Archiv der Kategorie: Annett Gröschner

„Zur Unruhe geboren“

Die Technik des Glücks – Eine Franz-Jung-Revue, Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin (Künstlerische Leitung: Annett Gröschner und Hanna Mittelstädt, Regie: Rosmarie Vogtenhuber)

Von Sascha Krieger

Der Anlass liegt auf der Hand: Vor hundert Jahren fand in Deutschland die Novemberrevolution statt, etwa zur gleichen Zeit saß ein junger Journalist und Literat in einem Büro am Halleschen Ufer und produzierte Propagandamaterial im Dienste selbiger Revolution. Später entstand an gleicher Adresse mit der Schaubühne ein Theater, das die Nachkriegskultur nachhaltig erschütterte und zumindest ästhetisch bis heute nachwirkt. Grund genug für den heutigen Hausherren, das Hebbel am Ufer, sinch dem einst prominenteren Vorbewohner zu widmen, zumal dieser Franz Jung wie eine Fleischwerdung des unsteten 20. Jahrhundert wirkt: ein unsteter Geist, ein literarisches Stehaufmännchen, revolutionär, Parteigründer, Unruhestifter, mehrfach Inhaftierter, Verfolgter, Schiffsentführer, Kommunist und serial lover. Einzig seinem Fußballverein Minerva Berlin blieb er treu, ansonsten wechselte er Frauen, Parteizugehörigkeiten und Berufe wie so mancher (nein, an dieser Stelle kein Gendering) nicht einmal die Unterwäsche. „Was suchst du Ruhe, da du zur Unruhe geboren bist“: Ein Motto von Mensch und Jahrhundert, das auch als Überschrift über diesem Abend stehen könnte, den Annett Gröschner, Rosmarie Vogtenhuber und Hanna Mittelstädt, deren Nautilus-Verlag  die heutige Heimstätte von Jungs Werken ist, entwickelt haben.

Bild: Sascha Krieger

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Zufluchtsort und Gefängnis

Annett Gröschner: Kind ohne Zimmer, Deutsches Theater / Box (Junges DT), Berlin (Regie: Annette Kuß)

Von Sascha Krieger

Vor dem deutschen Theater steht seit einigen Monaten ein grüner Kubus. Mal offen wie eine Bühne, die zum Zuschauen und Zuhören einlädt, mal geschlossen, sodass man schon durch die Fenster lugen muss, um herauszufinden, ob und was da drin vor sich geht. Dieser grüne Container ist das „Kinderzimmer“, Experimentierfeld und Theaterpavillon, Ort zahlreicher Aktionen mit und von Jugendlichen und sichtbares Zeichen, dass hier, am Deutschen Theater, das junge Theater einen festen Platz gefunden hat. Passend dazu gibt das Haus nun in einer anderen „Box“, nämlich der so benannten kleinsten seiner drei Spielstätten, ein Stück namens . Und um das Kinderzimmer geht es auch, um den eigenen Raum als Schauplatz und Spiegel eigener Entwicklung, als Rückzugs- und Schutzraum, aber auch als Gefängnis, als Hindernis auf dem Weg zum eigenen Ich. Doch die Stimmen, die hier zu hören sind, gehören Menschen, die das eigene Zimmer bestenfalls als unerreichbaren Sehnsuchtsort kennen: Annett Gröschner hat Heimkinder interviewt, Jugendliche, die auf der Straße leben, aber auch ältere Menschen, die sich an ihre Kindheit erinnern, in der sie eben kein eigenes „Reich“ hatten, ob sie nun im Heim lebten, die Wohnung zu klein oder die Familie zu groß. Aus diesen Interviews hat Gröschner ein Stück geschaffen, dass Aussagen und Erinnerungen geschickt kombiniert und zu einer Auseinandersetzung mit Kindheit, Identitätsfindung und der Suche nach so etwas wie einem Zuhause zusammengesetzt.

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