Archiv der Kategorie: Berliner Festspiele

Am Haken

Florentina Holzinger: TANZ. Eine sylphidische Performance in Stunts, Tanzquartier Wien / Sophiensaele, Berlin / Münchner Kammerspiele / Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt am Main u.a. (Konzept, Performance, Choreografie: Florentina Holzinger) – eingeladen zum Theatertreffen 2020

Von Sascha Krieger

Nein, leicht fällt es nicht hinzuschauen, wenn einer Performerin, dokumentiert in nichts verzeihender Nahaufnahme, drei Haken in den Rücken implantiert werden, das Blut fließt und sie sich später an selbigen in die Höhe ziehen lässt, lächelnd Pirouetten und Ballettfiguren vollführt, den Schmerz in erster Linie in der Vorstellung der Zuschauer*in platzierend. Es ist der drastische Höhepunkt dieses Abschlusses von Florentina Holzingers Körpertrilogie, in dem es um die Disziplinierung, die Abrichtung des menschlichen Körpers, ausgehend von jener Dressur-Tortur namens klassisches Ballett geht. Weit ist der Abend an diesem Punkt bereits gekommen, dessen erster Akt – wir erfahren später, dass hier die Struktur des romantischen Balletts mit einem ersten Akt in der Realität und einem zweiten in einer Fantasiewelt widerspiegelt – in einem Ballettstudio zu spielen scheint. Die legendäre Tänzerin Beatrice Cordua leitet eine Reihe jüngerer Kolleginnen an, freundlich streng, mit wachsender Begeisterung über die Dressur- und Leistungsfähigkeit des Körpers aber auch zunehmend übergriffig, bis hin zu sexueller Belästigung, wenn das Training der Ballettfiguren ansatzlos in „Vaginainspektionen“ übergeht.

Bild: Eva Würdinger

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Aus dem Glashaus

Anta Helena Recke: Die Kränkungen der Menschheit, Münchner Kammerspiele / Hebbel am Ufe (HAU 2), Berlin, Kampnagel, Hamburg / Mousonturm, Frankfurt am Main (Inszenierung: Anta Helena Recke) – eingeladen zum Theatertreffen 2020

Von Sascha Krieger

Vielleicht befindet sich die westliche Gesellschaft gerade in einer kollektiven Depression. Wie anders wäre es zu erklären, dass Siegmund Freud, der „Vater“ der Psychoanalyse, der „Entdecker“ des Unbewussten, der Hervorkramer des Verdrängten, gerade mal wieder Hochkonjunktur zu haben scheint. Theater inszenieren seine Traumdeutung, in Zeiten von Debatten darüber, wie sehr toxische Männlichkeit einen, wenn nicht den Kern der Sinnkrise der westlichen Zivilisation bildet, interessieren Freunds stark männlich fokussierte Verunsicherungsszenarien besonders. Auch Anta Helena Recke, eine Künstlerin, die weiße ethnozentrische Weltbilder hinterfragt – die immer auch männlich patriarchal geprägt sind – nimmt Freud in ihrer neuen Arbeit als Ausgangspunkt. Drei Kränkungen haben die Menschheit in der Moderne in die Krise gestürzt, war er überzeugt: die Erkenntnis, dass die Erde und damit der Mensch nicht Mittelpunkt des Universums seien, die Abstammung des Menschen vom Affen und eben die Entdeckung des Unbewussten durch ihn selbst. Drei Ereignisse, die den Glauben an die Allmacht des Menschen erschütterten. Die immer eine Allmacht des weißen männlichen Menschen bedeutete. Weshalb Recke nun eine vierte Kränkung hinzufügt: die Erkenntnis des weißen Mannes, dass die Menschheit nicht nur aus ihm besteht, es die von Freud postulierte „Menschheit“ als Einheit gar nicht gibt.

Bild: Gabriela Neeb

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Hoffnungsmusik

Musikfest 2019 – Zubin Mehta, Gil Shaham und das Israel Philharmonic Orchestra mit Werken von Pártos, Mendelssohn Bartholdy und Berlioz

Von Sascha Krieger

Abschiedstourneen sind Orte der Nostalgie, des Schwelgens in Erinnerung, der Rückschau. Dafür ist auch genug Raum, wenn Zubin Mehta nach 50 Jahren Zusammenarbeit, nach über 40 Jahren Amtszeit als erster und bislang einziger Chefdirigent nun ein letztes Mal am Pult des Israel Philharmonic Orchestra stand, einst von einem polnischen Immigranten als Palestine Symphony Orchestra gegründet und stets ein Spiegel der konfliktreichen Geschichte seines Landes. Als Mehta den Klangkörper zum ersten Mal dirigierte, stand er noch vor so manchem Überlebenden der Shoa, später würde das Orchester von Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion bestimmt, heute hinterlässt er seinen Nachfolgern ein Ensemble weitgehend in Israel aufgewachsener Musiker*innen und damit erstmals ein der unmittelbaren Migration ent-, man mag fast sagen, erwachsenes. Ein guter Zeitpunkt, den Stab weiterzureichen, was Mehta mit der gleichen selbstverständlichen Ruhe und Bescheidenheit tut wie alles andere. Und die ihn auch auszeichnen, wenn er nun vor diesem Orchester sitzt – das Alter und so manches gesundheitliches Problem hat bei dem 83-Jährigen zumindest körperliche Spuren hinterlassen – ausgerechnet in Berlin, einer dritten oder vierten künstlerischen Heimat Mehtas, aber auch der Ausgangspunkt des größten aller Menschheitsverbrechen, das die persönlichen Geschichten fast aller Musiker*innen bestimmt hat.

Zubin Mehta, Gil Shaham und das Israel Philharmonic Orchestra in der Berliner Philharmonie (Bild: Monika Karczmarczyk)

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Klangliche Weltenreise

Musikfest Berlin 2019 – Sir Simon Rattle dirigiert das London Symphony Orchestra mit Werken von Abrahamsen und Messiaen

Von Sascha Krieger

Die Rückkehr ist abgeschlossen: Nachdem der langjährige Chefdirigent der Berliner Philharmoniker Sir Simon Rattle nach Ende seiner Amtszeit seine Berlin-Rückkehr mit der befreundeten Staatskapelle feierte und in der vergangenen Spielzeit auch wieder am Pult „seiner“ Philharmoniker stand, gibt er nun im Rahmen des Musikfests Berlin sein Debüt mit seiner „neuen“ Liebe, dem London Symphony Orchestra, dem er seit nunmehr zwei Jahren vorsteht. Und Liebe weht ihm entgegen, vor und nach dem Konzert in der (fast?) ausverkauften Philharmonie. Was allein schon eine Meldung wert ist, denn gut gefüllt sind die Gastspiele beim Musikfest nicht immer. Erst recht nicht bei diesem Programm, das ausschließlich aus dem besteht, was man gemeinhin als „zeitgenössische Musik“ bezeichnet.  Werke aus den Jahren 1992 und 2013 kommen zu Gehör – in der Regel „Kassengift“ bei Symphoniekonzerten. Wenn jedoch Sir Simon am Pult steht, nimmt das Berliner Publikum auch eine solche Programmierung hin, was deutlich macht, welchen Stellenwert der Engländer in dieser Stadt genießt.

Sir Simon Rattle und das London Symphony Orchestra (Bild: Doug Peters)

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Kein Zurück

Musikfest Berlin 2019 – Sakari Oramo dirigiert das BBC Symphony Orchestra

Von Sascha Krieger

Weit ist der Weg, den Sakari Oramo und sein BBC Symphony Orchestra zurücklegen an diesem Abend in der Berliner Philharmonie: Er beginnt in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts, als die Romantik ebenso fest im Sattel schien wie das „alte Europa“. Und er endet im Jetzt, im Jahr 2019, viele Menschheitskatastrophen später, knapp 150 Jahre, die auch in der Musik keinen Stein auf dem anderen ließen. Da gilt es, Kontrolle zu bewahren, die Zügel in der Hand zu lassen. Und so eröffnet Oramo sein Gastspiel mit Modest Mussorgskys populärer Eine Nacht auf dem kahlen Berge, in einer Lesart, die alles im Griff zu behalten bemüht ist, ein Verlangen, das das ohnehin reichlich dramatische Werk noch expressiver zu machen versucht, dynamische Kontraste verstärkt, Pausen ausweitet, Kanten schärft, Klangbilder verdichtet, Rhythmen härtet. Alles scheint ein bisschen schärfer in den Fokus zu rücken, als es gut wäre, der Hang zur Überdeutlichkeit nimmt dem musikalischen geschehen den Eindruck natürlicher Entwicklung, eine gewisse Verkrampfung setzt sein, ob bei den Fanfarenrufen der Blechbläser oder dem betont behutsamen Gesang von Klarinette und Flöte nach getanem Hexenwerk. Der kompakte Klang erlaubt kaum innere Unruhe und schon gar kein reiches Farbenspiel, sodass das werk eher einem Schwarz-weiß-Bild in HD gleicht, das zugunsten vermeintlicher Klarheit jegliche Gedankenspielräume schließt.

Sakari Oramo (Bild: Benjamin Ealovega)

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Durchatmen

Musikfest Berlin 2019 – Tugan Sokhiev dirigiert das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam

Von Sascha Krieger

Einfach sind die Zeiten, die das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam durchlebt nicht: Vor elf Jahren votierten Kritiker*innen den Klangkörper im Grammophone Magazine zum weltbesten Orchester, vor vie Jahren landete es in einer ähnlichen Umfrage von Bachtrack auf Rank zwei. Da war noch Mariss Jansons Chefdirigent. Sein Nachfolger Daniele Gatti sorgte nicht nur künstlerisch für Missstimmungen – glaubwürdige Berichte über sexuelle Übergriffe führten vergangenes Jahr zu seiner Demission. Glücklicherweise verfügen die Amsterdamer über viele Freunde, die gern und kompetent aushelfen. Das ist auch an den jährlichen Gastspielen in Berlin abzulesen: Hinterließ Gattis Dirigat vor zwei Jahren Enttäuschung bis entsetzen, konnte Manfred Honeck 2018 wieder deutlich mehr überzeugen, bevor Iván Fischer im März im Konzerthaus zu begeistern vermochte. Knapp zwei Stunden Klangglück hat nun Tugan Sokhiev, als Ex-Chef des DSO und regelmäßiger Philharmoniker-Gast ein oft und gern gesehenes Gesicht in Berlin, im Gepäck. Dabei bringt er keine „Crowd Pleaser“ mit, die Philharmonie weist, wie beim Misukfest leider immer wieder zu beobachten, denn auch etliche freie Plätze auf.

Tugan Sokhiev (Bild: Patrice Nin)

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Feier der Neugier

Sir John Eliot Gardiner, das Orchestre Révolutionnaire et Romantique und der Monteverdi Choir eröffnen das Musikfest Berlin 2019 mit Berlioz‘ Oper Benvenuto Cellini

Von Sascha Krieger

Das Musikfest Berlin ist nicht dafür bekannt, es seinem Publikum besonders leicht zu machen. Sperrige Programme, die auch mal Überlänge haben können, ambitionierte Themen- und Komponisten-Schwerpunkte (das Gendersternchen ist hier leider nicht angebracht), die den Mainstream gern weit hinter sich lassen, in der Folge nicht selten halbleere Säle – im internationalen Festivalbetrieb ist Berlin das Arthouse-Fest, die unabhängige Alternative. Da passt es gut, mit einem echten außenseiter zu starten. Sir John Eliot Gardiner, Protagonist der historisch informierten Aufführungspraxis und als solcher nicht zuletzt Barockspezialist, hat vor ein paar Jahrzehnten begonnen, deren Prinzipien auf die Musik des 19. und 20. Jahrhunderts auszudehnen. Mit dem Orchestre Révolutionnaire et Romantique schuf er das Orchester Nummer ein in diesem Bereich – ein Ensemble exzellenter Musiker*innen, die auf historischen Instrumenten sich vor allem den vielen Facetten romantischer Musik widmet. Vor allem das Werk Hector Berlioz‘ hat es Gardiner angetan, jener idiosynkratischen Gestalt, die der Dirigent nach wie vor für unterschätzt hält. Das gilt insbesondere für dessen erste Oper Benvenuto Cellini, ein damals bei Kritik und Publikum durchgefallenes Werk, basierend auf der aberwitzigen Autobiografie des Renaissance-Bildhauers, eine Geschichte um Liebe, Intrigen und die Unbedingtheit echter Kunst. Ein Künstlerportrait, das wohl auch einiges mit dem Komponisten selbst gemeint hat.

Sir John Eliot Gardiner und das Orchestre Révolutionnaire et Romantique (Bild: Chris Christodoulou)

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Leihbonbons an Salatsoße

Theatertreffen 2019 – PeterLicht nach Molière: Tartuffe oder das Schwein der Weisen, Theater Basel (Regie: Claudia Bauer)

Von Sascha Krieger

Wenn am Ende das eine oder andere Buh durch den riesigen Zuschauerraum des Hauses der Berliner Festspiele hallt, weiß die Theatertreffen-Jury meist, dass sie etwas richtig gemacht hat. Eine Festival-Ausgabe ohne leidenschaftlich gespaltene Publika wäre eine triste Veranstaltung. Die Parade der „bemerkenswertesten“ Inszenierungen eines Theaterjahr ist auch deshalb so bedeutend geblieben, weil sie immer wieder Kontroversen, Streit, Debatten ausgelöst hat, weil sich über nichts so trefflich diskutieren lässt wie darüber, ob die gerade erlebten zwei, drei, vier, zehn Stunden das Großartigste war, was man je sehen durfte – oder der letzte Sargnagel für das deutschsprachige Theater. Nach diesen Kriterien ist Claudia Bauer und PeterLichts Molière-Überschreibung ein würdiger Theatertreffen-Kandidat. Die Gefahr, Zuschauer*innen kalt oder indifferent zu lassen, besteht kaum. Im Guten wie im Schlechten.

Bild: Priska Ketterer

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Menschheit im Nebel

Theatertreffen 2019 – Nach dem Roman von Fjodor Dostojewski: Erniedrigte und Beleidigte, Staatsschauspiel Dresden (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Zu Beginn schälen sie sich aus dem Nebel: Figurenbruchstücke, Satzfestzen, Haltungsfragmente, Geschichtensplitter. Sie tauchen auf aus der Unsichtbarkeit und wieder in sie herab. Eine Unsichtbarkeit, die selbst produziert ist: Die Flutung der Bühne mit dem Nebel ist der erste Akt dieses Abends. Um zu wirken, muss sich das theater erst einmal erschaffen. Wie es das tut – auch das macht Sebastian Hartmann zu seinem Thema. Da ist es kein Zufall, dass die ersten Worte nicht Fjodor Dostojewskis hier zu spielendem Roman Erniedrigte und Beleidigte, sondern Wolfgang Lotz’ Hamburger Poetikvorlesung, in der der Dramatiker seine Idee eines neuen Theaters entwarf, eines, das Realismus neu definieren sollte, als von der Wirklichkeit ausgehend und diese transformierend, als eines, das keine Zukunft kennt sondern nur Gegenwart, nur das Hier und Jetzt, im Schreiben wie im Spielen, und gerade dadurch in die Zukunft wirken könne, eines, bei dem der „Sound“ wichtiger sei als die Handlung. Bei einem Stück sei, so Lotz, „totale Aufgeregtheit wichtig“. Realismus erfordere Offenheit und diese sei „unaufhörliche Aktivität“. Ums „Überwinden“ gehe es, presst Yassin Trabelsi in Lotz‘ Worten in höchster Erregung von der Rampe. Immer wieder verschränkt Hartmann seine Inszenierung mit Lotz‘ Thesen, macht letztere zu ihrem Gradmesser und erstere zu deren Experimentierfeld.

Bild: Sebastian Hoppe

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Welt aus Nebel

Theatertreffen 2019 – Thom Luz: Girl from the Fog Machine Factory, Gessnerallee Zürich / Théâtre Vidy-Lausanne / Kaserne Basel / Internationales Sommerfestival Kampnagel Hamburg / Theater Chur / Südpol Luzern (Regie: Thom Luz)

Von Sascha Krieger

„Wir weisen darauf hin, dass bei der Vorstellung genebelt wird.“ Bei Kennern der Arbeiten von Thom Luz rufen die Hinweisschilder im Haus der Berliner Festspiele einiges Schmunzeln hervor. Weiß man doch, dass Nebelmaschinen und Trockeneis zu den liebsten Mitteln gehören, die der Schweizer Theatermacher einsetzt. Und doch ist an diesem Abend einiges anders: Die fragile temporäre Undurchsichtigkeit is nicht mehr nur theatrales Instrument und erzählerisches Mittel, sondern das Thema dieses weniger als eineinhalbstündigen Abends selbst. Bei Thom Luz hängen fast immer Nebelwände in der Welt, schaffen Übergänge in und aus flüchtigen Wirklichkeiten, zu Traumwelten, Erinnerungsräumen, Gespensterreichen. Die Realität ist kein Ort, dem zu trauen ist, die zerbrechlichste aller Erfahrungsdimensionen des Lebens, die engste auch, die einschnürendste. Nebel macht sichtbar, indem er verdeckst und die physische Welt dem Blick entzieht. Er eröffnet andere Räume, solche des Traums, des  Denkens, der Imagination, der Erinnerung, der Trauer, er dehnt die Zeit, hält sie an, wie er Räume, Welten, Realitäten verschwinden und aus dem Nichts, im Nichts und als Nichts neu entstehen lässt.

Bild: Sandra Then

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