Variationen der Ratlosigkeit

Die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko spielen Werke von Norman, Strauss, Schostakowitsch und Cage

Von Sascha Krieger

„Ohne Kunst und Kultur ist es still“: Dieser Satz wurde in den vergangenen Tagen vielfach zitiert, seit Bund und Länder ein erneutes flächendeckendes Verbot von Kulturveranstaltungen im November beschlossen haben. Am Ende des vorerst letzten Konzerts der Berliner Philharmoniker machen das Orchester und ihr Chefdirigent Kirill Petrenko diese Stille hörbar. Petrenko gibt den Einsatz vor, verharrt in dieser Pose und kein Ton ist zu hören. Nach einiger Zeit sinken die Arme, die Musiker*innen rücken sich auf den Stühlen zurecht und das Schauspiel wiederholt sich zwei weitere Mal. John Cages 4’33“ ist ein Experiment, das alle Erwartungen an Musik in Frage stellt. Hier, an diesem Abend, ist es ein Statement, ein Spürbarmachen dessen, was fehlen wird, wenn hier die Türen wieder schließen. Das pUblikum ist sich dessen bewusst. Nach dem zweiten Werk des Abends, Richard Strauss‘ Metamorphosen, schwillt der Applaus plötzlich an, wird zur Ovation. Oboist Albrecht Mayer spürt das und fordert die Kolleg*innen auf sich zu erheben. Hier wird kurz, ein, zwei Minuten nur, die Musik gefeiert, die tröstende, erhellende, lebensspendende Kraft der Kunst, stemmen sich Menschen ihrem Verstummen entgegen und versprechen: Die Stille wird nicht dauern. Weil sie es nicht darf.

Die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko spielen Schostakowitschs neunte Symphonie (Bild: Frederike van der Straeten)

Es ist ein Abend der Endzeitwerke: Sowohl Strauss‘ spätes Stück für 32 Solostreicher als auch Dmitri Schostakowitschs neunte Symphonie entstanden gegen Ende des 2. Weltkriegs. Ein Einschnitt in die Zivilisationsgeschichte, ein Bruch voller Unsicherheit ob des Kommenden. Auch wenn die derzeitige Situation sicher nicht vergleichbar ist, Anknüpfungspunkte finden sich schon. Was kommen wird nach der Pandemie, wie sich unsere Gesellschaft aufstellen wird, welchen Stellenwert Kunst und Kultur finden werden – all diese Fragen sind derzeit nicht zu beantworten. Und so hören wir Werke des Entstehens und Vergehens. Zu Beginn Andrew Normans Lichtmalerei Sabina in der Uraufführung der Fassung für Streichorchester, inspiriert von der Morgendämmerung in einer römischen Kirche. Rau kratzen sich die Töne hervor aus dem Nichts, hängen im Raum wie Tropfen, bevor sie zu Boden fallen. Einzelne Stimmen tasten sich empor, scheu, brüchig, verschwinden wieder. Mehr treten hinzu, eine Vielstimmigkeit entspinnt sich, die sich an sich reibt, erdig der Grundton, hohe Stimmen als spannungserzeugende Fremdkörper. Dann wieder die Fragmentierung, Verblassende Inseln in der Stille. Plötzlich ein Tonwechsel: Weiche Streicher führen zurück in Mahlersche Klangwelten. Auch sie nur Erinnerung, Mosaiksteinchen in einem nicht mehr zu erkennenden Bild.

Strauss Spätwerk nimmt die Stimmung auf. Getragene Trauer füllt den Raum, zart, behutsam klagen die Solostimmen, insbesondere Konzertmeister Daishin Kashimoto hält nicht mit inniger Intensität zurück. Auch hier eine Wellenbewegung, in deren Zuge Unruhe entsteht, nicht gewichtete Plyphonie, organische Verlebendigung. Aus dem Trauern wird ein rhythmisches Hineinstolpern in ein Leben, das stets wie ein wenig aus der Ferne klingt. Auch hier klingt manches nach Mahler, selbst das der „Eroica“ entlehnte Beethoven-Zitat gegen Ende, das intim klagend eher spätromantisch verortet scheint. Wie bei Norman erwächst aus der Stille ein Lebensversuch, hier nie ganz ins Licht gelangend, der am Ende zurückführt ins Vergessen. Der Schluss gerät hier recht sachlich, als sei alles gesagt, ein unsentimentaler Abschied, ein Akt der resignativen Akzeptanz. Auch das vielleicht ein Statement.

Ganz anders Schostakowitschs Verweigerung der staatlich erwarteten Triumphmusik nach dem Sieg über Nazideutschland. Stattdessen zunächst ein hüpfend spielerisches Lebendigkeitsspektakel, das schnell ins Groteske zu kippen droht, rhythmische Leichtigkeit, die sich bald verschärft. Auch hier stellt sich Unruhe ein, nur dass der Ton ein anderer ist: schrill, grell, die Parodie befreiten Jubels. Petrenko macht in höchster Transparenz alle ebenen hörbar, im Kopfsatz etwa die störenden Einwürfe der Blechbläser ebenso wie das parodistisch verzerrte Violinsolo. Die Bedrohung nimmt zu und erfüllt auch die Folgesätze. Mäandernde Einzelstimmen irren im Adagio umher, geisterhaft schweben die Streicher dazu, schrill klagt die Piccoloflöte. Rasend verzerrt das Presto, aus der Rätselhaftigkeit des zweiten wird ein bizarres Horrorspiel. Die Ambivalenz des Behaupteten und seiner Diktion verschärft sich weiter.

Einsam klagt das Fogott im Largo, wie eine vergessene Stimme inmitten einer lebensfeindlichen Brache. Die Blechbläser versuchen einen Choral, doch hier tröstet und löst sich nichts mehr. Das geht nahe, es geht tief, warnt vor der Stille, die unausweichlich ist. Im Finale wird das Klagen zum Meckern, aggressiv pocht perkussive Rhythmik, Dialogisches mutiert zum Konflikt. Alles schwillt an, kippt ins Extreme, das Licht wird blendend grell, Unruhe mischt sich mit Gewalttätigkeit, Jubelschreihe taumeln in einen gespenstischen Marsch. Die Welt, nicht nur die musikalische ist aus den Fugen. Das organische Werden und Vergehen der vorangegangenen Stücke macht Platz für ein Welten-Zerrbild, ein Hineinschwanken ins Trommelfeuer einer echten Endzeit, dystopisch, grotesk, ausweglos.Der Rest ist Schweigen, der Lärm verstummt. Doch es ist keine gelöste Stille, kein reinigendes Schweigen. Es ist ein Abbruch. Des Hoffens, des Klagens, der Wut, Ein Verstummen des Hellen wie des Dunklen. Im Ohr bleiben Variationen der Ratlosigkeit, der resignierenden wie der anrennende. Was nach der Stille kommt, ist ungewiss. Und wer dann noch da ist.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: