Romantisch fühlend

Musikfest Berlin 2020 – Die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko und Frank Peter Zimmermann spielen Werke von Berg und Dvořák

Von Sascha Krieger

Alban Bergs Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“, gewidmet der jung verstorbenen Manon Gropius, ist ein ungewöhnliches Werk: Es ist das erste Solokonzert, dem Arnold Schönbergs Zwölftontechnik zu Grunde liegt, aber es nutzt diese in einer Weise, dass immer wieder Reminiszenzen an tonale, ja romantische Musiktraditionen entstehen. Es denkt atonal, aber es fühlt romantisch. Das macht es zu einem der eingängigsten Werke seiner Art. Frank Peter Zimmermann ist ein überaus analytischer und zugleich äußerst empfindsamer Geiger, ein Meister der stillen Gefühle und der Zwischentöne. Dass es ihm das Berg-Konzert besonders angetan hat, ist daher sicher kein Zufall. Es ist Spannung in seinem Spiel, sein Klangfaden bei aller Sachlichkeit immer nahe am Zerreißen. Die zarte Schönheit des ersten Satzes, sie weiß bereits um die Katastrophe des zweiten, der Sehnsuchtsgesang fühlt den Abschied schon mit. Das Orchester agiert dialogisch, es bewegt sich mal im Hintergrund, mal auf Augenhöhe mit dem Solisten, im zweiten Satz nimmt es das Soloinstrument zuweilen auf, verschluckt es, bevor es wieder an die Oberfläche steigt. Das alles geschieht mit maximaler Transparenz, was es dem Solisten einfacher macht, zum Teil dieses klanglichen Gebildes zu werden.

Kirill Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Stephan Rabold)

Satz zwei zeigt sich dann agitiert, höchst bewegt, unruhig, rastlos. Die klagende Violin verschwindet wiederholt in der stürmischen See des Orchesterspiels. Zimmermann brilliert in den Übergängen, den brüchigen Tönen, den Kippbewegungen, er fragmentiert, während die Philharmoniker ständig Vorder- und Hintergrund wechseln, sich klanglich aufsplittern, die hilflose Suchbewegung der Violine spiegeln. Der Bach-Choral klingt wie von fern heranwehend, wie eine Erinnerlung, klanglich wie gestisch aus einer vollkommen anderen Welt. Zimmermann erkämpft sich das Trauern, das Klagen, zart, lyrisch, in romantischem Duktus, doch moderner Sprache. Das Ende berührt, Zimmermanns Geige hält den hohen Schlusston mit einer Spannung, die erzittern lässt, während die tröstenden Holzbläser den Schmerz nur noch roher erscheinen lassen. Dieser Satz ist oft ein Aufschrei, hier kommt der Verlust nicht überraschend, ist er eine Schwester des Sehnens im Kopfsatz. Reflektiert, wissend, nüchtern und umso unerträglicher.

Antonín Dvořáks eher selten gespielte fünfte Symphonie im Anschluss ist dann eher Dessert als Hauptgang. Unter Kirill Petrenkos Dirigant leuchtet es opulent in vollster klanglicher Schönheit, ein glattglänzendes stück Wohlklang, das so manchem Hollywood-Klassiker als Soundtrack dienen könnte. Schön die Zusammenfügung der Stimmfarben im ersten Satz, die erdverbundene Lebensfreude, die in den hohen Holzbläsern ihren Anfang nimmt und von den Streichern in ein ruhiges und sicheres Flussbett geleitet wird. Das strahlt und hat Kraft, ist glänzende Oberfläche und sich seiner Wwirkung stets bewusst. Klanglich breit, geprägt von warmen Celli und strahlend hellen Geigen der zweite Satz, ein Dialog der Klangfarben, licht und erdig, nachdenklich die Holzbläser am Ende. Im dritten strahlen Streicher und Holz um die Wette, statt pastoraler Leichtfüßigkeit herrscht hier eher ein feierlicher Gestus, eine getragene Eleganz. Hier übernehmen die Holzbläsewr, was dem Satz einen durchaus musealen Charakter verleiht. Hier werden „ländliche“ Topoi eher vorgeführt als gelebt.

Unruhig das Finale, da rumort es schon auch mal unter der Oberfläche, die Klarinetten dürfen eine Suchbewegung beschreiben, welche die Selbstgewissheit des Vorangegangenen ein wenig konterkariert. Das Ringen von Dur und Moll bringt Petrenko auf wenig auftrumpfende Weise klar heraus, die Flöten pumpen Licht ins geschehen, es gibt magische Sonnenaufgangsmomente, wandernd vom Holz in die Hörner, lebendig umspült von den Streichern. Doch das hollywoodeske Schönheitsideal kehrt zurück, Fragen bleiben ungestellt, die Suche wird abgebrochen. So bleibt nach Bergs rauen Unmittelbarkeit ein Fest fast Karajanschen (wenn auch lebenswäremeren) Schönklangs, das zumindest diesen Zuhörer ein wenig unbefriedigt entlässt.

Ein Gedanke zu „Romantisch fühlend

  1. Schlatz sagt:

    Haha, gut das mit Karajan. Habe das auch schon mal so ähnlich bemerkt und pikierte Kommentare gehabt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: