ein Stück, das die Tore zur Moderne weit aufstieß. Dazwischen steht, praktisch als Standpunkt des Abends, ein sehr heutiges Werk: die deutsche Erstaufführung von Lera Auerbachs viertem Klavierkonzert, uraufgeführt im vorjahr vom New York Philharmonic Orchestra mit Widmungsträger Leonid Kavakos als Solisten, der das Werk auch hier in der Philharmonie interpretiert. Und der Blick aus dem Hier und Jetzt, aus der konkreten Realität der Gegenwart, ist in jedem Moment des Abends zu spüren. Keine Verklärung, keine Mystifizierung, kein ehrfurchtsvoller, distanzierter Blick. Ticciati wuchtet die Werke auf diese Bretter, stellt sie in diesen Raum und betrachtet sie mit den wachen Augen eines Künstlers, der die gut 100 Jahre Musikgeschichte, die seitdem vergangen sind, mit im Gepäck hat.

Robin Ticciati mit dem DSO (Bild: Kai Bienert)

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„Gleichzeitig hier und dort“

Kay Voges und sein Team stellen die gleichzeitig Berlin und Dortmund stattfindende Simultanaufführung Die Parallelwelt vor

Von Sascha Krieger

Neues, so weiß man, entsteht oft aus Alltäglichem, Bahnbrechendes aus Banalem. Das ist auch der Fall, wenn am 15. September Berliner Ensemble und Schauspiel Dortmund Theatergeschichte schreiben, indem sie gemeinsam eine Inszenierung an zwei unterschiedlichen Standorten zeigen, die in Echtzeit miteinander kommunizieren und spielen. Die Idee, so erzählt es Regisseur Kay Voges beim  ebenfalls verdoppelten Pressegespräch, bei dem sich Berliner und Dortmunder Presse zunächst zuwinken dürfen, entstand beim Gastspiel seiner bejubelten Inszenierung Die Borderline Prozession beim letztjährigen Theatertreffen. Da das Bühnenbild fest in der damaligen Dortmunder Ausweichspielstätte Megastore installiert war, musste es für das Gastspiel in den Berliner Rathenau-Hallen originalgetreu kopiert werden. Das Erlebnis, im gleichen Raum und doch an einem anderen Ort zu sein, war, so Voges, der Ausgangspunkt, darüber nachzudenken, ob die Art, wie wir Raum und Zeit und Individuum denken – einzigartig und eindeutig definiert – unserer Realitätserfahrung überhaupt noch entsprechen. „Der Raum hat sich verschoben“, erinnert er sich, „und auch die Zeit hat sich verschoben“.

Kay Voges (3. von rechts) und sein Team bei den Proben (Bild: Birgit Hupfeld)

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Bis zum Atemstillstand

Musikfest Berlin 2018 – Die Münchner Philharmoniker unter Valery Gergiev spielen letzte Werke von Zimmermann und Bruckner

Von Sascha Krieger

Hach, Bruckners Neunte. So langsam entwickelt sie sie zu einem Sorgenkind des Musikfest Berlin. Verblüffte der mittlerweile nach Missbrauchsvorwüfen geschasste Daniele Gatti im vergangenen Jahr im Gastspiel des Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam mit einer eigentlichen Unmöglichkeit, einem langweilenden Bruckner, setzt Valery Gergiev mit den Münchner Philharmonikern in der diesjährigen Ausgabe fast noch einen drauf: eine Bruckner 9, die mit expliziter Beliebigkeit dahinplätschert, bis der verwunderte Zuhörer die Augen reibt. was, schon vorbei? War was? Nein, eigentlich nicht. Obwohl das Programm auf dem Papier überzeugt: zwei letzte Werke gläubiger Katholiken, beide stark religiös geprägt (Bruckner widmete die Neunte „dem lieben Gott“), beide sich den letzten und größten Dingen widmend. Leben, Tod, Menschsein. Doch unterschiedlicher könnten sie kaum sein: Dort die ozeanische Musik des Kosmos-Komponisten Bruckner, hier Bernd Alois Zimmermanns beinahe zum Hörspiel reduziertes Vokalwerk, in dem das Orchester nahe daran ist, sich überflüssig zu machen. Am Ende steht ein Abend, der weder vor noch nach der Pause Türen öffnet zum Nachdenken über Sein und Existenz, zu dem beide Werke doch einladen wollen (Zimmermann) oder nach gängiger Expertenmeinung sollen (Bruckner).

Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker (Bild: Kai Bienert)

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Gegen die Dunkelheit

Musikfest Berlin 2018 – Andris Nelsons und das Boston Symphony Orchestra zu Gast mit Mahlers dritter Symphonie

Von Sascha Krieger

Der Abend, an dem das Boston Symphony Orchestra, unter ihrem seit 2014 agierenden Chefdirigenten Andris Nelsons so reisefreudig wie nie, beim Berliner Musikfest gastiert, beginnt mit einer guten Nachricht: Nachdem Spitzenorchester wie das Rotterdam Philharmonic und selbst das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam vor fast leerem Haus gespielt hatten, bleiben nur wenige Plätze in der Philharmonie frei. Nelsons, der bei der Wahl zum Rattle-Nachfolger bei den Berliner Philharmonikern als Favorit galt, ist in der Stadt immer noch gern gesehen. Insbesondere, wenn er sein Kernrepertoire im Gepäck hat, zu dem zweifellos die Symphonien Gustav Mahlers zählen. An diesem Abend steht die monumentale Dritte auf dem Programm, ein Monster von mehr als eineinhalb Stunden Länge, das genau die Mischung aus positiver Grundeinstellung, Zuversicht und Selbstvertrauen erfordert, die Andris Nelsons mitbringt.Ein Monster, das der Lette nicht nur zu zähmen imstande sondern auch gewillt ist.

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Andris Nelsons dirigiert das Boston Symphony Orchestra beim Musikfest Berlin 2018 (Bild: Kai Bienert)

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Inneres Leuchten

Musikfest Berlin 2018 – Manfred Honeck dirigiert das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam

Von Sascha Krieger

Zahn Jahre ist es her, da führte das ehrwürdige eine Kritiker-Umfrage durch, um das nach Ansicht der Experten beste Orchester der Welt zu ermitteln. Ein wenig überraschend erklommen die üblichen Verdächtigen, die Philharmoniker aus Berlin und Wien zwar das Podium, aber nicht den Spitzenplatz. Dieser ging nach Amsterdam, ans Royal Concertgebouw Orchestra unter dem damaligen Chefdirigenten Mariss Jansons. Eine Wahl, die trotz überraschter Reaktionen, kaum jemand für wirklich falsch hielt. Viel ist seitdem passiert: Jansons hat seine Amtszeit beendet, sein Nachfolger Daniele Gatti nicht nur ein schweres Erbe anzutreten, sondern auch mit Vorwürfen eines künstlerischen Niedergangs zu kämpfen. Dass diese nicht ganz aus der Luft gegriffen gewesen sein könnten, musste auch das Berliner Publikum beim Musikfest Berlin 2017 erfahren. Und nun, kurz vor Beginn der neuen Spielzeit, der Super-GAU: Nach zahlreichen Vorwürfen sexuellen Missbrauchs handelte das Orchester und warm Gatti mit sofortiger Wirkung raus. Unmittelbar vor Saisoneröffnung stand der Klangkörper ohne Chefdirigenten dar. Der Tiefpunkt. Ersatz musste her: Ex-Chef Bernard Haitink übernahm einige Konzerte und wurde bejubelt, Manfred Honeck, als ehemaliges Mitglied der Wiener Philharmoniker auch ein Insider, was die Dynamiken in einem Spitzenorchester angeht, andere.

Manfred Honeck (Bild: Felix Broede)

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Vom Atom zum Kosmos

Musikfest Berlin 2018 – Yannick Nézet-Séguin dirigiert das Rotterdam Philharmonic Orchestra

Von Sascha Krieger

Oft sind seine Werke nicht zu hören in deutschen Konzertsälen: Bernd Alois Zimmermann war immer ein unzeitgemäßer Komponist. In seiner Jugend in Nazi-Deutschland abgeschnitten von den Entwicklungen der zeitgenössischen Musik fand – und suchte – er nie den weg in eine der bestimmenden musikalischen Bewegungen seiner Zeit. Die konstruktivistische, mathematisch inspirierte Musik der 1950er und 1960er Jahre blieb ihm ebenso fremd wie der vermeintliche Traditionalismus der tonalen Schulen jener Zeit. Ein Wanderer zwischen den Welten, mit dem Anhänger beider Pole wenig anfangen konnten. Das Musikfest Berlin erlaubt in diesem Jahr einen kurzen, kursorischen Blick auf sein Werk, auf seine collagenhafte Musik der Schichtungen, der Zitate, der Zusammenfügung des Disparaten. Den Anfang machen Yannick Nézet-Séguin und das Rotterdam Philharmonic Orchestra. Dabei ist dieses Wiederhören auch ein Abschiednehmen: Soeben hat der Kanadier seine zehnjährige Zerit als Rotterdamer Chefdirigent beendet, jetzt gehen beide auf eine letzte Tournee und in eine neue Phase der Zusammenarbeit – Nézet-Séguin ist seit Neuestem Ehrendirigent des Orchesters.

Yannick Nezet-Seguin und das Rotterdam Philharmonic Orchestra (Bild: Bob Bruyn)

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Mathematik und Distanz

Eröffnungskonzert des Musikfest Berlin 2018 mit der Staatskapelle Berlin und Daniel Barenboim

Von Sascha Krieger

Die Musik von Pierre Boulez ist für Daniel Barenboim seit jeher Herzenssache. Mehrfach wird beim anschließenden Eröffnungsempfang des diesjährigen Musikfests Berlin – auch von Barenboim selbst – darauf hingewiesen, dass der junge Dirigent Boulez und der noch viel jüngere Pianist Barenboim einst im ersten Jahr des Bestehens der Philharmonie hier auftraten. Barenboim hat immer wieder die Werke des Älteren dirigiert, hat seine eigenen Staatsoper-Festtage dem Freund und Mentor gewidmet, der von ihm maßgeblich initiierte neue Konzertsaal im Herzen Berlin trägt Boulez‘ Namen. Der längst legendäre Dirigent will, dass Boulez`Musik gehört und, mehr noch, verstanden wird. Und so lässt er es sich nicht nehmen, vor der Aufführung des gut zwanzig minütigen Rituel, einst von Boulez dessen früh verstorbenem Freund und Kollegen Bruno Maderna gewidmet, etwa genau so lange das zu hörende Werk zu erlältern. Er erklärt die – in seinen späteren Jahren von Boulez selbst angeregte – Verteilung der acht Instrumentengruppen, jede mit eigenem Schlagzeuger, im gesamten Raum der Philharmonie, die Unterscheidung der statischen ungeraden und der rhythmisch getriebenen geraden Abschnitten, die klangliche Wendung nach dem 14. und lässt manche Hörprobe hören. Die Verbindung von mathematisch genauer Konstruktion und klanglicher Freiheit – die riesige Partitur, vor der der nicht gerade groß gewachsene Dirigent steht, enthält etliche aleatorische Passagen – erschließt sich so auch dem weniger geübten Zuhörer.

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Daniel Barenboim dirigiert Rituel von Pierre Boulez (Bild: Kai Bienert)

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Welt voller Zeichen

Theatertreffen 2018 – Nach dem Roman von Thomas Melle: Die Welt im Rücken, Burgtheater, Wien (Regie: Jan Bosse)

Von Sascha Krieger

„Etwas stimmt hier nicht.“ Das ist noch nicht so recht festzumachen, wenn das Publikum seine Plätze einnimmt. Da vorn auf der zunächst komplett leeren Bühne (eingerichtet von Stéphane Laimé) baut jemand eine Tischtennisplatte auf, beginnt dann zu spielen, merkt, dass es allein nicht besonders gut funktioniert. Er holt einen Zuschauer dazu, dann einen anderen. Man spielt, ganz „normal“ zunächst. Doch irgendwie wirkt dieser Mann in der farblich indeterminierten, irgendwie gräulich verwaschenen Kleidung nicht ganz bei sich, wird immer hibbeliger, hektischer. Er beginnt aggressiver zu spielen, arbeitet schon mal mit zwei Bällen gleichzeitig, schlägt plötzlich mit einem Ei auf. Nein, etwas stimmt hier nicht. Ein starker Beginn, weil er zunächst in Sicherheit wiegt, so versteckt irritiert, dass sich zunächst der Zuschauer fragt, ob eventuell er, ob es seine Wahrnehmung ist, mit denen „etwas nicht stimmt“. Das Saallicht bleibt auch dann noch lange an, wenn sich die Türen schließen, wenn der Mann, es ist Großschauspieler Joachim Meyerhoff, zu erzählen beginnt. Das Publikum ist Zeuge, Angesprochener, Gesprächspartner, das gegenüber, das der zu Zerfallende, der da steht, braucht, um sich irgendeiner Art von Wirklichkeit, von Präsenz vergewissern zu können.

Bild: Reinhard Werner

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Auf den Spielplatz!

Theatertreffen 2018 – Die Odyssee. Eine Irrfahrt nach Homer, Thalia Theater, Hamburg (Regie: Antú Romero Nunes)

Von Sascha Krieger

Ein Sarg, zwei Männer, zwei Tote. Der eine hängt einen Kranz auf, der andere nimmt ihn wieder ab, ersetzt ihn durch ein Porträt, Kirk Douglas ist zu erkennen, er hat einmal Odysseus gespielt. Jetzt betrauern ihn die Söhne, der eheliche Telemachos und der Zauberinnen-Sohn Telegonos, die bislang nichts voneinander wussten. Der eine erinnert den Vater als gewalttätigen Krieger, der andere als neugierigen Wanderer. Welches Bild stimmt, tut es überhaupt eines, kann es das? Die Geschichten werden sie durchspielen, mit dem Furor kleiner Kinder: die Überlistung des Polyphem, der Sieg in Troja, all die Heldegeschichten, die in ihnen stecken, sie geformt haben, den Vater, den sie nicht kennen, ersetzen mussten, das eigene Ich vorprägten. Spielmaterial sind sie geworden, blutige Märchen, ihr Held ein Mythos? Eine Geschichte selbst. Aber welche und wessen? Verschlagen, verbissen, erfindungsreich kämpfen die beiden Sandkastenhelden um die Deutungshoheit, legen einander rein, führen den Anderen vor, ein albern infantiler Slapstick der Selbstbehauptung.

Bild: Armin Smailovic

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Alles gleich – alles anders

Theatertreffen 2018 – Mittelreich. Musiktheater nach dem Roman von Josef Bierbichler nach der Inszenierung von Anna-Sophie Mahler, Münchner Kammerspiele (Regie: Anta Helena Recke)

Von Sascha Krieger

Dass die politische Partei namens AfD, die als „rechtspopulistisch“ zu bezeichnen ihre eigene rechtsextreme Realität längst verbietet, kein Fan staatlich subventionierter Kunst und Kultur in diesem Land ist, stellt keine Neuigkeit dar. Und doch sollte dies jene überraschen, die mal einen genaueren Blick auf die Bühnen der deutschen Stadt- und Landestheater werfen. Viel ist da von Diversität die Rede, von einer heterogenen Gesellschaft, die Unterschiede als Bereicherung (auch so ein Hasswort der Rechten) begreift. Und doch trifft der Zuschauerblick meist nur Menschen, die gar nicht so anders auszusehen scheinen, als man selbst. „Multi-Kulti“ hin, Vielfalt her: Die Bühnen dieses Landes sind in ihrer großen Mehrheit noch immer genauso in weißer Hand wie die Zuschauerräume. Schauspieler of Colour dürfen zuweilen mal Geflüchtete spielen oder „opfer“ aller Art, womöglich ist mal ein Othello drin. „Farbenblindes“ Casting funktioniert als Einbahnstraße: Ein weißer Othello? Kein Problem! Ein schwarzer bayerischer Bergbauer? Um Gottes Willen! Der weiße Durchschnittszuschauer ist eben nicht „farbenblind“, wenn es um People of Colour geht. Sieht er einen Schwarzen auf der Bühnen, stellen sich sofort Assoziationen und Zuschreibungen ein, die von der äußerlichsten aller menschlichen „Eigenschaften“ ausgehen: der Hautfarbe.

Bild: Judith Buss

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