Archiv der Kategorie: Alize Zandwijk

Der Geist auf der Schrankwand

Autorentheatertage 2018 – Tom Lanoye: GAS. Plädoyer einer verurteilten Mutter, Theater Bremen (Regie: Alize Zandwijk)

Von Sascha Krieger

Fast 200 Menschen hat er auf dem Gewissen, Kinder, Jugendliche, am Ende sich selbst. Ein Giftgasanschlag in einer U-Bahn, ein enthaupteter Jugendlicher. Und sie, die hier spricht, ist, war seine Mutter, hat ihn per Kaiserschnitt ins Leben gezwungen, durchs Leben getragen, losgelassen und lebt nun mit einer schuld, von der sie nicht weiß, ob sie die ihre ist. Der belgische Autor Tom Lanoye lenkt in seinem Stück den Blick auf einen Aspekt des Terrorismus, der, und auch dies thematisiert er, wenn überhaupt mit küchenpsychologischen Floskeln, Unterstellungen und Pauschalisierungen abgehakt wird: dem persönlichen Umfeld des Täters, seiner Familie, ihrem Leiden, und er stellt über diesen Weg auch die Frage, wer so etwas tut, wie jemand zu einem „Monster“ wird, das sich anschließend von Medien und Empörungsindustrie ausschlachten lässt. Und er ruft die Zeugin auf, die am nächsten dran war, den genauesten Einblick hatte, die erklären könnte, wenn es etwas zu erklären gäbe. Fragen stellt sein Text und findet keine Antworten. Anders als der Boulevard, die Politik, das Wutbürgertum. Das ist schmerzhaft, unbefriedigend und ungeheuer ehrlich.

Ort des Gastspiels bei den Autorentheatertagen: Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

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Ein Traum vom Himmel

Dea Loher: Gaunerstück, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Alize Zandwijk)

Von Sascha Krieger

„Ein Stück vom Himmel“ (um mit einem Herbert-Grönemeyer-Zitat zu beginnen): Das ist es, was Maria und Jesus Maria, Zwillinge eines weggelaufenen Vaters und einer alkoholkranken Mutter, wollen, und sei es auch noch so klein. In Alize Zandwijks Uraufführung des neues Stücks von Des Loher setzt Bühnenbildner Thomas Rupert die beiden in ein vage himmelblaues Zimmer. Doch der Raum ist, abgesehen von zwei Waschmaschinen und ein paar Matratzen leer, die Farbe schmutzig und längt in großen Fetzen abblätternd. Ein Wartesaal des einst versprochenen schönen Lebens, eine Vorhölle, aus der sie an diesem Abend nicht herauskommen werden. Und die bevölkert ist von so manchem seltsamen Personal: Da ist Porno-Otto, Macher und einst Darsteller entsprechender Filme, Madame Bonafide, Hellseherin mit unentscheidbarer Provenienz und Geschlechterzuordnung, und Herr Wunder, Juwelier mit unentschiedener Sinnfrage. Am Ende sind – wir sind schließlich bei Lohet – zwei der fünf tot und die Zwillingen stehen – im Wortsinn – am Anfang. Und doch ist da so etwas wie Hoffnung, scheint das meist ins Zwielicht getauchte dreckige Blau urplötzlich ein ganz klein wenig reiner.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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Hinter dem Mythos

Thomas Mann: Joseph und seine Brüder, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Alize Zandwijk)

Von Sascha Krieger

Es beginnt mit einem weißen Tuch. Die Seite, auf der diese Geschichte erscheinen wird, ist unbeschrieben. Peter Moltzen tritt heran und beginnt, das Tuch zu beschreiben. Mühsam erscheint dort die Familiengeschichte derer,von denen hier erzählt werden soll, der Stammbaum von Adam und Eva bis hin zu Joseph und seinen Brüdern. John von Düffel hat Thomas Manns auf dem Buch Genesis basierende Romantetralogie fürs Theater bearbeitet und Alize Zandwijk das bei der Uraufführung noch sechs Stunden dauernde Stück auf gut die Hälfte der Zeit reduziert und auf die Bühne des Deutschen Theaters gebracht. Herausgekommen ist ein abwechslungsreicher, bildgewaltiger und streckenweise sehr poetischer Abend, einer der zahlreichen (Zwischen-)Töne, der sich nicht auf eine Bedeutungsebene beschränken will, sondern sich auf verschiedene Weise lesen lässt, der nicht eine definitive sondern viele mögliche Geschichten erzählt – und davon, wie Geschichten entstehen.

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