„An Independent Creature“

Theatertreffen 2021 – SCORES THAT SHAPED OUR FRIENDSHIP. Ein Projekt von und mit Lucy Wilke und Paweł Duduś mit Musik von Kim Twiddle, schwere reiter, München – Aufzeichnung (Regie: Lucy Wilke und Paweł Duduś)

Von Sascha Krieger

Der Körper ist das Privateste, das wir haben – aber er ist und war stets auch politisch. Gesellschaftliche Normierungen wie Repressionen hatten immer auch und gerade den menschlichen Körper zum Ziel. Er ist Objekt von Unterdrückung, Mittel gesellschaftlichwer Gestaltung und Subjekt von Emanzipation. Befreiungsbewegungen haben fast immer auch mit seiner Sichtbarmachung zu tun. Voller Zuschreibungen ist der menschliche Körper, die stets auch gesellschaftliche Machtinstrumente sind. Darum und ihn aus diesen zu befreien, geht es in dieser kurzen intensiven Arbeit von Lucy Wilke und Paweł Duduś. Sie ist mit spinaler Muskelatrophie geboren, ihr Körper von der Gellschaft meist als „behindert“ gelesen. Er ist Tänzer, Körperarbeiter, queer und sich als solches auch markierend. Zwei, die aus der Norm fallen oder sich dieser verweigern.

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Bild: Martina Marini-Misterioso

Da muss man schon bei Null beginnen. Zunächst sitzen sie inmitten des Matratzen- und Kuscheldecken-Bühnenbilds von Theresa Scheitzenhammer und Alexander Wilke, die Haare fallen in die Gesichter und man probiert die eigenen Körper aus, bewegt Kopf oder Hände und tastet dann langsam, vorsichtig nach der*dem anderen. „Sometimes a part of me is less present than the rest“, beschreibt Wilke ihr Körpergefühl. Also emanzipieren beide ihre Körper und das geht am besten zusammen. Er bewegt sie, im Wortsinn, wo sie es nicht kann, die Körper werden eins, ein gemeinsamerer, kompletterer, stärkerer. „Our body becomes an independent creature“, sagt Duduś.

„Touch is a language that we both speak very well“: Hier wird Körper wirklich zur Sprache, sie kommunizieren miteinander, werden zu ihrer eigenen Realität. Sie (unter)stützen, bewegen einander, geben sich Energie. Gemeinsam atmen sie sich hinein in einen Techno-inspirierten Rausch (Musik: Kim Ramona Ranalter). Er zieht sie an, berührt sie, küsst sie, die Körperkommunikation wird zum Zeitmaß, zur eigenen Realität. Ctharina Klebers Bildregie für den Stream wird zur kongenialen Partnerin: Sie hält drauf, umtanzt, schaut von oben herab – ein Spiel der Perspektiven, der immer neuen Blickwinkel auf Körperlichkeit. Die auch der Abend selbst bringt. In einer Choroegrafie sexueller Attraktion umschliecht der Raubtierkörper des Mannes sein Opfer, doch die Vernihtung bleibt aus. Duduś erzählt von seiner eigenen Schwierigkeit, mit dem Körper klarzukommen, den Blicken, nicht immer willkommen, die er anzieht. Wilke berichtet von Tinder, von dem immer wiederkehrenden Satzfragment: „You have a pretty face but…“ Ein Holzhammer, des Ausschlusses, ein gesellschaftliches Todesurteil.

Doch in diesem einstündigen Abend auch ein Anfang, ein Startpunkt. Mit Farben verzerrt Duduś Wilkes Gesicht zur Fratze, Schönheitsideale negierend, ein individueller Akt der Selbstbehauptung wie der Solidarität. Freundschaft, auch darum geht es, ist eben auch dieses gemeinsame Füreinander- und gegen den feindseligen Blick der Welt -Eintreten. Mann-Frau, Opfer-Täter, schön-hässlich: Körperpolitik ist bmeist binär, einem gut steht ein schlecht gegenüber, Grundprinzip jeglicher Machtpolitik. Wilke und  brechen das auf, indem sie ihre zwei Körper eben nicht als Gegensätze begreifen, sondern als Gemeinsames, als Kompliz*innen. Zwei ist hier eben nicht eins gegen eins. Duduś hilft Wilke in den Rollsthl, dafür zieht und trägt sie ihn. Die Bewegung ist eine, sie bedingt beide Körper, macht sie zu einer neuen Entität. Solidarität wird zu gemeinsamem Handeln, Leben, das einander Benötigen offenbart sich im Tanz einer Bewegung, die beide braucht.

Was den Abend zu einer neuen Utopie führt. Befreit von Zuschreibungen und erwartungshaltungen, emanzipiert von Normen beginnen die Körper, beginnt der Körper zu träumen. Mit geschlossenen Augen lassen Wilke und Duduś ihn imaginierte Handlungen vollbringen, entlassen sie ihn in die Freiheit der Vorstellung. Sie kann aufstehen und zieht ihn hoch. Gemeinsam können sie über Häuser springen. Ein schönes Bild, ein poetischer Schlusspunkt eines ebensolchen Abends. Still, zart und erfüllt von der unbändigen Kraft der Freundschaft.

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