Romantischer Beethoven, klassischer Mendelssohn

Die Berliner Philharmonie unter Kirill Petrenko und Daniil Trifonov spielen Werke von Beethoven und Mendelssohn Bartholdy

Von Sascha Krieger

Klar, Beethoven. Seinen 200. Geburtstag wollte die Musikwelt in diesem Jahr begehen. Dann kam Corona. Doch weil Musik so manches mehr schon überstanden hat, fällt auch das Beethoven-Jahr nicht ins Wasser. Anders als geplant – mit Hauskonzerten, Streams, fast leeren Konzertsälen, kleineren Besetzungen – aber zu hären ist die Musik des Bonners allerorten. Natürlich auch bei den Philharmonikern, dessen musikalisches Epizentrum der Komponist lange war und womöglich immer noch ist. Auch wenn der neue Chefdirigent Kirill Petrenko seine Schwerpunkte bislang woanders setzte: Ohne Ludwig van, wie er in William Burroughs A Clockwork Orange heißt, geht es nicht. Also steht er auch im Mittelpunkt eines der ersten beiden Konzertprogramme der Spielzeit. Oder besser. an seinem Anfang. Das dritte Klavierkonzert soll es sein, mit Daniil Trifonov als Solisten, einem begnadeten Virtuosen, der bislang aber eher als Interpret romantischer Klavierliteratur auffiel.

Kirill Petrenko (Bild: Lucerne Festival/Priska Ketterer)

Und das hört man seiner Interpretation an: Der Russe romantisiert, wo er nur kann. Sein Spiel ist technisch brilliant und hochpräzise, aber eben auch ungeheuer gefühlig. Er dehnt Noten, wo es ihm passt, verzögert, schwelgt, lässt die Töne perlen und formt sie zu Plastiken der Innigkeit. Das fällt im Kopfsatz vor allem in der Kadenz auf, die zu einem Fest betonter Empfindsamkeit wird, ein sentimentales Schwelgen, das mit der klassischen Herkunft des Werks nicht mehr zu tun hat. Petrenko und sein Orchester können da nur versuchen zu folgen. Sie tun das mit schlanker Klangdichte, zuweilen zu intensiven Klangkonzentrationen  und oft mit einer zurückgenommenen Aufmerksamkeit, die dem Solisten folgt, ohne in ein echtes Zwiegespräch zu treten. Pathetisch, regelrecht verschleppt der langsame Satz. Hier erlaubt sich auch das Orchester ein Schwelgen, als sei jetzt eh alles egal. Dabei weiß es nicht so recht, wie nahe es dem Solospiel kommen soll, distanziert sich zuweilen halbherzig, ohne eine rechte jHaltung aufbauen zu wollen zu Trifonovs hypersentimentaler, alles überbetonender und sich um Tempi nicht scherender Spielweise.

Das Finale wird da eher runtergespielt, rhythmisch, kontrolliert rasant und von Solistenseite etwas desinteressiert. Die Philharmoniker emanzipieren sich zunehmend – wenn schon der Solist mit ihnen nicht „spricht“, dann dialogisieren die Stimmgruppen eben untereinander. auch wenn es gegen ende wieder ein wenig kraftmeierischer wirkt, entschädigt das wache Orchesterspiel im Finale, seine moderate Lebendigkeit und sein immer noch etwas schüchternes Farbenspiel für manches. Versuche, klassische Strenge einzuspielen, scheitern am romantischen Gestus Trifonovs. Und so spielt man ein wenig nebeneinander her, ohne viel Spannung und mit noch weniger Richtung.

Bei Felix Mendelssohn Bartholdys erster Symphonie ist das anders. Befreit von der notwendigkeit sich mit einem individualistisch agierenden Solisten zu arrangieren, findet das Orchester Spielfreude unbd Neugier wieder. Dabei fällt auf, dass das Werk des 15-jährigen späteren Romantikers um einiges klassischer klingt als das Beethovens. Plötzlich schillern die Farben, finden sich Streicher und Holzbläser zusammen zum typischen Beethoven-Klang. Das Orchester stürmt regelrecht los, mit beinahe schroffer Rhythmik, viel Bewegungsenergie und einem Klangbild, das Offenheit mit Einheit balanciert, das Farbspektrum zu einem satten, glitzernden Gesamten zusammenfügt. Das splittert auch schon mal auf in spannungsreichen Hell-Dunkel-Kontrasten, zuweilen dominiert die grundierende Unruhe der Streicher die eigentliche melodische Oberfläche, was zu ungewöhnlichen Ebenenverschiebungen führt, welche die musikalische Spannung noch erhöhen. Der erste Satzschluss gerät leider ein wenig kraftmeierisch, was er mit seinen Nachfolgern gemein hat, doch entschädigt sofort der vorsichtige Beginn des Andante, das nach dem jugendlichen Schwung im Allegro di molto eine Reife vorausgreift, die ein 15-Jähriger kaum besessen haben kann. Das Orchester spielt mit Klangfarben und Ausdrucksfacetten, subtil, auf Zwischentöne achtend, zart, zuweilen zaghaft, aber selten sentimentalisierend. Nur gegen Ende werden die hohen Streicher ein wenig zuckrig, bevor das Holz einen passenderen lyrischen Ton findet.

Streckenweise faszinierend gerät der dritte Satz mit seinen Traumgebilden, die Petrenko mit zwischen fest auf dem Boden verankertem Ernst und unsicherem Schweben der Holzbläser sowie zwischenweltlich flirrenden Streichern moduliert. Gegen Ende kehrt der Satz zurück in diese Welt, mit dichter, kraftvoller, satt klingender Körperlichkeit und wacher Konzentration. Womit der Boden für das das Finale bereitet ist: Hier treten klassische Strenge und tänzerische Rhythmik in einen Wettstreit, der Satz ist von dialogischem Gestus erfüllt, als rängen hier ausklingende Klassik und einsetzende Romantik bereits um die Vorherrschaft. Dramatische Härte schleicht sich in die Verdichtungen ein, die Fallhöhe nimmt zu. Das klingt immer mehr nach Beethoven, das Klangbild wird dunkler und kontrastiert zunehmend mit den Gesängen der Holzbläser, die finalen Fanfarentöne brechen herein wie ein Fremdkörper. Da ist mehr Ringen als Jubel, ein letzter Triumph Beethovenscher Strenge, gepaart mit der überbordenden Energie und dem Einfallsreichtum eines jugendlichen Symphonie-Debütanten. Auch hier ist manches gegen den Strich gebürstet, aber dieser sich am großen Vorbild abarbeitende Aufbruch einer neuen Stimme ist um längen plausibler als Daniil Trifonov Neuinterpretation besagten Vorbilds. Das Orchester deutet an, dass es auch unter den ungewöhnlichen Umständen dieser Spielzeit zu Außergewöhnlichem fähig sein wird. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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