Iphigenie im Call Center

Nach Euripides und Stefanie Sargnagel: Iphigenie. TRAURIG UND GEIL IM TAURERLAND, Volksbühne Berlin (Regie: Lucia Bihler)

Von Sascha Krieger

„Ihr seid nichts, ich bin alles“. Und: „Ich bin Goethe.“ Die weißen Hochzeitskleider haben sie abgeworfen, die fünf Iphigenien. Trauer muss Elektra tragen, aber das schwarz steht auch der Schwestern. Emazipatorisch ist es, aufgereiht stehen sie da im Dämmerlicht, einige mit den Füßen im Wasser, abgeworfen die Insignien patriarchaler Frauenbilder. Jetzt reklamieren sie die Welt für sich, die Hauptrolle in ihr – und sich selbst. Nicht Goethe definiert, wer Iphigenie ist oder zu sein hat, sie selbst tut es. Widerstand ist zwecklos. Plakativ ist das Schlussbild dieses Abends, der eigentlich gerade nicht auf Goethes Bearbeitung basiert und sie, die die Rezeption der Figur im deutschsprachigen Raum so geprägt hat, natürlich stets mitdenkt. Es ist Euripides‘ Drama, das im ersten Teil des Abends die Grundlage bildet. Oder vielleicht eher einen Steinbruch, aus dem das Material zusammengesammelt wird, das dann eine neue Skulptur entstehen lässt, eine matriarchale, widerständige oder vielleicht einfach nur zerstörende.

Bild: Katrin Ribbe

Zunächst geht es mit der Axt – oder eher der Hacke? – an die überkommenen Bilder. Weiß sind die Treppenstufen, die zum hölzernen, leicht skelettalen, blumenumrankten Tempel führen, eine Kitschskizze von Griechenland-Klischees, in der die „Menschen“ ihren animalischen Kern in Hörnerform auf dem Kopf tragen und alles seinen gewohnten Gang geht: Männer spinnen Intrigen und treffen die Entscheidungen, Frauen sind – zuweilen im Wortsinn – die Opfer. Aber etwas stimmt nicht: Wie ferngesteuert wirken sie, die Agamemnons und Menelaose und Odysseuse, gefangen in einstudierten und längst bedeutungslosen Posen, eingezwängt in unkontrollierbaren Bewegungsabläufen. Sie stampfen und zittern und zucken – Emma Rönnebecks Menelaos als panisch feige Karikatur, Teresa Schergauts Odysseus als eherte eindimensionaler Intrigant, Susanne Wolffs Agamemnon als einer, der mit sich hadert und trotz Momenten voller Zweifel, Augenblicken des Aufbäumens, zurückfallend in seine Rolle, arrogant, hinterlististig, sich aufgeilend an seiner Unantastbarkeit. Demgegenüber die Frauen: Paulina Alpens Klytämnestra wütet, verzweifelt, kämpft, gibt nicht nach, während Vanessa Loibl als Iphigenia ihre Rolle erfüllt, sie annimmt, mit hehren Worten in ihr „Schicksal“ geht. Da ist der Abend ganz zu statischem Posentheater erstarrt, zu einer bitteren Persiflage klassischer Held(innen)stereotype, einer erbarmungslosen Anklage des Goetheschen Humanitätsgedusels. Menschlichkeit ist für den Hintern, wenn er männlich gedacht ist.

Man muss diese Verdammung auch des Goetheschen Pathos nicht mitgehen, konsequent ist sie allemal und in ihrer Radikalität, patriarchales Denken auch da einreißen zu müssen, wo es wohlwollend daherzukommen glaubt, vollkommen plausibel. Nur ist eine solche Dekonstruktion nicht wirklich abendfüllend, zieht sich dieser erste Teil am Ende wie Kaugummi, weil er seine eine These eben immer und immer wieder wiederholt. Also braucht es einen zweiten und für den bedienen sich Regisseurin Lucia Bihler, die sich mit dieser Arbeit, ihrer ersten auf der großen Bühne dieses Hauses, erneut als eine der wichtigsten Stimmen eines kompromisslosen Feminismus erweist, und ihr rein weibliches Ensemble, bei Stefanie Sargnagel. Die bitterböse Pathologin zeitgenössischen Lebens als Frau sorgt erst einmal für eine passende Sprache: „Scheiße! Was für eine Nacht!“, sind die ersten Worte, die uns die nun fünffache Iphigenie, die jetzt auch die bisherigen Männerspielerinnen eingesogen hat, entgegenschleudert.

Ihr taurischer Tempel ist ein Call Center, in dem dsie Anrufe von Männern entgegen nimmt, die sich ohne Ausnahme sexuell übergriffig verhalten. Und in dem sie den Widerstand probt, genüsslich Rollenbilder von innen nach außen kehrt, sich den Marktanforderungen an die attraktive Frau entledigt. Ihre Männer müssen fett sein, sie selbst beschreibt sich mit Worten wie: Meine Interessen sind Sitzen und Kette Rauchen.“ Sie pflügt sich durch Tiraden über die aktuelle Politik, die systemische Übergriffigkeit des Patriarchat, persifliert lustvoll rollenkonformes Verhalten und probt im Schattenboxen den Aufstand. Das ist Aufsagetheater, zum Teil chorisch, fast immer an der Rampe, aber es ist auch ein Aufschrei, ein Aufbegehren, selbstbewusst, nichts zurückhalten. Ein Gegenentwurf zum zuvor gescheiterten Repräsentationstheater. es braucht andere Iphigenies und ein anderes Theater. Ein matriarchales, eines, das vielleicht selbst den Feminismus überwindet, weil er nicht m,ehr reicht. Das nicht sagt: „Es reicht“, sondern einfach weitergeht, egal, wen und was es hinter sich zurücklässt. Lucia Bihler ist da noch nicht – vieles ist noch zu sehr Brechstange und Behauptung dessen, was es einmal werden will. Aber ihr Theater ist auf dem Weg, es bittet nicht mehr um unser Verständnis und unsere Solidarität, sondern es wird selbsttätig. Wie Iphigenie im Call Center. Welch ein Ort für eine Revolution!

Ein Gedanke zu „Iphigenie im Call Center

  1. […] von drei zu Beginn dieser Spielzeit ist, die sich mit griechischen Stoffen befassen (hier machte Lucia Bihlers Iphigenie-Adaption den Anfang). Mit Bihler hat Arnarsson den Versuch gemeinsam, eine Art Klammer zu mehr oder minder […]

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