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Die Berliner Philharmonie unter Kirill Petrenko spielen Werke von Schönberg und Brahms

Von Sascha Krieger

So ein Saisoneröffnungskonzert ist immer auch ein Statement. Bei dem man sich lustvoll in Bedeutungsexegese verlieren kann. Ist die Ansetzung von Brahms und Schönberg ein Bekenntnis zum Kernrepertoire der Berliner Philharmoniker und zu einer Fokussierung auf die deutsch-österreichische Musikgeschichte? Ist die Abwesenheit Beethovens im Jubiläumsjahr ein Seitenhieb auf musikalische Heldenverehrung? Ist die Programmierung einer Brahmssymphonie ein Zeichen, dass auch in Zeiten von Abstandsregeln und kleineren Besetzungen die große Form ihren Platz im Konzertleben finden muss? Vielleicht, vielleicht nicht und womöglich ist das auch nicht wichtig. Für Chefdirigent Kirill Petrenko steht ohnehin immer die Musik selbst im Mittelpunkt – einer der Gründe, warum sich das Orchester so schnell in den 48-Jährigen verliebt hat. Ihn interessieren werke, in denen er etwas entdecken kann, Programme, die spannende, nicht gleich erwartbare Verbindungslinien zu lassen. Brahms und Schönberg, das ergibt Sinn. Welchen, das erweist sich im Spiel.

Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker beim Saisoneröffnungskonzert 2020 (Bild: Stephan Rabold)

Für das sich diesmal eine Chance mehr bietet. Aufgrund der Corona-bedingten viel geringeren Platzausnutzung wiederholen die Philharmoniker ihr Saisoneröffnungskonzert in diesem Jahr ausnahmsweise, was für manche Zuhörer*innen, auch diesen Rezensenten, bedeutet, dass es das zweite Konzert des Orchesters in dieser Spielzeit ist. Den Anfang machte für sie denn doch Beethoven – eine ganz Petrenko-haft feine Ironie. Nun aber zu Verklärten Nacht, jener Gedichtbebilderung, ein Frühwerk des noch mitten in der Spätromantik steckenden Komponisten und eines seiner populärsten noch dazu. Die Geschichte von Begegnung, Konflikt und Versöhnung eines Paares, entfaltet sich bei Petrenko in dauerhaft klanglicher Spannung. Dünn sind die Streicherwähnde, die sich zaghaft auffüllen, ein Hin und Her von an- und Abschwellen, Verdichtung und Vereinzelung, eine Wellenbewegung, die klanglich wie strukturell die romantische Tradition aufnimmt, doch in seiner Zirkularität, seiner Abkehr von linearer Entwicklung schon weit über sie hinausweist. Petrenko lässt Klangschichten übereinanderstapeln und sezieren, streut Verschärfungen ein, spielt mit Kontrasten, hell-dunkel, lyrisch-ernst, sanglich-dramatisch, dialogisiert. Nach dem Sturm, hart, unerbittlich, ungebremst, ein klangliches fest der Brüche, ein trocken illusionsloser Blick in den Abgrund, die trügerische Ruhe, eine Stille, die lyrisch daherkommt, innig singen will und doch immer wieder in albtraumhafter Verschattung, das Klangbild nebelhaft verdünnt, sich selbst zerrbildhaft spiegelt. unfasslich schwebend der Schluss, der anhebt wie ein zarter sonnenstrahl aus dunkelster Nacht. Ein Hoffnungsklang, ein Ausblick.

Da wirkt die vierte Symphonie von Johannes Brahms gar nicht wie ein Rückblick, eher wie ein Gefährte, ein älterer vielleicht, auf der gleichen Suche. auch dies ein werk der Fragen, nicht der Antworten. Ein Abschluss, der sich nicht einbildet, einen Kreis schließen zu können. Die Fragen, die den Symphoniker Brahms so lange mit der Gattung fremdeln ließen – sie sind präsenter denn je. Immer wieder faszinierend dieser Beginn, der wirkt, als stößen wir mitten im Satz zu einem Gespräch dazu. Die mattglänzenden Streicher trauen der Harmonie nicht, zögern leicht, erlauben schnell die klanglich musikalische Aufsplitterung der vermeintlichen romantischen Gewissheit. Die motivfetzen wandern durch die Instrumentengruppen, rastlos, ziellos, heimatlos. Die Weite des ersten Themas trügt, die Öffnung führt ins Leere, man sieht es wie durch ein Fernglas. Entschwindet hier schon der romantische Gestus? Und wenn ja, was bleibt? Vielstimmig verwringt sich das musikalische Material, die Unruhe nimmt zu, die Spannung wird unerträglich. Und die klanglichen Verhärtungen kennen kein Pardon.

Von höchster Variabilität dann das Andante, dialogisch strukturiert, kein melancholischer Gesang, sondern eine fast freudige Übung in musikalischer Neugier.Gerade die Streicherdecke bleibt nie gleich in ihrer Dichte, freundlich zarte Kantabilität trifft auf harte Brüche, Fragmentierungs- und Abgrenzungstendenzen. Ein einziges Ausprobieren musikalischer Wege, die allesamt verworfen werden. Zusammenkommen oder Zerreissenheit? Die Frage bleibt unbeantwortet. Der dritte Satz besticht durch harte Rhythmik, schroffe Akzente, scharfe Kanten, einen dichten, kranftvollen, bassdominierten Klang und explosive Neuanfänge. Auch er ein dauerndes Suchen und ausprobieren, aber wütender, aggressiver, bedrohlicher. Die teilstücke sind klar abgegrenzt, treten aber auch in Dialog miteinander. Ein optimistischer Satzschluss.

Wie der zweite beginnt der letzte Satz mit den Blechbläsern. Magisch Mathieu Dufours zart im Raum schwebende Soloflöte, der die Streicherakkorde keinen Halt geben. Fragmente im Universum, die nicht mehr zusammenkommen. Da steht der Bläser-Choral, karg, archaisch, ratlos, für sich, prallen klangliche und dynamische Kontraste zunehmend ungebremst aufeinander. Die Rast- und Ziellosigkeit wird zur Wut, die Verdichtungen stärker, die Brüche scharfkantiger, aus der suche wird ein Gewaltausbruch. Das ende ein Kraftausbruch ohne Erlösung. Hier findet etwas nicht mehr zusammen, endet und kulminiert in einer Katastrophe. Die Neues gebären kann, ein Urknall, der zurückführt zum Auftaktwerk, zu Schönberg und dessen noch unbekannten Ausbruch. Eine Kreisbewegung, kein linearer Fortschritt. Die Suche geht weiter. Immer.

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