Archiv der Kategorie: Aischylos

Ratlos

Thorleifur Örn Arnarsson nach Aischylos: Die Orestie, Volksbühne Berlin (Regie: Thorleifur Örn Arnarsson)

Von Sascha Krieger

Der Schlüsselsatz dieses gut zweistündigen Abends (Corona macht es möglich – sonst fasst sich der isländische Theatermacher Thorleifur Örn Arnarsson weniger kurz) fällt in seiner zweiten Hälfte. Da wuppt Sarah Franke das geschehen mal wieder allein am Bühnenrand und sagt: „Ich kann nicht handeln, wenn ich ratlos bin“. Es fasst diesen zweiten Teil von Arnarssons Antiken-Trilogie (nach der Odyssee) trefflich zusammen, der sicher nicht zufällig auch der zweite Abend von drei zu Beginn dieser Spielzeit ist, die sich mit griechischen Stoffen befassen (hier machte Lucia Bihlers Iphigenie-Adaption den Anfang). Mit Bihler hat Arnarsson den Versuch gemeinsam, eine Art Klammer zu mehr oder minder zeitgenössischen Stoffen zu finden. Sind es dort Stefanie Sargnagels bitterböse Einlassungen zur Rolle der Frau im durchkapitalisierten Jetzt, fällt dem Isländer allerdings nur der Geschlechterkrieg von Edward Albees Who’s Afraid of Virginia Woolf? ein, den Sebastian Grünewald und Sólveig Arnarsdóttir in einem auf- und abfahrenden naturalistischen Intérieur in einer surreal verfärbten Variante durchspielen und später, leicht abgewandelt und zu einem Mord eskalierend, nur per Monitor beobachtbar immer und immer wieder wiederholen.

Bild: Vincenzo Laera

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Stets bemüht

Nach Aischylos und Elfriede Jelinek: In unserem Namen, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Sebastian Nübling)

Von Sascha Krieger

Der Fisch ist also schuld, diese „Quasten-Fotze“. Er war damals, vor Millionen von Jahren der erste Flüchtling, als er aus dem Wasser stieg und sich breit machte, hier auf unserem Land. Verpissen soll er sich, brüllt Thomas Wodianka ihm entgegen, am Ende eines Wutmonologs, in dem er die deutsche Immigrationsgeschichte bis zu ihrem Ausgangspunkt zurückverfolgt hat. Er wütet gegen die Römer mit ihrer effizienten Verwaltung, die Hugenotten mit ihrer Kultur, die Polen („Die kommen her und reparieren alles!“) und so weiter. „Brauchen wir alles nicht“, meint er und: „Ist zu voll hier!“ Verpissen sollen sie sich alle, wegbleiben „mit ihren … Ideen“. Begonnen hatte der Monolog mit Zitaten „besorgter Bürger“, deren „Argumente“ Wodianka nun konsequent weiterführt und so ad absurdum führt. Das ist wirkungsvoll, aber – zumindest für alle, die Wodiankas Suada in Small Town Boy noch im Ohr haben – eben doch ein wenig energiearm, wie mit angezogener Handbremse dargeboten. Das liegt natürlich daran, dass diese Wutrede eben im Gegensatz zur früheren ironisch verkehrt ist. Doch kann sie die Betriebstemperatur des Abends nur wenig erhöhen.

Foto: Oliver Feldhaus

Foto: Oliver Feldhaus

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Machtspieler

Sophokles, Euripides, Aischylos: Ödipus Stadt, Deutsches Theater Berlin (Regie Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

„Macht Gewalt Demokratie“: Unter dieses Motto hat Intendant Ulrich Khuon die neue Spielzeit am Deutschen Theater gestellt und Stephan Kimmig hat einen Eröffnungsabend inszeniert, der zurückführt in die Geburtsstunde des Dramas, die griechische Tragödie, ein Theater, das aus der Athener Demokratie entstand und in dem es immer um die Verstrickung des Menschen, vor allem jene in Gewalt und Macht geht. Das gilt nirgends mehr als im Mythos um das Geschlecht der Labdakiden. Und so überrascht es nicht, dass alle drei großen Tragöden, Sophokles, Euripides, Aischylos, sich mit diesem Mythos befasst haben, mit Ödipus, Kreon und Antigone, diesen Schuldbeladenen, die stets Opfer aber eben immer auch Täter sind. John von Düffel hat aus vier dieser Dramen, darunter Sophokles König Ödipus und Euripides‘ Antigone ein zweieinhalbstündiges Destillat geschaffen, das in drei Teilen daher kommt: Der erste erzählt die Geschichte von König Ödipus, der unwissend seinen Vater erschlug und die Mutter ehelichte, die zweite vom Bruderzwist von Ödipus‘ Söhnen, die dritte vom Konflikt zwischen dem neuen König Kreon und Antigone, die ihren abtrünnigen Bruder bestatten will. Immer geht es dabei um Gewalt und stets auch um Macht – um die, die sie ausüben, jene, die sie anstreben, jene, die unter ihr leiden. Und immer auch um das, was sie mit jedem von ihnen anstellt. Stephan Kimmig inszeniert das als hemdsärmeliges Kammerspiel, in dem er dem großartigen Ensemble viel Raum lässt, Konstellationen durchzuspielen, Nuancen auszuloten und unter die Oberfläche zu blicken. Und er erbringt dabei den Beweis, dass sich Regie- und Schauspielertheater nicht ausschließen müssen.

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