Der Rest ist Schweigen

Musikfest Berlin 2020 – Die letzten beiden Konzerte in Igor Levits Beethoven-Zyklus

Von Sascha Krieger

Haydn und Mozart waren die Heroen des jungen Beethovens, klassiche Opulenz, weltbewegendes Drama zeichnen die werk auf dem Zenith des Bonners aus. Das lässt sich auch an seinen 32 Klaviersonaten beobachten. Mit einer Ausnahme: Es ist gerade diese Gattung, in der Beethoven am weitesten über den musikalischen Konsens seiner Zeit hinausgeht. So gewagt, so zuvor unvorstellbar ein Werk wie die neunte Symphonie erschienen sein muss – wenn es um die Suche nach einer neue musikalischen Sprache geht, sind es vor allem die späten Sonaten, die folgenden Komponist*innen-Generationen den Weg weisen – und sie nicht selten auch verunsicherten. Wenn Igor Levit am Ende seines Sonaten-Zyklus nun die letzten sechs in chronologischer Folge in zwei Konzerten spielt, ist das eine Entdeckungsreise zu Orten, die noch immer als unsicher, als rätselhaft, als ein wenig angsteinflößend gelten können. Der zum Teil radikale Bruch mit Hörgewohnheiten, überkommenen Strukturen, Grundregeln des Komponierens kann auch heute noch überfordern.

Igor Levit (Bild: Robbie Lawrence)

Levit nimmt diese Überforderung an und mutet sie seinen Zuhörer*innen zu. Die zunehmende Fragmentierung, die Auflösung musikalischer Einheit ist dabei ab dem ersten Ton der Sonate Nr. 27 e-Moll op. 90 hörbar. Dialogisch tastet er sich in eine miusikalische welt hinein, die eben nicht mehr ihrer selbst sicher ist. Er akzentuiert ihre Brüche, er lässt sie ersterben, nur um im nächsten Moment in ein wütendes Crescendo zu rennen. Das wirkt nicht nur zerbrechlich, es zerbricht auch, immer und immer wieder. Verletztlich tropfen die Noten in den Raum, ihres Fundaments beraubt, meditative Punkte in einem zunehmend leeren Universum. Zwischen glockenhell und dunkel matt irisiert dann die Nr. 28 A-Dur op. 101. Eine Mitte hat sie nicht mehr. Trauerumflort, verschattend, Levit lauscht jeder Note hinterher, als wäre sie das letzte, was er zu hören erwarten könne. Voller Kontraste, sehr brüchig die schnelleren Sätze, schmerzvoll, verletztlioch um jede Note ringend die langsameren Abschnitte. Ein Schwanken, ein Pendeln, das stets aus dem Tritt zu geraten droht. Harte Anschläge schreien gegen die Verunsicherung an, der Zweifel bleibt – in diesen beiden Sonaten wehrt sich der melodische Gestus, das feste klassische Fundament noch gegen seine Auflösung, verhindern kann es sie nicht mehr.

Der Umschlagpunkt ist dann sicher die berühmte Sonate Nr. 29 B-Dur op. 106, die „Hammerklaviersonate“. Gleich zu Beginn klingt sie, als wollen Levit und Beethoven alles zerschlagen. Diese ungebremste Aggressivität setzt den Ton. So sehr diese Musik sich in der Folge bemüht zu singen, so sehr sie um lyrische Zartheit ringt, der Abgrund gähnt, die Akkorde fahren wie Blitze dazwischen. Die Musik wird zum Bruchstück, zuweilen gar zum Zitat, von sich selbst entfremdet. Eine manische Suchbewegung entspinnt sich, ungefiltert, ohne erbarmen. Der zweite Satz rast, verschluckt erst ganze Töne, dann beinahe sich selbst. Stiller, verzweifelter die Suche im dritten, in dem die Hoffnung, noch eine eindeutige Antwort finden zu können, längst erloschen ist. Plastisch formt Levit die Töne, nimmt jede Note ganz für sich, ein letztes Festhalten am längst Verlorenen. Ein Verirren, ein Kampf gegen die stille, irritierend, bewegend. Im Finale ein Aufeinanderprallen, die schmerzerfüllte Suche trifft auf die aggressive Wut des Beginns. auch hier kein Filter, rohe Energie und Emotion. Musikalischer Zweifel. Der Zuhörende erzittert.

Die drei letzten Gattungsbeiträge, op. 109 – 111, nehmen die Stimmung am Folgetag auf. Die E-Dur-Sonate ist nur noch Fragment, kontrastierend mit Läufen von solcher Klarheit, dass sie fast schon Trost spenden, festen Schrittes läuft Levit in Sackgassen und befreit sich wieder aus ihnen. Jede Note klingt schwer erarbeitet, ringt um ihren Stand und doch steigen innige lyrische Gesänge empor, von einer sachten Verletzlichkeit, wie sie letzten Worten eigen ist.nach einem manischen kurzen zweiten tastet sich levit mit unfassbar viel Ausdrucksreichtum in die Variationen des Schlusssatzes. Es ist eine – letzte? – musikalische Erkundungsreise, in der jede Variation ihr eigenes Klangbild erhält. Hartes und weiches Stakkato, lyrische Sanglichkeit, Verzögerungen und Beschleunigen, ausgedünnter und voller Klang, heller Glockenklang und erdige Düsternis – der Satz ist wie eine Bestandsaufnahme, ein finaler Besuch in einem schließende Museum, er läuft durch die Räume und begeistert sich am bald Verlorenen. Am Schluss singt er singt sich und diese Welt zu Ende.

Op. 110 in As-Dur ist dann eher ein Übergang: ein retrospektiver beginn, die Noten wollen von der Stelle und drehen sich nur um sich selbst, ein rasanter bis rasender zweiter Satz, traurig, vermissend der dritte, ein Nachsinnen, ein Hinterherhören, einzelne Noten versuche ein trotziges Crescendo, am Ende führt das versuchte Exil im Bach-Universum in die Akzeptanz des beinahe wie tatsächlich Dissonaten. Die Klassik ist endgültig vorbei, es bleibt ein letztes Statement. Das bildet die verstörende, bewegende, rätselhafte letzte Sonate, die op. 111 in c-Moll. Zwei Sätze nur, danach ist alles gesagt, kann nur noch Stille bleiben (daher verzichtet Levit auch auf eine Zugabe – schon sein „Danny Boy“ am Vortag war eher ein Störfaktor). Der erste Satz ist Einleitung, er macht sich auf die Suche, ist in erschreckender weise bruchstückhaft. Hier findet sich nichts mehr zusammen, hämmernde Anschläge, rhythmisches Aufbäumen, Gesangsfragmente – alles vergebens.

Dann der Satz, der alles hinter sich lässt, ein Lebenswerk sicher nicht entwertet, aber den Blick davon weg richtet. Igor Levit lauscht jedem Ton, jedem Ansatz, auch jeder Pause hinterher. Jeder Anschlag ist ein Akt des Abschieds, ist ein Entschwinden und damit auch ein Aufbruch in Sphären, in die auch der Solist diesem Stück nicht mehr folgen können wird. Behutsam, empfindsam lässt Levit die Töne ins Nichts, in die Leere, die in dieser zeit sich ja auch im Zuhörer*innen-Raum spiegelt, tropfen, ein Gesang zwischen Dies- und Jenseits, noch nicht entkoppelt, durch Levits festes, körperliches Spiel beide Sphären verknüpfend. Levit mäandernd durch nun bedeutungslos werdende Ausdrucksebene und verbietet dieser Musik doch nie das Fühlen. Manischen Anrennen steht neben flirrenden Läufen und zartem, voran- und zurückschauendem Singen. Melodie und Rhythmik driften auseinander, die Triller werden schriller, beißender, zerstörerischer, während der gegen sein Erlöschen ankämpft. Das bewegt, es reißt am Zuhörenden, es gräbt sich tief ein. Ein existenzielles Ringen, das um seine Vergeblichkeit weiß. Der Schluss ist sachlich, ganz von dieser Welt. In der wir bleiben müssen. Der Rest kann nur sein, was Shakespeare Hamlet hinterherschickt: Schweigen.

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