Im Puzzle fehlen Teile

Theatertreffen 2021 – Rainald Goetz: Reich des Todes, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg – Livestream (Regie: Karin Beier)

Von Sascha Krieger

Ein Abend wie Karin Beiers Uraufführung von Rainald Goetz‘ erstem Theaterstück seit mehr als 20 Jahren ist eine ziemlich brutale Erinnerung daran, dass das diesjährige digitale Format des Theatertreffens nur ein Provisorium ist und sein kann. So stark das Onlinetheater zugelegt und so gut sich manche ursprünglich analoge Inszenierung in den digitalen Raum transportieren lässt: Es gibt Formen theatraler Ästhetik, welche die Kopräsenz von Ausführenden und Publikum brauchen, denen räumliche Distanz und Zweidimensionalität nicht gut tun und die zu anstrengenden Ausdauerproben werden, wo sie sich im realen Theaterraum wohl um Längen besser aushalten ließen. Beiers Inszenierung ist ein Beispiel par excellence: im gar nicht nur negativen Sinne kraftmeierisch, multilevel, überfordernd, eine Wiederauferstellung des zuletzt weniger dominanten Verausgabungs- und Brülltheaters, das hier auf wortlastige Sprachflut trifft – eine Verbindung, die sich nur im Verabredungsraum einer verschworenen Theatersaal-Zwangsgemeinschaft wirklich gut ertragen lässt. Und so kann diese Rezension diesem Abend nicht genüge tun, bleibt er ein Fremdkörper in diesem hoffentlich letzten rein digitalen Theatertreffen-Jahr.

Bild: Arno Declair

Goetz‘ Stück und Beiers Inszenierung sind ohnehin unmöglich. Nichts weniger als westliche Zivilisation, Demokratie, Recht und die menschlische Fähigkeit zum Bösen verhandelt er in gut vier Stunden. Unter „Alles“ macht es dieses Theater nicht. Natürlich muss das scheitern, die Frage ist nur wie. Und die Antwort ein unbefriedigendes „Unterschiedlich“. Die Handlung, so von ihr zu sprechen ist, setzt am 11. September 2001 ein und pflügt sich rücksichtslos durch die Folgen: den „Krieg gegen des Terror“, die Aufgabe „westlicher“, ja eigentlich mal universeller, Werte in Abu Ghraib und anderswo, die Erosion demokratischer Prinzipien, die Selbstgenügsamkeit von Macht. Das ist sprachlich wie stets bei Goetz fragmentarisch bis artifiziell, durchaus mal selbstverliebt, unwillig, es den Zuschauenden allzu leicht zu machen und zugleich inhaltlich doch ein wenig unterkomplex. Auch wenn Goetz – und Beier nimmt das auf – den Figuren deutsche Namen gibt und so manchen Querbezug zum Aufkommen des Nationalsozialismus herstellt, ist Amerika auch ikonografisch klar erkennbar als Referenz- und resonanzraum, was vor allem vor der Pause doch zu machem distanzierenden Moment führt. Und vielleicht zur gefährlichsten aller Fragen: Was genau geht uns das eigentlich an?

Dabei ist das schon harter Tobak, stellen Autor und Regisseurin doch vor allem die Folterexzesse und ihre Rechtfertigungsversuche in den Mittelpunkt. Doch verpufft zwischen Originalbildern, allzu lustvollen Choreografien und nicht immer ganz subtiler Politsatire (vor allem Sebastian Blomberg und Holger Stockhaus, Castorf- und Farce-geschult, brillieren nicht selten weit jenseits jeglichen narrativen Gleichgewichts) so manche Wirkungen in einem zirzensischen Schockspektakel gegenseitigen Schulterklopfens von Bühne und Publikum, schließlich steht man ja auf der gleichen, selbstverständlich richtigen Seite.

Die Pause nach zwei Stunden ist denn auch notwendige Zensur. Danach wird es düsterer, albtraumhafter. Der satirisch überzogene Pseudorealismus des ersten Teils verfängt nicht mehr, die Figurenfragmente, plötzlich gefangen im Rechtfertigungsdruck eines fiktiven Gerichtsprozesses, suchen eine verlorene Mitte, ihr Machtfundament, dass der einzige Antrieb war. Opfer und Täter sind kaum noch auseinanderzuhalten, die groteske Clownsnummer zum Wiederbeginn inmitten der TV-Gucker-Gesellschaft, die sich von den Folterbildern berieseln lässt, ist ein Bruch, ein Urknall, nach dem alles zerfällt, ziellos im kalten Universum des angedeuteten Bunker- und war-Room-Bühnenbilds (Johannes Schütz) umherdriftet, ohne Wertebasis, ohne Fundament, ohne Verbindung. Mosaikartig fügen sich die still-entsetzlichen Opferberichte, die kläglichen bis zynisch menschenverachtenden Rechtfertigungstiraden, die Verzweiflung, Ratlosigkeit, Angst, Panik, Brutalität, Selbstmitleid und kalte Verachtung eben nicht zu einem einheitlichen Bild. Im Puzzle fehlen Teile, die auch Markus John als zunehmend apnisch strampelnder Richter auf dem Laufband nicht einzufügn in der Lage ist.

Was zur Schlusspassage führt: Für diese sind die Darsteller*innen samt Musiker*innen wie in einem Orchester versammelt. Jörg Gollasch hat für sie den Text als eine Art zeitgenössische Sprechoper arrangiert, chorisch, rhythmisch, eine nicht enden wollende Flut theoretischer wie praktischer, reflexionen, dekonstruktionen und Umkreisungen, die zum Kern dessen durchzudringen suchen, um das es hier ging: die Wurzel des „Bösen“ in der Welt, im Menschen, in der von ihm (absichtlich nicht gegendert) errichteten Gesellschaft. Es ist eine textlich-sprachlich-rhythmische Überforderungskaskade, in der zumindest bei diesem zum besagten Zeitpunkt bereits reichlich erschöpften Rezensenten nicht allzuviell hängen geblieben ist. Es ist ein musikalisch-sprachlicher Erkundungs- und Experimentierraum, der nach der Erforschbarkeit, der Auffindbarkeit der Gründe für „böse“ Handlungen im Individuellen wie im kollektiv-Gesellschaftlichen fragt. Der sich hinein wagt in den „Tempel der Vernichtung“ mit seinen drei Toren der Gewalt, der Politik und des Rechts. Der sich ins „abstrakte Abenteuer des Verstehens“ stürzt und die These wagt, jenes müsse vom Täter ausgehen“, wenn es mehr sein solle als bloßes Mitfühlen.

Doch sind die wenigen Antwortfragmente doch eben nur Thesen, die zu testen wären, Ausdrücke der Schlucht zwischen Wunsch nach und Unfähigkeit zum Verstehen. Und urplötzlich kommt der Abend – auch zweidimensional – denn doch recht nah, schraubt sich in Hirn und Herz der*des Zusehenden, weil er ihre*seine Ratlosigkeit teil, das verzweifelte Nichtverstehenkönnen, gepaart mit der angst vor der eigenen Fähigkeit zum Bösen, die viele ob solcher Geschehnisse umtreibt. Da macht sich diese Inszenierung – nach vielen Momenten einfacher und recht plakativer, nicht immer unparteiisch objektiver Lösungen insbesondere vor der Pause ehrlich. Sie weiß, dass sie nichts weiß. Aber sie will wissen. Und mehr braucht es manchmal nicht.

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