Archiv der Kategorie: Ágota Kristof

Seht, ein Mensch!

Nach dem Roman von Ágota Kristóf: Das große Heft, Staatsschauspiel Dresden (Regie: Ulrich Rasche)

Von Sascha Krieger

Ulrich Rasche ist ein anstrengender Regisseur. Für seine Spieler*innen (wobei weibliche Darstellerinnen bei ihm meist fehlen) wie für sein Publikum. Er stellt sein Personal, das kennt man mittlerweile, auf sich ständig bewegende Konstruktionen, Laufbänder etwa oder Drehscheiben. Wollen sie nicht herunterfallen, müssen sie unaufhörlich in Bewegung bleiben. Der Zuschauer dagegen muss die Konzentration wahren, trotz zuweilen fast vier Stunden monotonem Einheitsrhythmus. Bei Rasche trifft Mensch auf Maschine, muss sich letzterer anpassen, quasi selbst zu einer werden, um überleben zu können. Dass dieser Regisseur einmal Ágota Kristófs abstrakte Anti-Kriegsparabel Das große Heft auf die Bühne bringen würde, war abzusehen, erzählt die Schweizerin ungarischer Herkunft doch von einem kindlichen Zwillingspaar, das sich nach behütetem Kindheitsbeginn in einer lebensfeindlichen Kriegssituation wiederfindet, sich dieser anpasst, in dem es sich gegen den Schmerz, den physischen wie den psychischen, abhärtet, zu töten lernt und um jeden Preis zu überleben. Kristóf, die das Französische stets als feindliche Sprache empfand, erzählt die Geschichte aus Sicht der namenlosen Brüder, als ihre Aufzeichnungen im titelgebenden großen Heft.

Bild: Sebastian Hoppe

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Das papierne Ich

Nach Ágota Kristof: Hundesöhne, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Nurkan Erpulat)

Von Sascha Krieger

In Unterhemd und kurzer Hose schlendern sie über die Bühne, machen Dehnübungen, wärmen sich auf. Sechs Spieler+innen, denen ein fast vierstündiger Abend (das könnte ein Rekord der derzeitigen Gorki-Intendanz sein) bevorsteht. Sie machen sich bereit für die Geschichte – ihre Geschichte? Darum geht es zunächst. Einer nach dem anderen kommen sie zum Bühnenrand, bringen sich ein in die Erzählung, versuchen ihre Stimme über die der anderen zu setzen. Ein vielstimmiger Narrationsversuch, der wiederholt, abbricht, neu ansetzt. Und aus dem sich langsam eine Geschichte herauszuschälen beginnt. Die eines Zwilligspaars, herumgewirbelt in einer Welt des Kriegs. Mögliche Paare gruppieren und trennen sich, am Ende stehen Loris Kubang und Linda Vaher zusammen, hat sich das Protagonist*innenpaar (zunächst) gebildet. Eine Identitätsfindung auf offener Bühne und einer der stärksten Anfänge der jüngeren Gorki-Geschichte. Dann geht es los auf der leeren Bühne. Ein Requisitenwagen, der später auch als Ziege dient – samt funktionierendem Euter! – rollt herein, die „Zwillinge“ werden altersgerecht eingekleidet. Papierbahnen werden entrollt, auf welche die Spieler*innen mit Schlamm Kulissenandeutungen malen. Eine Welt aus Dreck und Papier, aus menschlichen Abgründen und Illusionen, Leid und Geschichten.

Bild: Esra Rotthoff

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