Archiv der Kategorie: Anne Lenk

The Show Must Go On

Friedrich Schiller: Maria Stuart, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Anne Lenk)

Von Sascha Krieger

Natürlich fällt es nicht leicht, diese Inszenierung zu rezensieren, als wäre sie ein ganz „normaler“ Theaterabend. Zum Zeitpunkt ihrer Premiere ist bereits klar, dass auf dieser wie auf allen anderen Bühnen des Landes mindestens vier Wochen lang nichts mehr gehen wird. Nach der dritten Aufführung sind die Lichter aus – wann die Bretter wieder zur Welt werden, lässt sich kaum vorhersehen. Da passt es, dass diese letzten gut zwei Stunden eine Übung in Isolation sind. Judith Oswalds Bühne ist eine Art Setzkasten, bestehend aus Boxen, in denen die Figuren – mit zwei Ausnahmen – stets für sich sind. Sie interagieren getrennt durch Wände, die sie immer wieder berühren, wie sehnend nach der Präsenz einer*s anderen. Doch sie bleiben getrennt, isoliert, gefangen in ihren persönlichen Gefängnissen. Ganz unten ist Maria, die Gefängniszelle eng und undurchdringlich, über ihr, in der größten Box, Elisabeth, die Herrschende, Entscheidende, ebenso isoliert und ausweglos. Um sie herum gruppieren sich die Männer, behende die Boxen wechselnd, was den Frauen nicht vergönnt ist. Wo letztere an ihren Plätzen und in ihren Rollen verharren müssen, dürfen erstere diese wechseln. It’s a man’s world.

Bild: Arno Declair

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Perfekt weggespielt

Sally Potter: The Party, Burgtheater, Wien (Regie: Anne Lenk)

Von Sascha Krieger

Wenn ein Stück The Party heißt und es darin um eine solche geht, dann weiß der erfahrene Theatergänger, dass diese nicht in Wohlgefallen, sondern einer ausgewachsenen, meist komischen Katastrophe enden wird. Das ist auch in Sally Potters Adaption ihres eigenen gleichnamigen Films der Fall. Darin feiert die britische Oppositionspolitikerin Janet mit ein paar engen Freund*innen ihre Ernennung zur Schattenministerin. Im Laufe des Abends kommen Geheimnisse ans Tageslicht, ihre Ehe zerbricht, die Halbwertzeit anderer Beziehungen scheint ebenfalls erreicht, Stück und Film enden mit der Möglichkeit eines bevorstehenden Mordes. Im gerade einmal 71 Minuten langen Film taucht Potter die Geschichte in kaltes, gediegenes Schwarz-Weiß, arbeitet mit schnellen Schnitten, einer düsteren Künstlichkeit, die dem Film etwas Karges, fast Gespenstisches gibt, die boulevardeske Handlung ins Existenzielle kippen lässt. Das ist auch den Spieler*innen zu verdanken, allen voran Timothy Spall, der Janets Ehemann Bill mit einer gebrochenen Todeskälte und Lebensmüdigkeit auflädt, die jedem Lachen eine äußerst bittere Note verleihen. Hier, so sagt der Film, geht es um Größeres als um eine elegante Mittelstandssatire.

Bild: Matthias Horn / Burgtheater

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In den Seilen

Molière: Der Menschenfeind, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Anne Lenk)

Von Sascha Krieger

Dass sich Gesellschaft mit ihren Regeln und Grenzen und Sanktionen bei deren Überschreitung als Gefängnis interpretieren und erfahren lässt, ist eine der banaleren Binsenweisheiten unserer Zeit. Für Alceste ist sie das in jedem Fall – nicht, weil sie ihn einengte, sondern weil sie einfach nicht zu dem Regelwerk passt, das er „seiner“ Welt selbst auferlegen möchte. Molières Antiheld kämpft seinen Kampf gegen Heuchelei und Unehrlichkeit mit windmühlenhafter Hartnäckigkeit und ebensolcher Effizienz und ist doch ein Teil dieser Welt, die auf Kontrolle – männlicher, versteht sich – auf Regeln, auf Einhegung abzielt. Wertesysteme sind dazu da einzugrenzen und eine Ordnung aufrecvhtzuerhalten, die Sinn vermitteln, weil sie alles schön in klar begrenzten Bahnen hält. In Anne Lenks Inszenierung von Molières Der Menschenfeind prallen die „Werte“ – Alcestes strenge Vernunftreligion und die libertinäre Gunstbezeugungsmechanik seiner Zeit – aufeinander. Und verbünden sich am Ende gegen den gemeinsamen wahren Feind: ein Denken, das die jeweiligen Grenzen sprengt, ein Handeln, das Vorgaben dehnt und bricht, wenn es dem eigenen Fortkommen passt, eine Freiheit, die den Namen verdient. Und die bei Anne Lenk ganz eindeutig eine weibliche ist.

Bild: Arno Declair

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Wenn Spießer träumen

Roland Schimmelpfennig: Der Tag, als ich nicht mehr war, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Anne Lenk)

Von Sascha Krieger

Ein Mann kommt von der Arbeit nach Hause – und ist schon da. Das ist die Grundkonstellation von Roland Schimmelpfennigs neuem Stück, dessen Uraufführung Anne Lenk in den Kammerspielen des Deutschen Theaters besorgt. Eine Spießerfamilie wird aufgemischt, als sich zunächst der Mann, dann die Frau aufspaltet. In ein „normales“ Ich und ein alternatives – das nackt schläft, über die Strenge schlägt und die Fichte im Garten, die den Mann seit Jahren stört, einfach fällt. Am Ende gewinnt natürlich die spießige Anpassung. Oder nicht? Schimmelpfennigs Stück ist kurz – die Uraufführung dauert schlanke 70 Minuten – und für seine Verhältnisse eher geradlinig. Die Grundkonstellation wird durchgespielt bis zum bitteren, wenngleich durchaus ambivalenten Ende. Die hochkomplexen Verdopplungs- und Alter-Ego-Prozesse der digitalen Welt bleiben außen vor, das Geschehen wirkt Versuchslabor-mäßig reduziert und aus der Zeit gefallen. Eine Spielanordnung, bei der nur das Grundprinzip zählt, nicht die Realität. Da dürfen Familien- und Frauenbilder auch etwas, sagen wir freundlich, traditioneller daherkommen.

Bild: Arno Declair

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Die unsichtbare Wand

Joseph Roth: Hiob. Roman eines einfachen Mannes, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Anne Lenk)

Von Sascha Krieger

Ja, ja, da werden sie wieder alle kommen, die Sachwalter dramatischer Literatur, die an deutschsprachigen Bühnen nur noch Romanadaptionen (und Schlimmeres: nach jeder Menge Filme gab es an der Schaubühne kürzlich gar eine dramatisierte Fernsehserie!) sehen und die Theater-Apokalypse längst eingeläutet haben. Auch das Deutsche Theater berauscht sich mal wieder an Prosa – für den Gastgeber der alljährlichen Autorentheatertage sicherlich nicht ohne Ironie, währe es denn exemplarisch. Doch dann schaut man auf die Liste der Premieren dieser Spielzeit und stellt verwundert fest: Da gab es ja nur zwei Prosaadaptionen, den jetzt zu besprechenden Abend eingeschlossen. Allerdings lässt sich Hiob nach dem Roman von Joseph Roth von Drama-Puristen gut als Argument gegen den vermeintlichen Roman-Wahn deutscher Bühnen heranziehen. Anne Lenks gut zweistündiger Abend demonstriert recht wirksam, wo die Probleme von auf die Bühne gebrachter Prosa liegen. Das liegt auch am Werk: Roths 1930 erschienene Geschichte des vom Schicksal geprüften nach Amerika auswandernden russischen Juden Mendel Singer ist ein reflektiver Roman, der von der gedanklichen und emotionalen, meist inneren Auseinandersetzung seiner Figuren, insbesondere Singers, mit Leben und Welt lebt. Da ist pures Nacherzählen reines Bühnengift. Doch leider ist genau das Lenks Ansatz.

Das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

Das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Hunde im Orkan

Autorentheatertag 2015 – Nis-Momme Stockmann: Phosphoros, Ruhrfestspiele Recklinghausen / Residenztheater München (Regie: Anne Lenk)

Von Sascha Krieger

Ja, ja, Selbstbild und Fremdbild, nie wollen sie zusammenpassen: Lew Katz ist ein Physikprofessor, der die reine Wissenschaft hochhält und mit seinem Narzissmus, seiner Hypochondrie und seinem Zynismus doch nur um Aufmerksamkeit buhlt und mit seinem vermeintlichen Missverstandensein kokettiert. Der Kontrabassist Basil schwadroniert von der hehren Kunst, muss in Provinzhotels auftreten und kompensiert dies durch den Missbrauch seiner Freundin als „Assistentin“, die das schwere Instrument durch die Republik schleppt. Die junge Marlene, die ohne eingeschrieben zu sein Physikvorlesungen besucht und ansonsten als Brezelverkäuferin im ICE jobbt, glaubt die Welt zu durchschauen, sieht sich als analytisch scharfe Rebellin und schleudert noch nur ihren persönlichen Frust als Hass in die Welt. Doch den Genügsamen geht es nicht besser. Lews Ehefrau Anne etwa: Stoisch erträgt sie die Gleichgültigkeit des Gatten, nur um die erste Gelegenheit zu nutzen, ihre Macht auszuspielen. Und Rezeptionist Schröder, hochintelligent und musikalisch talentiert, behauptet, seinen Job zu lieben und interpretiert ihn doch als Freibrief für Intrigantestem und Grausamkeit.  Hier will jeder hoch hinaus, findet sich und sein Leben ungenügend und tritt wütend um sich.

Foto: Andreas Kohlmann

Foto: Andreas Pohlmann

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