Archiv der Kategorie: Anton Tschechow

Hexensabbat in Hochglanz

Theatertreffen 2017 – Simon Stone nach Anton Tschechow: Drei Schwestern, Theater Basel (Regie: Simon Stone)

Von Sascha Krieger

Nein, nach Moskau will hier niemand. Mascha zieht es nach New York, Irina erst nach Berlin, später nach Nepal oder einfach nur weg, Andrej nach San Francisco. Nur Olga will nirgendwo hin, sondern einfach nur glücklich sein – natürlich in einer lesbischen Beziehung. Wenn Simon Stone Tschechow „inszeniert“, ist vor allem eines drin: Simon Stone. Er hat die Drei Schwestern in das, was er für das Heute hält, geholt und den Text vollständig überschrieben. Den Geschwistern hat er immerhin den Namen gelassen, ansonsten könnte die Szenerie nicht weiter weg sein von der kleinen russischen Garnisonssiedlung um die vorletzte Jahrhundertwende. Das beginnt schon damit, dass den Geschwistern gar kein Heim mehr zu nehmen ist. Das Haus, um das es (auch geht), ist ein Feriendomizil, das Werk eines Berühmten Architekten, Paradebeispiel „für seine frühen Hüttenarbeiten“, wie es an einer Stelle heißt. Die Bewohner sind Gäste, Vorbeikommende. Familie, Heim, Beziehung: Bindung ist out bei dieser Hipster-Generation, die Stone hier in die Schweizer Berge verfrachtet hat. So glatt und kalt wir Lizzie Clachans zweieinhalbstöckiges modernistisches Bühnen-Haus ist auch die Lebenswirklichkeit, derer, die hier ein- und – viel wichtiger – ausgehen.

Bild: Sandra Then

Weiterlesen

Mit offenen Augen

Das Theatertreffen 2017 gibt seine Auswahl bekannt

Von Sascha Krieger

Natürlich lässt sich auch über den neuesten Theatertreffen-Jahrgang trefflich herziehen. Einfach macht es die Jury dem Nörgler jedoch nicht. Die Zahl der übergangenen Inszenierungen, die es unbedingt ins Festspielhaus hätten schaffen müssen, ist überschaubar. Eigentlich fehlt nur Christoph Marthalers Volksbühnen-Abschied wirklich, auch wenn Sebastian Hartmanns Berlin Alexanderplatz oder Thomas Ostermeiers Professor Bernhardi vermutlich keine Proteststürme ausgelöst hätten. Das Spektrum ästhetischer Ansätze ist groß, vier Debütanten sind dabei, zwei Häuser, die erstmals eingeladen sind, die angebliche „Provinz“ ist ebenso dabei wie die „neuen Länder“ und die freie Szene. sogar zwei fremdsprachige internationale Produktionen haben es geschafft, so manche Stückentwicklung ebenso. Einen geografischen weißen Fleck gibt es: Aus Österreich ist diesmal keine Inszenierung eingeladen. Eigentlich schön, dass die Jury offenbar wenig Proporzdenken an den Tag legte. Einzige Leerstelle: Weibliche Regisseurinnen, in den letzten Jahren das Rückgrat des Theatertreffens, fehlen diesmal fast ganz. Ein Makel, sicher, aber einer, den so manches an der Auswahl aufwiegt.

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

Weiterlesen

Lähmung, Tod und Bühnennebel

F.I.N.D. 2016 – Dead Centre, nach Anton Tschechow: Chekhov’s First Play (Regie: Ben Kidd, Bush Moukarzel)

Von Sascha Krieger

Sie sind ja etwas schwierig, diese Klassiker. Vor allem weil sie ja auch ein bisschen älter sind. Deshalb steht Regisseur Bush Moukarzel zu Beginn vor dem klassisch roten Vorhang und erklärt, warum jeder Zuschauer einen Kopfhörer bekommen hat. Frühere Erfahrungen, so sagt er, hätten ihm klargemacht, dass es für das Publikum schwer sei, klassische Stücke zu verstehen. Für Anton Tschechows kaum spielbaren Fünfstunden-Erstling, den man gemeinhin unter dem Namen Platonow  kennt, gilt das erst recht. Die Lösung kennt jeder, der schon einmal eine DVD gekauft oder ausgeliehen hat: den Audiokommentar. Also will Moukarzel per Kopfhörer dem Zuschauer Erklärungen geben zu Huintergründen, wichtigen Themen, den Figuren und so weiter. Dann geht der Vorhang auf und wir schauen auf eine klassische Tschechow-Kulisse: ein stattliches Anwesen, davor eine Tafel, an der sich nacheinander Gäste in reichlich authentisch erscheinender Kleidung versammeln und mit viel Ernst, zielsicher gesetztem Witz und einem wohldosierten Anflug von Pathos Tschechows Text deklamieren. Ganz klassisch. Doch da ist diese Stimme in unserem Kopf, die bald die Oberhand gewinnt. Weist sie zunächst noch auf Kernthemen wie das des Eigentums hin, beginnt sie bald die Schauspieler zu kritisieren, über die Dialoge zu sprechen (so erzählt Moukarzel vom Typ des „überflüssigen Menschen“, während Glagoljew-Darsteller Liam Carney genau diesen, nämlich in Form der Titelfigur, beschreibt). Irgendwann kippt die Regisseursstimme in eine Sinnkrise, wird tiefer und nähert sich dem Zusammenbruch (mit schönen Anspielungen – und wörtlichen Zitaten – an den kollabierenden Computer Hal in Stanley Kubrickls 2001). Ein Schuss fällt – und widerspricht damit der leitmotivischen Idee von „Chekhov’s Gun“, das Gesetz, demzufolge eine Waffe, die im ersten Akt auftaucht, erst im letzten zu feuern sei. Hier markiert der Schuss die Mitte.

Bild: Jose Miguel Jimenez

Bild: Jose Miguel Jimenez

Weiterlesen

Der Lack ist ab

Anton Tschechow: Drei Schwestern, Berliner Ensemble, Berlin (Regie: Leander Haußmann)

Von Sascha Krieger

Der Lack ist ab. In großen Fetzen blättert die blassgelbe Farbe von den Wänden des opulenten Salons, den Lothar Holler auf die Bühne des Berliner Ensembles gestellt hat und der blicken lässt in verwinkelte Treppenhäuser, die nicht mehr versprechen als Erinnerungen an einstigen Glanz. Auch wenn sich die Szenerie im vierten Akt nach außen verlegt: Der blassblauen Fassade mit dem lieblos pseudoklassizistischen Portal, dem kleinen Kinderkarrussell im Vordergrund geht es nicht besser. Die Welt der drei Schwestern, einst Mittelpunkt eines Generalshaushalt, jetzt angewiesen auf Ehemänner und Arbeitsstellen, ist eine des Verfalls, der hier bereits geschehen ist, als das Stück anhebt. Nur mühsam lässt sich der draußen tobende Sturm noch heraushalten, ist drinnen die Leichenstarre längst eingetreten. Wie in Zeitlupe bewegt sich Gudrun Ritter als Anfissa zu Beginn durch den Raum und drapiert nichtssagende Blumen, minutenlang starrt Irina (Karla Sengteller) ins Leere, ein sich drehender Brummkreisel und ein Taschenmesser laden zu Bewunderiungsstürmen ein. Nein, hier passiert nichts, weil alles schon verloren ist. Uwe Bohms Werschinin ist die Verkörperung der Erstarrung. Auch wenn gegen Ende seine stille Resignation durchaus zu berühren weiß, ist es doch eher sein mit hartem Gesicht vorgetragener, eher simpler Pessimismus, der den Ton setzt.

Foto: Lucie Jansch

Foto: Lucie Jansch

Weiterlesen

Hühner im Leerlauf

Anton Tschechowa: Onkel Wanja, Maxim Gorki Theater Berlin (Regie: Nurkan Erpulat)

Von Sascha Krieger

Ein schönes Bild: Im Hintergrund prangt ein pittoresker Wald, vorne spannt einer eine Lichterkette, andere bringen einen Tisch, Stühle, Ess- und Trinkbares. Minutenlang wird gegessen und getrunken, in fröhlicher Harmonie vor malerischem Hintergrund. Ein Klavier spielt sehnsüchtige Musik mit orientalischem Einschlag. Eine Utopie, die ihre eigene Negation schon in sich trägt. Zu schön ist das, um wahr sein zu können. Und so kommt es, wie es kommen muss: Die ersten Worte Tschechows erklingen und schon fällt das harmonische Tableau in sich zusammen, offenbart der steigende Alkoholpegel, wie dünn und blättrig der Putz des vermeintlichen Glücks ist, den die Tafelgesellschaft auf das morsche Familiengebäude aufgetragen hat. Denn keiner hier ist, wo er sein will: Die einen wollen weg, die anderen können nicht ankommen.

Foto: Esra Rotthoff

Foto: Esra Rotthoff

Weiterlesen

Das Klagen der Untoten

Nach Anton Tschechow: Platonow, NTGent (Regie: Luk Perceval) – Gastspiel im Hebbel am Ufer/HAU1, Berlin

Von Sascha Krieger

Ein Stöhnen, schmerzerfüllt, sehnsüchtig, klagend, schwebend über mäandernden Klavierklängen, herübersehend aus einer Gegenwart, die keine Worte mehr kennt, weil sie keinen Sinn mehr hat, den des zu benennen lohnte. Und doch finden sich welche, lange Zeit, nachdem die Klage von Jens Thomas‘ Stimme und Klavier eine leblose Wüste, bevölkert nur noch von den Überresten einstiger Lebensversuche, auf die leere Bühne gemalt hat, wo nur noch ein einsames Klavier ins Nirgendwo fährt. Und von wo sie nicht weg können, die Untaten, die da verteilt im Raum stehen, in eingefrorenen Posen und Gesichtsausdrücken, die ins Nichts starren, sich mechanisch bewegen, langsam, ziellos, blasse Abzüge einstigen Lebens. Beziehungslos im Raum verloren sind sie zunächst, später bilden sie eine Linie am Bühnenrand, zwischendurch formen sie sich gar zu Paaren, die zusammenfinden, sich auflösen, neu ordnen. Man berührt einander, mehr noch sich selbst, Erinnerungen nur an Illusionen von Nähe. Keiner nimmt den anderen mehr wahr, keiner dieser „überflüssigen Menschen“, die hier, unter den Händen Luk Percevals, Schatten vergangener Träume sind. „Mir ist langweilig“, sind die ersten Worte, die ertönen. Elsie de Brauw spricht sie, die in diesem Puppentotentanz die Anna Petrowna zu spielen vorgibt.

Schauplatz des Berliner Gastspiels von Platonov: das Hebel am Ufer/HAU1 (Foto: Sascha Krieger)

Schauplatz des Berliner Gastspiels von Platonow: das Hebel am Ufer/HAU1 (Foto: Sascha Krieger)

Weiterlesen

„Ist ja nix passiert!“

Theatertreffen 2014 – Anton Tschechow: Onkel Wanja, Schauspiel Stuttgart (Regie: Robert Borgmann)

Von Sascha Krieger

So abrupt ist der Übergang selten: Gerade noch herrschte emsiges Treiben, als das Premierenpublikum schnell noch zur Garderobe eilte, die Toilette aufsuchte, sich zum Platz drängte, hier und dort hallo sagte, Bekannte begrüßte oder einfach jene, von denen man wollte, dass sie wissen, dass man auch da ist. Dann plötzlich, die Saaltüren sind gerade geschlossen, wird es still und es ist, als bliebe die Zeit stehen. Langsam, unendlich langsam umkreist der alte, ramponierte Volvo die Bühne, radlos, längst nicht mehr imstande, aus eigener Kraft voranzukommen. Lethargische Gestalten lungern auf der Bühne herum, spielen mit Zuschauern Federball, stricken oder sitzen einfach untätig da. Einmal tritt einer als Mikrophon, trägt zusammenhanglose Worte vor, da erwachen die Figuren zum Leben: Fluchtartig verlassen sie die Bühne, um wieder herbeizutrotten, wenn es erneut still geworden ist. Repetitiv-schwebende Gitarrenklänge unterstreichen den völligen Stillstand auf der leeren, neben besagtem Auto nur von ein paar Holzstühlen bevölkerten Bühne. Quadrate aus Neonröhren bilden die Decke im Bühnenvordergrund und tauschen diesen leeren Raum in hartes kaltes Licht, irgendwo zwischen Parkhaus und Wartesaal. Hier wartet man nicht einmal mehr auf Godot. Nein, dass da nichts mehr kommen wird, darüber besteht Einigkeit.

Foto: Ostkreuz / Julian Röder

Foto: Ostkreuz / Julian Röder

Weiterlesen

Alles drin

Anton Tschechow: Der Kirschgarten, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Nurkan Erpulat)

Von Sascha Krieger

So viel Erwartung war selten: Im Foyer des Maxim Gorki Theaters, kurz vor der ersten Premiere der Intendanz Langhoff/Hillje ist sie fast mit Händen greifbar. Welch ein Anspruchs- und Erwartungsmonstrum ist da in den vergangenen Monaten aufgetürmt worden: das erste postmigrantische Stadt- oder Staatstheater, ein Theater, das Lebenswirklichkeiten von Menschen einbezieht, die mit dem hässlich-bürokratisch klingenden Etikett „Migrationshintergrund“ nur sehr unzureichend beschrieben werden, ein Ensemble, wie es das so im deutschsprachigen Raum noch nie gab, ein Theater, das den Blick öffnet und weitet, das dem Nichtgehörten Stimme verleiht – für so manchen ist das Gorki, wie es sich jetzt kurz nennt, gar Keimzelle einer veritablen Theaterrevolution, vergleichbar vielleicht dem Aufbruch der Zadeks, Steins und Peymanns nach 1968 oder der Volksbühne Frank Castorfs in den 1990er Jahren. Wenn Nurkan Erpulat die erste Spielzeit dieser neuen Intendanz nun mit einer Inszenierung von Tschechows Der Kirschgarten eröffnet, sieht er sich also einer Mauer an Erwartungen gegenüber, die er gar nicht erfüllen kann, an denen er scheitern muss. Und ja, dieser Abend scheitert, auch und gerade weil er versucht, eine Art Miniaturversion dessen abzuliefern, was diese Intendanz ausmachen soll, weil er sich den Erwartungen stellt und sich bemüht, sie in gut zwei Stunden Theater zu pressen.

Weiterlesen

„Ja, die Deutschen!“

Anton Tschechow: Das Duell, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

„Dich, Bruder haben die Deutschen verdorben. Ja, die Deutschen!“ In großen, leuchtenden roten Lettern stehen diese Worte in russischer Sprache über der Bühne von Frank Castorfs zweiter Tschechow-Inszenierung an der Volksbühne. Es ist ohne Zweifel eine Fährte, die Castorf legt und es ist selbstverständlich eine falsche. Denn es geht keineswegs um Deutschland, das Verhältnis von Russen und Deutschen oder ähnliches. Und doch wäre es keine Castorf-Inszenierung, wenn es nicht doch irgendwie ein bisschen auch darum ginge. Mit Das Duell ist dem Volksbühnen-Intendanten das gelungen, was man wohl als „echten Castorf“ bezeichnen kann: Ein uferloses Assoziationswirwarr, mal philosophisch, mal kalauernd, ein Abend mit vielen losen Enden, einer, bei dem Reste bleiben, gewollte und wohl auch zufällige, einer, der davon ausgeht, dass im der Zuschauer nicht immer folgen können wird, der keine Richtung hat und in seiner Offenheit doch nie beliebig wirkt. Dabei hilft auch ein eher Castorf-untypisches Element: Er erzählt die Geschichte des titelgebenden Kurzromans chronologisch herunter, verzichtet auf längere Fremdtext-Exkurse und erlaubt sich lediglich einen etwas  veränderten Schluss. Das Ergebnis ist ein prototypischer Castorf-Abend mit ungewöhnlicher Stringenz. Wären wir bei der „Sendung mit der Maus“, könnte man sagen: „Klingt komisch, ist aber so!“ Und komisch ist Das Duell, dies und vieles andere auch.

Foto: Thomas Aurin

Foto: Thomas Aurin

Weiterlesen

Untergehen im Wohnmobil

Anton Tschechow: Platonow, Thalia Theater Hamburg (Regie: Jan Bosse)

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist ja schon alles da in Tschechows dramatischem Erstling: eine dem eigenen Untergang entgegen taumelnde Gesellschaft, die Nichtstuer, Schwadroneure und Möchtegern-Weltverbesser, die allgemeine Erstarrung und natürlich die Langeweile. Alvis Hermanis hat diesen Platonow  am Burgtheater als Titanic-hafte Untergangsphantasie in magischer Traumwelt und ersterbendem Licht mit einem sagenhaften Martin Wuttke als Heilsbringer und satanischem Höllenboten zugleich inszeniert und wurde völlig zurecht zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Jan Bosse versucht es in Hamburg eine Nummer kleiner (sein Platonow ist mit vier Stunden zwar nicht gerade kurz, liegt aber zumindest noch eine Stunde unter Hermanis‘) und vielleicht auch ein wenig heutiger. Aus dem Anwesen der Generalswitwe Anna Petrowna ist in Stéphane Laimés Bühne ein Wohnwagen geworden – mit Ornamenttapete und Jagdtrophäen an den Wänden – der am Ende vom neureichen Kaufmann Bugrow von der Bühne gerollt wird. Hier ist nichts von Dauer, will uns das wohl sagen, und natürlich symbolisiert das Entsorgen des Camping-Mobils das Ende einer Epoche. Ein einfaches Bild, aber ein durchaus treffendes.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Weiterlesen