Archiv der Kategorie: Berliner Festspiele

Im ewigen Schneesturm

Nach Thomas Mann: Der Zauberberg, Deutsches Theater, Berlin – Livestream (Regie: Sebastian Hartmann) – eingeladen zum Theatertreffen 2021

Von Sascha Krieger

Stapfen sie durch den (imaginären) Schnee von Thomas Manns dystopischer Alpenlandschaft oder durch die Leere von Raum uns Zeit, die Linda Pöppel zu Beginn mit reichlich Rast- und Ratlosigkeit reflektiert? Eine geisterhafte Seilschaft hat Sebastian Hartmann da unsichtbar zusammengebunden auf fast leerer weißumwandeter Bühne. Hier ist alles Weiß: Die Wände, die Bodysuits (Kostüme: Adriana Braga Peretzki), die Gesichter, die Haare. Nur eine Art Gerüst ragt heraus – ein Ankerpunkt? Ein Galgen? Ein Kran? (Bühne: Hartmann) Es ist eine Art Danach, in dem die Spieler*innen, die Figurenfragmente agieren, aber eines, bei dem es kein Davor gibt. „Ist im Ewigen ein Nacheinander möglich?“, fragt Pöppel dann auch zu Beginn. Lässt sich die Zeit erzählen, will sie wissen, wenn sie denn nicht enden solle. Gleiches gelte für den Raum. Und so gibt es beide hier nicht und natürlich sind sie zugleich vorhanden. Denn dieser Abend spielt in der messbaren Zeit (er dauert genau zwei stunden) und er findet in einem Raum statt, der Bühne des Deutschen Theaters. Die aber eben auch ein Nichtraum ist, geschlossen, von den Zuschauenden nicht physisch betretbar, nur noch virtuell zu erahnen, in der Rezeption individuell zu erschaffen.

Bild: Arno Declair

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Schwere (Wieder)Geburt

Musikfest Berlin 2020 – Robin Ticciati dirigiert das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin mit Werken von Bartók und Beethoven

Von Sascha Krieger

Ein Saisoneröffnungskonzert ist immer etwas Besonderes. Man trifft sein Publikum nach zwei, drei Monaten wieder, setzt den Ton für die Spielzeit, akzentuiert die Schwerpunkte für die kommenden zwölf Monate. Ein Wiedersehen nach kurzer Abwesenheit, ein freundliches Hallo, ein gemeinsames Pläneschmieden. In diesem Jahr ist alles anders – auch beim Spielzeitauftakt. Da steht Chefdirigent Robin Ticciati in der langen Umbaupause plötzlich auf der Bühne und spricht zum ausgedünnten Publikum im großen Saal der Philharmonie, in dem die Abwesenheit noch immer die Oberhand hat. „Es ist der Beginn einer Wiedergeburt“, sagt er auf englisch, „einer Wiederauferstehung“. Und er spricht allen Anwesenden Mut zu: „Welchen Weg auch immer wir gehen, lasst uns ihn zusammen gehen.“ Es klingt wie eine Beschwörung, wie ein Festhalten an etwas Gewohntem, das noch unsicher ist. Dazu passen die beinahe Loriot-haften Slaptstickszenen in besagter viel zu langen Pause: Minutenlang gehen zwei Mitarbeiter durch die Stuhlreihen auf dem Pdium, legen Partituren auf die Pulte, ersetzen sie durch andere und jene wiederum durch dritte. All die Routine, all das Erlernte, alle Gewissheiten: Sie scheinen verschwunden. Die Selbstverständlichkeit des gemeinsamen Musikerlebnisses – sie muss erst wiedergefunden werden und das ohne die Sicherheit, dass sie sich bewahren lässt.

Robin Ticciati dirigiert das DSO beim Musikfest Berlin 2020 (Bild: Kai Bienert)

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Der Rest ist Schweigen

Musikfest Berlin 2020 – Die letzten beiden Konzerte in Igor Levits Beethoven-Zyklus

Von Sascha Krieger

Haydn und Mozart waren die Heroen des jungen Beethovens, klassiche Opulenz, weltbewegendes Drama zeichnen die werk auf dem Zenith des Bonners aus. Das lässt sich auch an seinen 32 Klaviersonaten beobachten. Mit einer Ausnahme: Es ist gerade diese Gattung, in der Beethoven am weitesten über den musikalischen Konsens seiner Zeit hinausgeht. So gewagt, so zuvor unvorstellbar ein Werk wie die neunte Symphonie erschienen sein muss – wenn es um die Suche nach einer neue musikalischen Sprache geht, sind es vor allem die späten Sonaten, die folgenden Komponist*innen-Generationen den Weg weisen – und sie nicht selten auch verunsicherten. Wenn Igor Levit am Ende seines Sonaten-Zyklus nun die letzten sechs in chronologischer Folge in zwei Konzerten spielt, ist das eine Entdeckungsreise zu Orten, die noch immer als unsicher, als rätselhaft, als ein wenig angsteinflößend gelten können. Der zum Teil radikale Bruch mit Hörgewohnheiten, überkommenen Strukturen, Grundregeln des Komponierens kann auch heute noch überfordern.

Igor Levit (Bild: Robbie Lawrence)

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Romantisch fühlend

Musikfest Berlin 2020 – Die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko und Frank Peter Zimmermann spielen Werke von Berg und Dvořák

Von Sascha Krieger

Alban Bergs Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“, gewidmet der jung verstorbenen Manon Gropius, ist ein ungewöhnliches Werk: Es ist das erste Solokonzert, dem Arnold Schönbergs Zwölftontechnik zu Grunde liegt, aber es nutzt diese in einer Weise, dass immer wieder Reminiszenzen an tonale, ja romantische Musiktraditionen entstehen. Es denkt atonal, aber es fühlt romantisch. Das macht es zu einem der eingängigsten Werke seiner Art. Frank Peter Zimmermann ist ein überaus analytischer und zugleich äußerst empfindsamer Geiger, ein Meister der stillen Gefühle und der Zwischentöne. Dass es ihm das Berg-Konzert besonders angetan hat, ist daher sicher kein Zufall. Es ist Spannung in seinem Spiel, sein Klangfaden bei aller Sachlichkeit immer nahe am Zerreißen. Die zarte Schönheit des ersten Satzes, sie weiß bereits um die Katastrophe des zweiten, der Sehnsuchtsgesang fühlt den Abschied schon mit. Das Orchester agiert dialogisch, es bewegt sich mal im Hintergrund, mal auf Augenhöhe mit dem Solisten, im zweiten Satz nimmt es das Soloinstrument zuweilen auf, verschluckt es, bevor es wieder an die Oberfläche steigt. Das alles geschieht mit maximaler Transparenz, was es dem Solisten einfacher macht, zum Teil dieses klanglichen Gebildes zu werden.

Kirill Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Stephan Rabold)

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Lebensdurchpulst

Musikfest Berlin 2020 – Der sechste Teil von Igor Levits Beethoven-Zyklus in der Berliner Philharmonie

Von Sascha Krieger

Am Ende die Aria aus Johann Sebstian Bachs Goldberg-Variationen: eine Zugabe nicht und doch ganz von dieser Welt. Igor Levit erdet das schweben dieser Musik im Universellen, er gibt dem musikalischen Geiste einen Körper, er fragt sich, ganz vorsichtig zunächst, hinein, in diesen zuweilen stockenden, seinen Ort finden müssenden melodischen Fluss. Eine Meditation, welche die Zeit, die Welt nicht hinter sich lässt, sondern ganz aus ihr kommt. Damit bildet sie einen passenden Abschluss dieses sechsten Teils von Igor Levits Zyklus aller Beethoven-Sonaten im Ramen des diesjährigen Musikfests Berlin. Vier mittlere Sonaten, die Nummern 13 bis 16, stehen diesmal auf dem Programm und es wird ein ungemein lichtdurchfluteter, Leben atmender Vormittag in der Philharmonie.

Igor Levit beim Musikfest Berlin 2020 (Bild: Monika Karczmarczyk)

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Keine Notlösung

Musikfest Berlin 2020 – Marco Blaauw und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Vladimir Jurowski mit Werken von Strauss, Saunders und Beethoven

Von Sascha Krieger

Die Erstellung von Konzertprogrammen ist für Orchester derzeit eine besonders schwierige Aufgabe. Aufgrund der Corona-Regeln müssen Besetzungen reduziert werden, so manches werk lässt sich derzeit gar nicht spielen, andere mit deutlich weniger Musikern als gewohnt. Das zweite Konzert des RSB beim diesjährigen Musikfest Berlin ist ein gutes Beispiel, wie sich aus der Not eine Tugend machen lässt. Das Programm ist eine gute Mischung: Los geht es mit einem Werk für 23 Solostreicher, danach kommt ein rein solistisches Werk, gefolgt von drei Stücken für vier Posaunen. Am Ende steht eine klassische Symphonie – gespielt mit einer Streicherbesetzung, die sich an die Aufführungspraxis der Entstehungszeit anlehnt und es gleichzeitig erlaubt, die Abstandsregeln auf der Bühne der Philharmonie einzuhalten. Aus dem „Notprogramm“ wird eine Entdeckungsreise, die es so sicher nie auf ein Konzertprogramm geschafft hätte, ihre Berechtigung aber mehr als nachzuweisen im Stande ist.

Vladimir Jurowski (Bild: Robert Niemeyer)

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Kontrastreich

Musikfest Berlin 2020 – Der fünfte Teil von Igor Levits Beethoven-Zyklus in der Berliner Philharmonie

Von Sascha Krieger

Wer Igor Levit und vor allem seine Beethoven-Interpretationen kennt, weiß, dass der in Berlin lebende Künstler ein musikalischer wie emotionaler Tiefenschürfer ist, ein Neugieriger, der Partititur und Gefühl nicht trennen man, sondern in beiden eine Symbiose sucht, die sein Spiel oft so aufregend und manchmal auch etwas unberechenbar macht. Dass er zuweilen auch anders kann, zeigt er im fünften Teil deines Zyklus der Klaviersonaten Ludwig van Beethovens im Rahmen des Musikfests Berlin. Drei frühe und eine Mittlere – die Nr. 18 Es-Dur op. 31, 3, alias „Jagdsonate“ – stehen auf dem Programm und er nimmt sie mit der gleichen Lebendigkeit, dem gleichen rythmischen Drang, dem gleichen Hang zu pronocierten Kontrasten, Wechseln und Brüchen, dass die meisten der insgesamt 15 Sätze zu einer eher einheitlichen Masse behender Lebhaftigkeit und plastisch ausgeformter Musikalität vereinen. Das beginnt bei der Nr. 2 A-Dur op. 2, 2, Haydn gewidmet und durchaus am Vorbild orientiert. Das klingt vor allem in den gesanglichen Passagen etwa des Kopfsatzes durch, die trotz der körperlichen Ausformung der Noten beinahe etwas Museales verströmen. Ansonsten rast Levit durch die Partitur, als gäbe es kein Morgen. Das hat viel Zug, vor allem in den Ecksätzen, eine menge Facetten und stebt oft in die Extreme. Etwa im zweiten Satz, den der Pianist so fragmentarisch interpretiert, dass er zwischenzeitlich zu zerfallen droht, mit stark betontem Wechselschritt der hohen und tiefen Noten und brutal hereinfahrenden Verdunkelungen.

Igor Levit (Bild: Robbie Lawrence)

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Der Schmerz, mein Gefährte

Musikfest Berlin 2020 – Der dritte Teil von Igor Levits Beethoven-Zyklus in der Berliner Philharmonie

Von Sascha Krieger

Wenn diesen Rezensenten die Erinnerung nicht trügt, spielte Igor Levit Beethovens „Appassionata“, die Klaviersonate Nr. 23 f-Moll op. 57, beim ersten seiner längst legendären Corona-Hauskonzerte im März diesen Jahres. In jedem Fall wurde sie, nicht nur für den auto dieser Zeilen, zum symbolischen Soundtrack jener Zeit. So voll unmittelbaren Schmerzes, voller roher Leidenschaft, welterfüllender Trauer und hilfloser Wut wird man dieses Werk wohl nie wieder hören. Selbst als Levit sie in einem späteren Stream erneut spielte, klang sie schon einen Tick versöhnter mit der Welt. Umso mehr durfte man gespannt sein auf ihre Aufführung im Rahmen seines Beethoven-Zyklus in der Berliner Philharmonie. Und tatsächlich heb sie eher vorsichtig an, ein Herantasten, ein wenig ängstlich fast vor dem Zuviel, das diese Musik immer birgt. Levit lauscht jedem Ton hinterher, er lässt sein Instrument grübeln, suchen. Immer wieder fährt er auf, schleichen sich Brüche ins Spiel, kann sich der beinahe minimalistische Gesang dieses Kopfsatzes nicht unwidersprochen entfalten. Die einschläge kommen näher, die Entladungen werden explosiver und können die unendlich zarte, intime Trauer, die fast scheuen Anschläge des Solisten, nicht verstummen lassen. Glockenhell strahlt das Klavier und verdunkelt sich sogleich bedrohlich. Die Schönheit und der Schrecken der Welt, sie begegnen sich auf Augenhöhe.

Igor Levit (Bild: Robbie Lawrence)

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Auf ein Wiedersehen

Musikfest Berlin 2020 – Der zweite Teil von Igor Levits Beethoven-Zyklus in der Berliner Philharmonie

Von Sascha Krieger

Solokonzerte sind intime Affären. Da exponiert sich ein einzelner Künstler, als Unterstützung nur das eigene Instrument, dem Publikum schutzlos ausgeliefert, ein Austausch, wie er direkter kaum sein könnte. Findet ein solches Ereignis in einem großen Konzertsaal statt, wird es schon schwierig, die notwendige Atmosphäre aufzubauen, die solche Konzerte über das „War-ganz-schön“-Niveau hebt. Wenn dann auch noch Covid-19-bedingt nur etwa ein Fünftel der Plätze besetzt werden können, die Zuschauer*innen den Saal weniger füllen als dass sie seine Leere unterbrechen, scheint es kaum möglich, hier ein Konzerterlebnis zu erschaffen. Nun ist Igor Levit allerdings auch kein gewöhnlicher Pianist. Dass ausgerechnet er es war, der vor ein paar Tagen die Philharmonie nach Monaten der Schließung wiedereröffnete, war kaum Zufall. Kaum ein anderer Künstler ist derzeit so in der Lage, eine Verbindung zu denen aufzubauen, die ihm zu zuhören, sie als Dialogpartner zu begreifen, als Mitstreiter*innen auf Augenhöhe, als Menschen, die er mindestens ebenso braucht, wie sie ihn. Die tröstende, Hoffnung spendende Wirkung seiner gestreamten Hauskonzerte zu Beginn des Corona-Lockdowns lässt sich gar nicht überschätzen. Sie gehörten für viele – auch für diesen Rezensenten – zum wichtigsten, das ihnen half, mit der Situation zurechtzukommen. Wenn jemandem das Wunder gelingen kann, aus dieser Leere Gemeinschaft durch Musik zu erschaffen, dann ihm.

Igor Levit (Bild: Robbie Lawrence)

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Am Boden geblieben

Musikfest Berlin 2020 – Die Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim spielt Mozarts letzte drei Symphonien

Von Sascha Krieger

Eigentlich hätte an diesem Abend das Amsterdamer Concertgebouw-Orchester das diesjährige Musikfest Berlin eröffnen sollen – standesgemäß im Beethoven-Jahr unter anderem mit dessen „Eroica“. Dank Corona müssen Orchestergastspiele in diesem Jahr leider entfallen. Dass das Festival überhaupt stattfinden kann und die Philharmonie nach sechs Monaten wieder geöffnet ist, ist wohl das wichtigste an der diesjährigen Ausgabe. Zumal mit Daniel Barenboims Staatskapelle ein Klangkörper das nun inoffizielle Eröffnungskonzert bestreitet, dass diese Aufgabe in den vergangenen Jahren regelmäßig innehatte. Manches ist anders: Nur gut 50 Musiker*innen nehmen mit Abstand auf dem Podium Platt, vielleicht ein Fünftel der Zuschauersitze sind besetzt, Es herrscht Maskenpflicht (außer während des Konzerts) und es gibt keine Pause. Aber es wird wieder gespielt und es kann wieder live Musik gehört werden. Wie diese in die Leere hineinklingt, ist eine andere Frage.

Daniel Barenboim (Bild: Christian Mang)

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