Keine Notlösung

Musikfest Berlin 2020 – Marco Blaauw und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Vladimir Jurowski mit Werken von Strauss, Saunders und Beethoven

Von Sascha Krieger

Die Erstellung von Konzertprogrammen ist für Orchester derzeit eine besonders schwierige Aufgabe. Aufgrund der Corona-Regeln müssen Besetzungen reduziert werden, so manches werk lässt sich derzeit gar nicht spielen, andere mit deutlich weniger Musikern als gewohnt. Das zweite Konzert des RSB beim diesjährigen Musikfest Berlin ist ein gutes Beispiel, wie sich aus der Not eine Tugend machen lässt. Das Programm ist eine gute Mischung: Los geht es mit einem Werk für 23 Solostreicher, danach kommt ein rein solistisches Werk, gefolgt von drei Stücken für vier Posaunen. Am Ende steht eine klassische Symphonie – gespielt mit einer Streicherbesetzung, die sich an die Aufführungspraxis der Entstehungszeit anlehnt und es gleichzeitig erlaubt, die Abstandsregeln auf der Bühne der Philharmonie einzuhalten. Aus dem „Notprogramm“ wird eine Entdeckungsreise, die es so sicher nie auf ein Konzertprogramm geschafft hätte, ihre Berechtigung aber mehr als nachzuweisen im Stande ist.

Vladimir Jurowski (Bild: Robert Niemeyer)

Los geht’s mit Richard Strauss‘ Spätwerk Metamorphosen, entstanden 1945, im Jahr des Zusammenbruchs jenes Regimes, zu dem der Komponist ein alles andere als unproblematisches Verhältnis hatte. Das werk weiß davon wenig, es ist verklärende, überzeitliche Abschiedsmusik, die über diese schnöde Welt hinauszublicken sucht. RSB-Chefdirigent Vladimir Jurowski fokussiert auf die organische Klangentwicklung, auf das Hell und Dunkel der Klangschichten, auf das Wechselspiel zwischen Zusammenfließen und gegenläufiger Bewegung, auf Vereinigung und Trennung der klanglichen Ebenen. Das Klangbild ist höchst transparent, leicht flächig und äußerst schlank. Das Geschehen entwickelt eine zunehmende Körperlichkeit, eine Dichte, die sich stets einen Rest Offenheit bewahrt. Hier wird nichts massiv in die Erde, gerammt, hier will die Musik bis zu ihrem fragenden Verklingen atmen. Dabei ist Jurowskis Zugriff ein strenger, jede Note nicht gewichtiger und länger aushaltend als unbedingt nötig. Diese Musik hat keinen Gramm Fett, was ihr eine natürliche Spannung verleiht. Der Dirigent, der durchaus das Opulente mag – hier reduziert er, ohne an der Kraft zu sparen. Wie er die Klangwelten in ihre tieferen Schichten, in Celli und Bässe zurückführt, ist eindrucksvoll. Eine Rückkehr in den Urgrund, die geerdet ist, nahe am Leben, von dieser welt. Ob das in Strauss Sinn ist, darf bezweifelt werden.

Anschließend gehört die Bühne allein dem niederländischen Trompeter Marco Blaauw. Ihm gewidmet, ist das fast 20-minütige White der britischen Komponistin Rebecca Saunders, eine Erkundung der Klänge hinter den Klängen, der Farben im weiß, ihrer Abwesenheit. Geschrieben für eine Doppeltrichtertrompete spielt es mit den split notes, dem Auseinanderfallen von Ober- und Haupttönen, zwischen offenem und gedämpftem Spiel, bei dem oft nur noch erstere übrig bleiben. Blaauw beschreibt diese Auseinandersetzung als Reise: Sie beginnt bei der Trennung der Tonebenen, die anfangs recht schrill und plakativ daherkommt, führt über das Hervortreten von Echos, Schatten, Erinnerungen der „eigentlichen“ Töne und endet mit ihrem Zurückbleiben, allein, körperlos, halb imaginiert. Es bleibt ein Flirren, ein Zittern, Wind, der durch Ritzen pfeift, Geistertöne, die sich in jedem Moment verwandeln, nie sie selbst bleiben, wie Halluzinationen, Traumbilder, visuelle Einbildung, wie sie entstehen, wenn man länger auf ein monochromes Bild blickt.

Da reibt man sich die Augen und hat dazu ein wenig Zeit, denn bevor Ludwig van Beethovens fünfte Symphonie beginnt, erklingen dessen Drei Equale für vier Posaunen W0O 30, kleine Trauerstücke, hymnisch, getragen, hier etwas aufgeraut. Dann, attacca, der berühmte Anfang der Fünften, in rasenden Tempi, extrem perkussiv, die Noten verknappt, druckvoll und höchst aggressiv. Das Klangbild ist äußerst streicherlastig, die Holzbläser wirken gedämpft, gehen zuweilen fast unter. Von der typisch klassischen Balance ist wenig zu spüren, was den Klangausdruck noch weiter aufraut, neben den stehenden Musiker*innen und den Natur-Blechbläsern. Feierliche Eleganz ist nicht, stattdessen dominiert ein dicht kompakter Klang, der voran treibt und keine Gefangenen macht. Wie das Schicksal, das da angeblich ans Tor klopft. Sehr schnell auch der zweite Satz, voller Kontraste, sehr nüchtern, keinen Hauch von schwelgend. Das Holz ist dunkel getönt, musikalische Hintergründe schieben sich zuweilen nach vorn, nichts ist befriedet, manches irritiert. Hier gibt es keine Lösung, das Meer ist ruhiger, aber es bleibt rau und voller Untiefen.

Ernst und opulent der dritte Satz, sehr streng und damit des Duktus des Strauss-Werks aufnehmend. Generell überzeugt der Satz weniger, die Tempi sind gebremst und mitunter ein wenig unsicher, die Pizzicato-Passage ein wenig schwergewichtig. Das will das Finale wieder herausholen. Es explodiert geradezu, ist wie der Kopfsatz stark perkussiv, immer wieder führen starke Verdichtungen zu dunkel grundierten Kraftentladungen, der Satz ist so unruhig wie die vorangegangenen. Die hellen Holzbläser schreien für Augenblicke hervor, zuweilen wollen die Streicher in Fließen kommen und werden wiederholt ziemlich hart gestoppt. Von Dunkel ins Licht strebt hier wenig, alles will voran und weiß nicht recht wohin. In die Welt, die gerade wieder offene vielleicht. Eine Energieentladung nach sechs Monaten stille. eigentlich ganz passend.

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