Lebensdurchpulst

Musikfest Berlin 2020 – Der sechste Teil von Igor Levits Beethoven-Zyklus in der Berliner Philharmonie

Von Sascha Krieger

Am Ende die Aria aus Johann Sebstian Bachs Goldberg-Variationen: eine Zugabe nicht und doch ganz von dieser Welt. Igor Levit erdet das schweben dieser Musik im Universellen, er gibt dem musikalischen Geiste einen Körper, er fragt sich, ganz vorsichtig zunächst, hinein, in diesen zuweilen stockenden, seinen Ort finden müssenden melodischen Fluss. Eine Meditation, welche die Zeit, die Welt nicht hinter sich lässt, sondern ganz aus ihr kommt. Damit bildet sie einen passenden Abschluss dieses sechsten Teils von Igor Levits Zyklus aller Beethoven-Sonaten im Ramen des diesjährigen Musikfests Berlin. Vier mittlere Sonaten, die Nummern 13 bis 16, stehen diesmal auf dem Programm und es wird ein ungemein lichtdurchfluteter, Leben atmender Vormittag in der Philharmonie.

Igor Levit beim Musikfest Berlin 2020 (Bild: Monika Karczmarczyk)

Den Anfang macht die Sonate Nr. 15 D-Dur op. 28, auch als „Pastorale“ bekannt. Von ländlicher Idylle ist bei ihr wenig zu spüren, von Lebensfreude dafür umso mehr. Sanft lässt Levit sein Instrument singen, warm und hell ist sein Klang, plastisch und den Tönen lustvoll hinterherhörend das Spiel. Immer leidenschaftlicher wird es, eine organische Aufwallung, detailscharf, voll stiller Momente, aber ohne die harten dramatischen Brüche, die Levits Beethoven oft prägen. Getragen, aber auch rhythmisch, sacht tänzerisch der zweite Satz, von zarter Traurigkeit erfüllt, jegliche Dramatik, aus dem melodischen schöpfend, nicht aus prononcierten dynamischen Kontrasten. In der Folge wird es noch lebhafter, lebendiger, ein springend tanzbarer Rhythmus durchzieht das ganze Werk in unterschiedlichen Varianten. Es gibt Augenblicke des Innehaltens, Verzögerungen, lyrische Sanglichkeit und energisches Voraneilen. Ein spielerischer, neugieriger, optimistisch gefärbter Grundton durchzieht die Philharmonie.

Das bleibt auch in der Folge so. Die Nr. 16 G-Dur op. 31, 1, zieht es nach vorn und bewahrt trotzdem einen nachdenklichen Tonfall. Subtile Tempiwechsel bringen Spannung, fest und klar ist der Anschlag, der jede Note, jede melodische Entwicklung mit viel Neugier erkundet. Lebendig und wach ist die Interpretation, rhythmisiert der Duktus. Zwischen Sinnen und Tanzen wechselt dieses Werk hin und her und versucht die Symbiose. In der Sonate Nr. 13 Es-Dur op. 27, 1 setzt der Pianist zunächst ein sanftes Schreiten gegen lebendige Läufe. Die Tempiwechsel sind stärker als im vorangegangenen Werk, die Sanglichkeit eignet ein deutlich sehnendes Element. Rascher Fluss und rasante Richtungswechsel prägen Satz zwei, sehr getragen dann der dritte, die Töne tropfen in den Raum, sie klingen nach, Levit lauscht ihnen hinterher, der Satz wagt sich in eine intimst lyrische Atmosphäre hinein. Rasant, facettenreich das Finale, nicht ohne Härte, mal freudig tänzerisch, mal dunkler und ernst. Hier schleicht sich eine subkutane Bedrohung in die Lebendigkeit, was selbiger keinen Abbruch tut. Zart und bewegend die Rückkehr zum Kopfsatz, voller Leidenschaft der drängende Schluss.

Dann der größtmögliche Kontrast: Der berühmte Beginn der als „Mondschein-Sonate“ bekannten Nr. 14 cis-Moll op. 27,2 tastet sich hinein in einen Raum, in dem der vorangegangene Lärm noch ein wenig nachhallt. er erkämpft sich die stille, tastet, fühlt sich hinein, sehr behutsam, sehr ernst, aber auch von einer Offenheit, die nicht von vornherein um alle antworten zu wissen glaubt. Dabei schwebt das Geschehen – wie später in der Zugabe – nicht irgendwo in anderen Sphären, sondern steht fest auf dem Boden des Hier und Jetzt. Wenn diese Musik abhebt, dann auf Augenhöhe mit dem Zuhörer, direkt ins Herz treffend. Und ins Hirn. Vorsichtig, tastend sich umschauend der zweite Satz, geradezu getrieben der dritte. Hier kommt ein wenig von dem Zuviel zum Vorschein, dass sich zuweilen in Levits Beethoven-Schürfungen schmuggelt. Das entspannt sich später, bekommt mehr Raum zum Atmen. Dynamische Kontraste erzeugen Spannung und Energie, die Meditation des Kopfsatzes wird im Finale zum Kraftquell. Da ist diese Musik wieder ganz in der Welt, rennt und tanzt sich durchs Leben an diesem lichten, sonnendurchfluteten, lebensdurchpulsten Sonntagvormittag.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: