Archiv der Kategorie: Anne Lenk

Wenn Spießer träumen

Roland Schimmelpfennig: Der Tag, als ich nicht mehr war, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Anne Lenk)

Von Sascha Krieger

Ein Mann kommt von der Arbeit nach Hause – und ist schon da. Das ist die Grundkonstellation von Roland Schimmelpfennigs neuem Stück, dessen Uraufführung Anne Lenk in den Kammerspielen des Deutschen Theaters besorgt. Eine Spießerfamilie wird aufgemischt, als sich zunächst der Mann, dann die Frau aufspaltet. In ein „normales“ Ich und ein alternatives – das nackt schläft, über die Strenge schlägt und die Fichte im Garten, die den Mann seit Jahren stört, einfach fällt. Am Ende gewinnt natürlich die spießige Anpassung. Oder nicht? Schimmelpfennigs Stück ist kurz – die Uraufführung dauert schlanke 70 Minuten – und für seine Verhältnisse eher geradlinig. Die Grundkonstellation wird durchgespielt bis zum bitteren, wenngleich durchaus ambivalenten Ende. Die hochkomplexen Verdopplungs- und Alter-Ego-Prozesse der digitalen Welt bleiben außen vor, das Geschehen wirkt Versuchslabor-mäßig reduziert und aus der Zeit gefallen. Eine Spielanordnung, bei der nur das Grundprinzip zählt, nicht die Realität. Da dürfen Familien- und Frauenbilder auch etwas, sagen wir freundlich, traditioneller daherkommen.

Bild: Arno Declair

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Die unsichtbare Wand

Joseph Roth: Hiob. Roman eines einfachen Mannes, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Anne Lenk)

Von Sascha Krieger

Ja, ja, da werden sie wieder alle kommen, die Sachwalter dramatischer Literatur, die an deutschsprachigen Bühnen nur noch Romanadaptionen (und Schlimmeres: nach jeder Menge Filme gab es an der Schaubühne kürzlich gar eine dramatisierte Fernsehserie!) sehen und die Theater-Apokalypse längst eingeläutet haben. Auch das Deutsche Theater berauscht sich mal wieder an Prosa – für den Gastgeber der alljährlichen Autorentheatertage sicherlich nicht ohne Ironie, währe es denn exemplarisch. Doch dann schaut man auf die Liste der Premieren dieser Spielzeit und stellt verwundert fest: Da gab es ja nur zwei Prosaadaptionen, den jetzt zu besprechenden Abend eingeschlossen. Allerdings lässt sich Hiob nach dem Roman von Joseph Roth von Drama-Puristen gut als Argument gegen den vermeintlichen Roman-Wahn deutscher Bühnen heranziehen. Anne Lenks gut zweistündiger Abend demonstriert recht wirksam, wo die Probleme von auf die Bühne gebrachter Prosa liegen. Das liegt auch am Werk: Roths 1930 erschienene Geschichte des vom Schicksal geprüften nach Amerika auswandernden russischen Juden Mendel Singer ist ein reflektiver Roman, der von der gedanklichen und emotionalen, meist inneren Auseinandersetzung seiner Figuren, insbesondere Singers, mit Leben und Welt lebt. Da ist pures Nacherzählen reines Bühnengift. Doch leider ist genau das Lenks Ansatz.

Das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

Das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Hunde im Orkan

Autorentheatertag 2015 – Nis-Momme Stockmann: Phosphoros, Ruhrfestspiele Recklinghausen / Residenztheater München (Regie: Anne Lenk)

Von Sascha Krieger

Ja, ja, Selbstbild und Fremdbild, nie wollen sie zusammenpassen: Lew Katz ist ein Physikprofessor, der die reine Wissenschaft hochhält und mit seinem Narzissmus, seiner Hypochondrie und seinem Zynismus doch nur um Aufmerksamkeit buhlt und mit seinem vermeintlichen Missverstandensein kokettiert. Der Kontrabassist Basil schwadroniert von der hehren Kunst, muss in Provinzhotels auftreten und kompensiert dies durch den Missbrauch seiner Freundin als „Assistentin“, die das schwere Instrument durch die Republik schleppt. Die junge Marlene, die ohne eingeschrieben zu sein Physikvorlesungen besucht und ansonsten als Brezelverkäuferin im ICE jobbt, glaubt die Welt zu durchschauen, sieht sich als analytisch scharfe Rebellin und schleudert noch nur ihren persönlichen Frust als Hass in die Welt. Doch den Genügsamen geht es nicht besser. Lews Ehefrau Anne etwa: Stoisch erträgt sie die Gleichgültigkeit des Gatten, nur um die erste Gelegenheit zu nutzen, ihre Macht auszuspielen. Und Rezeptionist Schröder, hochintelligent und musikalisch talentiert, behauptet, seinen Job zu lieben und interpretiert ihn doch als Freibrief für Intrigantestem und Grausamkeit.  Hier will jeder hoch hinaus, findet sich und sein Leben ungenügend und tritt wütend um sich.

Foto: Andreas Kohlmann

Foto: Andreas Pohlmann

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