Offene Wunden

Herbert Blomstedt dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Werken von Schubert und Beethoven

Von Sascha Krieger

Das dieses Konzert überhaupt stattfinden kann, ist ein Glück. Nur ein Jahr trennen den schwedischen Dirigenten Herbert Blomstedt und die kürzlich verstorbene britische Königin. Doch auch wenn man ihm sein Alter mittlerweile durchaus ansehen kann – der Gang ist unsicher und braucht Unterstützung, Blomstedt dirigiert im Sitzen – musikalisch ist der Schwede nach wie vor hellwach und auf der Höhe seiner Kunst. Wer also erwartet haben sollte, dass sein vielleicht (wenn auch hoffentlich nicht) letztes Gastspiel bei den Berliner Philharmonikern von Altersmilde oder gar Abschiedsmelancholie erfüllt wäre, sah, nein hörte sich getäuscht. Mit Schubert und Beethoven hatte er Kernrepertoire dabei, seines und das des Orchesters. Umso erstaunlicher, dass er ersteren in seinen 47 Jahren gemeinsamer Zusammenarbeit noch nie dirigiert hat. Das holte er nun nach, auch wenn Franz Schuberts dritte Symphonie keine Offenbarung war.

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Herbert Blomstedt dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Frederike van der Straeten)

Das Jugendwerk, komponiert von einem gerade einmal 18-Jährigen, kommt unter Blomstedts Dirigat überraschend schwer und massig daher, als wollte der Schwede jeglicher Gefahr begegnen, das Werk könne gegenüber der anschließenden Beethoven-Symphonie leichtgewichtig wirken. Das tut dem optimistischen werk nicht immer gut. Da kämpfen die lichten Holzbläser zuweilen vergeblich gegen einen erdigen, mitunter fast dumpfen Grundton an, bleibt die Beleuchtung im Dämmerlicht. Manches ist zu dramatische, anderes zu laut, das Klangbild nur mäßig transparent. Im Allegretto ist die Rhythmik überaus kantig, der Klang etwas zu streicherlastig, der Duktus äußerst lakonisch-sachlich. Das Menuetto schwankt zwischen energischem Voranpreschen und anzogener Handbremse, das Finale befreit sich dann ein wenig, erlaubt sich mehr Licht, mehr Leichtigkeit, mehr innerliche Kraftentfaltung. Und doch finden Farb- und Helligkeitsspektren auch hier keine rechte Balance, wirkt das Werk uneben, unfertig und als ob ihm ein Kerngestus aufgedrückt werden soll, der zu seiner Jugendlichkeit nicht recht passen will.

Zu Beethovens siebter Symphonie dagegen schon, daher wird es nach der Pause erheblich besser und auch überraschender. Dass Blomstedt dem vermeintlich zielstrebigen Optimismus des Werks mit Skepsis begegnet, zeigt sich bereits im Kopfsatz. Schnörkelloser Duktus, gebremste Bewegung, lange Pausen, stolpernde Gesangspassagen, ein erdiger Grundton und teils recht aggressive Streicher generieren ein Gefühl der Unruhe, der Unsicherheit und Instabilität, des Hinterfragens vermeintlicher Gewissheiten. Fast ängstlich singen die Solostimmen, die Spannung zwischen Pastoralem und Feierlich-Dramatischem steigt. Gegen den Strich gebürstet dann das berühmte Allegretto. Weder Liebesgesang noch Trauermusik, tastet er sich zögerlich, zuweilen fast ängstlich voran, sucht nach der Stille, umkreist sie unsicher, findet keinen einheitlichen Klang, dafür Unruhe, sich beißende Farben, einander widerstrebende Klangebenen. Beim den Satz tragenden Hauptmotiv betont das Orchester zunehmend die erste Note, was zum Eindruck eines permanenten Abbremsens führt. So geht dieser Satz nicht voran, sondern kreist rau und widersprüchlich um eine fehlende Mitte. Der Abgrund, der im ersten satz schon zu ahnen war, rückt langsam ins Blickfeld.

Diese mikroskopischen Betonungs- und Dynamikverschiebungen, dieses wiederholte Abbremsen setzen sich im dritten Satz fort. Dieser rast nicht freudig davon. Die Kraft, die er entfaltet, ist keine, die sich aus der Bewegung entfaltet, sie ist erdverbunden, gewichtig, voller Spannung. Klangfarben beißen sich, die Trioteile tun sich im Wortsinn schwer, die Lichtentfaltung ist eingeschränkt. Hier herrscht Zwielicht, die eröffnenden und am ende wiederkehrenden Paukenschläge sind nicht freudig, sondern nicht ohne Bedrohlichkeit, eine Gewalt andeutend, die sich im Finalsatz punktuell entfaltet. Auch hier die Betonungsverschiebungen, der Fokus auf der Zwei im initialen Thema, lineares Voraneilen ausgebremst. Aggressiv stampfend der Grundgestus, hart der Puls. Dirigent und Orchester suchen die Bruchstellen, legen den Blick auf die Fragilität jeder Sicherheitsillusion frei. Wütend stürmt der Satz seinem Ende entgegen, bedrohlich schreit das Blech – hier ist nichts gut. kein austarieren, keine angenehme Balance, diese Musik ist roh, wundgerieben, sich ihrer selbst nicht sicher. Altersmilde? Nein. Stattdessen eine Neugier, die vertrautes aufbricht, gegen den Strich bürstet, schaut, was darunter liegt. Eine Siebste für diese unsichere Zeit. Am Ende stehende Ovationen, zu Recht.

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