Musik für diese Welt

Musikfest Berlin 2021 – Sir Eliot Gardiner, English Baroque Soloists und Monteverdi Choir mit Kantaten von Bach und Händel

Von Sascha Krieger

Nein, keine Zugabe. Ganz am Schluss, da steht das Publikum im alles andere als vollen großen Saal der Philharmonie bereits, wird es noch einmal ganz still. John Eliot Gardner hebt die taktstocklose Hand und erneut ertönt das ergreifend schlichte, andersweltlich und doch ganz hiesig schwebende „De torrente in via bibet“, der vorletzte Satz von Georg Friedrich Händels Kantate Dixit Dominus, geschrieben vom gerade einmal 21-Jährigen während seiner Italienreise. Ein mediativer Hoffnungsgesang, schlicht, still, von fragiler Kraft. Orchester und sitzender Chor geben dem Gesang eine unsichere Hand, fast brüchig, trocken die Streicher. Ein Gebet, ein wiederholtes, am Abgrund. Es ist das perfekte Ende eines großen Abends – das muss kaum dazugesagt werden bei einem Auftritt des Briten mit den von ihm gegründeten Ensembles, die seit jeher den Olymp der historisch informierten Aufführungspraxis bilden. Der manche bis heute eine gewisse akademisch museale Kälte vorwerfen. Eine Behauptung, die jede*r zurückweisen wird, die*der jemals das große Glück hatte, einer solchen Aufführung beiwohnen zu dürfen.

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Sir John Eliot Gardiner (Bild: Sim Canetty-Clarke)

Das Gastspiel beim Musikfest 2021 vor einem nach Musik dürstenden Publikum ist keine Ausnahme. Kein Zufall ist, dass Gardiner für diese Wiederbegegnung nach langer Zeit der Stille und der Unsicherheit geistliche „Nebenwerke“ herausgesucht hat, kirchliche „Gebrauchsmusik“, fast alltägliche Konversationen mit dem ersten und dem letzten. Frühwerke sind es, drei Kantaten, zweimal Händel, einmal Johann Sebastian Bach, entstanden in ihren frühen Zwanzigern. Den Anfang macht Händels Donna, che in ciel di tanta luce splendi. Gardiner „redet“ nicht um den heißen Brei rum, er lässt sein Orchester rhythmisch und scharfkantig ins Herz der Musik eintauchen, wählt eine unmittelbare Direktheit, die keine Distanz aufkommen lässt. Jedes Detail ist scharf ausgearbeitet, der Klang hochtransparent, mal, wie in der einleitenden Sinfonia nach Registern getrennt, mal in der existenziellen Einheit, von der die Worte künden, verschmelzend. Das Spiel ist schlank, schnörkellos und gerade deshalb so intim, innig, emotional aufgeladen. Solistin Ann Hallenberg nimmt die Zurückgenommenheit auf, überzeugt mit tastender, suchender Wärme, mit nie auftrumpfender Kraft, dialogisiert und verschmilzt mit dem Orchester.Eine Suche ist dieses Werk, nach der Einheit mit Gott, der Welt, dem menschsein. Mal meditativ, mal dramatisch findet Gardiner stets den richtigen Ton, reduziert oder schärft, lässt auf kantige, rhythmische Arien meditative Rezitative folgen, setzt gezielte subtile Kontraste, bevor am Schluss der Chor aus dem Dialog in die Gemeinschaft mit Solistin und Orchester findet. Eine Reise für Künstler*innen und Publikum.

Bodenständiger, protestantisch geerdeter dann Bachs Christ lag in Todes Banden. Gardiner legt den narrativen Bogen frei – vom getragenen, lebensschweren Einstieg mit den gesättigten Streichern über kontrastreiche, affirmativ dramatische Mittelteile bis hin zu einer fast spielerisch freidigen Lebendigkeit, die in die dann doch etwas fremdkörperatige Massigkeit des finalen Chorals mündet, ein kleiner atmosphärischer Bruch, der vielleicht auch der Jugend des Komponisten geschuldet ist. Faszinierend nicht zuletzt der einlende, kontrastreiche Dialog des fünftesn Satzes, eine Lebenssinnsuche en miniatur, ohne Pathos, ehrlich, geerdet, unmittelbar.Beinahe hüpfend, schelmisch das Hallelujah des zweiten Satzes – lebensbejahrender, hiesiger, alltäglicher im allerbesten Sinn hat man Bach eohl kaum jemals gehört. Musik von dieser und für diese Welt.

Das gilt auch für das abschließende Dixit Dominus. Kraftvoll, scharf, treibend, hineineilend in diese Welt die Einleitung, konzetriert, verdichtet die anschließenden Soli-Sätze, fast schrill das scharfkantige Ringen des vierten Satzes. Gardiner feilt die Ecken und Kanten, die scharfen Grate nicht ab. An dieser Musik kann man sich schneiden, Wunden sind in dieser Sinnsuche inklusive. Umso wacher klingt das, um so stärker fasst es an. Der Monteverdi Choir erweist sie wie stets als ungemein wandelbar, er klagt still, affirmiert scharf, strahlt in den hohen Registern, rhythmisiert und fragmentiert, um dann wieder vollklingend zu fließen. Ausdrucks- und Farbwechsel auf engstem Raum, Weltendurchschreitung im Minutentakt. Nach dem stillen Gebet dann der Schlusssatz, bei Gardiner ein beinahe unübersichtliches Wimmelbild. Hier strebt alles ins Weite, stiebt auseinander, ein babylonisches Stimmengewirr nach der Einkehr. Ein Bekenntnis zum Leben nach erfolgter Einkehr. Der die Besinnung, das Innehalten folgt. Musik nicht nur für diese Welt, sondern auch und gerade für diese Zeit.

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