„Antifa ist Angriff“

Kevin Rittberger: Schwarzer Block, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Sebastian Nübling)

Von Sascha Krieger

Die Bühne bleibt mehr. Nein, nicht ganz. Zwei-, vielleicht auch dreimal öffnen sich die Türen und drei, vier Darsteller*innen lassen kurze Abschnitte von Kevin Rittbergers Textgläche leibhaftig in den coronabedingt spärlich besetzten Zuschauerraum schwappen. Ansonsten bleibt den Zusehenden nur die kahle Wand, auf die das Gespielte und Gesprochene – so die Technik mitspielt, was sie in der besuchten Aufführung nicht durchgängig tut – projiziert wird. Und das passt auch, macht der Abend doch sichtbar, wovor wir, die wir uns für die aufgeklärte Mehrheitsgesellschaft halten, so gern die Augen verschließen, nämlich dass der Kampf gegen den Faschismus, gegen Hass, Ausgrenzung und Vernichtung nicht nur eine saubere, hehre, moralisch einwandfreie Angelegenheit ist, dass er dreckig sein kann, in den Augen von Autor Kevin Rittberger auch sein muss, dass Lichterketten und Schweigeminuten keine Machtergreifung verhindern werden. Um den „Schwarzen Block“ geht es, den Lieblingsfeind der Hufeisenwerfer, der Totalitaismusrelativierer, derer, die nicht müde werden darauf hinzuweisen, dass jeder Extremismus schlecht und gefährlich sei und die damit wissentlich den von Rechts, von dem wir gerade in Deutschland wissen sollte, wohin er führt, wenn man ihn lässt, verharmlosen.

Bild: Esra Rotthoff

Rittberger geht weit zurück, zu den „Schwarzen Scharen“, uniformierten Anarchisten, die sich in der Weimarer Republik auch gewalttätig dem aufkommenden Faschismus entgegenstellten. In Schwarz-Weiß tauchen sie als Geister auf und wieder unter, haben Namen oder sind anonyme Masse, individuelle Opfer dessen, was sie bekämpften oder eine vergessene, verdrängte Gesamtheit, der die Geschichtsschreibung das Existenzrecht weggeschwiegen hat. Ihre Wut, ihre Fassungs- und Ratlosigkeit drängen ins Heute, die Frage, warum KPD und SPD sich nicht gegen die Nazis zusammengetan hätten, wird vielfach wiederholt, ein Loop der Verständnislosigkeit, die zur Mahnung wird, jetzt zusammenzustehen gegen die Wiederkehr des nie Verschwundenen. Eine notwendige Warnung, denn die, um die es in der Folge geht, jener „Schwarze Block“, die sind eben nicht Verbündete der „Demokraten“, sie werden angegriffen, ausgegrenzt, auf die Gegenseite gehetzt, wie es ja auch im sogenannten demokratischen Parteienspektrum (Stichwort: Die Linke) nicht unüblich ist.

Der Text ist ein manischer Dauer-Loop, eine panische Textfläche, der Regisseur Sebastian Nübling Rhythmus gibt, Energie verleiht, die er lebendig macht, in Wut, in Zweifel, in Verzweiflung auch überträgt. Die nahetreten, trotz der Vermittlung per Projektion. Das liegt auch am ausgeklügelten Sound-Konzept. Über Kopfhörer erreichen das Publikum die stimmen. Der längt Gefallenen wie der kürzlich ermordeten, der damals und jetzt Kämpfenden. Die kollektiven Stimmen des „Schwarzen Blocks“ wie die gewaltsam verstimmten etwa der NSU-Opfer. Die Fragen stellen wie: „Wer hilft uns außer der Antifa?“ Die Stimmen kommen nahe, sehr nahe, als flüsterten sie uns ins Ohr, währen hinter, neben, um uns. Doch der automatisch sich wendende Blick geht ins Leere, die Präsenz ist eine Absenz, die Stimmen körperlos, ihre Träger*innen unsichtbar. Weil wir sie unsichtbar machen, sie nicht sehen, nicht hören wollen.

Doch was ist mit den Stimmen der Vernunft? Da ist der Polizist, der schnell von einer gerechtfertigten Klage über seine Unterbezahlung in offenen Rassismus driftet oder die autofahrende Geschäftsfrau, die rational und nachvollziehbar ein völkisches Theoriekonstrukt entspinnt, während Aktivist*innen sie fortwährend nach links leiten, um sie letztendlich zu verscheuchen. Es gibt Gewaltballette in Zeitlupe, Überblendungen, die aus Individuen, teile einer Bewegung machen, im Guten wie im Schlechten, die stärken durch Zusammenhalt, aber auch entmenschlichen durch Anonymität, es gibt eine wütende Sequenz, in der sich der „Block“ gegen Wasserwerfer behauptet, als letztes Bollwerk einer nicht übermäßig geschätzten Demokratie. „Halte ich dir die gentrifizierte Innenstadt weiter nazifrei?“, fragen sie jene, die wegschauen und weghören, weil sie das, was sie wahrnehmen, nicht mögen. Der Text und der aus ihm resultierende Abend negieren nicht die ideologische Zerrissenheit des vermeintlichen Blocks, die Exzesse, die Skepsis gegenüber einer als Nährboden des Faschismus empfundenen Demokratie.

Aber ja, er feiert die Idee, die Notwendigkeit eines „Schwarzen Blocks“ offensiv, ohne Scham und ohne doppelten Boden. Damit kann man übereinstimmen oder auch nicht. Rittberger und Nübling relativieren nicht, die machen sichtbar, hörbar, fühlbar, was geschieht und wie sie dazu stehen. Ja, das ist Meinungstheater, die Tradition des Agitprop ist vielleicht formal weiter entfernt, inhaltlich und in Fragen der Haltung jedoch recht nahe. „Ein Schwarzer Block rettet der demokratie den Arsch“, sagt er, und: „Antifa heißt Angriff.“ Unbequeme Positionen, die Wahrheiten sein mögen, ob es gefällt oder nicht. „Da kann es sein, dass der Schwarze Block bei der nächsten Gelegenheit das ganze System in Scherben sehen möchte“, heißt es am Ende. Ist das eine Drohung? Eine Warnung? Ein Versprechen? Dieser Abend, dieser Text springt den Zusehenden ins Gesicht, er konfrontiert, wie es sein Titelgeber tut, zwingt zur Positionierung, lässt sich nicht einfach wegrationalisieren. Da bleibt etwas, ein Rest, wie nach jeder Lichterkette, wenn andere, ungesehen, die Drecksarbeit machen müssen. Antifaschismus ist diese Drecksarbeit, sagt er uns. Es fällt schwer zu widersprechen.

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