Die Liebe erzählen

Theatertreffen 2022 – Frei nach Dante Alighieri, Meat Loaf und Britney Spears: Das neue Leben. where do we go from here, Schauspielhaus Bochum (Regie: Christopher Rüping)

Von Sascha Krieger

Eine gute Nachricht. So heißt das Lied von Danger Dan, mit de der Abend endet. Nach und nach bewegen sich die fünf Spielenden an die Rampe, stimmen ein oder lächelskeptisch hoffnungsvoll ins Publikum. Alles wir enden, erzählt das Lied, doch die gute Nachricht sei: „Heute nicht. Es bleibt noch Zeit für dich und mich.“ Für die Liebe. Oder ihren Versuch, Oder den Traum von ihr. „Ich will nicht, dass es echt wird“, sagt Damian Rebgetz einmal, „Ich will, dass es vollkommen bleibt.“ Man muss nicht, wie dieser Rezensent, eine längere Corona-bedingte Theaterpause eingelegt haben, um die Zeit, aus der wir vielleicht gerade herauszufinden versuchen, stets mitzudenken in diesen gut zwei Stunden. Theater als Neuanfang, als neues Leben, als Wiederfunden und doch nicht recht greifen Können der Liebe. Zu Menschen, zum Leben, zu Welt, zu sich selbst.

Das neue Leben. Where do we go from here

Bild: Joerg Brueggemann / Ostkreuz

Dabei geht Regisseur Christopher Rüping, dieser mit jeder Inszenierung neu anfangende Virtuose der Füllung weißer Blätter, ganz weit zurück. Ins 13. Jahrhundert, zu Dante und seiner angebeteten Beatrice, zu unerfüllter Liebe, zum Ungesagten und zum Verlust. Es ist ein Abend des Stammelns, des Versuchs, Worte, Gesten, Szenen zu finden für das nicht Gesagte, das womöglich Unsagbare. Wenn William Cooper seine drei Mit-Dantes wütend auffordert, der Ersehnten doch endlich die Liebe zu gestehen und es dann selbst nicht vermag, wenn Anna Drexler völlig die Fassung verliert, weil es ihr nicht gelingt auszudrücken, was der Gruß Beatrices dem Dichter bedeutet, wenn Anne Rietmeijer eine Hasstirade auf den Tod loslässt, die über  ein immer wieder wiederholtes „Ich hasse den Tod“ kaum hinauskommt, wenn Rebgetz versucht, einen Ton für seine Erzählung zu findet und zwischen Plausern und sachlichem Nachrichten-Sprech umherirrt, wenn alle vier Gesten, die Begrüßung, das verspeisen der Herzens, den nie gefundenen Kuss zu Szenen auszubauen versuchen, die in ein Narrativ münden sollen, eine Sprache für die Liebe: Dann wohnen wir dem Versuch des Theater bei sich, zu sich zu finden, seinen Raum wieder zu füllen, zu schaffen aus den Ruinen des Verlorenen.

Es sind Versuche, die scheitern, scheitern müssen, wie die unerfüllte Liebe, die sie zu erzählen nicht vermögen. Ein Scheitern, das nötig ist, um einen neuen Versuch starten zu können, scheu, tastend, ängstlich. Die vier Dante-Sucher*innen fallen sich ins Wort, unterbrechen, widersprechen, konfrontieren einander, werden wütend über ihr Versagen – und machen doch weiter. Mit Neugier, Spiellust, viel Selbstironie. Sie bestücken einen Buchstabensetzkasten, streiten, wie hormonell herausgeforderte Teenager, kichern schüchtern und rennen stets gegen die Wand der Erfüllung. Das Saallicht an, treten sie mit den Zusehenden in ein gemeinsames Experiment ein, einen Theaterversuch, einen rumpeligen Neustart. Wo die eigenen Worte versagen, die Sonette sich falsch anfühlen, werden sie einfach geklaut. Bei Whitney Houston, Meat Loaf, Britney Spears. Die hohen Dichterworte werden popkulturell verzerrt, geerdet, ins Alltägliche zurückgeholt,  in die Panik der Verliebten.

Doch die Wirklichkeit wartet nicht. Der frühe Tod der geliebten führt zum Bruch. Jetzt setzt das Theater ein: Eine Lampe fährt herunter, halb abgedeckt kreist sie über die Bühne entlang der neun konzentrischen Kreise, die diese bedecken. Licht wechselt mit Dunkelheit, Nebel wabert. Zu „Places“ von The Blaze beginnt Cooper einen Tanz. selbstvergessen und doch ganz bewusst. Der Körper spricht, wo es der Mund nicht kann. Jetzt in Dantes Höllenkreisen angelangt, zieht sich der lebendige Körper in sch selbst zurück, überwindet sie und den Tod. Plötzlich ist sie da, Beatrice, gealtert, nur zögernd das Gesicht entblößend. Viviane De Munck spielt sie sanft spöttisch, abgeklärt ironisch, desillusioniert geerdet, aber auch empathisch, mitleidsvoll, verständig.

Sie erklärt dem Dichter, dass ihr Verlust ihm die Stimme gegeben habe, dass es seine Kunst und damit sein Nachleben ohne die unerfüllte Liebe nicht gegeben hätte. Die Perfektion der Kunst braucht die Imperfektion des Lebens. Und injiziert dieses wiederum mit Hoffnung, mit Liebe, mit dem Drang weiterzumachen. Der nur dann funktioniert, wenn die Versuche scheitern. Eine riesige Spiegel- – ja was? Sonne? Blume – entfaltet sich ruckelnd, die Theatermaschinerie ächzt, die Illusion ist klar zu sehen und entfaltet doch ihre Wirkung. „Theater ist Grundnahrungsmittel“, sagte Kulturstaatsministerin Claudia Roth zur Eröffnung des Theatertreffens. Weil es erzählte, zu erzählen versucht, vom Leben, von der Lieben, von ihrer Unmöglichkeit. Es tatstet sich zurück, noch ein wenig unsicher, aber gebraucht wie nie zu vor. Ein Abend wie ein Aufatmen. Alles geht zu Ende? Heute nicht.

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