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Das falsche Leben im richtigen

Arthur Schnitzler: Professor Bernhardi, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Thomas Ostermeier)

Von Sascha Krieger

Am Ende, da ist alles gewonnen, verloren, vorbei, noch nicht begonnen, sitzt er einsam auf der Bühne, den Blick ins Weite gerichtet. Und plötzlich passiert da etwas in diesem Gesicht, das über fast drei pausenlose Stunden hinweg so kontrolliert, so überlegen, so wissend war. Die Augen weiten , die Züge verkrampfen sich. Es wird zum Fragezeichen. All die Gewissheiten, das gute Gefühl, das Richtige getan zu haben, verflüchtigen sich. Was bleibt ist Ratlosigkeit, Verwirrung, Zweifel, Einsamkeit. Es war Ministerialrat Winkler, gespielt von Christoph Gawenda, einem Meister des hintergründigen Plaudertons, der den Aufrechten, dem Wahrheitsverfechter so aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Der ihm als Advocatus Diaboli auf die Spur lockte, dass all sein Anstand, all seine Standhaftigkeit vielleicht nichts wert seien, weil er, weil sie beide „uns innerlich noch nicht bereit fühlen, bis in die letzten Konsequenzen zu gehen – und eventuell selbst unser Leben einzusetzen für unsere Überzeugungen.“ Womöglich, so sagt uns dieses sich verziehende Gesicht im Zwielicht, hat er das Gegenteil erreicht von dem, was er wollte, dem Hass, der Dämagogie, der Macht um jeden Preis in die Hände gespielt. Weil er sich dem offenen Widerstand verweigerte, sich nicht „instrumentalisieren lassen“ wollte, sich nicht einzureihen bereit war in die Front derer, die sich dem so genannten Populismus, den Intoleranten, Anti-Pluralisten, Vielfaltsgegnern entgegenstellen. Das reine Gewissen kann ein Makel sein, wenn man den Mund hält, nicht handelt, sich unpolitisch gibt. Dieser Professor Bernhardi ist der Prototyp des „Unpolitischen“, des Nichtwählers, der seine Hände in Unschuld wäscht und sich wundert, dass sie rot sind.

Bild: Arno Declair

Bild: Arno Declair

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