Archiv der Kategorie: Autorentheatertage

Risse im Netz

Autorentheatertage 2019 – Die lange Nacht der Autorinnen am Deutschen Theater, Berlin

Von Sascha Krieger

Wer das Interview mit Steffi Kühnert, Schauspielerin, Regisseurin und in diesem Jahr Jurymitglied für die Lang Nacht der Autorinnen, traditionell Schlusspunkt der von Ulrich Khuons einst in Hannover gegründeten und mit ihm über Hamburg nach Berlin gewanderten Autorentheatertage, in der Berliner Zeitung gelesen hat, dem konnte Angst uns bange werden. Trotz aller Diplomatie war ihre Verdikt zur deutschsprachigen Gegenwartsdramatik eher niederschmetternd. „Auffällig für mich ist“, sagt sie da, „dass neue Stücke partout keine Dialoge mehr haben, dafür seitenlange Statements abgeben: Monologisieren.“ Keine ganz neue Erkenntnis, zugegeben, aber ein Statement, dass eine Eintönigkeit und Spielfeindlichkeit, eine Entdramatisierung behauptet, der häufige Zuschauer*innen und Leser*innen deutschsprachiger Theatertexte nicht leichtfertig widersprechen können. Zwischen Romanadaptionen und dialogfernen Textflächen scheint die deutschsprachige Dramatik in der Krise, ein Eindruck, den auch einschlägige Festivals von Mülheim bis Heidelberg nicht auszuräumen vermögen.

zu unseren füßen, das gold, aus dem boden verschwunden (Bild: Arno Declair)

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„Studieren oder frittieren“

Autorentheatertage 2019 – Nora Abdel-Maksoud: Café Populaire, Theater am Neumarkt, Zürich (Regie: Nora Abdel-Maksoud)

Von Sascha Krieger

Besucher*innen des Berliner Maxim Gorki Theaters kennen Nora Abdel-Maksoud spätestens seit The Making-of als ebenso scharfzüngige wie unbarmherzige Entlarverin (post)moderner bürgerlicher Pseudo-Aufgeklärtheit und der Durchlässigkeit zwischen vermeintlich linker Toleranz und real rechtem Populismus. Dabei paart sie beste Unterhaltung mit schmerzenden Nadelstichen gegen ihr Publikum, heiter serviert, schonungslos ausgeführt. Das funktioniert nicht nur im politisch heißen Berlin, sondern auch im beschaulicheren Zürich, wie Café Populaire eindrucksvoll vorführt. Diesmal nimmt sich Abdel-Maksoud das Phänomen des Klassismus vor, der Abwertung vermeintlich „unterer“ Gesellschaftsschichten durch die, die sich für gebildet, zivilisiert und tolerant halten. Und natürlich der Meinung sind, Klassismus gäbe es zumindest bei ihnen überhaupt gar nicht. In kitschiges Rosa getaucht ist die Bühne, ein rechteckiger Kasten von so widerwärtiger Harmonieseligkeit, dass es gar nicht anders kann, als hier zu krachen. Das Rechteck ist YouTube-Screen und Varietébühne, ein Schlachtfeld der Deutungshoheiten, die schnell sehr viel düsterer werden als ihr bonbonfriedliches Umfeld.

Bild: Barbara Braun

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Mein Freund, der Knacks

Autorentheatertage 2019 – René Pollesch: Ich weiß nicht, was ein Ort ist, ich kenne nur seinen Preis (Manzini Studien), Schauspielhaus Zürich (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Die Zeit ist aus den Fugen in dieser Arbeit von Vielschreiber und -inszenierer René Pollesch. Haben die drei in rustikal theatraler Kostümierung  gerade eine Sechsstundenversion von Shakespeares Ein Sommernachtstraum hinter sich oder sind sie gerade erst auf die Bühne gekommen? Sie können sich nicht erinnern und wenn sie es könnten, vermochten sie sich ohnehin nicht darüber einigen woran. Denn waren es eigentlich „nur“ sechs Stunden oder gar 48? Je länger dieser, so weit der Rezensent das beurteilen kann, nicht zweistündige Abend fortschreitet, desto länger wird der, von dem er erzählt. Oder eben auch nicht, denn er lässt sich ja nicht erinnern, wenn es ihn denn gab. Die Kontingenz, die Gleichzeitigkeit und Gültigkeit des Gegensätzlichen, scheint derzeit Polleschs Kernthema zu sein, zusammen mit dem, das ihn ohnehin seit Jahren umtreibt: der Liebe. Auch sie ist in seinem Universum immer zugleich zwingend und unmöglich. Schrödingers Liebe sozusagen.

Bild: Sascha Krieger

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Abfahrt ins Belanglose

Autorentheatertage 2019 – Elfriede Jelinek: Schnee Weiss (Die Erfindung der alten Leier), Schauspiel Köln (Regie: Elfriede Jelinek)

Von Sascha Krieger

2018 war ein Jahr, das den österreichischen Skisport zu erschüttern schien. Zum Teil Jahrzehnte zurückreichende Missbrauchsfälle kamen ans Tageslicht, eine „Kultur“ systemischer sexueller Gewalt insbesondere gegenüber jungen Sportlerinnen, patriarchale Machtmanifestationen, in die auch große Namen involviert waren. Das Heiligste des österreichischen Sports schien erschüttert. Doch nicht lange, die Reaktionen ließen nicht auf sich warten. Dementi, gegenteilige Zeug*innenaussagen, das übliche Dauerlamento des „Ich habe nichts gesehen und gehört“ mit einer reichlichen Dosis „Warum haben sie denn nichts“ gesagt überschwemmte die Debatte und verhinderte schnell jegliche ernsthafte Auseinandersetzung. Was zu einem Nachdenken über die immanente Gewalt männlich geprägter und definierter Machtstrukturen hätte führen können und sollen, verzwergte zu einem „She said, they said“. Wer dachte, die alten Macht- und Diskursverhältnisse wären in der Folge der MeToo-Bewegung ins Wanken geraten, dem rief Österreich zu: Aber nicht bei uns!“

Bild: Tommy Hetzel

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Im Zirkus des Größenwahns

Autorentheatertage 2019 / Radar Ost – Kirill Serebrennikov nach einem Gedicht von Nikolai Nekrasov: Who Is Happy in Russia, Gogol Center, Moskau (Regie: Kirill Serebrennikov)

Von Sascha Krieger

Nikolai Nekrasovs ab 1869 erschienenes Gedicht Кому на Руси жить хорошо? ist mit seinen ca. 500 Seiten nicht nur einer der längeren Genrebeiträge der Literaturgeschichte und gilt vielen als Hauptwerk von Dostojewskis Zeitgenossen, sondern auch ein Schlüsselwerk russischer Literatur auf der Schwelle zu einer Moderne, die für viele nur Versprechen blieb. Verfasst kurz nach der Abschaffung der Leibeigenschaft lässt der Autor eine Gruppe Bauern durch ihr Land ziehen auf der Suche nach einem glücklichen Menschen. Spoiler Alert: Sie werden ihn nicht finden. Der große Zivilisationssprung des Endes faktischer Sklaverei entpuppt sich als Illusion, als Strohfeuer in einem Land, das sich von althergebrachten Machtstrukturen, religiös verbrämter Leidensmoral und einem daraus resultierten tief verankerten Pessimismus nicht zu lösen vermag. Als sich alles änderte, änderte sich nichts. Auch der russische Regisseur Kirill Serebrennikov, der sich dieses Riesenwerks angenommen hat, hat wenig Grund zum Optimismus. Der unbequeme Künstler ist dem zunehmend autoritären Putin-Regime schon länger ein Dorn im Auge. Gerade wurde er aus mehr als zweijährigem Hausarrest entlassen – der nach Meinung fast aller Beobachter fingierte Vorwurf der Veruntreuung und das damit verbundene Verfahren stehen weiterhin im Raum.

Bild: Sascha Krieger

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Die geraubte Stimme

Björn SC Deigner nach einer Idee von Anna Berndt (Fassung von Sebastian Hartmann): In Stanniolpapier, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Zum Abschluss ein „Skandal“. Man muss dem Deutschen Theater ja fast dankbar sein, dass es auf die abstruse Idee kam, den Stückezertrümmerer, Textumdeuter und -visualisierer Sebastian Hartmann eine Uraufführung anzuvertrauen. Und dann auch noch eine im Rahmen der „Langen Nacht der Autoren“, dem Höhe- und Endpunkt der Autorentheatertage, für die drei Stücke von einer Jury ausgewählt und von einem der kooperierenden Theater (bis zu diesem Jahr waren das neben dem DT das Wiener Burgtheater und das Schauspielhaus Zürich) uraufgeführt werden. Hier sollten Autor*in und Text im Vordergrund stehen. Ein Unternehmen, das im Falle von Björn SC Deigners In Stanniolpapier reichlich schiefging. Am Ende einigte man sich darauf, das Wort „Uraufführung“ durchzustreichen und das Stück „in einer Fassung von Sebastian Hartmann“ zu spielen. Das Publikum bekam neben dem Programmheft ein sich distanzierendes Statement der Jury und den Originaltext ausgehändigt.

Bild: Arno Declair

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Europa im Schlussverkauf

Autorentheatertage 2018 – Miroslava Svolikova: europa flieht nach europa, Burgtheater Wien / Deutsches Theater (Box) Berlin (Regie: Franz-Xaver Mayr)

Von Sascha Krieger

Die Geburt Europas aus dem Widerspruch: So hebt Franz-Xaver Mayrs Uraufführung des Stücks von Miroslava Svolikova an: Die Titelfigur, verkörpert von der großäugigen, von zur Eingeschnapptheit neigendem Pathos erfüllten Dorothee Hartinger, erscheint im Hof eines abstrakten und sich in alles zu verwandeln fähigen griechischen Tempels, komplett in Toga und erzählt ihre Geschichte. Ja, die von der Entführung durch den in einen Stier verwandelten Zeus. Aber mit einer Wendung: Nicht gewillt sich dem patriarchalen Recht des Stärkeren zu unterwerfen, tötet sie den Entführer und entwirft die Vision eines neuen Landes, eines neuen Kontinents, die zu erschaffen sie jetzt antritt. Mit glutvoller Stimme beschwört sie den Gegenentwurf einer harmonischen Gesellschaftsutopie, für die sie „instantan mit meiner Liebe sorgen“ will. Das Problem: Ihre Toga ist blutverschmiert, in den Händen hält sie ein blutiges Bündel, womöglich Reste des erschlagenen. Die Idee Europa ist geboren aus einem Akt der Gewalt, das Blut bleibt an ihr kleben.

Ort der Uraufführung im Rahmen der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Ende der Geschichte(n)

Autorentheatertage 2018 – Simone Kucher: Eine Version der Geschichte, Schauspielhaus Zürich / Deutsches Theater (Box) Berlin (Regie: Marco Milling)

Von Sascha Krieger

Eigentlich kommt die Uraufführung von Simone Kuchers Text etwa drei Jahre zu spät. 2015 jährte sich der Völkermord an den im Osmanischen reich lebenden Armeniern zum 100. Mal. Zahlreiche Theaterarbeiten befassten sich damals mit dem Thema und nicht zuletzt mit der alles andere als unproblematischen Rolle des Deutschen Reichs, das bei seinem verbündeten nur zu gern mehr als  nur ein Auge zudrückte. Jetzt legen Kucher und ihr Uraufführungsregisseur Marco Milling eine Arbeit nach, die sich mit Verdrängungsmechanismen und der Kraft der Erinnerung befassen will – im privaten wie im öffentlichen Raum. Also konstruieren sie eine Familie armenischer Herkunft, in der über den Genozid nur abstrakt gesprochen und verheimlicht wurde, wie  sehr er sie selbst betraf. Es gibt eine erfolgreiche Geigerin und ihren Bruder – sie macht das Verdrängungsspiel nur zu gern mit, während er obsessiv nach Spuren sucht. Die Mutter schweigt und ist doch empört, wenn sich die Tochter als Amerikanerin definiert. Die Wurzeln werden nicht anerkannt, sind aber doch irgendwie wichtig. Natürlich ist es in der Folge die Tochter, die nicht mehr loslässt und Geheimnisse aufsürtr, die sich dann doch erstaunlich schnell und leicht ausgraben lassen.

Ort der Uraufführung im Rahmen der Autorentheatertage: Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

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Weit, weit weg

Autorentheatertage 2018 – Yael Ronen & Ensemble: Gutmenschen, Volkstheater Wien (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

„Du bist so weit, weit rechts von mir“, singt Katharina Klar über die Melodie von Hubert von Goiserns – darf man es sagen? – göttlichen „Weit, weit weg“ und zeigt ganz weit nach rechts, dort wo es wohl liegen mag, das neue, alte, sehr reale Österreich. Auch wenn sie das beim Gastspiel im Deutschen Theater Berlin tut, geht der Blick nicht mehr ins Leere. Der „rechte Rand“, er hat sich gefüllt und sitzt, man kann es nach den letzten Wochen nicht bestreiten, auch hierzulande längst in der Regierung. Verloren geht der Blick ins nicht Fassbare, hinaus, aus dem, was bis vor kurzem noch als „Mitte der Gesellschaft“ galt, als moralischer Wertekonsens einer offenen, aufgeklärten Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die dort, wo sie war, ein Loch hinterließ. Ein Loch, das dieser Abend am Ende sichtbar macht. Da geht in der Wiener Aufführung Yousif Ahmad über die Bühne. 30 Sekunden hat er, darf nichts tun oder sagen, denn er hat keine Arbeitserlaubnis. Um ihn, besser um seine Figur des Yousef, geht es in diesen etwa 80 Minuten, doch er selbst muss stumm bleiben. Beim Berliner Gastspiel dreht sich die Schraube noch ein bisschen weiter: Auch hier werden die 30 Sekunden heruntergezählt, doch die Bühne bleibt leer. Yousif Ahmad darf aufgrund seines laufenden Asylverfahrens Österreich nicht verlassen. Er hinterlässt eine halbminütige Leerstelle, mit der alles gesagt wäre.

Bild: © http://www.lupispuma.com / Volkstheater

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„Game over“? Game on!

Autorentheatertage 2018 – Thomas Köck: die zukunft reicht uns nicht (klagt, kinder, klagt!), Schauspielhaus Wien (Regie: Thomas Köck, Elsa-Sophie Jach)

Von Sascha Krieger

Düster fallen die elegischen Klaviertropfen auf das Weiß einer Bühne (Stephan Weber), die andeutet, das sie vielleicht einmal ein antiker Tempel  hätte sein wollen (die Grundform und die breite Treppe sind hinweise), sich aber für für die postmoderne Unentschiedenheit und Nichtpositionierung entschieden hat. Eine Bühne, die sich sich im Ungefähren gefällt, die alles, was Stellung bezieht, was Änderung will oder gar „Fortschritt“ mit einem Generalverdacht belegt, weil ja alle Utopien widerlegt, alle Ideologien entzaubert seinen. Der Bühne gewordene feige Zynismus unserer Zeit. Hierhin passt sie nicht, die Frau im langen blauen Kleid (Sophia Löffler), die einen – wenn auch mechanischen – Vogel fliegen lässt, mit entrücktem Blick, und anschließend ein affirmatives Pathos auf die Bühne zimmert, dass es dem postheroischen Publikum schaudert. Eine aus der Zeit gefallene ist sie, diese Seherin, die sich sogleich daran macht, die zeit aus sich selbst fallen zu lassen, sie in Frage zu stellen, sie und mit ihr die Welt neu zu ordnen.

Bild: Matthias Heschl

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