Archiv der Kategorie: Ben Kidd

Fünf Figuren suchen (k)einen Ausweg

Dead Centre nach „Der Sturm“ von William Shakespeare: Shakespeare’s Last Play, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Ben Kidd, Bush Moukarzel)

Von Sascha Krieger

„All the world’s a stage“? Ist es nicht eher andersherum? Versuchen wir es doch mal so: Klappen wir die halbrunde Spielfläche in angenehmem Blau einmal hoch und schauen, was sich darunter verbirgt: Aha, eine Insel! Zwei Berge hat sie nicht, aber zwei Felsbrocken die vor dem Sandstrand im Wasser liegen. „I’m nearly finished“, hat die leicht traurig klingende Stimme aus dem Off gerade gesagt. Wir befinden uns in den letzten Zügen eines Autors. Einmal noch muss er Geschichten erfinden, Figuren, einen Anfang und ein Ende. Warum? Weil er nicht anders kann? Also probiert er es mit besagter Insel. Wie wäre es mit einem Schiffsunglück? Gute Idee, meint die Stimme. Ein schiffsbrüchiger Prinz, der auf ein auf der Insel lebendes Mädchen trifft? Ja, das könnte klappen. In ihrer ersten Schaubühnen-Arbeit schreibt die irische Theatergruppe Dead Centre die Entstehung von William Shakespeares letztem Stück The Tempest (Der Sturm) nach. Erstmal eine Liebesgeschichte. Bessere habe er geschrieben, so der müde Autor im Off, aber die Liebe habe sich ja auch nicht verbessert. Das reicht nicht. Also wie wäre es mit einem Mord? Sex? Tod? Probieren wir aus.

Bild: Marco Bresadola

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„Wer würde sich entscheiden, nicht zu sein?“

FIND 2017 – Dead Centre: Hamnet, Dead Centre / Abbey Theatre, Dublin (Regie: Ben Kidd, Bush Moukarzel)

Von Sascha Krieger

Über 90 Millionen Mal hat er den Ball schon gegen die graue Wand geworfen, immer ist er abgeprallt. Aber, so hat er auf Google gelesen, wenn er es unendlich viele Male tut, wird er irgendwann einmal die Mauer passieren. Zumindest hofft er das. „Quantentunnel“ heißt das. Er, das ist ein 11-Jähriger in T-Shirt und Kapuzenjacke, der seinen Sculrucksack mit sich trägt. Als wir ihm das erste Mal begegnen, ist er auf der Rückwand zu sehen, eine Projektion, vor uns, dem gespiegelten Theaterauditorium. Bald steht er leibhaftig auf der Bühne, in Gestalt des fabelhaften jungen Dubliners Ollie West, und bleibt doch, immer in der Gegenperspektive, auch Projektion. Nein, das ist kein gewöhnlicher Schuljunge, der sich und uns zunächst fragt, ob vielleicht sein verschwundener Vater im Publikum sei. Hamnet heißt er, ja mit „n“ – was für ein Unterschied ein Buchstabe doch macht. Der Shakespeare-Kenner weiß: Hamnet hieß des Dichters einziger Sohn, gestorben im Alter von 11 Jahren, sein Vater zum Zeitpunkt des Todes abwesend. Vor diesem Hintergrund erschließen sich die Bemerkungen des Jungen, schon sehr lange 11 Jahre alt zu sein, nicht zu wachsen, seinen Stimmbruch nicht zu erleben. Nein, er ist nicht gerade auf dem Heimweg von der Schule, er ist hier gefangen in einer Zwischenwelt, hoffend, irgendwann die Wand zu durchbrechen.

Foto: Ste Murray, Bild: Jason Booher

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Das Leben ist ein schwebender Müllsack

F.I.N.D. 2016 – Dead Centre: LIPPY (Regie: Ben Kidd, Bush Moukarzel)

Von Sascha Krieger

Der Abend beginnt irritierend. Autor und Regisseur Bush Moukarzel kommt auf die Bühne und begrüßt das Publikum – zum Nachgespräch eines Stückes, das es angeblich gerade gesehen habe. Schauspieler Dan Reardon tritt hinzu und man spricht über ein Stück, das die Zuschauer nicht gesehen, Szenen, die sie nicht einordnen können. Das Publikum muss versuchen sich zurechtzufinden, zu verstehen, was hier vorgeht, sich klar zu werden, dass Verständnislücken bleiben werden. Das Scheitern, das in jedem Versuch verstehen zu wollen immer schon inbegriffen ist, bildet das Zentrum von LIPPY, der dritten Produktion der irischen Theatergruppe Dead Centre. Die metatheatrale Ebene gehört zu den bevorzugten Ausdrucksmitteln der Gruppe – hier bildet sie den Ausgangs- und Einstiegspunkt in den 80-minütigen Abend. Die Illusion, dass das Theater erklärt, Verständnis und Erkenntnis produziert, den Zuschauer an die Hand nimmt und Antworten gibt: Die Ausgangssituation, die wie auch die ihrer neuesten Arbeit Chekhov’s Last Play, mit dem vermeintlich Improvisatorischen spielt, führt diese Erwartungshaltung genüsslich ad absurdum. Natürlich wird bald klar, dass hier alles gespielt ist, Teil des Stücks, der angebliche Tonmann ein Schauspieler, und doch ist da diese kurze Phase des Begreifens, während derer der Boden, auf dem der Zuschauer steht, unsicher, ambivalent ist. Und danach? Bleiben die Fragezeichen.

Bild: Jeremy Abrahams

Bild: Jeremy Abrahams

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Lähmung, Tod und Bühnennebel

F.I.N.D. 2016 – Dead Centre, nach Anton Tschechow: Chekhov’s First Play (Regie: Ben Kidd, Bush Moukarzel)

Von Sascha Krieger

Sie sind ja etwas schwierig, diese Klassiker. Vor allem weil sie ja auch ein bisschen älter sind. Deshalb steht Regisseur Bush Moukarzel zu Beginn vor dem klassisch roten Vorhang und erklärt, warum jeder Zuschauer einen Kopfhörer bekommen hat. Frühere Erfahrungen, so sagt er, hätten ihm klargemacht, dass es für das Publikum schwer sei, klassische Stücke zu verstehen. Für Anton Tschechows kaum spielbaren Fünfstunden-Erstling, den man gemeinhin unter dem Namen Platonow  kennt, gilt das erst recht. Die Lösung kennt jeder, der schon einmal eine DVD gekauft oder ausgeliehen hat: den Audiokommentar. Also will Moukarzel per Kopfhörer dem Zuschauer Erklärungen geben zu Huintergründen, wichtigen Themen, den Figuren und so weiter. Dann geht der Vorhang auf und wir schauen auf eine klassische Tschechow-Kulisse: ein stattliches Anwesen, davor eine Tafel, an der sich nacheinander Gäste in reichlich authentisch erscheinender Kleidung versammeln und mit viel Ernst, zielsicher gesetztem Witz und einem wohldosierten Anflug von Pathos Tschechows Text deklamieren. Ganz klassisch. Doch da ist diese Stimme in unserem Kopf, die bald die Oberhand gewinnt. Weist sie zunächst noch auf Kernthemen wie das des Eigentums hin, beginnt sie bald die Schauspieler zu kritisieren, über die Dialoge zu sprechen (so erzählt Moukarzel vom Typ des „überflüssigen Menschen“, während Glagoljew-Darsteller Liam Carney genau diesen, nämlich in Form der Titelfigur, beschreibt). Irgendwann kippt die Regisseursstimme in eine Sinnkrise, wird tiefer und nähert sich dem Zusammenbruch (mit schönen Anspielungen – und wörtlichen Zitaten – an den kollabierenden Computer Hal in Stanley Kubrickls 2001). Ein Schuss fällt – und widerspricht damit der leitmotivischen Idee von „Chekhov’s Gun“, das Gesetz, demzufolge eine Waffe, die im ersten Akt auftaucht, erst im letzten zu feuern sei. Hier markiert der Schuss die Mitte.

Bild: Jose Miguel Jimenez

Bild: Jose Miguel Jimenez

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