Archiv der Kategorie: Berliner Ensemble

Nur Mut!

Tracy Letts: Eine Frau – Mary Page Marlowe, Berliner Ensemble (Regie: David Bösch)

Von Sascha Krieger

Eine Frau? Nein, vier! Oder eigentlich noch mehr, elf, wenn der Rezensent richtig gezählt hat. Um Identität geht es in Tracy Letts‘ Stück, weibliche Identität genau genommen. Wie entsteht sie, wie setzt sie sich zusammen, wie wird sie konstruiert und von wem? Denn wer das Ich über die Jahrzehnte, die ein Mensch (im Regelfall) lebt, beobachtet, erkennt schnell: Es gibt mehr als eines davon. Und wenn es eine Vielzahl von unterschiedlichen Ichs geben, wie kann dann das eine existieren, von dem wir immer hören, dass wir es finden und sein sollen? Ist es nicht unausweichlich, wie Letts‘ Titelfigur vom „Ich werde ich sein“ zum „Ich bin nicht die, die ich bin“ zu gelangen? Und wenn ja, was passiert auf dem Weg? Wo liegt die Verantwortung? Denn das ist das zweite Thema dieses Stücks: der Mythos der Verantwortlichkeit des/der Einzelnen für das eigene Schicksal. Und das trotz all der gesellschaftlichen Zwänge, Vorgaben, Rollen, die man zu erfüllen hat. „Du bist verantwortlich“, sagt die Freundin der 19-jährigen Mary, worauf diese antwortet: „Ach, du Scheiße!“ Später wird sie Sagen: „Ich habe nie Einfluss genommen“ und behaupten, immer nur Rollen gespielt zu haben. Ihr Leben sei ein Zufall gewesen. Was stimmt?

Bild: Julian Röder

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Ohne Puls

Wallace Shawn: Evening at the Talk House, Berliner Ensemble / Schauspiel Frankfurt / Ruhrfestspiele Recklinghausen (Regie: Johanna Wehner)

Von Sascha Krieger

Ein angenehmer Abend mit alten Freunden in einem sicheren, zum Wohlfühlen einladenden, alles andere als bedrohlichen Ambiente? Das ist die Prämisse von Evening at the Talk House, dem 2015 uraufgeführten Konversationsstück des erfolgreichen US-amerikanischen Autors Wallace Shawn. Zehn Jahre nach dem letzten gemeinsamen Stück trifft sich das damalige Theaterteam in ihrer damalige Lieblingsbar zum Wiedersehen. Das kann natürlich nicht gut gehen. Einige – der Autor, der Star der Truppe – sind längst im Fernsehen erfolgreich, andere wursteln sich durch, einer ist durchs gesellschaftliche Robert gefallen. Die harmonische Fassade ist so dünn, dass man sie nur mir größter Anstrengungen überhaupt sehen kann. Dies wiederum ist der Ansatz von Johanna Wehner, die die deutschsprachige Erstaufführung besorgt. Wo sich der Autor mit einer Normalität auseinandersetzt, hinter der sich Unbeschreibliches verbirgt, das längst als normal und akzeptabel gilt, kommt die Regisseurin vom entgegengesetzten Pol: Bei ihr ist der Ausnahmezustand, ist die Zerstürung Ausgangspunkt, die vollständige Kapitulation des Menschlichen.

Bild: Birgit Hupfeld

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„Knietief im Amalgam“

Alexander Eisenach: Die Entführung Europas oder Der seltsame Fall vom Verschwinden einer Zukunft, Berliner Ensemble (Regie: Alexander Eisenach)

Von Sascha Krieger

„Wenn das Theater den Biß verliert, besetzen Zahnärzte den Zuschauerraum.“ Man mag Heiner Müllers Schreckensszenario, nachzulesen im Programmheft, zustimmen, ohne sein Diktum auf die Bühne auszudehenen. Denn spätestens seit Peter Moltzens erstem Auftritt als Zahnarzt und Syndikatschef (heißt: Bösewicht) Jupiter Kingsby ist klar: Wir brauchen mehr Zahnärzte im Theater. Doch der Reihe nach: Alexander Eisenach, einer der Jungregisseure, die BE-Neuintendant Oliver Reese in seinem Frankfurter Regiestudio gefördert hat, will in seinem Berlin-Debüt nichts weniger, als den Zustand Europas zu analysieren und herauszufinden, ob dieser Kontinent als Idee eine Zukunft hat. Dazu nimmt er sich – das ist so etwas wie sein Markenzeichen – eine Genrefolie zu Hilfe, in diesem Fall den Film Noir, mit seinen resigniert-harten Antihelden und den überall lauernden menschlichen Abgründen. Christian Kuchenbuch gibt einen perfekten Bogart als Ermittler auf der Suche nach der entführten Europa. Daniel Wollenzins Bühne ziert ein durchgängiges Schachbrettmuster, sie verjüngt sich in mehrenden Richtungen, was dem Raum in seiner gebrochenen Perspektivverzerrung einen surrealistischen Einschlag gibt. Ein bisschen Malewitsch meets Dalí.

Bild: Julian Röder

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Freier Fall

Heinrich von Kleist: Penthesilea, Berliner Ensemble / Schauspiel Frankfurt (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

Michael Thalheimer ist kein Fan falscher Illusionen. Wie zum Beispiel jener, alles würde gut. Wird es natürlich nicht. Zumindest nicht dort, wo Macht und Selbstaufgabe eine tödliche Allianz eingehen. Man  nennt das, glaube ich, Liebe. Dass es den großen Tragödienessenzauspresser, den Auf-den-Kern-Reduzierer Thalheimer einmal zu Heinrich von Kleists Penthesilea bringen würde, war erwartbar. Schließlich interessiert den neuen Hausregisseur am Berliner Ensemble das schmutzige Fundament der menschlichen Existenz, den Grund, wo die Zivilisation abfällt, das Ich als Alleinherrscher regiert, die Firnis des Miteinanders abgeschabt ist. Deshalb kehrt er ja auch immer wieder zu jenen antiken Stoffen zurück, die uns daran erinnern, von wo die „Zivilisation“ einst seinen Ausgang nahm. Der Kreislauf aus Macht, Rache, Gewalt, der das Ich erhöhen soll und doch nur in den Dreck zieht, ist dort noch ohne zivilisatorisches Beiwerk (in den folgenden Jahrhunderten ist das vielleicht nur bei Shakespeare wieder der Fall), der Blick unverstellt und doch so unerträglich. Das ist die Antike, bei der Kleist ansetzt, die das harmonisierende Gleichgewichtsgeschwurbel etwa der Weimarer.

Bild: Birgit Hupfeld

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Wenn der Text zum Körper wird

Peter Handke: Selbstbezichtigung, Berliner Ensemble / Volkstheater Wien (Regie: Dušan David Pařízek)

Von Sascha Krieger

So ganz frisch ist der Text ja nicht mehr. Selbstbezichtigung stammt aus dem Jahr 1966 und gehört zu den „Sprachstücken“ des jungen Peter Handke, ist also ein Schwesterwerk der ungleich berühmteren Publikumsbeschimpfung. Wie dieses attackiert es die damals geltenden Grundprinzipien des Theaters frontal. Es wird nicht gespielt, sondern gesprochen, und es ist die Sprache selbst, um die es kreist, nicht Handlung oder (politische) Botschaft. Der frühe Handke ist von Ibsen genau so weit entfernt wie von Brecht. Sein Theater beschäftig sich mit sich selbst, seinen Mechanismen und Gewissheiten, seinen Illusionen und seiner Arroganz. Publikumsbeschimpfung mag in seiner Aggression gegen den passiven Teil des traditionellen Theatererlebnisses, den Zuschauer, seiner beinahe gewalttätigen Aufbrechung des Konsenses zwischen Theater und Publikum über deren jeweilige Rollen das radikalere Stück sein – Selbstbezichtigung ist womöglich das modernere. Hier ist das Publikum wieder passiv, schaut und hört zu, mag mal angesprochen werden, aber rezipiert vor allem auf fast schon klassische Weise.

Bild: Ulrike Rindermann / Volkstheater Wien

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Ausverkauf im Familienkonflikt-Klischee-Katalog

Tracy Letts: Eine Familie, Berliner Ensemble / Schauspiel Frankfurt (Regie: Oliver Reese)

Von Sascha Krieger

Zahn Jahre ist es schon alt, Tracy Letts‘ Erfolgsstück August: Osage County, das im deutschsprachigen Raum eingeschränkt inspiriert Eine Familie heißt. Was natürlich nicht falsch ist, schließlich geht es darin um, nun ja, eine Familie – und natürlich auch „die“ Familie als solche, als gesellschaftlicher Prototyp, Keimzelle einer Idee namens Amerika. Um all die Überfrachtungen, Mythisisierungen, all den Ballast, den dieses Konzept tragen muss, um seiner Grundaufgabe nachkommen zu können, denen, die keinen Halt haben, solchen zumindest vorzugaukeln, einer Gesellschaft, deren Fundamente längst zerbröselt sind, den Schein zu geben, sie wäre noch fest im Boden verankert. Die Familie also Heimat des – individuellen wie kollektiven – Selbstbetrugs. Damit steht Letts natürlich in der Tradition der großen amerikanischen Dramatiker – O’Neill, Williams, Miller, Albee – die wiederum Teil einer noch längeren Tarditionslinie sind, die zurückreicht zu Tschechow, Strindberg, Ibsen.

Bild: Birgit Hupfeld

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Das Grau hat viele Farben

Roddy Doyle: Die Frau, die gegen Türen rannte, Berliner Ensemble / Schauspiel Frankfurt (Regie: Oliver Reese)

Von Sascha Krieger

Dieser Pullover! Diese Ohrringe! Dieses übertriebene Make-up! Die ungekämmten Haare!Kostümbildnerin Lene Schwind hat wirklich ganze Arbeit geleistet, diese Paula Spencer dort zu verorten, wo der irische Star-Autor Roddy Doyle sie zurückgelassen hat: Irgendwo zwischen Arbeitermilieu und kleinkrimineller Unterwelt, jener Zwischenwelt, die der Nordteil der irischen Hauptstadt Dublin selbst in den Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs nie aufgehört hat zu sein. Paula ist eine jener „Vergessenen“, von der populistische Politiker heute so gern schwadronieren und profitieren. Mit einem tyrannischen Vater aufgewachsen, schnell in der Schule aufs Abstellgleis geschoben, Frau eines Kleinkriminellen, der sie liebt und der sie schlägt, Hausfrau und vierfache Mutter, Alkoholikerin. Eine, die nie auch nur versuchte, ihrer sozialen Determination zu entkommen. Wer die Erfolgsbücher von Didier Eribon oder Édouard Louis gelesen hat, wird ihre Welt wiedererkennen, die doch universeller zu sein scheint, als sie denen, die in ihr leben, vorkommen vermag.

Bild: Birgit Hupfeld

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Ungeheuer klein

Günter Grass: Die Blechtrommel, Berliner Ensemble / Schauspiel Frankfurt (Regie: Oliver Reese)

Von Sascha Krieger

Eines sollte dieser Abend erreicht haben: Wer ihn gesehen hat, die knapp zwei Stunden (bei der Überführung des in Frankfurt uraufgeführten Abends nach Berlin ist die Pause abhanden gekommen), ausgesessen hat, wird den Namen Nino Holonics nur schwer aus dem Gedächtnis bekommen. Denn Holonics, wenngleich schon in seinen Dreißigern, ist ein brillanter Oskar Matzerath, der zwar keine 94 Zentimeter misst, den Zuschauer aber schnell in selbige Illusion hineinzertert, -fleht, -trommelt. Oskar Matzerath, der ewig Dreijährige, ist schon bei Günter Grass ein größenwahnsinniger, allmächtiger Manipulator, der immer seinen Willen bekommt, weil er weiß, wie er dies erreichen kann. Einer, der sein Publikum stets im Griff hat, jederzeit manipulieren und zu allem bewegen kann, was er von ihm will. Ein Performer eben, ein Künstler auch, bei dem der Schritt vom privaten Publikum mit klaren Handlungsanweisungen (Mutter, Väter, Geliebte) hin zu jenem, dem er sich nun gegenübersieht, nur ein kurzer ist. Und das er schnell ebenso sicher in der Hand hat wie das Brausepulver, zu dem er so manchen Zuschauer gar nicht groß nötigen muss.

Bild: Birgit Hupfeld

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Blutende Welt

Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, Berliner Ensemble (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

Neuanfang: Der erste Brecht am „neuen“ Berliner Ensemble und ein Neustart auch für Michael Thalheimer in Berlin. Er, der sich einst als Hausregisseur am benachbarten DT anschickte, die Theaterwelt aufzumischen. Nun ist er nach einigen Jahren im Schaubühnen-„Exil“ seinem alten Mitstreiter Oliver Reese ans BE gefolgt und erhält gleich die immense Aufgabe, sich als erster dem Hausheiligen Bertolt Brecht zu widmen. Er fängt dabei, so scheint es die Bühne anzudeuten, bei Null an. Denn diese ist leer (womöglich nicht ganz freiwillig, wie Esther Slevogt auf nachtkritik.de vermutet), frei geräumt von allem Ballast des Vorherigen, bereit für eine neue, unbelastete Annäherung an den ganz und gar politischen, dediziert antikapitalistischen Brecht. Ausgerechnet der kaukasische Kreidekreis die Sozialismus-Parable anhand einer Magd, die ein zurückgelassenes Herrscher-Baby rettet und aufzieht und am Ende selbiges zugesprochen bekommt. Dramaturg Bernd Stegemann schwadroniert darüber im Programmheft in schönster markistischer Ideologieseligkeit. Damit, so mag sich Thalheimer gesagt haben, wäre das offenkundig Politische dann auch erledigt, sodass er sich mit dem beschäftigt, was er für den Kern der Geschichte hält: den Platz von Liebe und Güte in einer kalten, feindseligen Welt, in der jeder nur den eigenen Vorteil sieht und von der es ziemlich egal ist, ob sie sich kapitalistisch oder sonstwie verkleidet.

Bild: Matthias Horn

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Leben hinter Glas

Arne Lygre: Nichts von mir, Berliner Ensemble (Kleines Haus) (Regie: Mateja Koležnik)

Von Sascha Krieger

Eines kann man dem „neuen“ Berliner Ensemble wahrlich nicht vorwerfen: es sich allzu leicht zu machen. Den Auftakt bildeten zumindest zwei Arbeiten mit sehr klaren, strengen, auch sperrigen ästhetischen Setzungen – es ist nicht zu erwarten, dass sich das bei der dritten Premiere der eröffnungs-Trilogie ändert – schließlich besorgt diese Michael Thalheimer. Am zweiten Abend wurde nach einem Caligula, die außer bei diesem Rezensenten wenig Anerkennung fand, nun das provisorische „Kleine Haus“ eingeweiht (das „richtige“ wird derzeit für die kommende Spielzeit umgebaut), und gleichzeitig startete man einen Schwerpunkt, den sich das Haus gesetzt hat: zeitgenössische Stücke lebender Autoren. Letzterer ist in diesem Fall Norweger, heißt Arne Lygre und ist bei der Premiere – einer deutschsprachigen Erstaufführung – anwesend. Ein komplexes, recht abstraktes Stück hat er geschrieben.

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Bild: Matthias Horn

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