Das Taxi kommt nicht

Theatertreffen 2022 – Toshiki Okada: Doughnuts, Thalia Theater, Hamburg (Regie: Toshiki Okada)

Von Sascha Krieger

Nein, das Taxi wird nicht kommen. In Toshiki Okadas Doughnuts hat es den abwesenden Heilsbringer Godot ersetzt, wie anstelle von Tramps nun fünf Business-Typen warten auf das nie Eintreffende. Hier verdorrt nicht einmal mehr ein Baum, hier ist die Außenwelt im kalten komfort einer Hotellobby im 21. oder 22. Stock kaum mehr denkbar. Ein Ort im Nirgendwo, nicht auf dem Boden der Tatsachen, das Außen verschwindend wie als Referenz an eine andere Beckettsche Endzeitvision, Fin de partie. Ein Nebel, so hören wir, immer dichter werdend und letztlich alles verschluckend, hat die Illusion der Realität aufgesogen. Doch wo der Blick nach draußen zumindest versucht werden könnte, starren die Spielenden auf Dominic Hubers Bühne auf einen weißen Vorhang, bleibt der Blick hier drinnen, im Wartebereich, wagt sich selbst er nicht weg von hier, ganz zu schweigen die Wartenden.

Doughnuts
Bild: Fabian Hammerl

Gegen Ende sagt es Johannes Hegemanns Hotelmitarbeiter, der als einziger auch den Blick von außen auf diese Wartegemeinschaft werfen darf, offen: „Es ist doch umgekehrt, dass man aus dem kleinen Kreis nicht nach außen dringen kann.“ Und schon zuvor kam aus der Gruppe die Feststellung, „dass die Lage da draußen und die Welt hier drinnen voneinander abgetrennt sind.“ Der Schritt nach außen ist unmöglich, bevor er gedacht werden kann. Da ist es  von vornherein eine Scheindiskussion zu diskutieren, doch vielleicht den Bus zur Konferenz, auf die die Wartenden wollen, zu nehmen, ein Schritt, der in multiplen Argumentationsvolten lustvoll verworfen wird, bis zu dem Punkt, an dem es fraglich erscheint, dass besagte Konferenz überhaupt statt findet.

Und so sind die intellektuell nicht anspruchslosen Diskussionen, die sich vom Praktischen, der Frage, wie man zur Konferenz kommen könne, über die Exklusivität moderner Hotelarchitektur bis zur Analyse modernen Lebens und seiner Krisen, die Frage nach ihrer Vorhersehbarkeit und letztlich ihrem Scheitern ausweiten, am Ende auch nicht viel mehr als das Füllen der Stille, das Ignorieren der Leere, die Vladimir und Estragon, die Hamm und Clov umtreiben, ein sich Drehen um das nicht zuzulassende, nicht zu akzeptierende Nichts, die existenzielle Hilflosigkeit und Sinnlosigkeit menschlicher Existenz. Das Reden über den Nebel als „ultimativ abstrakte Kunst“, das selbstgefällige Geschwafel vom Unvorhergesehenen, das es nur geben können, weil „wir“ Vorhersagen träfen, ist nicht viel mehr als ein Totschlagen der zeit, als ein Bemänteln der eigenen kollektiven Ratlosigkeit. Wo Erklärungen fehlen, hilft Rhetorik.

Okada macht das sichtbar, in dem er Sprechen und Körper trennt, die Spielenden sich in wahnwitzigen Choreografievolten sich verrenken lässt, als wären wir bei einer Sitzung in Monty Pythons Ministry of Silly Walks. Als würden die Körper sich gegen die leere Bedeutungshuberei wehren, als hätten sie ihre Autonomie beschlossen. Die Trennung zwischen Scheiwelt und vermuteter Realität, zwischen erklärmächtiger Kontrollbehauptung und ihrer völligen Wirkungslosigkeit spiegelt sich im Widerspruch der Körpersprache gegen die gesprochene. Erstere verstärkt letztere zuweilen auf sich ins absurde führende groteske Weise, doch zumeist ist sie von ihr unabhängig führt sich das gesagte ad absurdum. sehr schön auch der feine aber merkliche Unterschied zwischen Hegemanns servil widerständiger ausladend krampfiger Gestik und der Selbstisicherheit der mal glatteren, mal scharfkantigeren, immer jedoch selbstbewusster ausgefeilten Bewegungsmuster der anderen.

Untermalt und eigentlich angetrieben von Kazuhisa Uchihashis melancholisch unheimlicher Lounge-Musik erzählen die Körper ihr eigenes Drama zwischen Sinnbehauptung und ihrer Widerlegung. Darin zeichnen Okada und sein hochpräzises Ensemble das Bild einer modernen Elite, die sich in ihrem Kontroll- und Erklärdrang vollständig von dem zu Kontrollierenden und erklärenden emanzipiert hat, die in ihrer Sinnroutine soweit erstarrt ist, dass die Mitte ihrer Welt so substanzlos geworden ist wie das Loch im titelgebenden Gebäck. Das ist durchaus poetisch und atmosphärisch dicht wie auch narrativ stringent. Und doch entgeht der Abend seiner eigenen Falle nicht gänzlich. Denn in der redundanten Wiederholung, die sein Grundkonzept ausmacht, dreht er sich genauso im Kreise wie die runde Drehbühne, ist bald alles gesagt, nur nicht von allen und auf jede Weise. Und so wird der Abend selbst redundant, zieht sich in die Länge, verliert seine Spannung und mutiert letztlich ebenfalls zum nicht sonderlich geschmackvollen Doughnut. Er zahlt den Preis für seine Stringenz, verweigert sich dramaturgischer Kniffe zur Spannungssteigerung und endet in seiner Konsequenz als Sinnbild seiner eigenen Kernaussage. Aber auch das ist ein Erfolg.

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