Archiv der Kategorie: Antú Romero Nunes

Zurück ins Schneckenhaus

Zur Auswahl des Theatertreffens 2018

Von Sascha Krieger

Was war das für ein Theatertreffen-Jahrgang 2017. Starke, richtungweisende Regiekonzepte, radikale Ästhetiken, Rahmen sprengende Erzählweisen, theatrale Grenzgänge und -erfahrungen. Eine Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters ohne Scheuklappen, die nach vorne wies und in die Welt hinaus. Internationale Arbeiten waren dabei, große wie kleine Häuser, reihenweise Neulinge, ein atemberaubendes Spektrum theatraler Ausdrucksformen. Die Latte lag hoch für die diesjährige Jury. Würde sie dort anknüpfen, wohin sie das Theatertreffen, das in der Vergangenheit viel zu oft Nabelschau der großen Bühnen und Namen war, Hort des Staats- und Stadttheaters, Besitzstandswahrer der Subventionskönige? Nicht selten ist es im Leben so, dass auf zwei Schritte nach vorn einer zurück folgt, doch so brutal, wie die diesjährige Jury das Theatertreffen-Vehikel an die Wand fuhr, stockt dem eigentlich geneigten Beobachter der Atem. Wo ist der Geist des Aufbruchs, die Neugier, die Experimentierfreude, welche die letztjährige Auswahl auszeichnete?

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Die Jury des Theatertreffens 2018 (Bild: Iko Freese / drama-berlin.de)

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Die Welt als Spiel

Albert Camus: Caligula, Berliner Ensemble (Regie: Antú Romero Nunes)

Von Sascha Krieger

Ja, hier ist jetzt einiges anders. Kein roter Teppich zur Eröffnung, aber einer in knalligem Gelb, passend zum neuen Outfit, welches sich das Berliner Ensemble, das „House that Brecht built“, wie man es im Amerika nennen würde, zum Beginn der neuen Ära gegeben hat. Knallig auch die massiven Buchstaben, mit denen man „Berliner Ensemble“ jetzt schreibt. Oliver Reese, Ex-Chefdramaturg am Gorki und am DT, die vergangenen Jahre Intendant in Frankfurt, ist kein Mann der lauten Töne – sein Theater ist durchaus gewillt, selbiges zu sein. Man will sich klar positionieren, aber auch hinterfragen, Gewissheiten untergraben. Das ist auch bei der Eröffnung so, beginnt beim gelben Teppich und endet noch nicht bei der Wahl des ersten inszenierten Stückes. Gegenwartstheater will man sein, den Fokus auf zeitgenössische Stoffe, lebende Autoren und natürlich auch auf Brecht legen. Also zeigt man in der ersten Premiere ein Stück von 1948 eines 1960 gestorbenen Autors, der nicht Brecht heißt. Ein Statement, na klar, und vielversprechend auch für die ironische Distanz, mit der man hier, so ist zu hoffen, dogmatischen Aussagen gegenübersteht – inklusive der eigenen.

Bild: Julian Röder

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Erhellender Theaterdonner

Friedrich Schiller: Die Räuber, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Antú Romero Nunes)

Von Sascha Krieger

Die Räuber? Welche Räuber? Viel ist nicht übrig geblieben von Schillers über alle Strenge schlagenden, alle Grenzen außer Acht lassenden Frühwerk, das allein die Epochenbezeichnung „Sturm und Drang“ rechtfertigen würde. An die Stelle des bei seiner Uraufführung im Jahr 1782 wie eine Bombe eingeschlagenen und in der deutschen (Theater)Literatur entsprechende Verwüstung hinterlassenden Rebellionsdramas setzt Antú Romero Nunes drei Monologe, reduziert das Personal, so sich davon überhaupt noch sprechen lässt, auf die feindlichen Brüder Franz und Karl sowie die von beiden begehrte Amalia. Hier ist kein Drama mehr, werden Szenen nur noch nachgespielt, die anderen Figuren erscheinen bestenfalls noch in der Nachahmung – meist karikaturesk überzeichnet – der drei Übriggebliebenen. Jeder erzählt, spielt die Geschichte aus seiner Sicht, probiert die Möglichkeiten aus, testet Gesten und Tonfälle. Die Räuber sind hier reines Theaterspielen und -hinterfragen und lenken gerade dadurch den Blick auf das, was in diesem unerhörten Stück steckt, auf die Möglichkeit oder Unmöglichkeit von Utopien, von Rebellion, von Leben.

Die Raeuber Maxim Gorki Theater

Michael Klammer als Karl Moor (Foto: Bettina Stöß)

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Wie im Film

Fritz Kater: zeit zu lieben zeit zu sterben, Maxim Gorki Theater,Berlin (Regie: Antú Romero Nunes)

Von Sascha Krieger

Wenn es in diesem Stück so etwas wie einen Schüsseldialog gibt, findet er sich im zweiten seiner drei Teile: „War es so?“, fragt die junge Adriana den sie anhimmelnden Peter. „Ich glaube schon“, antwortet dieser. Beiläufig und lakonisch, kaum merklich passiert dieser Akt der Selbstvergewisserung. Wichtig ist die Antwort trotzdem, denn dieses „Ich glaube schon“ fasst den Abend recht treffend zusammen. Um Erinnerung geht es in Fritz Katers Stück, das vor zehn Jahren Premiere hatte und nun von einem der meistgefragten jüngeren deutschsprachigen Regisseure, Antú Romero Nunes, auf die Bühne des Theaters gebracht wurde, dessen (Noch-)Intendant Armin Petras damals die Uraufführung inszenierte. Drei Geschichten sind es, die Kater hier erzählt – und erzählen lässt – und viel wichtiger: drei Arten des Erinnerns. Praktizierte Erinnerungsarbeit ist das, aber auch das Zum-Leben-Erwecken einer Vergangenheit, die nur in der und durch die Erinnerung existiert. Denn egal, wie es war: So war es, denn so ist es, im Erinnern. Denn nur dort lebt die Vergangenheit noch, nur im Subjektiven ist sie präsent. Romero Nunes inszeniert diesen Prozess des Sich-Erinnerns mit großer, zuweilen fast kindlicher Spielfreude und viel Humor. Es ist ein ebenso unterhaltsamer wie intelligenter Abend geworden, gerade weil er nicht theoretisiert, sondern einfach zeigt, das Erinnern und seine Spielarten durchprobiert und damit greifbar macht.

zeit zu lieben zeit zu sterben

Erinnerungsarbeit (Foto: Bettina Stöß)

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Rocco und seine Brüder, nach dem Film von Luchino Visconti, Maxim-Gorki-Theater Berlin (Regie: Antú Romero Nunes)

Es gibt Theaterabende, die erschließen sich am besten über ihren Anfang und ihr Ende. Zu Beginn ist da eine Gruppe, bestehend auf fünf Figuren,  eine Familie, wie wir später erfahren. Sie haben Koffer dabei, stellen sie ab, öffnen sie und kleiden sich an. Einheitlich, Mantel, dunkle Hose, kariertes Hemd, Schal. Am Ende sind sie wieder da. Ein Junge steht an der Rampe und sing. Ein trauriges Lied, ein sehnsuchtsvolles. Einer nach dem anderen gehen die anderen von der Bühne, nicht mehr gleich gekleidet geht jeder für sich, einzeln, allein. Dieser Gegensatz fasst die Geschichte, die Visconti in seinem Film und Antú Romero Nunes an diesem Abend erzählt haben, treffend zusammen. vom wir zum ich, von der Familie zum Individuum, eine Geschichte des Zerfalls althergebrachter Ordnungen, des Auseinanderbrechens von Traditionen. Das Ende des Alten, gemordet durch das Neue.

Bei Visconti ist das durchaus als schmerzlicher Verlust gemeint, das Neue negativ codiert. Ein Blick in das Programmheft deutet an, dass das auch hier der Fall ist: Texte von Pasolini füllen es, jenem Idealisten des alten, des bäuerlichen Italiens. Und doch ist das, was Romero Nunes auf die Bühne bringt, so eindeutig nicht. Er beschreibt Beziehungsverlust und Individualisierung und er zeigt den Preis, den die Veränderung kostet, aber seine Wertung ist ambivalenter. Weniger Schwarz und Weiß, mehr Grau.

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