Der Schmerz, mein Gefährte

Musikfest Berlin 2020 – Der dritte Teil von Igor Levits Beethoven-Zyklus in der Berliner Philharmonie

Von Sascha Krieger

Wenn diesen Rezensenten die Erinnerung nicht trügt, spielte Igor Levit Beethovens „Appassionata“, die Klaviersonate Nr. 23 f-Moll op. 57, beim ersten seiner längst legendären Corona-Hauskonzerte im März diesen Jahres. In jedem Fall wurde sie, nicht nur für den auto dieser Zeilen, zum symbolischen Soundtrack jener Zeit. So voll unmittelbaren Schmerzes, voller roher Leidenschaft, welterfüllender Trauer und hilfloser Wut wird man dieses Werk wohl nie wieder hören. Selbst als Levit sie in einem späteren Stream erneut spielte, klang sie schon einen Tick versöhnter mit der Welt. Umso mehr durfte man gespannt sein auf ihre Aufführung im Rahmen seines Beethoven-Zyklus in der Berliner Philharmonie. Und tatsächlich heb sie eher vorsichtig an, ein Herantasten, ein wenig ängstlich fast vor dem Zuviel, das diese Musik immer birgt. Levit lauscht jedem Ton hinterher, er lässt sein Instrument grübeln, suchen. Immer wieder fährt er auf, schleichen sich Brüche ins Spiel, kann sich der beinahe minimalistische Gesang dieses Kopfsatzes nicht unwidersprochen entfalten. Die einschläge kommen näher, die Entladungen werden explosiver und können die unendlich zarte, intime Trauer, die fast scheuen Anschläge des Solisten, nicht verstummen lassen. Glockenhell strahlt das Klavier und verdunkelt sich sogleich bedrohlich. Die Schönheit und der Schrecken der Welt, sie begegnen sich auf Augenhöhe.

Igor Levit (Bild: Robbie Lawrence)

Dann der selbst bei nüchternster Herangehensweise kaum zu ertragende langsame Satz. Auch er beginnt als Suchbewegung, Levits Anschlag ist regelrecht zärtlich, es entspinnt sich ein beinahe trockener Trauergesang, schnörkellos, direkt, mit grellen Widerhaken. jeder Ton ist ausgeformt, das perlende Spiel will ins Licht. Eine stille, pathosfreie und doch umso innigere Elegie, die organisch und pausenlos ins Aufbäumen führt, in den Finalsatz, in ein düsteres Klanggebirge aus harten Ausbrüchen,  dunklem Grolllen, starker Reibung. Der Ton wird aggressiver, verzweifelter, die Hoffnung zur Wut, ein Anschreien, anrennen gegen den Schmerz der Welt. Die ruhigeren Passagen klingen still verzweifelt, aber nie resignativ, der Lebenswillen füllt sie bis zum Ende. Ein Ansingen gegen das Nichts, ein Anrasen gegen den Schmerz. Roh, intensiv, ehrlich und von virtuoser Meisterschaft. Der Schmerz nicht als Gegner, sondern als Begleiter, Partner, Gefährte.

Es ist der Höhepunkt, aber nicht der Endpunkt eines wieder einmal starken Abends, der als Zugabe Ferruccio Busonis Berceuse bereithält, die Levit mit einer regelrechten Liebeserklärung an den Komponisten einleitet. Nach der emotionalen Verausgabung der Appassionata ein schwebend irrlichternder Abschluss, ein zart perlendes Trauern, das noch keinen weg kennt, energische Anschläge, die selbigen suchen, eine organische Wellenbewegung, die sich aushaucht in eine Stille, die nun ein Freund ist. Ein doppelter Abschluss, der das Vorangegangene überschatten könnte.

Nicht an diesem Abend, denn die Stunde davor war bereits gefüllt mit solistischer Meisterschaft und einer veritablen musikalischen Weltenwanderung. Den Anfang machte die frühe c-Moll-Sonate Nr. 5 op. 10, 1. Wie schon die vierte am Vortag klingt auch sie ungeheuer erwachsen. Leidenschaftlich, körperlich wirft sie sich in die Welt, will in den Raum, kraftvoll singend, mit einigem Ernst und physisch plastischem Spiel. Ein Zusammenfinden der Einzelteile der langsame Satz, ein Experiment im Finden einer melodischen Welt. Auch hier hört Levit jeder Note hinterher, befragt sie nochmals, bevor er zur nächsten geht. Zart, leicht rhythmisiert, am Schluss ein die Dunkelheit anerkennendes Singen. Treibend, springend, lustvoll das Finale, das sich schnell zerreißt, zerklüftet, voller Kontraste, die Levit, dieser Meister der Pole, des ganz Leisen wie des kompromisslos Gewalttätigen, unbarmherzig und tief über sein Instrument gebeugt, durchschreitet. Am Ende sind alle Frage offen, die Harmonie aufgerissen, der Raum für die Appassionata bereits bereitet.

Doch noch kommen drei Werke. Die Sonaten op. 49, 19 und 20 in der Zählung, begreift und spielt der Solist als Einheit. Luftig und zugleich geerdet klingen sie, das Sangliche stets im Tanz mit dem Rhythmus. Traurigkeit und Hoffnung halten sich die Waage, die Entwicklungen sind organischer als in op. 10, 1, das Spiel plastisch, tänzerisch, leichter. Lebendiger Schwung und Innehalten, ein Ausflug in hellere Gefilde, doch stets in Sichtweite des Abgrunds. Eine Stimmung, welche die Sonate Nr. 22 F-Dur op. 54, die unmittelbare Vorgängerin der Appassionata aufnimmt. Perlender Gesang und stakkatohafte Kraftentladungen , organische Übergänge bei gleichzeitiger maximaler atmosphärischer Abgrenzungen der einzelnen Abschnitte, ein breites Ausdrucksspektrum von zartem Tänzeln bis zu treibendem Voraneilen, ein rasant hämmernder Schluss: Hier formiert und fügt sich eine Welt nochmals zusammen, die ihre Widersprüche gerade noch in Schach halten kann, in der die Lebensfülle – auch und gerade in Igor Levits plastisch formenden Spiel, seiner Klangfülle – die Oberhand gewinnt, bevor alles in Frage gestellt wird. Ein stimmiger, an seinem ende herzzerreißend bewegender, aufwühlender, dahin, wo es wirklich weh tut, gehender Abend.

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