Hexenwerk im Scheinwerferlicht

She She Pop: Hexploitation, Hebbel am Ufer (HAU 2), Berlin / Kampnagel, Hamburg / Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt am Main / FFT Düsseldorf u.a.

Von Sascha Krieger

Ein Filmset als Schauplatz patriarchaler Fremdbestimmung weiblicher Körper: In ihrem neuen Abend gehen She she Pop dahin, wo es wirklich wehtut, in die vom männlichen Blick bestimmten Mechanismen der Unsichtbarmachung des alternden weiblichen Körpers, in das Narrativ der Menopause als Verfall, als Moment, ab dem die Frau ihre Relevanz verliert, ihre gesellschaftliche Rolle. „Hagsploitation“ hießen die Filme, in denen altwerdende ehemalige Filmstars als Bösewichte zurückkehrten, als Verwandte jener Hexen, die einst Sinnbild der unnütz gewordenen Frau waren. Von der „Hag“ zur Hexe ist es nicht nur sprachlich nicht weit – und dieser Abend durchmisst den kurzen Weg lustvoll, widerständig, ohne Rücksicht auf Spieler*innen und Zuschauer. „Wie sind wir in dieses Narrativ hineingeraten?“, fragen sie sich und sie tun es auf eine Weise, die in ihrer Dringlichkeit und Stringenz auch bei She she Pop ihres gleichen sucht. Diskursives Bildertheater könnte man nennen, was die Gruppe entspinnt. „Ich bin jetzt bereits für meine Nahaufnahme“, sagen sie eine nach der andere und bieten dem Publikum riesenhaft vergrößerte Bäuche, Vaginas, Münder oder Stirnfalten.

Das Verächtete, das Altern als Machtinstrument, sie stellen es selbstbewusst ins (wörtliche) Spotlight. Körper- und Gesichtsteile verbinden sich in der Projektion zu grotesken Mischgesichtern und -körpern, sie vermischen sich miteinander, verschwimmen ineinander, spiegeln die De-Individualisierung, die der patriarchale Blick der „alternden Frau“, ihres Namens wie ihrer „Funktion“ beraubt aufzwingt. Aber sie tun dies mit dem Gestus der Selbstbehauptung, drehen diesen Blick zurück auf ihren Absender. Seht her, das sind unsere Körper, das sind wir als menopausale Frauen. Sie setzen sich dem Blick aus, den Urteilen, die zunächst hereinprasseln in einer Art Trash-Gossip-Show, und behalten doch das objektifizierten so Kommentierte im Scheinwerferlist, als Anklage vielleicht, mehr noch als Statement. Wir gehen nicht weg und wir bleiben sichtbar, sagen sie. Dazu spielt Horrorfilmmusik, die später, blockflötenunterstützt, ins hexenhaft Mittelalterliche kippt,  Begleictung einer Emazipationsbewegung, die aus dem Bebildern ins Erklären – am besuchten Abend ist es Ilia Papatheotodorou, die laptopbewehrt die Entstehungsgeschichte der Menopause als patriarchaler Waffe, insbesondere als Produkt utilitaristischer Kapitalismuspraxis referiert.

Doch das reicht nicht, am Ende folgt als dritter Akt die Austreibung. Sebastian Bark, der Mann im Ensemble, braut Zaubertränke aus (künstlichem) Menstruationsblut, um die „Hexen“ am ende zum Fliegen zu bringen. Rot und Weiß dominieren, das Rot als Leben und Widerstand, als sich ins System ergießende Resilienz der negierten Frau. Sie spreizen ihre Vulva, sie führen uns in einen Vulva-Wald, der sich am ende bedrohlich um und in die Welt dreht, die hier subversiv besetzt werden soll. Der weilbliche Körper als Maschine, als „Schauplatz der Ausbeutung“, wie es einmal heißt, die Verkehrung des Reproduktionszwangs ins Künstlerische, Widersetzige. Hier wird reproduziert, aber nicht, wie man(n) es gern hätte. Es wird demonstriert, erklärt und exorziert, projektionen drehen sich um, fallen zurück auf den Täter, aus dem Verachteten wird das sich Behauptende. weil sie den Blick aushalten, können sie ihn zurückgeben.

Das ist zuweilen schwer zu ertragen – für die sich ohne jeden Schutz zeigenden Spieler*innen wie für das Publikum, dass sich eingestehen muss, dass viele der Bilder, die sie sehen, erlernte Abwehrmechanismen auslösen. Und dass es nicht reicht, das zu Sehende auszuhalten. es muss angenommen werden, nicht als unvermeidbar, sondern als nicht zu leugnende Wahrheit, die keinen Grund bietet, sie als „hässlich“, defizitär, verfallend zu denunzieren. Es ist ein kluger Abend geworden, ein trotz allem humorvoller (mit vielleicht ein bisschen zu viel gesellschaftlich antrainierter Selbstironie, die in der spielerischen Herabsetzung des eigenen Körpers das hier Austrutreibende zuweilen zu reproduzieren droht), ein wütender und kompromissloser, ein bildmächtiger, atmosphärisch dichter, spielwütiger Abend, ein 75-minütiges Fest der Selbstbehauptung, das den Zuschauer (vor allem auch den männlichen) zweifellos klüger zurücklässt, das zwingt, Unreflektiertes zu reflektieren, das sich im Spiel realisiert, in die Wirklichkeit drängt, gesellschaftlicher Ernst wird. Am Anfang und am Ende erzählt Papatheotodorou vom Film Gaslight, von der Frau, deren Wahrnehmung von Ich und Welt durch patriarchale Macht verwirrt wird und die am Ende die angewandten Mechanismen (hiervon stammt der Begriff „Gaslighting“) gegen den Verursacher kehrt. Das tun auch die furchtlosen Spieler*innen von She She Pop. Die wissen, dass sie in 75 Minuten die Welt nicht verändern werden. Und es dennoch versuchen. After all, it’s witchcraft, baby.

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