Im Zentrum

Alexander Eisenach nach Sophokles: Anthropos, Tyrann (Ödipus), Volksbühne Berlin – Livestream-Premiere (Regie: Alexander Eisenach)

Von Sascha Krieger

„Mittendrin statt nur dabei“: Mit diesem Werbeslogan eines ehemaligen deutschen Sportsenders ließe sich auch die Grundidee dieses Abends beschreiben: Weil das Publikum ja derzeit nicht persönlich im Theater sein kann, stellt Alexander Eisenach es kurzerhand in den Mittelpunkt. Zentriert auf der Bühne befindet sich eine 360-Grad-Kamera, die Augen und Ohren des Zuschauers darstellt, durch die er mittendrin ist im Bühnengeschehen, sich seine Perspektive durch Tastenbetätigung an Keyboard oder Fernbedienung frei wählen kann. Soo ist man mehr „mittendrin“ als säße man im Zuschauerraum, auch wenn man physisch abwesend bleibt. Doch dieser Blickwinkel ist mehr als nur ein Versuch, die Zusehenden zu involvieren oder ihnen gar ihre zentrale Rolle zuzuerkennen. Er ist auch Kern der narrativen Intention Eisenachs, der sich längst einen Namen als recht aufgeregter Verhandler zeitgenössischer Brennpunktthemen und Krisen gemacht hat. Das Kameraauge ist Ödipus, der sich schuldlos unwissen – oder auch nicht – schuldig gemacht hat. Und er ist Anthropos, der Mensch, die Menschheit, also auch wir die Zusehenden, die Schuldigen am Zustand unserer Welt, an Klimakrise, Demokratiedämmerung, Pandemie.

Bild: Thomas Aurin

Denn ist unsere Welt nicht auch eine Tragödie? Sind wir nicht auch tragische Figuren, vom vermeintlichen Schicksal Getriebene, doch in Wirklichkeit Schöpfer*innen des eigenen Unglücks? Gemeinsam mit Meeresbiologin Prof. Antje Boetius und Frank M. Raddatz vom Theater des Anthropozän der Humboldt-Universität, das sich der theatralen Vermittlung von Wissenschaft verschrieben hat, verschränkt Eisenach die antike Tragödie vom Unheilsbringer Ödipus mit der Klimakrise, verlegt diese nach Theben, stellt zuletzt gar Antigone als Fridays-for-Future-inspirierte Mahnerin dem Weiter-So-Pragmatiker Kreon gegenüber. Und mittendrin wir, die stumm Blickenden, passiven Zulassenden die in ihrer Untätigkeit, ihrer Schicksalsergebenheit und Fortschrittsgläubigkeit zumindest Mitschuldigen. Wir, die wir es uns gemütlich gemacht haben in einer Welt, als deren Zentrum sich der Mensch etabliert hat, die er nur zu rezipieren im Stande ist als Funktion seiner Bedürfnisse. „Wir sehen ja immer nur uns selbst“, offenbart Tiresias dem Erlösung suchenden Mob. „Das einzige, was wir nicht erkannten, waren die Dinge“, heißt es später. Die Dinge, die Natur, die nicht beherrschbaren, die nur in ihrer Nützlichkeit wahrgenommenen.

Die jetzt zurückschlagen und uns vor Augen führen, was wir nicht sehen, nicht sehen können, nicht sehen wollen. Es geht nicht mehr um kleine Anpassungen, um beherrschbare Opfer, wird Boetius selbst später referieren. Wir müssen unseren Blick ändern, das Individuum aufheben zugunsten einer Gemeinsamkeit mit dem, was um uns ist, wovon wir ein Teil sind. Ein Ende des Anthropozäns ist gefragt, der Dominanz des Menschen, wie es schon eine Woche zuvor Claudia Bauer mit Ovid an gleicher Stelle imaginiert hatte. Das klingt zuweilen fast esoterisch, ist aber letztlich nur Teil eines langen, mitunter durchaus ermüdende Gedanken- und Assoziationsstroms, der sich durch Antike und Gegenwart pflügt auf der Suche nach einer Antwort an den selbstgebastelten Untergang, in dessen werden wir mittendrin stecken. Unübersichtlich ist das Feld, wie die Bühne (Bühnenbild: Daniel Wollenzin) zwischen plastikbanalem Säulengang und bonbonbunten Ölförderturm, auf der sich die Zusehenden ihren Blick, ihren Weg, ihren Verständnisraum bahnen müssen. Gemeinsam mit dem hochpräzisen und hypernervösen – dem Volksbühnenton Castorfscher Schule geht es blendend – Ensemble stolpern wir voran verheddern uns in Betrachtungen über Wert und Risiko der Hoffnung, über Schulddebatten und die Gefahr des Voraus-, Zurück- und in uns Blickens. Denn die Frage bleibt, was wir sehen, wenn wir sehen und ob wir nicht das Brett vor den eigenen Köpfen sind.

Irgendwann tritt zu den güldenen Gottes- und papiernen Stiermasken eine riesenhafte menschliche, wie in einer Prozession hereingetragen, das Antlitz des geblendeten Ödipus. Wie in einer Art Corona-Test wird ihr ein Wattestäbchen appliziert, doch das Testergebnis bleibt disputiert.“Die Tragödie hat einen feinen Sinn fürs Gleichgewicht“, sagt Boetius, und nach dem gräbt die Inszenierung wie das Wattestäbchen in der Maskennase. Dass sie dabei auf mehr Fragen als antworten stößt, liegt in der Natur der Sache, dass sie sich zuweilen diskursiv verrennt und gern in Weiederholungen verliert ebenso. Doch die fiebrige Dringlichkeit, die die Spieler*innen wie die Professorin antreibt, sie immer wieder die Seiten wechseln, zwischen Klarsicht und Verleugnung, Schuldzuweisung und Verantwortungsannahme, Aggression und Hoffnung hin und her zucken lässt, schafft eine Athmospäre des panisch Apokalyptischen, des verzweifelt Suchende, die sich auf den passiven Zuguckenden in ihrer Mitte überträgt. Wie das Auge des Orkans bleibt diese Mitte stumm, untätig, passiv und ist doch der Quell, die Ursache all der Zerstörung um sie herum.

Einen anderen Sturm will dieser Abend entfesselt sehen, einen reinigenden, einen die Fehler einer Menschheit, die sich selbst als den Nabel von allem, als den einzigen Bezugspunkt von Bedeutung sieht, hinwegfegenden. Einen, der den Blick umkehrt, der Bedeutung in den Dingen verankert, in der Natur und nicht mehr als bloße Projektion des Menschen. Das tut er spielerisch, zitierend, in grotesker Verzerrung (vermutet) antiker Bild- und Spiel- und Sprachtraditionen, in ihrer Verwirbelung mit modernem wissenschaftlichem Diskurs, in einer zwischen museal und karikierend schwankenden Bild- und Spielsprache, die Verbindungen sucht, verwirft, knüpft, die herumirrt und mitunter in der Lage ist, das Licht anzuknipsen. Am Ende nähern sich die Gestalten von allen Seiten dem Kameraauge, das ihnen nun nicht mehr entkommen kann, egal wohin wir es drehen. Unser Blick wird zurückgespiegelt, seine Autonomie, auf der der Abend eigentlich basiert, aufgehoben.  Sie trauern um das Verlorene, eine Trauer, die „Resilient gegen eine Fortschrittsgläubigkeit“ macht. Und sie kommen auf uns zu. „Hallo?“, fragen sie, „hallo?“ Dann wird es dunkel und die Frage steht im Raum. nein, keine Frage, eine Aufforderung, eine Herausforderung, ein Appell. Weiter so? Es ist an uns, nur an uns, uns im Zentrum, das nicht mehr ein solches sein darf. Kriegen wir das hin?

Ein Gedanke zu „Im Zentrum

  1. Schlatz sagt:

    Schön, wieder eine aktuelle Kritik von Ihnen zu lesen.

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