Kontrastreich

Musikfest Berlin 2020 – Der fünfte Teil von Igor Levits Beethoven-Zyklus in der Berliner Philharmonie

Von Sascha Krieger

Wer Igor Levit und vor allem seine Beethoven-Interpretationen kennt, weiß, dass der in Berlin lebende Künstler ein musikalischer wie emotionaler Tiefenschürfer ist, ein Neugieriger, der Partititur und Gefühl nicht trennen man, sondern in beiden eine Symbiose sucht, die sein Spiel oft so aufregend und manchmal auch etwas unberechenbar macht. Dass er zuweilen auch anders kann, zeigt er im fünften Teil deines Zyklus der Klaviersonaten Ludwig van Beethovens im Rahmen des Musikfests Berlin. Drei frühe und eine Mittlere – die Nr. 18 Es-Dur op. 31, 3, alias „Jagdsonate“ – stehen auf dem Programm und er nimmt sie mit der gleichen Lebendigkeit, dem gleichen rythmischen Drang, dem gleichen Hang zu pronocierten Kontrasten, Wechseln und Brüchen, dass die meisten der insgesamt 15 Sätze zu einer eher einheitlichen Masse behender Lebhaftigkeit und plastisch ausgeformter Musikalität vereinen. Das beginnt bei der Nr. 2 A-Dur op. 2, 2, Haydn gewidmet und durchaus am Vorbild orientiert. Das klingt vor allem in den gesanglichen Passagen etwa des Kopfsatzes durch, die trotz der körperlichen Ausformung der Noten beinahe etwas Museales verströmen. Ansonsten rast Levit durch die Partitur, als gäbe es kein Morgen. Das hat viel Zug, vor allem in den Ecksätzen, eine menge Facetten und stebt oft in die Extreme. Etwa im zweiten Satz, den der Pianist so fragmentarisch interpretiert, dass er zwischenzeitlich zu zerfallen droht, mit stark betontem Wechselschritt der hohen und tiefen Noten und brutal hereinfahrenden Verdunkelungen.

Igor Levit (Bild: Robbie Lawrence)

Ohnehin neigt Igor Levit hier oft zum Zuviel. Auch im Finale, das an den rhythmusbetonten dritten Satz anschließt und sich durch atmosphärische Vielfalt auszeichnet, aber auch jeden Aspekt an die Grenzen des Übertriebenen bringt. Da kippt die Neugier  mitunter in einen Gestaltungswillen, der an Karikatureske erinnert. Ähnlich verfährt Levit mit den Sonaten 6 und 7, op. 10, 2 und 10, 3. Forciert unruhig und dramatisch der Kopfsatz der siebten, gefühlig und extrem fragmentiert, zuweilen besdeutungsschwanger der hier komplett zerrissene zweite Satz, der nur in kurzen Moment zartester Verletztlichkeit berühren kann,  kontrastreich und zunehmend rasant die beiden Schlusssätze, in denen Pausen und Zäsuren die Hauptrolle spielen. Tänzerisch, prononciert rhythmisch hebt die sechste an, auch hier voller Brüche der zweite Satz, stakkatohaft rasend das Finale. Hier entwickelt sich wenig, hier wird kontrastiert, bis das musikalische Material in den Hintergrund tritt. Von frühem Beethoven ist hier wenig zu hören, eine Reinterpretation, welche die Partitur streckenweise doch recht weit verlässt.

Die „Jagdsonate“ nimmt Levit dagegen ein wenig zurück, hier jagt wenig, es hüpft und rennt, bremst ab und schleppt sich zäh dahin. Plötzlich wird’s bedrohlich, knallen die Akkorde, aus der pastoralen Skizze wird eine Art Freischütz-Miniatur, dazwischen gibt’s nichts. Nach einem erneut sehr zügigen, leicht hektischen zweiten Satz ein Highlight des Abends: Das Menuett überzeugt mit einer schnörkellosen Sanglichkeit, die in ihrer Zurückgenommenheit immer wieder zu berühren vermag. Unaufgeregt, ohne auf Effekte bedacht zu sein, schürfend nach dem menschlichen Kern: so klingt Igor Levits Beethoven in seinen besten Momenten – von denen es an diesem Abend leider zu wenige gibt. Immerhin gerät jetzt auch das Finale überzeugender, die Kontraste organischer, die Verdüsterungen weniger überbetont, die Kraftentfaltungen natürlicher. Jetzt prallt das Sangliche ungebremst auf harte Akkordstöße, der Schluss ist ein wilder ritt ins Freie. Erst spät gewinnt dieser Beethoven-Abend an Kontur, zu lange ist die Neugier des Virtuosen gebremst. Da passt auch die Zugabe hinein, keine Entdeckung, ein still meditativer Bach, zart und sinnend, aber eben auch wenig überraschend. Wie so vieles in diesem Programm.

 

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