„Everything I touch turns into shit“

Theatertreffen 2022 – Yael Ronen, Shlomi Shaban, Riah Knight und Itai Reicher: Slippery Slope. Almost a Musical, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Woher kommt es, dieses Unbehagen, das den Rezensenten während dieser 100 Minuten befällt und auch danach nur noch stärker zu werden scheint? Das ihn ungläubig auf die jubelnden Zuschauenden beim Schlussapplaus blicken lässt und mit wachsendem Erstaunen auf die fast durchgängig ebenso positiven Rezensionen? Hat die lange theaterfreie Coronazeit doch ihre Spuren hinterlassen oder ist da wirklich etwas faul an diesem Abend, der ja, so die Theatertreffen-Jury, zu den bemerkenswertesten der letzten zwölf Monate gehören soll? In der Nachtkritik.de-Rezension nannte Georg Kasch das Stück ein „Debatten-Musical“. Um Debatten, brisante gesellschaftliche, geht es in der Tat, aber auf eine Art, dass der Abend eher zum Debatten-Verhinderungs-Musical mutiert. Oder schlimmer noch: zum theatran Gegenstück des perfidesten aller Diskursblockierungsoutinen: der falschen Äquivalenz.

Gorki_SlipperySlope_Presse_©EsraRotthoff

Bild: Esra Rotthoff

Worum es geht, ist schnell erzählt: Lindy Larsson spielt blondperückt Gustav Gundesson, einen einst überaus erfolgreichen Kitsch-Folk-Sänger, der sein Comeback versucht. warum das nötig wurde, erfahren wir in den folgenden eineinhalb Stunden. Nachdem er eine junge Sängerin unter seine Fittiche genommen und sich diese von ihm emanzipiert hat, ergießt sich über ihm ein veritabler Shitstorm. Übergriffigkeit, Missbrauch, Cultural Appropriation, Rassismus: Die Liste ist lang., Und ist die multimediale Empörungsmaschine erst angelaufen, gibt es kein Halten mehr. Die trifft nicht nur Gustav, sondern auch seine Ex-Protégé Sky (Riah May Knight) und die Investigativreporterin Stanka Sto (Vidina Popv). Mit im Strudel zudem Gustavs Frau und Stankas Chefredakteurin Klara (Anastasia Gubareva). Es entspinnt sich ein Festival der Manipulation, Jede*r ist Opfer und Täter*in, manipuliert, versucht sich zu retten und landet selbst im öffentlichen Sperrfeuer.

Das ist virtuos inszeniert. Eine Musical-Revue der so genannen Cancel Culture. Zwischen Ethno-Kitsch, Pop und Blues changiert die musikalische Palette, jede Figur erhält ihre musikalische Charakterisierung, bevor letztlich alles ineinander zusammenfällt. Szenen-Vignetten atmen satirische Schärfe, wobei vor allem Gubarevas brachial trockene, dominante Direktheit in Erinnerung bleibt. Amit Ecksteins Kostüme sind klare Charakterbilder – Sky etwa wandelt sich vom Roma-Mädchen zur Pop-Diva mit Zuckerwtte-Frisur, Alissa Kolbuschs Bühne – zwei sich kreutzende, titelgebende abfallende Rampen mit einen Auftrittsloch samt Glitzervorhang – liefert eine eher eineindeutige Symbolik, Stefano Di Buduos Videprojektionen beginnen bei surrealen Seelenwelten und enden in eher holzschnittartigen Illustrationen der Internet-Wirklichkeit.

So verwirrend die Verwicklungen erscheinen, befeuert durch ein atemloses Erzähltempo, das an Tarantinoeske Schnitttechniken erinnert, so komplex vermeintlich das Figuren-, Handlungs- und Beziehungsgewirr, so plakativ gerät dieser Abend letztlich. Noch während er raunend den alten weißen Mann Gustav als mutmaßlichen Bösewicht zu etablieren sucht, reißt er diese Eindeutigkeit wieder ein, um sie durch eine andere zu ersetzen. Das ist eine weile sehr unterhaltsam, während die*der Zuschauende rätselt, was denn wirklich geschehen sei. Doch die anfänglichen Auseinandersetzungen über Diskurshoheit und das „richtige“ Narrativ geben bald den Weg frei für eine völlige Nivellierung solcher Interpretationsversuchen.

Wenn Stanka für eine gute Story über Leichen geht und Klara ihre journalistische Unabhängigkeit an der Garderobe abgibt, wird irgendwann auch der*dem Letzten klar: Hier hat jede*r Dreck am Stecken.Im öffentlichen Aufmerksamkeitswettbewerb gelten keine Haltungen und Werte, sonder nur das grelle Licht des Skandals, der Adrenalinschub öffentlicher Erregung. Und spätestens hier macht der Abend es sich allzu einfach: Alle sind Täter*innen, alle manipulieren, die „Cancel Culture“ verschlingt jede*n und ist nur ein Quotenbringer und Machtinstrument. Das schüttet das Kind mit dem Bade aus, schafft Gleichsetzungen, wo sich diese verbieten. Rassistische Klischees? Kulturelle Aneignung? Missbrauch und Sexismus? Bei Yael Ronen werden sie zu puren Waffen und frei ersetzbaren Angriffsmittel im Krieg um die Deutungshoheit. Übergriffigkeit und Machtmissbrauch in der Entertainmentindustrie? Klar, na ja, vielleicht. Aber die Enthüllenden verfolgen ja auch ihre Agenda und eigentlich ist alles gleich schlimm.

Und so gefällt es dem Abend zunehmend, über die Substanz des Debattierten  nachzudenken, landen #MeToo-Bewegung und das von ganz rechts genährte Narrativ einer angeblichen „linken Cancel Culture“ im gleichen Topf, nicht als diskursiv zu verhandelnde Positionen, sondern als Gleichwertiges, als Symptome des gleichen Problems. Ja, Slippery Slope behandelt die Undurchsichtigkeit und Komplexität des Geflechts von Anschuldigung und Dementi, von Unterstellung und Interpretation, von Unschuldsvermutung und Vorverurteilung, die der aufgeklärt abgeklärte Diskurs zuweilen wie eine Monstranz vor sich herträgt, die es ihm zum einen erlaubt, sich nicht positionieren zu müssen und die zum anderen den Zweifel als rechtsstaatliches Kernelement aufrechterhält. Ein Widerspruch, oft schwer aufzulösen, zwischen Fairness und Solidarität, zwischen Unterstützung der Opfer und Verteidigung der Beschuldigtenrechte, einer, der dann auch immer wieder in Täter-Opfer-Umkehr zu kippen droht.

Doch diesen Abend schert das nicht. Er sucht keine Komplexität, er will die Widersprüche, die moralischen Dilemmas nicht aushalten. Ihn reizt das Plakative, die einfache Erklärung, die selbstgerechte Kraft der Gleichsetzung. Wenn alle manipulieren, wenn alle die gleichen Empörungs- und Meinungsbildungsmechanismen nutzen, was nützt es da Unterschiede zu suchen? Und so passt sich das Narrativ der Erzählweise an, diesem einfachen, eindeutigen Symbolismus von Bühne, Kostümen, Videos, Text und Figurenzeichnung. Diese „Satire“ entlarvt nicht, sie nivelliert. Und wo alles gleich ist, braucht es keine Haltung. Das ist nicht nur unterkomplex, es ist auch feige und gefährlich. Gesellschaft funktioniert da, wo sie auf Werten basiert, wo sie rote Linien einzuziehen gewillt ist, auch da, wo Gut und Böse nicht leicht zu unterscheiden sind. Slippery Slope reißt diese ein. „Everything I touch turns into shot“, sind Larsson zu Beginn – am Ende stimmen alle ein, die Opfer-Täter*innen und die Täter*innen-Opfer. Die alle sind verantwortlich für den „Shit“. Gleichermaßen. Ohne Abstufungen. Wie klar, wie einfach, wie perfide.

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