Im (Un)Möglichkeitsraum

Nach Ovid & Kompliz*innen: Metamorphosen [overcoming mankind], Volksbühne Berlin – Digital-Premiere (Regie: Claudia Bauer)

Von Sascha Krieger

Wie macht man im Lockdown Theater? Für wen? Und mit welcher Form der Rezeption im Blick? Fragen, die sich seit zehn Monaten immer und immer wieder stellen, ein ständiger Slalom zwischen künstlerischer Entscheidung, pragmatischem Kompromiss und dem Prinzip Hoffnung. Setzt man auf rein digitale Formen? Inszeniert man für das Publikum, das irgendwann hoffentlich wieder da sein wird? Oder sucht man hybride Formen, wie Sebastian Hartmann, der am DT seinen Zauberberg als Digitalpremiere zwar auf die – leere – Bühne brachte, aber mittels Live-Videoperformance in mehr als einen Theater-Stream transformierte. Claudia Bauer entscheidet sich bei ihrer Ovid-Adaption für Option 2. Ihre „Digital-Premiere“ ist wenig mehr als eine abgefilmte Aufzeichnung (anders als bei Hartmann findet sie nicht live statt). Ist das überhaupt Theater? Basiert dieses nicht im Kern auf der Ko-Präsenz von Performance und Zuschauenden – wenn schon nicht räumlich, dann zumindest zeitlich? Es ist vielleicht die Hoffnung auf Theater, seine Ankündigung, sein Teaser. Ein Abend geschaffen für ein anwesendes Publikum, was man so mancher Pointe, so manchem Moment, der für die Reaktion einen Live-Publikums konzipiert ist, anmerkt. Da ist eine Leerstelle, die aber nicht zum Thema wird, die ignoriert bleibt in diesem Theater-Trailer.

Bild: Julian Röder

Doch taugt die Ankündigung wenigstens was, macht sie Lust auf das Theatererlebnis, das sie einmal werden will? Überweite Strecken durchaus. „Ich versteh‘ das nicht mit dieser Handlung“, zetert Katja Gaudard zu Beginn in die Handkamera. Die Schöpfungsgeschihcte soll sie erzählen und tut dies haslb hingemobbt und vollends widerwillig. Gott ist eine probenden Schauspielerin, die Schöpfung ein vorgefertigter, halbverstandener Text. Hier wird erzählt und gespielt. Ersteres geschieht auf der Hinterbühne, übertragen per Videowand, letzteres in Andreas Auerbachs aus zahllosen Holztüren bestehendem Bühnenbild, eine Art gefängnishaftes Büro-Absurdistan. In dem zunächst die Misogynie der antiken Mythen ausgestellt wird, jener europäischen Urerzählungen, die auch diese hier praktizierte Kunstform bis heute prägen, ja, wo sie ihren Anfang nahm. Während auf der Bühne zu barocken Klängen pantomimische Übergriffsszenarien dargestellt werden, meist in einer Art stilisiertem Bürosetting, berichten die wechselnden Erzähler*innen von Apollon und Daphne, Syrinx und Pan oder Tereus, der die Schwester seiner Frau vergewaltigt und verstümmelt. MeToo als Kontinuität von der Antike bis ins durchkapitalisierte Heute.

Womit wir im Kapitalozän wären, dem „Zeitalter der seltenen Erden“, wie es einmal heißt, kein Goldenes, aber ein nicht minder unterdrückerisches und gewalttätiges. Nur dass jetzt Frauen nicht verstümmelt oder verzaubert, sondern „lediglich“ negiert, unsichtbar gemacht, in Rollenmuster gepresst, männlich geschriebenen Macht- und anderen Gesetzen unterworfen werden. Das Zeitalter des Menschen ist ein einziger düsterer Slapstick der immer gleichen Repressionsmechanismen. Da werden die antiken Figuren so austauschbar wie die maskierten Reisverschluss-Ballett aufführenden oder sich im Übergriffs-Pas-de-deux verlierenden gesichtslosen Rollen-Automaten des Spätkapitalismus. Eine türenklappende Dauerschleife der ewig gleichen Patriarchats-Routine, längst erstarrt in gähnender Langeweile, aber nicht weniger tödlich.

Und plötzlich, wir sind bei Helena, steigt die Temperatur, wird der Tonfall fiebriger, bricht sich die Empörung Bahn. „Warum erzählt man nicht mal die eigentliche Geschichte?“, fordert sie. Statt die Frau zu beschuldigen, könne man stattdessen den Trojanischen auch als einen modernen Krieg um Ressourcen begreifen. Hier bricht der Abend allmählich aus dem bisherigen etwas wiederholungsverliebten Korsett aus, zerfällt die säuberliche Trennung von Narration und Spiel, wird die Bühne zu, Spiel-, zum Schlachtfeld im Endkampf des Anthroprozäns, dessen Überwindung ja schon Ovid erhoffte, doch schuldig blieb. Da bricht die Wirklichkeit ein, allerlei Fremdtext macht aus der Geschichte der fatalen Hybris des Apollon-Sohns Phaeton ein Gleichnis auf die die Erde ebenso verbrennenden Klimakrise, überführt den Sündenfall des Minotaurus, dem die Jünglinge und Jungfrauen Athens geopfert werden, ihn eine Covid-Schwurbler-Verschwörungserzählung nach QAnon-Vorbild und erhebt die – nicht zufällig weiblich gelesene – Medusa zur Verkörperung von Donna Haraways Theorie des tentakulären Denkens, ein tentakuläres Zeitalter imaginieren, in dem die Trennung als Urgrund von Krieg und Gewalt ersetzt ist durch Verbindung, durch Gemeinsamkeit, ein postkapitalistisches, vielleicht gar posthumanes Traumbild.

Hier hängt bald alles mit allem zusammen. Sexismus, Klimakrise, Alternative Facts, Kapitalismus, Covid-19. Die Krise als Symptom der Trennung, als Dauerzustand eines den Statius Quo aufrecht erhaltenden Machtgefälles – sie entlädt sich einem Crescendo, in dem der Ton fiebriger, das Tempo hektischer, das Licht irritierender, die Musik kakophonischer wird. Die Postapokalypse ist unsere Zeit, Ergebnis all der Ehernen, Silbernen, Goldenen Zeitalter, von denen Ovid und Bauer und Haraway und all die anderen erzählen. Und sie ist Ausgangspunkt für die Möglichkeit einer Überwindung. „Das Erschaffen ist Illusion“ heißt es gegen Ende, den Beginn kommentierend, jene theatrale Gottesparodie, die all das folgende als spielerische Reflexion entlarvt.

Am Ende ist die Wand gefallen, das riesige Bühnenrund zu befüllen, sind wir im Theater. Der Volksbühne, um genau zu sein. Mehrfach wird ihre jüngere Geschichte zitiert: Susanne Kennedy Maskenmenschen, der Castorf-Ton, die Musiktheater-Hybride von Marton oder Marthaler, die Türen-Kulisse zitiert ein Bert-Neumann-Bühnenbild für René Pollesch. Am Schluss werden riesenhafte Konterfeis der letzten und künftigen Intendanten umtanzt – Castorf, Dercon, Dörr und Pollesch im Stil griechischer Gottheiten. Auch sie nur Fake-Schöpfer, Illusions-Macher, Welterschafferspieler. Ein konfuses Ende, ein allzu wohlfeiles womöglich auch. Aber auch eines, das passt. Zu diesem eklektisch zusammengestückelten Abend voll loser Enden, sich öffnender Denkräume, wild wuchernder Assoziationsströme, tentakelartiger Verbindungsversuche. Ein Möglichkeitsraum, der gerade unmöglich scheint. Theater eben, Volksbühne. Oder wie in diesem Fall: ein Versprechen davon, eine Hoffnung.

Ein Gedanke zu „Im (Un)Möglichkeitsraum

  1. […] Ein Ende des Anthropozäns ist gefragt, der Dominanz des Menschen, wie es schon eine Woche zuvor Claudia Bauer mit Ovid an gleicher Stelle imaginiert hatte. Das klingt zuweilen fast esoterisch, ist aber letztlich nur Teil eines langen, […]

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