Archiv der Kategorie: Autorentheatertage

Europa im Schlussverkauf

Autorentheatertage 2018 – Miroslava Svolikova: europa flieht nach europa, Burgtheater Wien / Deutsches Theater (Box) Berlin (Regie: Franz-Xaver Mayr)

Von Sascha Krieger

Die Geburt Europas aus dem Widerspruch: So hebt Franz-Xaver Mayrs Uraufführung des Stücks von Miroslava Svolikova an: Die Titelfigur, verkörpert von der großäugigen, von zur Eingeschnapptheit neigendem Pathos erfüllten Dorothee Hartinger, erscheint im Hof eines abstrakten und sich in alles zu verwandeln fähigen griechischen Tempels, komplett in Toga und erzählt ihre Geschichte. Ja, die von der Entführung durch den in einen Stier verwandelten Zeus. Aber mit einer Wendung: Nicht gewillt sich dem patriarchalen Recht des Stärkeren zu unterwerfen, tötet sie den Entführer und entwirft die Vision eines neuen Landes, eines neuen Kontinents, die zu erschaffen sie jetzt antritt. Mit glutvoller Stimme beschwört sie den Gegenentwurf einer harmonischen Gesellschaftsutopie, für die sie „instantan mit meiner Liebe sorgen“ will. Das Problem: Ihre Toga ist blutverschmiert, in den Händen hält sie ein blutiges Bündel, womöglich Reste des erschlagenen. Die Idee Europa ist geboren aus einem Akt der Gewalt, das Blut bleibt an ihr kleben.

Ort der Uraufführung im Rahmen der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Ende der Geschichte(n)

Autorentheatertage 2018 – Simone Kucher: Eine Version der Geschichte, Schauspielhaus Zürich / Deutsches Theater (Box) Berlin (Regie: Marco Milling)

Von Sascha Krieger

Eigentlich kommt die Uraufführung von Simone Kuchers Text etwa drei Jahre zu spät. 2015 jährte sich der Völkermord an den im Osmanischen reich lebenden Armeniern zum 100. Mal. Zahlreiche Theaterarbeiten befassten sich damals mit dem Thema und nicht zuletzt mit der alles andere als unproblematischen Rolle des Deutschen Reichs, das bei seinem verbündeten nur zu gern mehr als  nur ein Auge zudrückte. Jetzt legen Kucher und ihr Uraufführungsregisseur Marco Milling eine Arbeit nach, die sich mit Verdrängungsmechanismen und der Kraft der Erinnerung befassen will – im privaten wie im öffentlichen Raum. Also konstruieren sie eine Familie armenischer Herkunft, in der über den Genozid nur abstrakt gesprochen und verheimlicht wurde, wie  sehr er sie selbst betraf. Es gibt eine erfolgreiche Geigerin und ihren Bruder – sie macht das Verdrängungsspiel nur zu gern mit, während er obsessiv nach Spuren sucht. Die Mutter schweigt und ist doch empört, wenn sich die Tochter als Amerikanerin definiert. Die Wurzeln werden nicht anerkannt, sind aber doch irgendwie wichtig. Natürlich ist es in der Folge die Tochter, die nicht mehr loslässt und Geheimnisse aufsürtr, die sich dann doch erstaunlich schnell und leicht ausgraben lassen.

Ort der Uraufführung im Rahmen der Autorentheatertage: Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

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Weit, weit weg

Autorentheatertage 2018 – Yael Ronen & Ensemble: Gutmenschen, Volkstheater Wien (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

„Du bist so weit, weit rechts von mir“, singt Katharina Klar über die Melodie von Hubert von Goiserns – darf man es sagen? – göttlichen „Weit, weit weg“ und zeigt ganz weit nach rechts, dort wo es wohl liegen mag, das neue, alte, sehr reale Österreich. Auch wenn sie das beim Gastspiel im Deutschen Theater Berlin tut, geht der Blick nicht mehr ins Leere. Der „rechte Rand“, er hat sich gefüllt und sitzt, man kann es nach den letzten Wochen nicht bestreiten, auch hierzulande längst in der Regierung. Verloren geht der Blick ins nicht Fassbare, hinaus, aus dem, was bis vor kurzem noch als „Mitte der Gesellschaft“ galt, als moralischer Wertekonsens einer offenen, aufgeklärten Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die dort, wo sie war, ein Loch hinterließ. Ein Loch, das dieser Abend am Ende sichtbar macht. Da geht in der Wiener Aufführung Yousif Ahmad über die Bühne. 30 Sekunden hat er, darf nichts tun oder sagen, denn er hat keine Arbeitserlaubnis. Um ihn, besser um seine Figur des Yousef, geht es in diesen etwa 80 Minuten, doch er selbst muss stumm bleiben. Beim Berliner Gastspiel dreht sich die Schraube noch ein bisschen weiter: Auch hier werden die 30 Sekunden heruntergezählt, doch die Bühne bleibt leer. Yousif Ahmad darf aufgrund seines laufenden Asylverfahrens Österreich nicht verlassen. Er hinterlässt eine halbminütige Leerstelle, mit der alles gesagt wäre.

Bild: © http://www.lupispuma.com / Volkstheater

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„Game over“? Game on!

Autorentheatertage 2018 – Thomas Köck: die zukunft reicht uns nicht (klagt, kinder, klagt!), Schauspielhaus Wien (Regie: Thomas Köck, Elsa-Sophie Jach)

Von Sascha Krieger

Düster fallen die elegischen Klaviertropfen auf das Weiß einer Bühne (Stephan Weber), die andeutet, das sie vielleicht einmal ein antiker Tempel  hätte sein wollen (die Grundform und die breite Treppe sind hinweise), sich aber für für die postmoderne Unentschiedenheit und Nichtpositionierung entschieden hat. Eine Bühne, die sich sich im Ungefähren gefällt, die alles, was Stellung bezieht, was Änderung will oder gar „Fortschritt“ mit einem Generalverdacht belegt, weil ja alle Utopien widerlegt, alle Ideologien entzaubert seinen. Der Bühne gewordene feige Zynismus unserer Zeit. Hierhin passt sie nicht, die Frau im langen blauen Kleid (Sophia Löffler), die einen – wenn auch mechanischen – Vogel fliegen lässt, mit entrücktem Blick, und anschließend ein affirmatives Pathos auf die Bühne zimmert, dass es dem postheroischen Publikum schaudert. Eine aus der Zeit gefallene ist sie, diese Seherin, die sich sogleich daran macht, die zeit aus sich selbst fallen zu lassen, sie in Frage zu stellen, sie und mit ihr die Welt neu zu ordnen.

Bild: Matthias Heschl

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Der Geist auf der Schrankwand

Autorentheatertage 2018 – Tom Lanoye: GAS. Plädoyer einer verurteilten Mutter, Theater Bremen (Regie: Alize Zandwijk)

Von Sascha Krieger

Fast 200 Menschen hat er auf dem Gewissen, Kinder, Jugendliche, am Ende sich selbst. Ein Giftgasanschlag in einer U-Bahn, ein enthaupteter Jugendlicher. Und sie, die hier spricht, ist, war seine Mutter, hat ihn per Kaiserschnitt ins Leben gezwungen, durchs Leben getragen, losgelassen und lebt nun mit einer schuld, von der sie nicht weiß, ob sie die ihre ist. Der belgische Autor Tom Lanoye lenkt in seinem Stück den Blick auf einen Aspekt des Terrorismus, der, und auch dies thematisiert er, wenn überhaupt mit küchenpsychologischen Floskeln, Unterstellungen und Pauschalisierungen abgehakt wird: dem persönlichen Umfeld des Täters, seiner Familie, ihrem Leiden, und er stellt über diesen Weg auch die Frage, wer so etwas tut, wie jemand zu einem „Monster“ wird, das sich anschließend von Medien und Empörungsindustrie ausschlachten lässt. Und er ruft die Zeugin auf, die am nächsten dran war, den genauesten Einblick hatte, die erklären könnte, wenn es etwas zu erklären gäbe. Fragen stellt sein Text und findet keine Antworten. Anders als der Boulevard, die Politik, das Wutbürgertum. Das ist schmerzhaft, unbefriedigend und ungeheuer ehrlich.

Ort des Gastspiels bei den Autorentheatertagen: Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

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Jedermann lebt

Autorentheatertage 2018 – Ferdinand Schmalz: jedermann (stirbt), Burgtheater, Wien (Regie: Stefan Bachmann)

Von Sascha Krieger

Breitbeining steht er da, fleischgewordene Selbstsicherheit, ein Lächeln im Gesicht das sagt: Mir gehört die Welt, meinem Fingerschnipsen folgt sie. Doch dann beginnt sie zu rotieren, die Rühre, in der er steht, seine Welt. Unsicherheit schleicht sich ein in seinen Blick, die Frage, wie umgehen mit dem auf einmal nicht mehr verlässlichen Boden. Er fällt stabilisiert sich mühsam auf allen Vieren, versucht sich langsam wieder aufzurichten, schafft das, badet kurz im Triumph. Doch immer schneller dreht sich das Rad, in dem er steckt, immer schneller muss er mitrennen, schafft es nicht, fällt wieder erschöpft. Es ist die Schlüsselszene dieses Abends und eine durch und durch paradoxe noch dazu. Ferdinand Schmalz, aktueller Bachmann-Preisträger, hat den Jedermann-Stoff überschrieben, ins Heute geholt,  seine Gewissheiten, die vor allem auf der Hoffmannsthalöschen Version, selbst eine Überschreibung, stammen, hinterfragt. Und Regisseur Stefan Bachmann gelingt es in seiner Uraufführung, die Essenz menschlicher Hybris und des (post)modernen Lebens als Versuch, auf den Füßen zu bleiben, ein Versuch, der immer und in jedem Fall scheitern muss, in ein Bild zu packen, dem nur das fehlt, was Schmalz‘ Theater in seinem Wesen ausmacht: die Sprache.

Gastgeber der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Wessen Geschichte?

Autorentheatertage 2017 – Sivan Ben Yishai: Your Very Own Double Crisis Club, Deutsches Theater, Berlin (Regie: András Dömötör)

Von Sascha Krieger

Das Theater – ein „Haus der Geschichten“. Die Definition steht im Zentrum von Your Very Own Double Crisis Club der israelischen Autorin Sivan Ben Yishai. Und wird schnell präzisiert: Es sei ein „Haus eurer Geschichten“, schleudert dem „Ihr“ des Publikums das „Wir“ der sechs in EU-Fahnen-Strampelanzügen gewandeten jungen Spieler*innen, Schauspielstudierende der Berliner Universität der Künste, entgegen. Ohne Bitterkeit oder Vorwurf, einfach als Tatsache. Dazu verwandeln Lichtregie und Geräuschkulisse die leere Bühne vor dem Eisernen Vorgang in eine Mischung als Geisterbahn und Horror-B-Movie. Schließlich muss die Geschichte, die sie uns erzählen, nur einem schmecken: nämlich dem kollektiven „Wir“, das sich von ihrem „Ihr“ nicht vereinnahmen lässt, schließlich ist das „unser Haus“. In das „wir“ „sie“ lassen oder auch nicht. Denn „sie“ sind anders, haben andere Geschichten als „wir“. Die handeln von Flucht, von ihrer Stadt, aus der sie herauskullerten wie Bonbons aus einem zerbrochenen Bonbonglas, nachdem ihre Stadt „gegangbangt“ wurde. Und die nun hierher gekullert sind. Zu uns. Die Europafarben tragen, weil sie dazu gehören wollen. Was sie aber nicht tun. Denn „sie“ sind ja nicht „wir“.

Bild: Arno Declair

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In der Marillen-Hölle

Autorentheatertage 2017 – Yade Yasemin Önder: Kartonage, Burgtheater, Wien / Deutsches Theater, Berlin (Regie: Franz-Xaver Mayr)

Von Sascha Krieger

Es wird ja immer wieder gern über die Wirkmächtigkeit von Theater, von Kunst im Allgemeinen, debattiert, meist mit einem erwartbaren Ergebnis: Der gesellschaftliche Effekt von Theater ist eingeschränkt bis gar nicht vorhanden, seine soziale Funktion längst abhanden gekommen, man predigt ohnehin nur noch zu den Bekehrten und schließt sich ein im wohligen Kokon des Bildungsbürgertums. Das ist alles nicht falsch und auch Kartonage, uraufgeführt im Rahmen der Autorentheatertage 2017, wird die Welt nicht verändern. Vielleicht aber das Verhalten derer, die das Stück sehen durften: Unter ihnen wird der Konsum von Aprikosen-, Verzeihung, Marillenmarmelade voraussichtlich eher abnehmen. Und sollten sich Daten-Kenner unter den Zuschauer*innen befinden, ist es zumindest nicht undenkbar, dass sie noch einmal genauer in die Exegese der Divina Commedia gehen, um zu erforschen, ob sie nicht einen Höllenkreis übersehen haben, der ganz und gar aus dem süßig-klebrigen Brotaufstrich besteht. Denn in Yade Yasemin Önders Theaterdebüt  ist das Grauen, ist der Abgrund, ist das Jüngste Gericht eindeutig zu verorten: in einem dampfenden Topf gefüllt mit dem in seiner Färbung verdächtig an die Hautfarbe eines aktuellen amerikanischen Spitzenpolitikers erinnernden Brei.

Gastgeber der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Senftuben im Märchenwald

Autorentheatertage 2017 – Armin Petras und Ludwig Haugk nach dem Roman von Lutz Seiler: KRUSO, Schauspiel Leipzig (Regie: Armin Petras)

Von Sascha Krieger

Die Freiheit ist eine Insel. In Lutz Seilers gefeiertem Wenderoman (ist das eigentlich schon ein eigenes Subgenre?) KRUSO heißt sie Hiddensee. Das autofreie Refugium in der Ostsee, ein Ort der Gestrandeten, der „Schiffbrüchigen“, die, wie der Direktor des Ferienheims es ausdruckt, „vom Festland ausgespuckt wurden“, der Rastlosen, nicht Ankommenwollenden und nicht Anpassungswilligen, derer, die nicht hineinpassen in dieses System, das auf dem „Festland“ herrscht. Ein seltsamer Ort, vermeintlich abgeschnitten von der Realität, ein Fluchtpunkt, der Anderssein erlaubt und gutheißt. Aber eben ein abgegrenzter Raum, von dem man nicht wegkommt: auf einer Seite die tödliche Ostsee mit den schussbereiten „Grenzschützern“, auf der anderen Seite das „System“, das jede Tendenz zur Individualität misstrauisch beäugt. Die Freiheit ist ein sicherer Ort. Aber sie ist auch ein Gefängnis. Freiheit und Einengung, „Alles geht“ und „Es geht nirgendwohin“ sind eins an diesem paradoxen Ort in und außerhalb eines paradoxen Landes.

Gastgeber der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Jammern im Dreck

Autorentheatertage 2017 – Nino Haratischwili, Elfriede Jelinek, Terézia Mora, Sofi Oksanen: Ein europäisches Abendmahl, Burgtheater, Wien (Regie: Barbara Frey)

Von Sascha Krieger

Das Haus Europa ist unfertig. Leere Fensterhöhlen geben den Blick frei auf eine unverputzte Mauer, die Decke ist Gerüst geblieben. Erdhaufen bedecken den Fußboden, hineingeweht in einen Raum (Bühne: Martin Zehetgruber), der nie fertig wurde und jetzt Ruine sein mag. Schauplatz einer multiperspektivischen Bestandsaufnahme unserer Zeit und ihrer Werte. Solche Abende, Texte unterschiedlicher Auto*innen versammelnd, sind gerade en vogue – Jette Steckel hat sich kürzlich erst am Deutschen Theater den 10 Geboten gewidmet. Barbara Freys Kollektivabend ist kleiner dimensioniert und beim Berliner Gastspiel – schön mit der Bühne korrespondierend – unvollständig, unvollendet. Denn einer der fünf Texte fehlt: Jenny Erpenbeck hat für „Frau im Bikini“, in Wien die letzte Episode, die Aufführungsrechte für Berlin verweigert. Ganz unpassend erscheint das nicht, schließlich geht es um das Unvollendete, Europa als Projekt und Traum, das längst seinen Glanz verloren hat, zusammengeschnurrt irgendwo zwischen Bürokratie und Populismus, eine Idee, die sich dagegen zu wehren versucht, als gescheitert zu gelten. Vielleicht auch, weil sie von Männern ersonnen und umgesetzt wurde. Hier hingegen dominiert der weibliche Blick: Autorinnen, Darstellerinnen und eine Regisseurin sezieren diesen Kontinent, der sich als Wiege der Zivilation sieht, der lange als Friedensprojekt galt, als Realität gewordene Utopie. Ein weiblicher Gegenentwurf könnte und will es wohl sein, dieses „Abendmahl“, Abgesang und Aufbruch in einem.

Gastgeber der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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