Archiv der Kategorie: Berliner Ensemble

Blutsauger im Nebel

Heiner Müller nach William Shakespeare: Macbeth, Berliner Ensemble (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

Die Macht ist ein blutiges Geschäft. William Shakespeare wusste das und Heiner Müller mit dem Wissen um das tödlichste aller Jahrhunderte erst recht. Auch Regisseur Michael Thalheimer ist diese Erkenntnis nicht unbekannt. In seiner Inszenierung von Müllers Übertragung des Macbeth ist Blut die magische Zutat, die Quelle allen Übels, der Saft, der alles am Laufen hält. Wenn zu Beginn Ingo Hülsmann als amtierender König Duncan auftritt, wird er von einer ganz in Blut gewandeten Gestalt begrüßt, geküsst, begrapscht, die wir sogleich als eine der drei Hexen wiedertreffen werden. Seine Inititation in die Macht, ist die (Selbst-)Befleckung mit dem roten Lebenssaft. Und wenn am Ende der vampirblasse Malcolm (Kathrin Wehlisch) die Krone übernimmt, entfließt ihrem Mund sofort ein nicht siegender Blutstrom. Macht heißt Tod, heißt Krieg, heißt Gewalt. Macbeth hätte das unterschrieben, Heiner Müller ebenso. Dass Thalheimer gern mit Kunstblut arbeitet, ist ebenfalls nichts Neues, dass es zu seinem wichtigsten Charakter, gar zu seiner Hauptfigur wird, vielleicht schon. So kippt die Lichtregie auf der leeren Bühneimmer wieder ins rötliche – kein Sonnenaufgang, sondern ein Menschheitsuntergang. Diese verbleibt im Dämmerlichlicht, zwischen Leben und Tod, Sklaven des Blutes.

Bild: Matthias Horn

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Dallas im Stahlwerk

Nach dem Film von Luchino Visconti: Die Verdammten, Berliner Ensemble (Regie: David Bösch)

Von Sascha Krieger

Theaterregisseur*innen stehen bekanntlich eher weniger im Ruf, lernfähig zu sein. Die eigene Werksicht gilt als sakrosankt, was Publikum und Kritik davon halten, interessiert meist nicht weiter. So kann es nach der Premiere vielleicht noch zu kleinen Anpassungen kommen , größere Eingriffe sind so selten wie vollständig bekleidete Ensembles in Castorf-Inszenierungen. Und kommt es dann doch wie im Fall von Les Misérables des angesprochenen Regisseurs zu massiven Straffungen – in diesem Fall etwa eine ganze Stunde – wirft der Großmeister halt trotzig eine gegenüber der Premiere noch mal längere Fassung hinterher. Infofern ist es David Bösch hoch anzurechnen, seine Adaption von Luchino Viscontis Film Die Verdammten nach der von der Mehrheit der Kritiker*innen als zäh charakterisierten Premiere ziemlich radikal überarbeitet zu haben. Von den 130 Minuten sind nurmehr gut 90 übrig geblieben. Neben einigen Szenen (etwa der Bücherverbrennung) blieben die Zwischenspiele mit vier jeweils als Dienern, Studenten oder SA-Leuten auftretenden Jungdarstellern ebenso auf der Strecke wie die per Video eingespielten Versuche, die Fortwirkung des Nazi-Erbes in der jungen Bundesrepublik aufzuzeigen. Kurz: Alles, was die Anschlussfähigkeit von Viscontis Erzählung von der Perversion der Macht und der Kumpanei zwischen Wirtschaft und Totalitarismus ins Heute behauptete, fiel der Schere zum Opfer – und damit ein wesentlicher Kritikpunkt vieler Rezensionen.

Bild: Matthias Horn

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Der Zeitvertreiber

Der Lebenslauf des Boxers Samson-Körner. Erzählt von ihm selber, aufgeschrieben von Bertolt Brecht, Berliner Ensemble (Kleines Haus) (Regie: Dennis Krauß)

Von Sascha Krieger

Leicht ist es nicht, sich in der Berliner Theaterszene abzuheben, sein eigenes Profil zu finden, seinen, wie man es heute nennt, Markenkern zu finden. Das Berliner Ensemble tut sich seit seinem Neustart unter Intendant Oliver Reese nicht ganz leicht damit. Autorentheater will es sein und verschmäht doch zumindest die deutschsprachige Gegenwartsdramatik zu großen Teilen. Die Zusammenarbeit mit Moritz Rinke etwa wurde beendet, bevor sie ein Ergebnis gezeitigt hatte – Rinke bringt sein neues Stück jetzt nebenan am Deutschen Theater heraus. Überhaupt das DT: Nicht nur Reese kommt von dort, auch sein Hausregisseur Michael Thalheimer war dort schon in gleicher Funktion, und das Autorentheater hat sich Hausherr Ulrich Khuon auch schon mit den Autorentheatrtagen reklamiert. Trotz so mancher starker Inszenierung: Eine eigene Handschrift ist bislang kaum erkennbar. Mit einer klitzekleinen Ausnahme: Das BE ist derzeit in Berlin der Ort für Einpersonenstüpcke. Drei hat Reese übernommen, zwei vom eigenen Frankfurter Haus, eines aus Wien, eines kam neu hinzu. Bettina Hoppe, Stefanie Reinsperger, Stefanie Eidt und Nico Holonics (er mit seiner Blechtrommel gar auf der großen Bühne) durften bereits ran – jetzt ist Oliver Kraushaar an der Reihe. Und wie es sich für das BE gehört,  mit Brecht. Zumindest irgendwie.

Bild: Matthias Horn

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Feministisches Doppel

Alice Birch: Revolt. She said. Revolt again. / Marlene Streeruwitz: Mar-a-Lago, Berliner Ensemble (Kleines Haus) (Regie: Christina Tscharyiski)

Von Sascha Krieger

#MeToo wurde gerade ein Jahr alt. Allerorten wurde Bilanz gezogen, gefragt, was sich seitdem geändert hatte. Angesichts von Trump, Kavanaugh oder Ronaldo fiel die Antwort meist nicht übermäßig positiv aus. Das wird auch das im Weltmaßstab kleine Berliner Ensemble nicht ändern. Aber versuchen, so mag sich Hausherr (!) Oliver Reese gedacht haben, könne man es ja trotzdem. Also gibt es im Oktober einen feministischen Schwerpunkt mit allerlei Sonderveranstaltungen und zwei entsprechenden Premieren. Die etwas gemeinsam haben: Beide verlassen sich auf mehr als eine Grundlage. Vielleicht ist es ein passendes Symbol für die Position der Frau in der (dramatischen) Literatur, dass Regisseur*innen einem einzelnen Text nicht zutrauen, Emanzipationsgeschichten wirkungsvoll auf die Bühne zubringen. Sonst verbindet Simon Stones weitgehend autarke und sehr männliche Antiken-Namedropping und Christina Tscharyiskis Doppelpremiere wenig. Die junge Regisseurin verknüpft zwei unterschiedliche feministische Sichtweisen und Generationen: hier die aktivistische Wut der 32-jährigen Britin Alice Birch, dort die distanziertere, von Bitterkeit und Resignation nicht freie Perspektive der 68-jährigen Österreicherin Marlene Streeruwitz. Hier der Aufruf, die Welt aus den Angeln zu heben, dort der aus Erfahrung gespeiste Zweifel, dass das möglich sei.

Bild: Julian Röder

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Theater mit eingezogenem Schwanz

Simon Stone: Eine griechische Trilogie, Berliner Ensemble (Regie: Simon Stone)

Von Sascha Krieger

Ein bisschen fühlt sich der Zuschauer beim Weg zu seinem Platz an die letzte große Premiere am Berliner Ensemble erinnert, Kay Voges‘ Die Parallelwelt. Wie dort schaut er zunächst in einen Zuschauerraum. Doch wo Voges den Theaterraum weitete und neue Dimensionen suchte, wird der Blick hier nur zurückgeworfen: Eine Glaswand spiegelt den BE-Raum. Symbol auch für die Aufgabe, die sich der Abend gestellt hat: uns zu reflektieren, den Umgang der Geschlechter miteinander, widerstreitende Konzepte und Bilder von Gender und Sex und Rollenmustern hervortreten zu lassen. Parallelwelten auch hier: Auf der einen Seite die Frauen, vermeintlich selbstbestimmt und doch jede von einer spezifischen Missbrauchs- und Unterdruckungserfahrung gezeichnet, dort die Männer, herrschsüchtig, dominant und gewalttätig oder weinerlich, unsicher, passiv-aggressiv. und noch mehr parallele Welten: Dort die Antike, der Nährboden moderner Zivilisation, das athenische Ideal, das heldenhafte Frauengestalten hervorgebracht hat, in Komödie wie Tragödie, und das in einer zutiefst patriarchalen Gesellschaft. Und hier die Gegenwart emanzipatorischer Geschlechterbeziehungen, in der es einen weltweiten Riesenjubel auslöst, wenn ein Superheldenfilm eine weibliche Hauptfigur hat.

Bild: Thomas Aurin

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Auf dem Karussell

Karen Breece und Ensemble: Auf der Straße, Berliner Ensemble (Kleines Haus) (Regie: Karen Breece)

Von Sascha Krieger

„Auf dem Karussell fahren alle gleich schnell“ heißt es im Refrain eines nicht ganz zu unrecht vergessenen 70er-Jahre-Schlagers des kürzlich verstorbenen Jürgen Marcus. Dass das für das Karussell unserer Gegenwartsgesellschaft nicht gilt, ist auch nichts Neues. Einige bestimmen das Tempo, vielen fallen an den Seiten herunter. Kein neues Phänomen: Bettina Hoppe eröffnet Auf der Straße mit Zeilen des athenischen Staatsmannes und Lyrikers Solon, in denen er die auseinandergehende Schere zwischen Arm und reich und die daraus resultierende Erosion der Gesellschaft beklagt. Im Kleinen Haus des Berliner Ensembles verfolgt Dokumentarttheaterspezialistin Karen Breece nun Solons Bestandsaufnahme in die deutsche, genau genommen, die Berliner Gegenwart des Jahres 2018. Hier sitzen sie jetzt wieder drauf, die Heruntergefallenen, bestimmen sie selbst das Tempo, schieben sie das Karussell selbst an. Ein Karussell, das ihr eigenes ist, ihre Welt, vergessen, an den Rand gedrängt, ausgespuckt von der sichtbaren, die zu viele für die einzig reale halten. Diese (Bühne: Eva Veronica Born) ist voller Bänke, Parkbänke, Bierbänke, Sitzplatzschalenreihen. All die Orte zum kurzzeitigen Verweilen, die für andere ihr Leben sind. Ihr Schlafzimmer, wie René Wallner es nennen wird.

Bild: Julian Röder

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Im Anfang war die Currywurst

Alexander Kerlin, Eva Verena Müller und Kay Voges: Die Parallelwelt. Eine Simultanaufführung, Berliner Ensemble und Schauspiel Dortmund (Regie: Kay Voges)

Von Sascha Krieger

Das vielleicht Wichtigste zuerst: Es hat alles geklappt. Die Glasfaserleitung zwischen Berlin und Dortmund stand, die Simultanübertragung in beide Richtungen funktioniert, die bildlichen Verzögerungen blieben im akzeptablen Rahmen. Die großangekündigte Weltpremiere, eine Simultanaufführung an zwei Theatern, über 400 Kilometer von einander entfernt, fand statt und endete nach zwei Stunden in beidseitigem großen Jubel. Die Erweiterung des Theaterraums, die den Macher*innen um Regisseur Kay Vogels vorschwebte, ist erfolgt, der virtuell-reale Theaterort erstmals bespielt. Bald wird die Frage des „Was nun?“ folgen, doch zunächst ist eine andere zu klären: „Was war?“ Oder auch: „War was?“ Letztere lässt sich emphatisch bejahen und das ist schon eine gute Nachricht. Denn bei einer Arbeit, bei welcher der Fokus so sehr auf der Einzigartigkeit des Projekts lag und die, Aussagen Voges‘ zufolge, ihren Ursprung in der Raumidee hatte und sich erst danach über Inhalte Gedanken machte, bestand die Gefahr, dass sie künstlerisch wenig substanziell ausfallen könnte. Nach der doppelten Premiere ist klar: Zu wenig Substanz ist ihr Problem nicht.

Bild: Birgit Hupfeld

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„Gleichzeitig hier und dort“

Kay Voges und sein Team stellen die gleichzeitig Berlin und Dortmund stattfindende Simultanaufführung Die Parallelwelt vor

Von Sascha Krieger

Neues, so weiß man, entsteht oft aus Alltäglichem, Bahnbrechendes aus Banalem. Das ist auch der Fall, wenn am 15. September Berliner Ensemble und Schauspiel Dortmund Theatergeschichte schreiben, indem sie gemeinsam eine Inszenierung an zwei unterschiedlichen Standorten zeigen, die in Echtzeit miteinander kommunizieren und spielen. Die Idee, so erzählt es Regisseur Kay Voges beim  ebenfalls verdoppelten Pressegespräch, bei dem sich Berliner und Dortmunder Presse zunächst zuwinken dürfen, entstand beim Gastspiel seiner bejubelten Inszenierung Die Borderline Prozession beim letztjährigen Theatertreffen. Da das Bühnenbild fest in der damaligen Dortmunder Ausweichspielstätte Megastore installiert war, musste es für das Gastspiel in den Berliner Rathenau-Hallen originalgetreu kopiert werden. Das Erlebnis, im gleichen Raum und doch an einem anderen Ort zu sein, war, so Voges, der Ausgangspunkt, darüber nachzudenken, ob die Art, wie wir Raum und Zeit und Individuum denken – einzigartig und eindeutig definiert – unserer Realitätserfahrung überhaupt noch entsprechen. „Der Raum hat sich verschoben“, erinnert er sich, „und auch die Zeit hat sich verschoben“.

Kay Voges (3. von rechts) und sein Team bei den Proben (Bild: Birgit Hupfeld)

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Radio Ga-Ga

Clemens Sienknecht und Barbara Bürk: Ballroom Schmitz. Ein Radioclub für Weltempfänger, Berliner Ensemble (Regie: Clemens Sienknecht, Barbara Bürk)

Von Sascha Krieger

Barbara Bürk und Clemens Sienknecht mögen das Radio. In der Vergangenheit überzeugten sie etwa in Hamburg mit als Radio-Shoow aufbereiteten Klassikerbearbeitungen wie Anna Karenina oder Effi Briest, 2016 zum Theatertreffen eingeladen. Am Berliner Ensemble wirft das Duo solchen Vorlagen-Ballast jetzt ganz ab. Hier geht es nicht auf neue, andere Blicke auf vermeintlich Bekanntes, hier geht es ums Medium selbst. Radio pur. Das gute alte, versteht sich, das, welches noch Relevanz hatte, Lebensmittelpunkt war, Fenster zur Welt, musikalische Fundgrube, Lebensbegleiter, bester Freund. Wir befinden uns im „Ballroom Schmitz“, einer fiktiven legendären Radioshow aus der Pionierzeit des Rundfunks. Zwei Stunden Geschichten, Live-Musik, Werbung, Nachrichten und Kochrezepte. Eine akustische Hand, die den Zuhörer ein bisschen durch Leben führt, bis er bereit ist, allein weiterzugehen, ein fester Boden, ein Stück Gewissheit, Geborgenheit in einer kalten Welt. So stellen wir Nachgeborenen uns das Radio vor und ein bisschen davon lässt sich zumindest für die über 40-Jährigen erinnern, etwa denen im Ostteil der einst geteilten deutschen Hauptstadt, für die das „Westradio“ Tor zu einer verschlossenen Welt war oder zum Beispiel Hans Rosenthals sonntägliche RIAS-Sendung ein Moment der Verbindung zu dem unendlich weit entfernten Universum nur ein paar hundert Meter weiter.

Bild: Matthias Horn

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Ganz unten

Tennessee Williams: Endstation Sehnsucht, Berliner Ensemble (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

„Von nun an ging’s bergab“. Das Lied der großen Hildegard Knef könnte auch am Anfang von Michael Thalheimers Inszenierung von Tennessee Williams‘ Endstation Sehnsucht stehen. Da ist Blanche noch „oben“, steht am selbigen Ende von Olaf Altmanns steiler Schähe, ein rechteckiger Schlitz in einer massiven rostigen Wand, nach hinten im Dreieck verlaufend, eine Falle, wie Blanche später sagen wird, aber eben auch ein Rutschbahn. Scheu, unsicher, widerwillig tastet sich Cordelia Wege voran, um letztendlich am unteren Ende anzukommen. So sehr sie sich bemühen wird: Hier kommt sie nicht mehr fort, hier wird sie sitzen, wenn alles vorbei ist. Altmanns Bühne ist, wie so oft, eine klare, eindeutige Setzung und sie bestimmt das, was auf ihr passiert. Der Raum, die Umgebung, die Außenwelt determinieren das menschliche Tun: Es ist ein Grundprinzip von Michael Thalheimers Klassikerentkernungen, die steile (Ab-)Rutschbahn ein Verwandter von Altmanns legendärem Schlitz von Thalheimers Ratten-Inszenierung nebenan am Deutschen Theater, der alle Darsteller*innen zwang, sich gebückt zu bewegen. Hier ist schon der aufrechte Stand, ganz zu schweigen vom Gang, harte Arbeit, erfordert geradlinige Haltung höchste Anstrengung. Die Gefahr abzurutschen besteht immer.

Bild: Matthias Horn

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