Archiv der Kategorie: Armin Petras

Die Kreisenden

Clemens Meyer: Die stillen Trabanten, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Armin Petras)

Von Sascha Krieger

„Nachtgestalten“: So heißt ein Film Andreas Dresens aus dem Jahr 1999. Episodenhaft erzählt er Geschichten von Menschen, die im Dämmerlicht der dunklen Stunden einander begegnen, sich am Leben versuchen und an ihm scheitern. Schattenwesen, Einsame, Suchende. Nachtgestalten sind auch die Menschen, die Clemens Meyers Erzählungsband Die stillen Trabanten fast 20 Jahre später bevölkern, Bewohner*innen der dunklen Seite der Gegenwart, die wie immer bei Meyer eine dediziert ostdeutsche ist und sich nie von der Vergangenheit trennen lässt. Da ist der Lokführer, der gern in der Stille der Nacht fährt und auf einen Selbstmörder trifft, die einsamen Frauen, die einander in einem Bahnhof begegnet, der Wachmann, der sich einst eine Bewohnerin eines von ihm bewachten Wohnheims verliebte, der durchs leben Irrende, der auf eine Frau trifft, die sich nach ihrem toten Enkel sehnt, der Imbissbudenbesitzer, der in eine muslimische Ehe gerät und in so viel mehr. Meist ist es die Vergangenheit, die die Figuren im Griff hat, immer die Angst vor der Zukunft, die Überzeugung, keine verdient zu haben. Zurückgelassene und sich (und einander) zurücklassende. Streuner der Nacht.

Bild: Arno Declair

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Senftuben im Märchenwald

Autorentheatertage 2017 – Armin Petras und Ludwig Haugk nach dem Roman von Lutz Seiler: KRUSO, Schauspiel Leipzig (Regie: Armin Petras)

Von Sascha Krieger

Die Freiheit ist eine Insel. In Lutz Seilers gefeiertem Wenderoman (ist das eigentlich schon ein eigenes Subgenre?) KRUSO heißt sie Hiddensee. Das autofreie Refugium in der Ostsee, ein Ort der Gestrandeten, der „Schiffbrüchigen“, die, wie der Direktor des Ferienheims es ausdruckt, „vom Festland ausgespuckt wurden“, der Rastlosen, nicht Ankommenwollenden und nicht Anpassungswilligen, derer, die nicht hineinpassen in dieses System, das auf dem „Festland“ herrscht. Ein seltsamer Ort, vermeintlich abgeschnitten von der Realität, ein Fluchtpunkt, der Anderssein erlaubt und gutheißt. Aber eben ein abgegrenzter Raum, von dem man nicht wegkommt: auf einer Seite die tödliche Ostsee mit den schussbereiten „Grenzschützern“, auf der anderen Seite das „System“, das jede Tendenz zur Individualität misstrauisch beäugt. Die Freiheit ist ein sicherer Ort. Aber sie ist auch ein Gefängnis. Freiheit und Einengung, „Alles geht“ und „Es geht nirgendwohin“ sind eins an diesem paradoxen Ort in und außerhalb eines paradoxen Landes.

Gastgeber der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Erste Liebe und Andreas Baader

Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin / Schauspiel Stuttgart (Regie: Armin Petras) – Premiere im Rahmen von F.I.N.D. 2016

Von Sascha Krieger

Spätestens als Frank Witzels Roman mit dem viel zu langen Namen den Deutschen Buchpreis 2015 gewann, war klar, dass dieses 800 Seiten lange, hemmungslos ausufernde Porträt der alten Bundesrepublik aus der Perspektive eines an der Welt leidenden 13-Jährigen, den Weg auf die deutschsprachigen Bühnen finden würde, denn Romane sind längst das beliebteste Futter des Stadt- und Staatstheaters, Stoffe, die uns als Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten im Stande scheinen, erst recht. Armin Petras war es letztlich vorbehalten, die Uraufführung zu besorgen, natürlich ganz neumodisch in einer Koproduktion der Berliner Schaubühne mit seinem eigenen Haus, dem Schauspiel Stuttgart. Uraufführung hatte sie selbstverständlich im Rahmen eines Festivals, dem Festival Internationale Neue Dramatik, kurz F.I.N.D., womit die Inszenierung gleich mehrfach stellvertretend für aktuelle Trends auf deutschsprachigen Bühnen steht. Petras hat sich zuletzt an gleicher Stelle mit Der geteilte Himmel  der DDR der 1960er Jahre genähert, jetzt ist ihr Gegenpart jenseits der Grenze dran, die alte Bundesrepublik, das Bollwerk der „freien Welt“, das ebenso wie der „real existierende Sozialismus“ vor mehr als 25 Jahren entschlummert ist, wenn auch längst nicht so spektakulär.

Bild: Thomas Aurin

Bild: Thomas Aurin

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Im schwarzen Loch

Henrik Ibsen: Nora. Für die Bühne neu eingerichtet von Armin Petras, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

Es ist manchmal ein Kreuz mit dem Deutschen Theater. Da produziert es zuletzt einen Clavigo, der sich so radikal jeglicher Aussage zu der Welt, in der wir leben, verweigert, knallt einen Eisler-Abend auf die Bühnenbretter, der so konsequent die Vergangenheit bewohnt, dass sich beide um den Belanglosigkeit-Oscar streiten, und jetzt das: Kaum inszeniert Stefan Pucher eine Nora, die Armin Petras sehr konsequent in eine Gegenwart übertragen hat, die er für die unsrige hält, ist es dem mehr oder weniger geneigten Kritiker auch nicht recht. Wobei dem Abend ein echtes Kunststück gelingt: Eine so dezidiert heutige Textfassung derart beliebig und nichtssagend erscheinen zu lassen, muss man auch erst einmal hinbekommen. Armin Petras schafft das. Er verpflanzt die Bankiersgattin Nora, die einst mit einem Betrug dem geliebten Mann das Leben rettete, und eben diesen, einen sich hinter seinem Moralpanzer verschanzenden Karrieristen, in die neoliberale Neuzeit, wo, wie Petras im Programmheft sagt, alles ökonomisiert sei, Menschen und Gefühle den Marktmechanismen unterlägen wie alles andere auch. Dazu sprechen sie eine Sprache irgendwo zwischen Prenzlauer-Berg-Hipster-Denglish und Pseudo-Klartext-Vulgarität nach Art der Geissens (wer den Bezug nicht versteht, darf sich glücklich schätzen). Sie sagen Dinge wie „Ich bin so dizzy“ oder „Du bist so (…) old style, so last season“ und wünschen sich zu Weihnachten Geld.

Das Deutsche Theater Berlin (Foto: Sascha Krieger)

Das Deutsche Theater Berlin (Foto: Sascha Krieger)

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„Bis nichts mehr peinlich ist“

Armin Petras: münchhausen, Deutsches Theater, Berlin / Ruhrfestspiele Recklinghausen (Regie: Jan Bosse)

Von Sascha Krieger

Ach, wie leicht ließe sich dieser Abend abtun: als spaßige Kleinigkeit, eitle theatrale Selbstbespiegelung, Bravourstück eines Bühnenstars, und und und. Natürlich ist vieles, von dem Milan Peschel in Armin Petras‘ Text erzählt, nicht gerade überraschend und voller Binsenweisheiten (die Idee der – durchaus ambivalent empfundenen – Lüge als zentrales Element des Theaters, die Eitelkeit des Schauspielers, die Faszination der Möglichkeit, auf der Bühne ein anderer zu sein). Und selbstverständlich ist der Abend voll von Insider-Scherzen des einstigen Volksbühnen-Stars, der Frank Castorf imitiert und Henry Hübchen, aus dem sprichwörtlichen Nähkästchen plaudert und ironisch über den revolutionären Gestus der Volksbühnenmaschinerie herzieht. Peschel plaudert und deklamiert, tanzt und albert, verheddert sich in virtuosem Slapstick und verzaubert mit seiner legendären Schnoddrigkeit. Vor allem tut er eines: Er spielt. Und es ist ein Spiel, das sehr bald nach seiner eigenen Natur, nach seinen Grenzen und seinen Risiken fragt. Der Clown ist immer  auch – und nicht erst seit Beckett – eine latent tragische Figur, ein Tänzer am Abgrund. Peschel, Petras und Bosse (sowie Volksbühnen-Urgestein Martin Otting, der in den letzten zehn Minuten mitmachen darf) zeigen den Abgrund nicht, sie spielen ihn zu. Was ihn nur noch bedrohlicher macht.

Das Deutsche Theater Berlin (Foto: Sascha Krieger)

Das Deutsche Theater Berlin (Foto: Sascha Krieger)

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Der verschlossene Himmel

Christa Wolf: Der geteilte Himmel (Bühnenfassung: Armin Petras), Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Armin Petras)

Von Sascha Krieger

Nein, der geneigte Theaterbesucher ist nicht versehentlich auf der Fashion Week gelandet, die in diesen Tagen eröffnet wird – auch wenn der in die Mitte des Saals gelegte Laufsteg (und vielleicht auch die Anwesenheit des Regierenden Bürgermeisters wie seines Vorgängers bei der Premiere) dies nahe zu legen scheinen. Armin Petras hat sich viel mehr an einer Dramatisierung von Christa Wolfs 1963 erschienen Roman Der geteilte Himmel versucht, ein Werk, das in seiner fast trotzigen Utopieverteidigung und der Protagonistin, die sich zu Lasten der Liebe für ihre politische Überzeugung entscheidet, heute so fremd erscheint, herübergeweht aus einer vermeintlich so fernen Zeit. Petras, als Kind in die DDR gekommen und 1988 nicht ganz freiwillig gegangen, weiß das und versucht, seine Geschichte im Heute zu verankern. Zu Beginn sitzen sich Rita, die Gebliebene, und Manfred, der Gegangene, gegenüber, getrennt durch den Laufsteg, der auch die Zuschauer trennt und natürlich für die Mauer steht. Am Ende werden sie in einem durchweg misslungenen Epilog champagnerselig der Einheit beiwohnen und die einstigen ideologischen Grabenkämpfe albern verhackstückt und doch mit beinahe heiligem Ernst wiederkäuen, wobei Petras vor allem Manfred zum lächerlichen Würstchen ohne Rückgrat degradiert. Nein, die einstige Weltenkollision ins Heute zu holen, zündet nicht, wohl auch, weil sie aufgesetzt wirkt, der Wille, Heutigkeit zu behaupten, die Szenen zu hohlem Selbstzweck reduziert.

Foto: Dorothea Tuch

Foto: Dorothea Tuch

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Und es bewegt sich doch

Bertolt Brecht: Leben des Galilei, Maxim Gorki Theater Berlin / Staatsschauspiel Dresden (Regie: Armin Petras)

Von Sascha Krieger

Langsam stetig schwingt das riesige Pendel hin und her, von links nach rechts und wieder zurück. Unaufhörlich, unaufhaltsam. Und kommt doch irgendwann zum Stehen, bevor es erneut seine ebenso ruhe- wie endlose Bewegung aufnimmt. Eine an einem Seil schwingende Kugel dominiert das den ganz in weiß gehaltenen, hermetisch abgeschlossen erscheinenden Bühnenkubus des Künstlers Carsten Nicolai. Wie ein riesiges Metronom gibt es den Takt an, registriert den Pulsschlag menschlichen Strebens und kommt nur bei dessen Aufgabe zum Halt. Stoppen lässt es sich aber nicht. Bertolt Brecht feiert in Leben des Galilei das menschliche Streben nach Fortschritt, ohne die Risiken eben dieses Fortschritts zu leugnen, aber stets mit dem erhobenen Zeigefinger des Lehrstücks. Bei Armin Petras bleibt der Zeigefinger unten, stattdessen feiert er ein wildes Theaterfest zwischen optimistischer Überzeugung, dass der Mensch das Voranschreiten nicht verlernt hat und wahnwitziger Parodien auf die Deformation des Menschen durch Macht, Hybris, Eitelkeit – oder alles auf einmal.

Foto: Matthias Horn

Foto: Matthias Horn

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Die Krawatten so weiß

Armin Petras: Gladow-Bande, Maxim Gorki Theater (Regie: Jan Bosse)

Von Sascha Krieger

Unter den Gründungsmythen des Nachkriegsberlins ist jener der Gladow-Bande vielleicht einer der aufschlussreichsten – aber auch der, den die kollektive Erinnerung gern ausspart. Gerade siebzehn Jahre alt war Werner Gladow, als er mit seiner Bande Berlin verunsicherte, die Ruhe, die man gerade geschaffen zu haben glaubte, störte, die Aufbauarbeit sabotierte, so dass es kaum überrascht, dass die Jagd auf ihn so unerbittlich war, dass die Ostberliner Staatszeitung „Neues Deutschland“ 1950 schrieb, man müsse „das Grundübel bei der Wurzel packen, ausrotten und vernichten“. Gladow war ein Angriff auf jegliche staatliche Ordnung, auf das Gewaltmonopol des Staates, auf Ordnung und Sicherheit, auf das Sich-Einrichten im „Weiter so“, egal ob unter vermeintlich kommunistischen oder kapitalistischen Vorzeichen. Er repräsentierte eine Anarchie, eine Grenz- und Regelüberschreitung, ein Nicht-Anerkennung jeder Ordnung, wie sie keine der beiden Seiten im beginnenden Kalten Krieg zulassen wollte oder auch konnte. Und so regte sich auch kein merklicher Widerstand, als der Neunzehnjährige 1950 unter Anwendung eines von den Nationalsozialisten erlassenen Gesetzes zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Wenn er weg sei, sagt Armin Petras’Bühnen-Gladow gegen Ende, sei alles wieder in Ordnung, „dann können endlich alle ins büro“. Die Ordnung war wieder hergestellt, die Jugend der neuen Deutschlands sollte „keine Gladow-Bande mehr kennen“ („Neues Deutschland“).

Foto: Bettina Stöß

Foto: Bettina Stöß

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Die Stille vor dem Vorhang

Fritz Kater: demenz depression revolution. studie zu 3 mythen der gegenwart, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Armin Petras)

Von Sascha Krieger

Vielleicht wollte Armin Petras dem Berliner Publikum noch mal zeigen, was es verliert, wenn er im Sommer das Maxim Gorki Theater in Richtung Stuttgart verlassen wird. Mit ihm geht ja nicht nur ein Intendant und Regisseur, sondern auch einer der bedeutenderen deutschsprachigen Gegenwartsautoren. Fritz Kater ist ja bekanntlich nichts anderes als ein Pseudonym Petras‘ und so ist demenz depression revolution vielleicht die letzte Kater/Petras-Uraufführung in Berlin für einige Zeit. Aber was heißt hier eine? Gleich drei Stück hat Kater geschrieben und Petras auf die Bühne gebracht, lose verbunden zu einer Trilogie, in der es um drei angebliche Gegenwartsmythen geht. Herausgekommen ist ein Abend, der sein Versprechen nie einlöst, weil er sich nicht den Mut hat, sich seinen Themen zu stellen. Wo er es tut, gibt er überraschende Antworten, die vielleicht nicht der ursprünglichen Intention entsprechen, aber diese Dreifach-Premiere vor dem totalen Absturz bewahren.

Foto: Bettina Stöß

Tanz den Schmetterling (Foto: Bettina Stöß)

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Wenn mehr viel weniger ist

Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Armin Petras)

Von Sascha Krieger

Gerhart Hauptmann gehört derzeit – wieder einmal – zu den meistgespielten Autoren auf deutschsprachigen Bühnen. Dafür gibt es sicherlich zwei Hauptgründe: Zum einen passt sein strenger, nie mitleidloser aber stets ungeschönter Blick auf die ganz unten“, die Ausgestoßenen der Gesellschaft, jene, die nie eine Chance hatten, in eine Zeit der Krise, in der sich unsere Gesellschaft die Identitäts- und Sinnfrage stellt und in der immer größere Teile davon befürchten, auf der Strecke zu bleiben. Zum zweiten jährte sich Hauptmanns Geburtstag gerade zum 150. Mal, stets ein Anlass, das Werk eines Autoren auf Relevanz für unsere Zeit abzuklopfen. Gorki-Intendant Armin Petras nimmt solche Anlässe gern auf – zuletzt nutzte er das Kleist-Jahr gar für ein eigenes Festival an seinem Haus.

Bahnwaerter Thiel Maxim Gorki Theater

Foto: Thomas Aurin

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