Archiv der Kategorie: Alice Birch

Feministisches Doppel

Alice Birch: Revolt. She said. Revolt again. / Marlene Streeruwitz: Mar-a-Lago, Berliner Ensemble (Kleines Haus) (Regie: Christina Tscharyiski)

Von Sascha Krieger

#MeToo wurde gerade ein Jahr alt. Allerorten wurde Bilanz gezogen, gefragt, was sich seitdem geändert hatte. Angesichts von Trump, Kavanaugh oder Ronaldo fiel die Antwort meist nicht übermäßig positiv aus. Das wird auch das im Weltmaßstab kleine Berliner Ensemble nicht ändern. Aber versuchen, so mag sich Hausherr (!) Oliver Reese gedacht haben, könne man es ja trotzdem. Also gibt es im Oktober einen feministischen Schwerpunkt mit allerlei Sonderveranstaltungen und zwei entsprechenden Premieren. Die etwas gemeinsam haben: Beide verlassen sich auf mehr als eine Grundlage. Vielleicht ist es ein passendes Symbol für die Position der Frau in der (dramatischen) Literatur, dass Regisseur*innen einem einzelnen Text nicht zutrauen, Emanzipationsgeschichten wirkungsvoll auf die Bühne zubringen. Sonst verbindet Simon Stones weitgehend autarke und sehr männliche Antiken-Namedropping und Christina Tscharyiskis Doppelpremiere wenig. Die junge Regisseurin verknüpft zwei unterschiedliche feministische Sichtweisen und Generationen: hier die aktivistische Wut der 32-jährigen Britin Alice Birch, dort die distanziertere, von Bitterkeit und Resignation nicht freie Perspektive der 68-jährigen Österreicherin Marlene Streeruwitz. Hier der Aufruf, die Welt aus den Angeln zu heben, dort der aus Erfahrung gespeiste Zweifel, dass das möglich sei.

Bild: Julian Röder

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Das Theater als Wartezimmer

Ophelias Zimmer. Mit Texten von Alice Birch, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Katie Mitchell)

Von Sascha Krieger

Fünf Szenen hat sie in Hamlet. Sie ist Objekt (von Hamlets Schwärmerei und später dessen Wut), Spielball (ihres Vaters, der sie als Spionin missbraucht) und Opfer (eines vermeintlichen und in den Suizid führenden Wahnsinns). Der britische Mahler John Everett Millais hat sie später als schöne, blumenumspülte Wasserleiche endgültig zur Ikone gemacht. Die schöne Frau als Objekt der Begierde und als passives Opfer, in der Liebe und Tod, die zwei großen Obsessionen der Menschheitsgeschichte zusammenkommen. Autorin Alice Birch und Regisseurin Katie Mitchell haben jetzt Ophelia, die Projektionsfläche, die Stumme, vom Mann zu Beschreibende, zur Hauptfigur gemacht. Doch statt sie zu emanzipieren, ihr eine Stimme zu verleihen, schreiben sie die Ikonographie der Figur nur weiter. Wenngleich unter verkehrten Vorzeichen, als Anklage gegen eine Gesellschaft, die Frauen eine dienende, passive Rolle zuerkennt. Im Resultat bleibt sie aber eben doch das Opfer, der Spielball, das Objekt.

Foto: Gianmarco Bresadola

Foto: Gianmarco Bresadola

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