Archiv der Kategorie: August Strindberg

In Zitatengewittern

Theatertreffen 2019 – Simon Stone nach August Strindberg: Hotel Strindberg, Burgtheater Wien / Theater Basel (Regie: Simon Stone)

Von Sascha Krieger

Mit 35 Jahren ist Simon Stone längst einer der größten Stars der deutschsprachigen Theaterszene. Seine Klassikerüberschreibungen haben ihm bereits drei Theatertreffen-Einladungen eingebracht, sie werden bejubelt oder sorgen für Unverständnis, kalt lassen sie selten. Bis jetzt. Dabei darf sein Hotel Strindberg jetzt sogar das Theatertreffen eröffnen – im vergangenen Jahr wurde niemand geringerem als Frank Castorf zuteil. Und doch könnte es ausgerechnet dieser Abend sein, der Stones Status als einer, den man – egal wie man zu seinen Arbeiten steht – nicht ignorieren können, gefährdet. Dabei ist es ein besonders anspruchsvolles und umfangreiches Projekt, das der australisch-schweizerische Theatermacher, in Angriff genommen hat: den gesamten literarischen Kosmos samt leben des schwedischen Autors August Strindberg in einen mehr als vierstündigen Abend verpacken. Multiple Vorlagen für seine textlich vollständig neu verfassten Überschreibungen zu verwenden, ist für ihn nichts neues, ein ganzes Oeuvre entsprechend zu behandeln und des Autoren Lebensgeschichte einzubeziehen schon. Man könnte ihm zumindest für den Versuch Respekt sollen – wenn es diesen gegeben hätte.

Bild: Sandra Then

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Geisterstrudel im Walzertakt

Nach August Strindberg / Henrik Ibsen / Heinrich Heine: Gespenster, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Die Familie, so wollen es uns nicht nur Konservative gern einreden, sei die Keimzelle der Gesellschaft. Ja, das meinen sie positiv. Der Familienverbund, klassisch natürlich mit Vater (an erster Stelle zu nennen!), Mutter und Kind(ern), gilt traditionell als Ort der Geborgenheit, als kleinste erfolgreiche soziale Einheit, als Schule des Lebens und so weiter. man kann sie leider nicht mehr fragen, aber es ist nicht anzunehmen, dass Henrik Ibsen und August Strindberg diese Behauptungen unterschrieben hätten. Ihre Familienbilder sind eher düsterer Natur. Vor allem bei Ibsen ist die Familie Gefängnis, Unterdrückungsapparat, Traum- und Persönlichkeitskiller. In einer Zeit, in der die Gesellschaft nicht weniger dysfunktional erscheint als so manche Familie, ließe sich vielleicht die Keimzellenmetapher einer genaueren Prüfung unterziehen und subversiv auf den grotesk grinsenden Kopf stellen. So mag es sich Sebastian Hartmann gedacht haben, als er auf die Idee kam, seinen neuen Abend aus drei Texten zusammenzusetzen: Den Familienhorror entnimmt er Ibsens Gespenstern, in denen der Schatten des abwesenden Vaters die Mutter verleitet, dem Sohn so lange Erwartungen aufzubürden, bis er an diesen als Spiegelbild des Vater untergeht; und bei Strindbergs Der Vater, bei dem der Machtkampf zwischen Mann und Frau zur Anzweifelung einer Vaterschaft und dem kompletten Kollaps der familiären Fassade führt. Für die gesellschaftliche Ebene ist Heinrich Heines Deutschland. Ein Wintermärchen zuständig, in dem der Verstoßene im Traum seine deutsche Heimat be- und heimsucht und unter dem Gewicht jahrhundertealter Rollen- und Erwartungsbilder, Nationalklischees und kollektiver Traumata zusammenzubrechen droht.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

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