Schwere (Wieder)Geburt

Musikfest Berlin 2020 – Robin Ticciati dirigiert das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin mit Werken von Bartók und Beethoven

Von Sascha Krieger

Ein Saisoneröffnungskonzert ist immer etwas Besonderes. Man trifft sein Publikum nach zwei, drei Monaten wieder, setzt den Ton für die Spielzeit, akzentuiert die Schwerpunkte für die kommenden zwölf Monate. Ein Wiedersehen nach kurzer Abwesenheit, ein freundliches Hallo, ein gemeinsames Pläneschmieden. In diesem Jahr ist alles anders – auch beim Spielzeitauftakt. Da steht Chefdirigent Robin Ticciati in der langen Umbaupause plötzlich auf der Bühne und spricht zum ausgedünnten Publikum im großen Saal der Philharmonie, in dem die Abwesenheit noch immer die Oberhand hat. „Es ist der Beginn einer Wiedergeburt“, sagt er auf englisch, „einer Wiederauferstehung“. Und er spricht allen Anwesenden Mut zu: „Welchen Weg auch immer wir gehen, lasst uns ihn zusammen gehen.“ Es klingt wie eine Beschwörung, wie ein Festhalten an etwas Gewohntem, das noch unsicher ist. Dazu passen die beinahe Loriot-haften Slaptstickszenen in besagter viel zu langen Pause: Minutenlang gehen zwei Mitarbeiter durch die Stuhlreihen auf dem Pdium, legen Partituren auf die Pulte, ersetzen sie durch andere und jene wiederum durch dritte. All die Routine, all das Erlernte, alle Gewissheiten: Sie scheinen verschwunden. Die Selbstverständlichkeit des gemeinsamen Musikerlebnisses – sie muss erst wiedergefunden werden und das ohne die Sicherheit, dass sie sich bewahren lässt.

Robin Ticciati dirigiert das DSO beim Musikfest Berlin 2020 (Bild: Kai Bienert)

Und so überrascht nicht, dass manches an diesem Abend verkrampft wirkt, vieles überdeutlich, eine Selbstbehauptung, der sich der Zweifel, ja, vielleicht sogar die Angst anmerken lässt.den Auftakt macht Béla Bartóks Konzert für zwei Klaviere, Schlagzeug und Orchester mit dem GrauSchumacher Piano Duo und den DSO-Schlagzeigern Jens Hilse und Henrik M. Schmidt. Eine Klangerkundung verspricht das Programmheft, was wir bekommen ist näher an einer Auseinandersetzung mit dem Tod, wie Ticciati es in seiner Pausenansprache beschreibt. Dumpf und dunkel stampft das Geschehen los, perkussiv hämmern Klaviere und Schlagzeug um die Wette, sie antworten sich, verstärken einander, das Orchester taucht erst spät im Kopfsatz auf, aber dann schrill, beißend, fast panisch. Von einem Spiel der Klangfarben, einer Entdeckungsreise klangerzeugender Mechanismen ist nichts zu spüren, stattdessen erleben wir eine zerklüftete rhythmusgetriebene Klanglandschaft, deren Kargheit zu erschrecken vermag und die das Orchester mit einem Hang zur Übertreibung zu kompensieren versucht.

Selbst die klangliche Raumdurchmessung, das Wandern des musikalischen Geschehens von Instrument zu Instrument im zweiten Satz ist gebremst. Das Klavierduo versucht sich an fantastischer, fast gespenstischer Atmosphäre umspült von unsicher samtig sein wollenden Streichern. Es ist eine Musik der Unsicherheit, des schwankenden Bodens, eine zuweilen ratlos erscheinende Wiederbegegnung, die sich immer mal wieder ein wenig verläuft. Unruhiger der Schlusssatz, Klavierläufe reiben sich an der Rhythmik und wollen doch nicht recht in ein echtes Spannungsverhältnis finden. Das klingt mitunter nach Schostakowitsch, sucht Ausdrucksformen, an denen es sich festhalten kann und findet sie in diesem Werk der Uneindeutigkeit gerade nicht. Viel bleibt im Ungefähren, auch weil Ticciati die extreme scheut, zu viel versucht, wenn es nicht nötig ist, ansonsten aber in einem mittleren Modus verbleibt, wo schon mal etwas kreischt und brüllt, Konflikte aber nicht ausgemessen werden. damit lässt er die vier Solisten denn auch allein, denen der Dialog wichtiger scheint als der Widerspruch. Am ende ist dieser Bartók weder Fisch noch Fleisch, weder Klangstudie noch Beschäftigung mit den großen und letzten Dingen.

Die suche nach einem passenden musikalischen Ausdruck für diese Zeit setzt sich dann auch im Anschluss fort. Ludwig van Beethovens vierte Symphonie ist eine seiner lichteren, leichtfüßigeren, weniger tragischen. Ticciati mag das nicht recht zulassen. Er pumpt reichlich tragisches Sentiment in den schweren, schleppenden Beginn und bremst auch in der Folge manchen Versuch, die Fenster aufzureißen und abzuheben, aus. Auch wagt er kaum Blicke unter die Oberfläche, ein sauber balancierter klassischer Klang aus Streichern und Holzbläsern dient als Anker, Spuren von Nachdenklichkeit oder Zweifel gar begegnet das Orchester mit einer Tendenz zur Lautstärke. Bloß nicht die stille zulassen, lautet das Motto. Die Streicher wirken kalt, später etwas schrill, das erste Thema betont perkussiv, die Tempi gebremst, die energischeren Momente leicht kraftmeierisch. Dieses Zuviel zeigt sich auch im Adagio: Die pastorale Kantabilität droht in übertriebener Lautstärke und sehr dichtem Klangbild zu ersticken, Ticciati dramatisiert, wo Beethoven leichten Fußes wandelt, die hohen Streicher dominieren, während sich die Holzbläser zunehmend zur Begleitung degradiert sehen. Bloß nicht pastoral werden, lautet das Motto. Leichtigkeit wird kritisch beäugt, da wird der blick zum ernsten, feierlichen späteren Beethoven zum Rettungsanker. Das hier ist eine Wiederauferstehung, da kann man doch nicht durchs Sonnenlicht springen.

Angestrengt, düster, beinahe dumpf der dritte Satz, hier tanzt und hüpft und verlustiert sich nichts, das leben ist verschattet bis zur Unkenntlichkeit. Dramatische Schwere dominiert denn auch das Finale, Robin Ticciati betont alle Kontraste (Tempi, Dynamik, Ausdruck), die er finden kann, setzt klar kleine Pausen, um die Gegensätze unüberhörbar zu machen, das Ende ist festgefügt, sich nicht hinterfragend, die Türen schließend. Hier darf nichts atmen, wenig leben, Es ist, als suchten Orchester und Dirigent das Gewisse, etwas, an dem sich festhalten ließe, als hätten sie angst, die Offenheit, die diese Zeit ausmacht zuzulassen, weil die Chancen, die sie birgt, Gefahren mitliefert. Eine Wiedergeburt ist dieser Abend nicht, eher ein Versuch, mit dem neuen klarzukommen, ein unsicherer, zuweilen scheiternder, aber auch einer, der in seiner Angst vor dem erneuten Verschwinden von nicht zu leugnender Ehrlichkeit ist.

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