The Greatest Showwomen

Florentina Holzinger: Ophelia’s Got Talent, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Florentina Holzinger)

Von Sascha Krieger

The show must go on. Und so kriecht Captain Hook alias Annina Machaz kurz vor Schluss über die Bühne, ebenso unfähig aufzustehen wie die übrig gebliebenen Jurymitglieder und versucht, die Casting-Show, mit der dieser Abend startete, wiederzubeleben. Doch zu spät, Kinder übernehmen, überrennen die Bühne, die Erwachsenen haben fertig. Hoffnung? Na ja, vielleicht nicht, schließlich wurde die junge letzte Kandidatin gerade gefragt, woher sie denn die Gewissheit habe, die letzte Generation zu sein, ist der blutrote Swimmingpool, in dem die Kinder tollen, übersät mit Plastikflaschen-Müll. Aber wenn eh alles verloren ist und alle anderen versagt haben, warum nicht noch mal was Neues versuchen? Das Alte hat abgewirtschaftet, die Jury verloren. Wenn schon Apokalypse, dann lustvoll. Eine andere Show, eine bessere Show, um Heine sehr frei zu paraphrasieren. Obwohl, so schlecht waren die vorangegangenen fast drei pausenlosen Stunden nicht.

Bild: Nicole Marianna Wytyczak

In ihrem neuen Abend fährt Florentina Holzinger alles auf, was die Riesenbühne des Hauses am Rosa-Luxemburg-Platz zu bieten hat. Vor allem von dem Element, nachdem der abend ursprünglich benannt worden sein sollte: Wasser. Neben besagtem pool, gibt es noch ein großes Menschen fassendes Aquarium und ein kleines am rechten Bühnenrand, eine Art Einzelzimmer unter den Wassertanks. Wasser steht im Mittelpunkt von Nikola Kneževićs Bühne, vor allem nachdem der Casting-Show-Aufbau des Anfangs abgetragen wurde. Denn Ophelia’s Got Talent beginnt, wie der Name verheißt. Drei Jurymitglieder bewerten akrobatische Vorführungen von vier Frauen. Eine Pole-Artistin vollführt einen Act ums ertrinken, RambaZamba-Darstellerin Zora Schemm tanzt mit dem Regenschirm zu Udo Jürgens, eine Schwertschluckerin verschluckt am Ende eine Magensonde und der Entfesselungs-Akt unter Wasser geht (fast) schief. Lustvoll dekonstruiert dieser erste Teil die leistungs-Ökonomie der spätkapitalistischen Spaßgesellschaft, den Zwang zum Sich-zur-Schau-Stellung, zum pseudo-freiwilligen Verkauf des eigenen Körpers. Hier sind alle weiblich und nackt oder zumindest unten ohnen, Jury wie Kandidatinnen. Eine Entblößung, die das Format trifft und das System, das es repräsentiert, eine männlich voyeuristische Mechanik, die jeden Körper, vor allem den weiblichen, objektifiziert, be- und eben vor allem entwertbar macht. Die anarchistischen Wendungen der Acts verweigern sich dieser Dynamik, die Jury selbst untergräbt sie. Diese Show ist selbst Objekt – der Verachtung, der Lächerlichkeit.

U(nd sie ist der Beginn einer feministischen Selbstermächtigung, die dieser Abend in der Folge ist. Ein wilder Ritt durch Männerfantasien von der Antike bis heute. Er pflügt durch das voyeuristische Gestrüpp aus gefügigen Meerjungfrauen, von Göttern vergewaltigten Sterblichen, verführerisch betrügerische Sirenen, Nymphen, Mütter, Prostituierte. Und er dreht den Spieß um: Denn aus den tanzend besoffenen Matrosen, die sich nehmen, was sie wollen, werden Matrosinnen, eine Helikopter wird kollektiv begattet, die körperliche Autonomie auch, wie so oft bei Holzinger, wenn auch diesmal beiläufiger, durch Selbstverletzung oder live auf der Bühne gestochene Tattoos wiedererlangt. Ein Fest des Trash, des Zuviel, der Enthemmung, die Aneignung männlicher Rollenbilder durch nackte Frauen, ein riesiger Mittelfinger ans Patriarchat. Die titelgebende Ophelia fällt nicht ins Wasser, willenloses Opfer manipulativer Männer. Nein, sie wird in ihrer Opferpose inszeniert, lachend, selbstbestimmt, die ultimative Rache der Deindividualisierten, des weiblichen Opfersymbols, der unentrinnbar Leidenden.

Der Abend ist auch eine Reise durch die Ambivalenz des Wassers, des „Bluts der Erde“ wie des todbringenden Element. „Death is water“ heißt es einmal. Schillers Taucher geht unter, Schuberts Forelle ins Netz. Doch es ist auch der Ort der Verwandlung, brutal, blutig, ein veritables Horrorstück. Der Vergewaltigung folgt eine Vaginaluntersuchung, ein letztes unbarmherziges Reclaiming männlicher Macht, bevor ein Monster geboren wird, das diese Welt dahinrafft, eine männlich dominierte Welt, die am Abgrund steht. Die Ozeane sind am Kippen, in ihr sei Mikroplastik, sagt Schemm einmal, im Pool tanzt eine herabgeregnete Flut auf Plastik. Klimakatastrophe und Misogynie, patriarchal kapitalische Objektifizierung und die Zerstörung unserer lebensgrundlagen – sie sind Produkt, Symptome, Folgen der gleichen Urkatastrophe, der patriarchalen Unterdrückung alles Nicht-„Männlichen“. Das Wasser blutet, es brennt, die Frauen trotzen dem Sturm, ein Endzeittaumel, der nicht weiß, ob es einen Ausweg gibt oder nur das Ende.

Ophelia’s Got Talent Ein Crescendo der Assoziationen, abgefilmt und inszeniert mit weiblichem Blick. Ein schamloses, grenzenloses, anarchisches Gewitter feministischer Rage und Lust, albern, trashig, berührend, abstoßend, hochkomisch, irritierend. So manches schießt ins Leere, nicht immer hält der abend sein Energielevel, aber die Rücksichts- und Kompromisslosigkeit, mit der er den patriarchalen Blick, die männlichen geschichten und Mythen, das Verschweigen, Verbergen, Nutzbarmachen des Weiblichen nicht dekonstruiert, sondern voller Lust in die Luft jagt, bis nichts mehr übrig bleibt, beeindruckt, überwältigt, begeistert gar zuweilen. Standing Ovations der Freude, der Erleichterung, der Beklemmung sind die Folge. Und die Show ist atemberaubend. Willkommen, Bienvenue, Welcome. Und Good Riddance, Patriarchy.

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