Archiv der Kategorie: Barbara Frey

Jammern im Dreck

Autorentheatertage 2017 – Nino Haratischwili, Elfriede Jelinek, Terézia Mora, Sofi Oksanen: Ein europäisches Abendmahl, Burgtheater, Wien (Regie: Barbara Frey)

Von Sascha Krieger

Das Haus Europa ist unfertig. Leere Fensterhöhlen geben den Blick frei auf eine unverputzte Mauer, die Decke ist Gerüst geblieben. Erdhaufen bedecken den Fußboden, hineingeweht in einen Raum (Bühne: Martin Zehetgruber), der nie fertig wurde und jetzt Ruine sein mag. Schauplatz einer multiperspektivischen Bestandsaufnahme unserer Zeit und ihrer Werte. Solche Abende, Texte unterschiedlicher Auto*innen versammelnd, sind gerade en vogue – Jette Steckel hat sich kürzlich erst am Deutschen Theater den 10 Geboten gewidmet. Barbara Freys Kollektivabend ist kleiner dimensioniert und beim Berliner Gastspiel – schön mit der Bühne korrespondierend – unvollständig, unvollendet. Denn einer der fünf Texte fehlt: Jenny Erpenbeck hat für „Frau im Bikini“, in Wien die letzte Episode, die Aufführungsrechte für Berlin verweigert. Ganz unpassend erscheint das nicht, schließlich geht es um das Unvollendete, Europa als Projekt und Traum, das längst seinen Glanz verloren hat, zusammengeschnurrt irgendwo zwischen Bürokratie und Populismus, eine Idee, die sich dagegen zu wehren versucht, als gescheitert zu gelten. Vielleicht auch, weil sie von Männern ersonnen und umgesetzt wurde. Hier hingegen dominiert der weibliche Blick: Autorinnen, Darstellerinnen und eine Regisseurin sezieren diesen Kontinent, der sich als Wiege der Zivilation sieht, der lange als Friedensprojekt galt, als Realität gewordene Utopie. Ein weiblicher Gegenentwurf könnte und will es wohl sein, dieses „Abendmahl“, Abgesang und Aufbruch in einem.

Gastgeber der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Im Theater(t)raum

William Shakespeare: Sturm, Burgtheater Wien (Regie: Barbara Frey)

Von Sascha Krieger

Langsam, zögerlich, den Rücken dem Publikum zugewandt: Fast widerwillig und ein gutes Stück ratlos erscheint Johann Adam Oest auf der Bühne, nimmt den goldfarbenen Umhang auf, zieht ihn sich über und setzt sich an den Tisch voller aufgeschlagener Bücher und zu beschreibenden Papiers. Nachdem er eines der Sonette Shakespeares rezitiert hat,, beginnt er langsam damit, seine Geschichte zu erzählen, nein, sie zu schreiben. Prospero, der Zaubermeister aus Shakespeares letztem Stück: Hier ist er ein Weltenerschaffer, ein Geschichtenerfinder, ein Theatermacher. Irgendwann erscheint Maria Happel, glatzköpfig und gebeugt, kommt Joachim Meyerhoff, servil steif mit hängenden Schultern und Hornbrille, eine Stange hinabgerutscht. Beide werden Prospero helfen, die Geschichte zu erzählen: Meyerhoff als Luftgeist Ariel, Happel als missgestaltetes „Monster“ Caliban. . Barbara Frey hat in ihrer Wiener Inszenierung das Personal radikal reduziert, Caliban und Ariel schlüpfen in alle anderen Rollen, Schauspieler unter der Regie Prosperos. Oder ist das alles nur sein Traum? Oder gar unserer?

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