„Ich bin das nicht“

Theatertreffen 2021 – Nach Euripides: Medea*, Schauspielhaus Zürich – Livestream (Regie: Leonie Böhm)

Von Sascha Krieger

Die Rächerin und Kindermörderin, die Migrantin und die Verstoßene, die Heimatlose und das Opfer des Patriarchats: Die Liste der Etikette, die der von Euripides verewigten Medea aufgeklebt wurden, ließe sich schier endlos fortsetzen. Die Geschichte der „Barbarin“, die dem Geliebten in ein fernes Land folgt, nur um dort für die Königstochter verlassen zu werden, und aus Rache ihre Kinder ermordet, ist eine jener mythischen, vielfach neuinterpretierten Frauenfiguren, in denen jede neue Zeit Anknüpfungspunkte zu finden scheint. In letzter Zeit kam so manche feministische Lesart hinzu, die sich jedoch meist mit dem Kulminationspunkt der Handlung, dem Kindermord,  schwertat, die sich denn doch nur schwer als emanzipatorische Handlung deuten lässt. Leonie Böhm löst das Problem in ihrer Zürcher Überschreibung damit, dass sie die schreckliche Tat nurmehr als Möglichkeit gelten lässt, als Zitat, als Zuschreibung der Rolle, die diese Figur zu spielen hat. Und genau um die geht es Böhm und ihrer Darstellerin Maja Beckmann: um das Herantasten an, das Umkreisen dieser nahen und fremden Frau. So wie im Theatertreffen-Livestream die einzelne Handkamera Beckmann umkreist, zurückweicht, wieder näher kommt, nie still steht, gilt das auch für de Auseinandersetzung mit der Rolle im doppelten Sinn – dem Part der Medea, wie der ihr als Stereotyp zugewiesenen Verhaltensmuster.

Bild: Gina Folly

An der Seite hat sie statt Jason Johannes (Rieder), Musiker und Sparringspartner, Jason-Rollenspieler und auch schon mal Prophet, patriarchaler Vorbeter der Verhaltens- und Gefühlsmuster, in die sich die Frau namens Meda gefälligst einzupassen habe. Spielerisch nähern sich beide diesen zunächst an, die Bühne von Zahava Rodrigo eine überdimensionale Bettlakenhöhle, ein riesigen Kinderzimmerrefugium, das doch keinen Schutz bietett, kein Versteck, das die Frau dem fremden, dem unsichtbaren, dem männlichen Blick immer wieder erbarmungslos ausliefert. Wiederholt befragt Beckmann diesen, angsterfüllt. Ist da jemand, der zuschaut? Wer? Und was wollen die? Die Zuschauenden, anonym im virtuellen Corona-Raum, stehen stellvertretend für die Zuschreibenden, die Rollen Vergebenden, die Gesellschaft, die sich längst ein Bild gemacht, diese Frau als Monster definiert hat. Können wir die Wahrheit sehen? Sind wir dazu bereit? Und woher soll die Medea Spielende das wissen?

„Ich will, soll, werde die Kinder töten“, sagt sie halb herumalbernd, und wird schnell ernst. Denn di Zuschreibung lässt sich nicht so einfach abschütteln, sie hat sich ins kollektive Bewusstsein gebrannt, ist Erwartungshaltung, die gefälligst zu erfüllen ist. Die Frau als emotionales Monster, als Nichtzurechnungsfähige, so mag es das Patriarchat. „Ich bin das nicht“, fleht sie verzweifelt und umsonst. „Warum sollte ich das tun?“, fragt sie und versichert, sie hätte keine bösen Pläne. Doch das ist egal, ihre Intention interessiert nicht, die Entscheidungen treffen andere. Beckmann testet die Emotionen: die Trauer, den Schmerz, die Wut, die Vwrzweiflung. Sie gräbt sich hinein, bricht ab, versucht es erneut, widersetzt sich. Sie ringt mit den Erwartungen, gibt sich ihnen hin und stößt sie ab. Auf heilig ernste Euripides-Sentenzen folgt verspieltes Geplänkel mit Rieder, doch je mehr sie sich wehrt, desto weniger kann sie der Rolle entfliehen.

Also wendet sie sich ihr zu, frontal, wie der Stier, dessen riesehaften Kopf sie gegen Ende trägt, nimmt sie an, entspinnt ein wahnwitziges Spektakel einer mythischen Familientragödie, die sich zu Platons Bild vom Kugelmenschen und der fehlenden Hälfte hinaufschraubt, nur um gleich in der sehr hiesigen illusion einer alltäglichen Liebe, zelebriert mit einem herzergreifenden Corona-Masken-Kuss, auf dem Boden zu landen. Doch da darf sie nicht bleiben, das Monster, die zu Verstoßende, die außen bleiben Müssende. Sie, die nur Mitspielen darf, wenn der männliche Spielleiter es erlaubt. Und nur das, was er vorsieht. Die gefühle, die Beckmann spielt, bleiben Hülle, fremdes Material, und gleichzeitig korrespondieren sie mit weiblichen Kollektiverfahrungen der Fremdbestimmung, der Rollenvorgabe, der Ohnmacht.

Die Wut, der Schmerz, sie sind Medeas, aber sie sich auch die derer, die Medea zu sein haben und hatten, die ihre Rolle zu spielen gezwungen sind. Und sie sind vererbte, kollektive Wut und Schmerz der in Rollenmustern gepressten Frau. Sie sind Spiel und Gespieltes, fake und echt, die Wahrheit in ihren Zwischenräumen verbergend. Um den geht es diesem Abend, den Freiheitsraum zwischen, den Möglichkeitsraum jenseits der vorgefertigten Muster und Bilder. Einen Ort, den Beckmanns Meda-Spielerin nicht erreicht. Weil die Rollenbilder zu stark sind oder weil der Abend sich irgendwann ein wenig zu selbstverliebt um sich dreht, die Annäherungs- und Abstoßungsschleifen von Spiel und Gespieltem, von Text und Improvisation, von Hineinfühlen und distanziert Draufschauen, Annehmen und ablehnen so sehr auskostet und in ihnen Extrarunden dreht, dass ihm Richtung und Puste ausgehen.

Er gönnt sich ein wahnwitziges Crescendo und eine bildmächtige Schlusspassage, die nicht enden will und am Schluss in ihrer Rätselhaftigkeit vollends hermetisch erscheint. Ist der finale Ausbruch, zu dem natürlich der Mann antreibt, ein Akzeptieren, ein Verinnerlichen der Rollenvorgabe, eine Übernahme der Kontrolle über selbige, ein in die Hand Nehmen der Marionettefäden – oder ihre Ablehung, das Verlassen der Medea-Hülle in einem gewalttätigen Akt der Rebelion? Die Ratlosigkeit, die das Publikum befällt, bemächtigt sich letztlich auch der Inszenierung, die keinen Zielpunkt findet, die noch ein Bild versucht und noch eines, bis diese gänzlich entleert wirken, bloße Effekte nicht beantwortbarer Fragen. Wie sich Medea ihrem Schicksal nicht zu entziehen vermag, ergeht es auch diesem Abend. Er umkreist das patriarchale Rollenspiel, ohne recht zu wissen, wie ihm zu begegnen wäre. Die Bilder sind zu stark, um sich ihnen zu entziehen – und um sie selbstbestimmt anzunehmen, fehlt dem Abend letztlich die Kraft. „Ich bin das nicht“, sagt er. Aber was dann? Die Antwort bleibt er schuldig.

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