Archiv der Kategorie: Alexander Eisenach

Im Zentrum

Alexander Eisenach nach Sophokles: Anthropos, Tyrann (Ödipus), Volksbühne Berlin – Livestream-Premiere (Regie: Alexander Eisenach)

Von Sascha Krieger

„Mittendrin statt nur dabei“: Mit diesem Werbeslogan eines ehemaligen deutschen Sportsenders ließe sich auch die Grundidee dieses Abends beschreiben: Weil das Publikum ja derzeit nicht persönlich im Theater sein kann, stellt Alexander Eisenach es kurzerhand in den Mittelpunkt. Zentriert auf der Bühne befindet sich eine 360-Grad-Kamera, die Augen und Ohren des Zuschauers darstellt, durch die er mittendrin ist im Bühnengeschehen, sich seine Perspektive durch Tastenbetätigung an Keyboard oder Fernbedienung frei wählen kann. Soo ist man mehr „mittendrin“ als säße man im Zuschauerraum, auch wenn man physisch abwesend bleibt. Doch dieser Blickwinkel ist mehr als nur ein Versuch, die Zusehenden zu involvieren oder ihnen gar ihre zentrale Rolle zuzuerkennen. Er ist auch Kern der narrativen Intention Eisenachs, der sich längst einen Namen als recht aufgeregter Verhandler zeitgenössischer Brennpunktthemen und Krisen gemacht hat. Das Kameraauge ist Ödipus, der sich schuldlos unwissen – oder auch nicht – schuldig gemacht hat. Und er ist Anthropos, der Mensch, die Menschheit, also auch wir die Zusehenden, die Schuldigen am Zustand unserer Welt, an Klimakrise, Demokratiedämmerung, Pandemie.

Bild: Thomas Aurin

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Felix Krull wäre stolz

Alexander Eisenach: Stunde der Hochstapler – Das Krull-Prinzip, Berliner Ensemble (Neues Haus) (Regie: Alexander Eisenach)

Von Sascha Krieger

Das grinsende Horrorclownsgesicht kennen wir schon. Es war zentrales Bühnenelement in Alexander Eisenachs Felix-Krull-Abend auf der großen Bühne des Berliner Ensembles. jetzt kehrt der Regisseur auf der kleinen Bühne zurück zu diesem Sujet und integriert die Fratze in einen Holzbühnenturm mit seltsam pseudo-Science-Fiction-artigem Turmzimmer und allerlei Türen im Erdgeschoss. Das Thema der „Hochstapelei“, der – gesellschaftlich sanktionierten – Lüge als Grundprinzip menschlicher Existenz, der Selbsterfindung, des Triumphs vom Schein über das sein will Eisenach nun – weitab von Thomas Mann – weiterspinnen. Und lässt den überdreheten Peter Moltzen erst einmal das Gebiss des Clownsmundes auf Karies untersuchen. Damit setzt der Abend, der natürlich weit über die titelgebende Stunde hinausgeht, schon mal seinen reichlich albernen, überdrehten Ton. Moltzen, Marc Oliver Schulze, Cynthia Micas und Cordelia Wege dürfen sich in feinstem Overacting beweisen, während Wolfgang Michael eh immer im gleichen, nölig grantigen Tonfall agiert.

Bild: Matthias Horn

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So ein Theater!

Nach Thomas Mann: Felix Krull. Stunde der Hochstapler, Berliner Ensemble (Regie: Alexander Eisenach)

Von Sascha Krieger

Dass wir uns in Alexander Eisenachs Spielzeit-Eröffnungspremiere ausschließlich im Theater aufhalten, erzählt uns schon Daniel Wollenzins Bühnenbild. Die Bretter, die die Welt bedeuten sollen, sind zwar eher notdürftig verlegt, neben dem schweren roten Theatervorhang aber für zumindest die Hälfte der 90 Minuten des Abends einziges Bühnenbild. Hier wird performt, gespielt, gefaket, was das Zeug hält. Marc Oliver Schulze eröffnet den Reigen mit einer virtuosen Geigennummer. Vivaldi natürlich, mit vollstem Einsatz vorgetragen – doch kommt die Musik vom Band. Publikum und Martin Rentzsch als Theaterdirektor ficht das nicht an, guter Slapstick ist unterhaltsamer als „echte“ Kunst, eine schöne Illusion mehr wert als dröge Wahrheit. Hier findet der Hochstapler Felix Krull seine Bestimmung, beim Anderen-etwas-Vormachen, Vorspielen, Vorführen, Sich-Erfinden. Und so ist an diesem Abend alles Theater: Es beginnt mit Slapstick, driftet ins Boulevardesk-Farcenhafte, macht Halt bei Castorf, verliert sich in Pollesch und wirft gegen Ende die große Schauer-Nebel-Maschinerie an, irgendwo wie zwischen Zirkus, Geistertanz und Sebastian Hartmann.

Bild: JR Berliner Ensemble

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„Knietief im Amalgam“

Alexander Eisenach: Die Entführung Europas oder Der seltsame Fall vom Verschwinden einer Zukunft, Berliner Ensemble (Regie: Alexander Eisenach)

Von Sascha Krieger

„Wenn das Theater den Biß verliert, besetzen Zahnärzte den Zuschauerraum.“ Man mag Heiner Müllers Schreckensszenario, nachzulesen im Programmheft, zustimmen, ohne sein Diktum auf die Bühne auszudehenen. Denn spätestens seit Peter Moltzens erstem Auftritt als Zahnarzt und Syndikatschef (heißt: Bösewicht) Jupiter Kingsby ist klar: Wir brauchen mehr Zahnärzte im Theater. Doch der Reihe nach: Alexander Eisenach, einer der Jungregisseure, die BE-Neuintendant Oliver Reese in seinem Frankfurter Regiestudio gefördert hat, will in seinem Berlin-Debüt nichts weniger, als den Zustand Europas zu analysieren und herauszufinden, ob dieser Kontinent als Idee eine Zukunft hat. Dazu nimmt er sich – das ist so etwas wie sein Markenzeichen – eine Genrefolie zu Hilfe, in diesem Fall den Film Noir, mit seinen resigniert-harten Antihelden und den überall lauernden menschlichen Abgründen. Christian Kuchenbuch gibt einen perfekten Bogart als Ermittler auf der Suche nach der entführten Europa. Daniel Wollenzins Bühne ziert ein durchgängiges Schachbrettmuster, sie verjüngt sich in mehrenden Richtungen, was dem Raum in seiner gebrochenen Perspektivverzerrung einen surrealistischen Einschlag gibt. Ein bisschen Malewitsch meets Dalí.

Bild: Julian Röder

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